Archiv für Januar 2009

Ultramarines Bordeaux

„In der Gruppe entwickelte sich ein Lebensideal, das den Jugendlichen gestattet, sich auszuleben. Das, was sie in einer Gesellschaft, die nur an Geld statt den Werten des Menschen interessiert ist, nicht schaffen umzusetzen, finden sie in unserer Gruppe. Immer zusammen unterwegs sein und die gleichen Wege bestreiten schafft Kontakte, die zu Freundschaften werden und immer stärker wachsen. Letztendlich ist die Solidarität so groß, dass sie sich nicht mehr nur auf den Spieltag beschränkt.
Die Liebe zu dem Verein, zu der Gruppe, macht uns Ultras stolz, ein Teil von dieser Bewegung zu sein. So sind wir bereit, unsere Bewegung mit viel Ehre zu verteidigen und haben dabei unsere Grenzen gesteckt. „Basta lame, basta la infami“. So verteidigt ein Ultra die Gruppe, wenn es nötig ist, nur mit seinen Fäusten, gefährdet dabei aber nie das Leben Unbeteiligter.
Seit einigen Spielzeiten haben wir uns auch für den Kampf gegen den Rassismus ausgesprochen. Viele Mitglieder unserer Gruppe kämpfen aktiv für den Humanismus. […]
Auch soziales Verhalten und Auftreten ist für uns sehr wichtig. Mit dem Ziel, unsere Werte in die Tat umzusetzen und auf ein größeres Level zu führen. Schon oft halfen wir sozialen Einrichtungen, um unserer Vision von der Gesellschaft einen Schritt näher zu kommen. So organisieren wir jedes Jahr mit den Devils eine große Lotterie für soziale Zwecke, z.B. deckten wir so schon mal die Hälfte eines Etats eine sozialen Restaurants in Bordeaux. Wir Ultras sind keine Vandalen, ganz im Gegenteil geben wir oft Lektionen der Menschlichkeit an die, die es könnten, aber nicht machen.
[…]
Leider müssen wir umso deutlicher betonen, dass unser Platz durch die aktuelle Entwicklung (Fernsehen, den kommerziellen Fußball und die immer härter werdende Justiz) gefährdet ist.
Bei uns Mitglied zu werden, sichert unser Fortbestehen. Und damit sichern die Mitglieder in dieser Welt des Fußballs die Sonnenstrahlen, die die bekannten Fankurven darstellen, und allein fähig sind, die Wolken aus grünen Geldscheinen zu

[Ultramarines Bordeaux in Erlebnis Fußball Nr.23]

Ausgesperrt – Wie Stadionverbot das Leben verändert!

Ein magischer Gedanke

Der eine oder andere erkennt sich in diesem Text vielleicht wieder, dennoch bleibt es ein Einblick in die persönliche Gedankenwelt eines Ausgesperrten, dessen Vereinsfarben keine Rolle spielen sollten. Die einzelnen Schicksale unterscheiden sich voneinander, aber das Gefühl ist sicherlich überall gleich.

Es liegt aber wohl genau darin, dass die summierten individuellen Geschichten diese bemerkenswerte Solidarität ausmachen, die einem die Hand reicht, wenn man zu ertrinken droht.

Ich habe Stadionverbot. Bis zum 30.06.2010 darf ich bundesweit kein einziges Stadion betreten. Wie ich dieses Datum hasse. Mein Verein, meine Hingabe, mein Leben wird mir für Insgesamt drei ein halb Jahre auf einer Weise verwehrt bleiben, die ich über Jahre angefangen habe zu lieben.

Rückblick – Februar 2007: Es klingelt an der Tür. Ich laufe ganz normal, ohne jeglichen Hintergrundgedanken zur Tür. Es ist die Post. In einem gewohnt freundlichen Ton begegnet mir die Postbotin „Hallo, einmal hier bitte unterschreiben.“ und drückt mir einen Umschlag in die Hand. Ein Blick auf den Absender und spätestens jetzt habe ich kapiert, worum es geht. Fassungslos, fast perplex kritzle ich meinen Namen irgendwo hin, ist mir doch jetzt bewusst, was für Zeilen ich gleich lesen werde. Ich mache den Brief auf und traue meinen Augen nicht. Bundesweites Stadionverbot für die nächsten 3 ½ Jahre, das kann nicht sein! Geschockt von dieser Nachricht, von diesen verhassten und unerwarteten Zeilen suche ich Ablenkung, die ich aber nicht fand. Es lag wohl in der Tragik des Tages, den es sollte noch schlimmer kommen…

Als mein Vater abends nach Hause kam wurde ich mit der zweiten Hiobsbotschaft konfrontiert. Er hat mir mitgeteilt, dass sich sein gesundheitlicher Zustand verschlechtert hat… Er hat Krebs.

Wie von einem Blitz getroffen versank ich in das tiefste Loch vollster Depression und Trauer. Ich habe noch nie so einen schmerzvollen Tag zuvor erlebt, mit zwei Nachrichten, die mein Leben verändern und prägen sollten.

Nun ist über ein Jahr vergangen, mein Vater hat den Kampf gewonnen, ich bin dabei meinen nicht zu verlieren. Es lassen sich wenige Parallelen zwischen den Kampf gegen den Krebs und dem ideologischen Kampf eines Ultras ziehen, dennoch vermag ich diesen wenigen eine große Bedeutung zuzusprechen. Durch meinen Vater und seine Art zu kämpfen habe ich gelernt, was es bedeutet, an sich zu glauben und niemals aufzustecken – auch in den vermeintlich hoffnungslosesten Momenten des Lebens.
Meine anfängliche Reaktion der Sprachlosigkeit und Resignation wandelte sich allmählich in eine gemischte Gefühlswelt um, Trauer und Wut auf der einen, Mut und Hoffnung auf der anderen Seite. Trauer über den Verlust des Essenziellen eines Ultras, nämlich im Stadion mit seinen Freunden die Farben seines Vereins ehrwürdig zu repräsentieren.

Singen, hüpfen, klatschen – einfach seine Mannschaft anfeuern und mit seinen Freunden gemeinsam die Kurve zum Leben erwecken, das ist für mich das Magischste und Unersetzbarste. Besonders in kleineren Gruppen sind Verluste kaum zu verkraften und deutlicher zu spüren, bedeuet es nicht nur ein Dezimieren der Anzahl der Gruppenmitglieder im Stadion, sondern eben auch eine Schwächung der mentalen Gruppenstärke als solche.
Umso tragischer, wenn gerade dem Trommler dieses Schicksal widerfährt. Schnell verwandelt sich die Abwesenheit im Stadion zu einer Hilflosigkeit in der Gruppe, muss man jetzt den Posten des Trommlers neu besetzen und das ist bei weitem nicht einfach. Es braucht sehr viel Zeit und Geduld, bis die Gruppe mit dem Taktgeber und andersherum harmoniert und sie sich quasi „blind“ verstehen. Für die Gruppe, für die Kurve zu trommeln bedeutet viel Verantwortung zu übernehmen und diese gezwungenermaßen zu übertragen ist ein langer und harter Prozess.
Aber neben Trauer über die beschissene Gesamtsituation, hat auch Wut einen großen Anteil in meinem Gefühlschaos.
Wut über den gemeinsamen Feind, der uns immer das Leben zur Hölle macht – Repression, Willkür aber auch Vereinspolitik. Ich denke jeder weiß, wovon ich spreche. Wir erleben ständig die pauschale Kriminalisierung, sei es seitens des Staates oder der Medien. Kriminalisierung und Pauschalisierungen in Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen ist leider schon trauriger Alltag.

Als SVler kriegt man die ganze Repressionswucht des Staates zu spüren. Angefangen von Ingewahrsamnahmen bei Auswärtsfahrten bis hin zu Ausreise- und Städteverboten. Die Einschränkungen der Freiheit kennen keine Grenzen, schon gar nicht beim Fußball. Es reicht lediglich diese Erkennungsdienstliche Behandlung, wo einem die Fingerabdrücke genommen, Fotos aus jedem Blickwinkel geschossen und zum Teil intime Fragen nach körperlichen Merkmalen gestellt werden. In Extremfällen kommt es sogar zu DNA-Tests. Nichts bleibt erspart…

ein lächerlicher Vorwurf reicht, dass der Staat das recht hat, dir etwas so Intimes und Persönliches wie beispielsweise der Fingerabdruck zu rauben. „Wenn man nichts zu verbergen hat sollte das einen auch nicht stören.“ – dieses „Argument“ hört man oft von der Gegenseite. Denen ist zu sagen, dass sie gerne freiwillig und reinen Gewissens einfach mal ihre Fingerabdrücke abgegeben können. Ich würde zu gern wissen, wie sie sich danach fühlen und ich wette es wird identisch sein, mit den Gefühlen jedes anderen. Ein verdammt mieses Gefühl, ein Gefühl des Verlusts der menschlichen Anonymität, die paradoxerweise für menschenwürdiges Leben in unserer schier kontrollierten Gesellschaft unverzichtbar und fast unerreichbar scheint. Für ein bisschen Pseudosicherheit wird alles überwacht, jeder kontrolliert und das alles auf Kosten unseres Rechts auf persönliche Entfaltung und individueller Freiheit. Aber auch im Alltag abseits des Fußballs erlebe ich eine ständige Konfrontation mit diesem unangenehmen, beschissenen Thema.

Man spürt nicht nur, dass einem lediglich der Stadionbesuch verwehrt wird, sondern vielmehr, wie weit einen diese Situation ständig verfolgt. Man wird permanent damit konfrontiert und ständig beeinflusst und kann sich nie richtig davon losreißen. Ich habe manchmal echt das Gefühl, das SV verfolgt mich. Rechtfertigung gegenüber Familienangehören, Freunden und Bekannten bis hin zu Arbeitskollegen oder seinem Chef, den Eltern seiner Freundin. Von jedem wird es aufgegriffen. „Was du hast Stadionverbot? Bis 2010?! Was hast du denn gemacht?“ heißt es seitens des Schulfreunds oder Arbeitskollegen und es dauert wirklich nicht lange und man ist der „Fußballasi und Hooligan“.

Wobei man diesen oberflächlich denkenden Menschen keinen Vorwurf machen kann. Schließlich weiß jeder von uns, wie schwierig bzw. unmöglich es ist, seine Mentalität Außenstehenden zu erklären. Lässt man diesen Versuch wiederum aus, wird man auf Dauer auch nichts dazu gewinnen und Vorurteile werden nie aus der Welt geschaffen werden. wie dem auch sei, egal was Leute denken, mir ist es ehrlich gesagt auch ziemlich egal, zumal ich es nicht mehr ertragen kann mich ständig vor irgendwelchen Leuten rechtfertigen zu müssen, warum ich nicht ins Stadion darf, was „Ultras“ denn seien, warum man denen denn überhaupt angehöre und warum Fußball so wichtig sein kann usw. … – sie würden es wahrscheinlich eh nie verstehen.

Sie würden auch nie verstehen, was es für einen Stellenwert hat, wenn Spruchbänder einem gewidmet sind, wenn die Sektionsfahne hängt oder wenn „Freiheit für die Ausgesperrten“ gerufen wird. Die Leute schmoren draußen frustriert vor den Stadien, manchmal hört man aber die teilweise lauten und deutlich zu erkennenden Gesänge der Kurve, man freut sich und singt in Gedanken mit, aber irgendwie ist es eine melancholische Freude, wissen, dass man so nah aber doch so fern von seiner Leidenschaft und Hingabe ist.

Da wirken Sprüche wie „durchhalten!“ oder „niemals aufgeben!“ manchmal wie ausgelutschte 0815-Phrasen mit Aufmunterungs-Touch an andere und an sich selbst. Und trotzdem, sie haben Bestand.
Gerechte Verfahren bergen die minimale Hoffnung auf einen Freispruch, vereinzelte interne Regelungen zwischen Vereinen und Kurven, minimale Änderungen in den Stadionverbotsrichtlinien, wie erst kürzlich beschlossen, sind durchaus erfreuliche Ereignisse und Lichtblicke in schier dunklen Zeiten.

Doch bevor sich aber wirklich etwas für den ein oder anderen ändert, holt einen die erbarmungslose Wirklichkeit ein und man steht oft der Verzweiflung sehr nah.

Und gerade diese harte Zeit wäre ohne die Solidaritätsbekundungen und persönliche Mutzusprechungen der Gruppe unerträglich. Es ist so wertvoll und nicht in Worten auszudrücken, wie dankbar man sich fühlt, wenn man weiß, dass es Menschen gibt, denen man wirklich etwas bedeutet. Sie sind für einen da, sie richten und fangen einen auf, wenn man zu fallen droht. Bevor ich Stadionverbot hatte, wusste ich nicht, was für eine Wirkung ein vermeintlich „schlichtes“ Spruchband wie „Solidarität mit den Ausgesperrten“ oder das Hängen der Sektion SV – Fahne haben kann.
Eine Fahne als Symbol der geistigen Anwesenheit. Für manche unvorstellbar, aber es ist einer der wundervollsten Art und Weisen Mut zugesprochen zu bekommen und Verbundenheit und Brüderlichkeit gezeigt zu bekommen.

Als Ultra ist man ein emotionsvoller Mensch. Fanatismus heißt sich zu freuen, aber auch zu trauern wie kein anderer. Jeder von uns sucht seine individuelle Freiheit im Ausleben seiner Fankultur. Ist diese Möglichkeit nicht gegeben, überkommt einen das Gefühl der Verzweiflung. Ich vermisse einfach dieses Gefühl eine heisere Stimme zu haben, weil man seine Mannschaft bis zum Erbrechen angefeuert hat, ich vermisse dieses Gefühl sich einzuhaken und mit seinen Leuten im Rhythmus zu hüpfen, mit Ihnen zu singen und sich mit ihnen über Sieg zu freuen und nach Niederlagen zu trauern – einfach für sie zu trommeln.
Umso überwältigender und unbeschreiblicher unbeschreiblicher ist das Gefühl, wenn ich draußen vor den Stadiontoren stehe und nach dem Spiel merke, wie groß die gegenseitige Freude über das Wiedersehen ist, obwohl man „nur“ 90 Minuten – gefühlt eine halbe Ewigkeit – voneinander getrennt war.

Ich fühle mich aufgefangen von den Menschen, die mir so viel bedeuten. Sie retten mich vor dem freien Fall und dafür bin ich ihnen endlos dankbar. Sie geben mir Mut die harte Zeit zu überstehen und sie geben mir die Zuversicht, dass es alles irgendwann ein Ende hat.
Vielleicht ist für manche der Text zu emotional, zu ehrlich oder vielleicht auch einfach übertrieben. Für mich ist es schlichtweg der Ausdruck meiner persönlichen Gemütslage und eben keine Dramatisierung oder irgendein Emo-Geschwafel.

Für mich liegt in der Ehrlichkeit die Kunst des Ultra-Lebens und es ist ein Symbol der persönlichen Stärke, eben auch dann seine Gefühle preis zugeben, wenn es vermeintliche Schwäche und Verwundbarkeit bedeuten kann.

Egal wie lange wir Schmerz erleiden müssen, wir kommen wieder. „Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmung, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.“ Ohne wirklich die Wahl gehabt zu haben habe ich den weg der Erfahrung gemacht und die Bitterkeit von Konfuzius´ Worten zu spüren bekommen. Aber genau diese Erfahrung, die ich und viele andere durchmachen, wird uns später die nötige Reife geben, die wir brauchen werden, um für immer zu überleben. Wir sind Ultras, weil wir unseren Verein auf besondere Art lieben, weil wir ihn vergöttern und ihn als etwas Heiliges betrachten, was es immer zu schützen und zu schätzen gilt.

Ich lerne mit der Situation umzugehen und weiß, dass ich mich dem Kampf gegen die Zeit gestellt habe und nie kapitulieren werde. Keiner von uns wird resignieren – dafür ist die Vorstellung wieder in der Kurve zu stehen einfach zu magisch.

[Entnommen aus dem Blickfang Ultrà Nr. 6]

Südamerika vom Feinsten…

Die Erfolgsgeschichte des „Judenclubs“ Bayern München und Kurt Landauer

Einigen ist der Name Kurt Landauer im Zusammenhang mit dem antirassistischen Fußballturnier der Schickeria München vielleicht schon ein Begriff. Warum gerade Kurt Landauer prädestinierter Namensträger für dieses Turnier ist, wie er den FC Bayern führte und prägte sowie das Gedenken der heutigen Generation, möchte der folgende Beitrag kurz beleuchten.

Die Geschichte des FC Bayern ist untrennbar mit dem Namen seines ehemaligen Präsidenten Kurt Landauer, Sohn jüdischer Kaufmannsleute, verbunden. Dieser prägte den Verein vor allem vor 1933, verhalf aber dem Club auch in den Nachkriegsjahren zu einem schnellen Übergang in die Normalität. Damit legte er die Basis für eine grandiose sportliche Entwicklung in den späteren Jahrzehnten.

Vom Deutschen Meister zum verhassten „Juden-Club“

In den 1920ern und frühen 1930ern erwarb der FC Bayern, als im Künstler- und Intellektuellenviertel „Schwabing“ beheimateter Club, unter dem ideenreichen und energischen Landauer ein hohes Ansehen im In- und Ausland. Der weltoffene, moderne und ambitionierte Charakter des Clubs zeigte sich neben zahlreichen ausländischen Fußball-Lehrern auch durch die große Zahl an internationalen Begegnungen mit Clubs, die wie der FC Bayern viele jüdische Angestellt und Mitglieder in ihren Reihen hatten.

Unter Landauers Regie und Trainer Richard „Littl“ Dombi, ein Österreicher jüdischer Herkunft, gelang dem Club mit der Meisterschaft 1932 der erste große Triumph. Nur ein Jahr später führte dann aber die Machtergreifung der Nazis zu dramatischen Veränderungen beim „Juden-Club“ FC Bayern. Neben dem Einfluss der jahrelangen Präsidentschaft von Kurt Landauer war auch die Gründung des FC Bayern das „Produkt einer langen und sorgfältigen Planung der beiden jüdischen Fußballenthusiasten Gustav Manning, erster Schriftführer des DFB und Sohn eines jüdischen Kaufmanns, sowie Josef Pollack, Mitgründer des FC Bayern und ebenfalls jüdischer Herkunft“, wie der Bonner Sporthistoriker Heiner Gillmeister schreibt.

Am 22. März 1933 legte Landauer sein Amt als Präsident des FCB nieder. Offiziell hatte er sein Amt „mit Rücksicht auf die politische Neugestaltung der Verhältnisse in Deutschland“ abgegeben. Im Jahre 1938 kam es im Zuge der Novemberpogrome auch zur Verhaftung von Landauer. Unter dem Haftgrund „Schutzhäftling/Jude“ verschleppte man ihn ins KZ Dachau. Der Mithäftling Landauers Otto Blumenthal schildert die ersten Stunden: „Wir waren nun splitterfasernackt und konnten jetzt sehen wie, wie viele von uns blutige Striemen hatten. (…) … ging es hinein in den Baderaum. Hier feierte nun der Sadismus unserer Wärter Orgien. Was sie mit den nackten wehrlosen Juden dort anstellten spottet jeder Beschreibung… “. Nach vier Wochen wurde er aufgrund seiner Zeit als Frontkämpfer im 1. Weltkrieg wieder entlassen. Am 15. Mai 1939 emigrierte Landauer nach Genf.

Bei vielen Mitgliedern des FC Bayern herrschten angesichts des erzwungenen Rückzuges ihres Präsidenten und anderer Akteure tiefe Vorbehalte gegenüber den neuen Machthabern. Die „Arisierung“ kommentiert die Vereinschronik des FCB von 1950 wie folgt: „Die Parteipolitik und der wie Gift ausgestreute Rassenhass machten auch vor der sportlichen Kameradschaft nicht halt. Immer schon hatte man im Klub die Anschauung vertreten, dass jeder anständige Mensch, gleich welcher Rasse oder Religion, Platz beim Sport finden könne. Dieser Grundsatz verlor plötzlich durch Regierungsbefehl seine Berechtigung. (…) Es kamen die Rassengesetze und der Arierparagraf. Damit aber auch das Ausscheiden vieler alter und treuer Bayern, die in unseren Reihen nichts anderes kannten, als gleich allen übrigen Mitgliedern am Aufbau des Clubs mitzuarbeiten, sich an sportlichen Siegen zu freuen und Rückschläge und Niederlagen mit tragen zu helfen.“

Zu einem bemerkenswerten Freundschaftsspiel kam es 1943 in der Schweiz. Conny Heidkamp dazu im „Bayern Magazin“: „Die Spieler wurden ins Sicherheitsamt befohlen und mit folgenden Aufgaben vertraut gemacht: Erstens tadelloses Auftreten, zweitens würden Gestapobeamte mitfahren, damit den jungen, Wehrmachtsfähigen Spielern nicht einfallen würde, im Ausland zu bleiben und drittens sei es möglich, dass deutsche Emigranten versuchten, mit den Spielern Kontakt aufzunehmen. Jede Annäherung werde strengstens bestraft.“ Die Nazis dachten beim letzten Punkt wohl vor allem an Kurt Landauer, der tatsächlich erschien und das Spiel von der Tribüne aus verfolgte. Die Mannschaft ließ es sich nicht nehmen, ihrem langjährigen Präsidenten zuzuwinken, wofür sie nach ihrer Heimkehr von den Machthabern schwer gescholten wurde. Ein direkter Kontakt mit Landauer wurde jedoch zum Leidwesen der Mannschaft und Landauer leider verhindert.

Der Widerstand bezüglich der Nazifizierung wurde dem FCB von den Machthabern nie verziehen. Dazu Anton Löffelmeier in „München und Fußball“: „Die Tatsache, dass der FC Bayern viele jüdische Mitglieder hatte, die teilweise in leitenden Funktionen mitarbeiteten, und dass noch dazu ein Jude jahrelang den Verein geleitet hatte und man sich im März 1933 nicht sofort von ihm getrennt hatte, sollte den Bayern das ganze Dritte Reich hindurch als Makel anhängen.“

Der Aufbruch in eine neue Zukunft

Nachdem der Nazi-Terror beendet war, kehrte Landauer im Juni 1947 aus seinem Schweizer Exil in das Präsidentenamt des FC Bayern zurück. Dieser versuchte nun den Umbruch in der schwierigen Nachkriegszeit so schnell wie möglich zu vollziehen. In einem Schreiben Landauers vom 20. August 1947 an die alliierten Behörden stand: „Getreu den Traditionen unseres Clubs werden wir auch weiterhin Ihre Bestrebungen zu fördern helfen“. Dem neuen Oberbürgermeister Karl Scharnagl teilte der Club schon kurz nach Kriegsende mit, dass „wir bisher als Judenclub, der es ablehnte, sich eine nationalsozialistische Vereinsführung aufzwingen zu lassen, mit allen Mitteln gedrückt wurden“. Gegenüber dem OB versicherte der Club seine Bereitschaft, „bedingungslos und treu Gefolgschaft zu leisten“, da für den Club „mit Ihrer Amtsübernahme… eine Zeit des neuen Aufbaus begonnen“ habe. Mit Landauer und Scharnagl verfügte der FC Bayern über beste Voraussetzungen für den Start in die demokratische Republik.

Die hohe Reputation Landauers wird durch die Beschreibung des Historikers Ingo Schwab deutlich. Dieser schreibt, Landauer habe „mit diplomatischem Geschick wie auch mit energischem, gelegentlich rücksichtslosem Vorgehen seinem Verein Steine aus dem Weg“ geräumt. Statt um Hilfe zu bitten, bietet Landauer Hilfe an“. Diese beachtliche Reputation ermöglichte es dem FC Bayern, die Zeit der Bittstellerei, in der sich viele Verein aufgrund ihrer Verstrickung mit den entmachteten braunen Herrschern und der Besatzungssituation zunächst fanden, zu überspringen, um sich stattdessen als Partner und sogar treibende Kraft zu präsentieren.

Vom Umgang mit der Erinnerung

Wer heutzutage etwas über die großen Verdienste Kurt Landauers und anderer jüdischer Persönlichkeiten im Sport erfahren möchte, muss zumeist verstaubte Vereinschroniken und andere verblasste Zeitdokumente sichten. Das Gedenken von offizieller Vereinsseite an diese Persönlichkeiten erfolgt – wenn überhaupt – eher dezent im Hintergrund. So auch beim FC Bayern. Die Thematik wird zumeist interessierten Fans oder Journalisten überlassen.

Es ist zu vermuten, dass die gegenwärtige Vereinsführung die Leistungen Landauers durchaus schätzt. Das Bestreben, die Anerkennung auch zu dokumentieren wird vielleicht an der Benennung eines Weges in „Kurt-Landauer-Weg“, der um die neue Arena verläuft, ersichtlich. Die Entscheidungsträger versuchen es aber gezielt zu vermeiden, dass sich der FC Bayern aufgrund seiner Historie in der Ecke eines Juden-Clubs wiederfindet. Ursache scheint die Sorge, dass eine Kombination aus jüdischer Vergangenheit und den sportlichen sowie finanziellen Erfolgen zu einer noch stärkeren Polarisierung – dann auch mit politischem Hintergrund – um den FC Bayern führt als bisher. In einer Zeit, in der europaweit der Antisemitismus längst nicht überwunden ist, sondern im Gegenteil in manchen Gegenden wieder eine Renaissance erlebt und auch in den Stadien Europas Einzug hält, eine durchaus nachvollziehbare Befürchtung. Vielleicht ist es auch viel gesünder, wenn das Gedenken von der Fanbasis noch oben getragen wird und sich erst mit der Zeit zu einer festen Charakteristik im Verein etabliert.

Vor diesem Hintergrund ist es sehr positiv zu bewerten, dass sich in München verschiedene Fangruppen mit Kurt Landauer identifizieren können. Das Kurt-Landauer-Turnier bietet eine gute Gelegenheit, sich, um den antirassistischen Gedanken und aktuellen Themen herum, mit den Werten des Clubs, die aus den ersten Jahrzehnten stammen, zu beschäftigen. Wer sich mit der Vergangenheit seines Clubs auseinandersetzt, versteht erst die wahre Identität des Clubs und kann sich folglich auch nur so gänzlich mit ihr identifizieren. Im Übrigen findet das Turnier auch bei Fangruppen anderer Vereine positiven Anklang, sodass wir erfreulicherweise mit USP und den Südzecken auch zwei Gruppen des FC St. Pauli als Teilnehmer bei den vergangenen beiden Turnieren begrüßen durften. Ausführliche Informationen zu Kurt Landauer oder unserem Turnier erhaltet ihr gerne bei uns auf Anfrage sowie sicherlich auch bei Leuten, die schon am Turnier teilgenommen haben.

[Gastautor Christoph (Schickeria München) im Übersteiger, #86, 14.12.2007]

Paul und Paula halten’s Maul

Paul und Paula sind gerade auf dem Weg ins Stadion, als am Ausgang der U-Bahn ein Polizist auf sie aufmerksam wird. Die beiden hatten weder etwas angestellt, noch sich irgendwie daneben benommen. Dem Polizisten reicht es aus, dass die beiden für ihn verdächtig gekleidet sind. Also verfolgt er die beiden und ruft Verstärkung herbei. „Allgemeine Personenkontrolle, bitte mitkommen!“ Umringt von zehn Polizisten und zwei Herren in zivil bleibt Paul und Paula nichts anderes übrig als mitzukommen. „Sag jetzt besser nichts“ zischt Paula Paul zu. Paula und Paul müssen sich vor ein Polizei-Wagen stellen und werden von zwei Beamten durchsucht, während ein anderer Polizist über Funk die Personalien der beiden überprüft. Das ganze spielt sich vor den Augen vieler Menschen ab, die auf dem Weg ins Stadion sind. Aber keiner unternimmt etwas. Niemand bleibt stehen und fragt, was los. Niemand gibt den Freunden von Paul und Paula Bescheid, damit diese ihnen helfen könnten. „Haben sie schon einmal mit der Polizei zu tun gehabt?“ fährt der Polizist Paul an. Paul weiß natürlich, dass er das auf jeden Fall verneinen muss. „Sie sind doch Paula, und sie Paul?“. „Ja“ antworten die beiden knapp. „Sind sie Mitglied im Fanclub?“ Beide wissen, dass sie auf alle Fragen, außer auf die nach ihren Personalien, nicht antworten müssen und bleiben still Die beiden Männer in zivil sagen die ganze Zeit nichts, beobachten aber genau jede Regung, jede Reaktion der beiden. Ein Polizist wird plötzlich freundlich, sagt, dass er es doch nur gut meine und sie sofort gehen lasse, wenn sie ihm etwas erzählen. Paul und Paula wissen aber, dass das alles nur gespielt ist und sie dem Polizisten nicht trauen können. „Wenn ihr nicht gleich anfangt zu reden, sperren wir euch bis morgen ein!“ droht der andere Polizist, doch Paul und Paula bleiben standhaft. Paula und Paul halten das Maul! Nach einiger Zeit dürfen die beiden dann doch gehen und kommen sogar noch rechtzeitig ins Stadion.