Die Erfolgsgeschichte des „Judenclubs“ Bayern München und Kurt Landauer

Einigen ist der Name Kurt Landauer im Zusammenhang mit dem antirassistischen Fußballturnier der Schickeria München vielleicht schon ein Begriff. Warum gerade Kurt Landauer prädestinierter Namensträger für dieses Turnier ist, wie er den FC Bayern führte und prägte sowie das Gedenken der heutigen Generation, möchte der folgende Beitrag kurz beleuchten.

Die Geschichte des FC Bayern ist untrennbar mit dem Namen seines ehemaligen Präsidenten Kurt Landauer, Sohn jüdischer Kaufmannsleute, verbunden. Dieser prägte den Verein vor allem vor 1933, verhalf aber dem Club auch in den Nachkriegsjahren zu einem schnellen Übergang in die Normalität. Damit legte er die Basis für eine grandiose sportliche Entwicklung in den späteren Jahrzehnten.

Vom Deutschen Meister zum verhassten „Juden-Club“

In den 1920ern und frühen 1930ern erwarb der FC Bayern, als im Künstler- und Intellektuellenviertel „Schwabing“ beheimateter Club, unter dem ideenreichen und energischen Landauer ein hohes Ansehen im In- und Ausland. Der weltoffene, moderne und ambitionierte Charakter des Clubs zeigte sich neben zahlreichen ausländischen Fußball-Lehrern auch durch die große Zahl an internationalen Begegnungen mit Clubs, die wie der FC Bayern viele jüdische Angestellt und Mitglieder in ihren Reihen hatten.

Unter Landauers Regie und Trainer Richard „Littl“ Dombi, ein Österreicher jüdischer Herkunft, gelang dem Club mit der Meisterschaft 1932 der erste große Triumph. Nur ein Jahr später führte dann aber die Machtergreifung der Nazis zu dramatischen Veränderungen beim „Juden-Club“ FC Bayern. Neben dem Einfluss der jahrelangen Präsidentschaft von Kurt Landauer war auch die Gründung des FC Bayern das „Produkt einer langen und sorgfältigen Planung der beiden jüdischen Fußballenthusiasten Gustav Manning, erster Schriftführer des DFB und Sohn eines jüdischen Kaufmanns, sowie Josef Pollack, Mitgründer des FC Bayern und ebenfalls jüdischer Herkunft“, wie der Bonner Sporthistoriker Heiner Gillmeister schreibt.

Am 22. März 1933 legte Landauer sein Amt als Präsident des FCB nieder. Offiziell hatte er sein Amt „mit Rücksicht auf die politische Neugestaltung der Verhältnisse in Deutschland“ abgegeben. Im Jahre 1938 kam es im Zuge der Novemberpogrome auch zur Verhaftung von Landauer. Unter dem Haftgrund „Schutzhäftling/Jude“ verschleppte man ihn ins KZ Dachau. Der Mithäftling Landauers Otto Blumenthal schildert die ersten Stunden: „Wir waren nun splitterfasernackt und konnten jetzt sehen wie, wie viele von uns blutige Striemen hatten. (…) … ging es hinein in den Baderaum. Hier feierte nun der Sadismus unserer Wärter Orgien. Was sie mit den nackten wehrlosen Juden dort anstellten spottet jeder Beschreibung… “. Nach vier Wochen wurde er aufgrund seiner Zeit als Frontkämpfer im 1. Weltkrieg wieder entlassen. Am 15. Mai 1939 emigrierte Landauer nach Genf.

Bei vielen Mitgliedern des FC Bayern herrschten angesichts des erzwungenen Rückzuges ihres Präsidenten und anderer Akteure tiefe Vorbehalte gegenüber den neuen Machthabern. Die „Arisierung“ kommentiert die Vereinschronik des FCB von 1950 wie folgt: „Die Parteipolitik und der wie Gift ausgestreute Rassenhass machten auch vor der sportlichen Kameradschaft nicht halt. Immer schon hatte man im Klub die Anschauung vertreten, dass jeder anständige Mensch, gleich welcher Rasse oder Religion, Platz beim Sport finden könne. Dieser Grundsatz verlor plötzlich durch Regierungsbefehl seine Berechtigung. (…) Es kamen die Rassengesetze und der Arierparagraf. Damit aber auch das Ausscheiden vieler alter und treuer Bayern, die in unseren Reihen nichts anderes kannten, als gleich allen übrigen Mitgliedern am Aufbau des Clubs mitzuarbeiten, sich an sportlichen Siegen zu freuen und Rückschläge und Niederlagen mit tragen zu helfen.“

Zu einem bemerkenswerten Freundschaftsspiel kam es 1943 in der Schweiz. Conny Heidkamp dazu im „Bayern Magazin“: „Die Spieler wurden ins Sicherheitsamt befohlen und mit folgenden Aufgaben vertraut gemacht: Erstens tadelloses Auftreten, zweitens würden Gestapobeamte mitfahren, damit den jungen, Wehrmachtsfähigen Spielern nicht einfallen würde, im Ausland zu bleiben und drittens sei es möglich, dass deutsche Emigranten versuchten, mit den Spielern Kontakt aufzunehmen. Jede Annäherung werde strengstens bestraft.“ Die Nazis dachten beim letzten Punkt wohl vor allem an Kurt Landauer, der tatsächlich erschien und das Spiel von der Tribüne aus verfolgte. Die Mannschaft ließ es sich nicht nehmen, ihrem langjährigen Präsidenten zuzuwinken, wofür sie nach ihrer Heimkehr von den Machthabern schwer gescholten wurde. Ein direkter Kontakt mit Landauer wurde jedoch zum Leidwesen der Mannschaft und Landauer leider verhindert.

Der Widerstand bezüglich der Nazifizierung wurde dem FCB von den Machthabern nie verziehen. Dazu Anton Löffelmeier in „München und Fußball“: „Die Tatsache, dass der FC Bayern viele jüdische Mitglieder hatte, die teilweise in leitenden Funktionen mitarbeiteten, und dass noch dazu ein Jude jahrelang den Verein geleitet hatte und man sich im März 1933 nicht sofort von ihm getrennt hatte, sollte den Bayern das ganze Dritte Reich hindurch als Makel anhängen.“

Der Aufbruch in eine neue Zukunft

Nachdem der Nazi-Terror beendet war, kehrte Landauer im Juni 1947 aus seinem Schweizer Exil in das Präsidentenamt des FC Bayern zurück. Dieser versuchte nun den Umbruch in der schwierigen Nachkriegszeit so schnell wie möglich zu vollziehen. In einem Schreiben Landauers vom 20. August 1947 an die alliierten Behörden stand: „Getreu den Traditionen unseres Clubs werden wir auch weiterhin Ihre Bestrebungen zu fördern helfen“. Dem neuen Oberbürgermeister Karl Scharnagl teilte der Club schon kurz nach Kriegsende mit, dass „wir bisher als Judenclub, der es ablehnte, sich eine nationalsozialistische Vereinsführung aufzwingen zu lassen, mit allen Mitteln gedrückt wurden“. Gegenüber dem OB versicherte der Club seine Bereitschaft, „bedingungslos und treu Gefolgschaft zu leisten“, da für den Club „mit Ihrer Amtsübernahme… eine Zeit des neuen Aufbaus begonnen“ habe. Mit Landauer und Scharnagl verfügte der FC Bayern über beste Voraussetzungen für den Start in die demokratische Republik.

Die hohe Reputation Landauers wird durch die Beschreibung des Historikers Ingo Schwab deutlich. Dieser schreibt, Landauer habe „mit diplomatischem Geschick wie auch mit energischem, gelegentlich rücksichtslosem Vorgehen seinem Verein Steine aus dem Weg“ geräumt. Statt um Hilfe zu bitten, bietet Landauer Hilfe an“. Diese beachtliche Reputation ermöglichte es dem FC Bayern, die Zeit der Bittstellerei, in der sich viele Verein aufgrund ihrer Verstrickung mit den entmachteten braunen Herrschern und der Besatzungssituation zunächst fanden, zu überspringen, um sich stattdessen als Partner und sogar treibende Kraft zu präsentieren.

Vom Umgang mit der Erinnerung

Wer heutzutage etwas über die großen Verdienste Kurt Landauers und anderer jüdischer Persönlichkeiten im Sport erfahren möchte, muss zumeist verstaubte Vereinschroniken und andere verblasste Zeitdokumente sichten. Das Gedenken von offizieller Vereinsseite an diese Persönlichkeiten erfolgt – wenn überhaupt – eher dezent im Hintergrund. So auch beim FC Bayern. Die Thematik wird zumeist interessierten Fans oder Journalisten überlassen.

Es ist zu vermuten, dass die gegenwärtige Vereinsführung die Leistungen Landauers durchaus schätzt. Das Bestreben, die Anerkennung auch zu dokumentieren wird vielleicht an der Benennung eines Weges in „Kurt-Landauer-Weg“, der um die neue Arena verläuft, ersichtlich. Die Entscheidungsträger versuchen es aber gezielt zu vermeiden, dass sich der FC Bayern aufgrund seiner Historie in der Ecke eines Juden-Clubs wiederfindet. Ursache scheint die Sorge, dass eine Kombination aus jüdischer Vergangenheit und den sportlichen sowie finanziellen Erfolgen zu einer noch stärkeren Polarisierung – dann auch mit politischem Hintergrund – um den FC Bayern führt als bisher. In einer Zeit, in der europaweit der Antisemitismus längst nicht überwunden ist, sondern im Gegenteil in manchen Gegenden wieder eine Renaissance erlebt und auch in den Stadien Europas Einzug hält, eine durchaus nachvollziehbare Befürchtung. Vielleicht ist es auch viel gesünder, wenn das Gedenken von der Fanbasis noch oben getragen wird und sich erst mit der Zeit zu einer festen Charakteristik im Verein etabliert.

Vor diesem Hintergrund ist es sehr positiv zu bewerten, dass sich in München verschiedene Fangruppen mit Kurt Landauer identifizieren können. Das Kurt-Landauer-Turnier bietet eine gute Gelegenheit, sich, um den antirassistischen Gedanken und aktuellen Themen herum, mit den Werten des Clubs, die aus den ersten Jahrzehnten stammen, zu beschäftigen. Wer sich mit der Vergangenheit seines Clubs auseinandersetzt, versteht erst die wahre Identität des Clubs und kann sich folglich auch nur so gänzlich mit ihr identifizieren. Im Übrigen findet das Turnier auch bei Fangruppen anderer Vereine positiven Anklang, sodass wir erfreulicherweise mit USP und den Südzecken auch zwei Gruppen des FC St. Pauli als Teilnehmer bei den vergangenen beiden Turnieren begrüßen durften. Ausführliche Informationen zu Kurt Landauer oder unserem Turnier erhaltet ihr gerne bei uns auf Anfrage sowie sicherlich auch bei Leuten, die schon am Turnier teilgenommen haben.

[Gastautor Christoph (Schickeria München) im Übersteiger, #86, 14.12.2007]