Archiv für November 2009

Drei Bankrotterklärungen zum Preis von einer

Ende dieser Woche steht ja mal wieder die Jahreshauptversammlung des FC Bayern an. Auch wenn wir kein Öl in ohnehin längst gelöschte Feuer gießen wollen, möchten wir hier nochmal kurz an die JHV von vor 2 Jahren und vor allem ihre sportjournalistische Aufbereitung durch den Bayerischen Rundfunk erinnern. Der Text stammt aus dem Blog allesaussersport.de

Seit knapp einer Woche erfreut sich der Konflikt des FC Bayerns mit einem Teil seiner Fans dank einer “Wutrede” von Uli Hoeneß landesweiter Bekanntheit. Nun kennt man den Uli Hoeneß und weiß dass er solche Wutausbrüche manchmal aus Kalkül und manchmal aus dem Affekt heraus macht. Ich kann mich durchaus für die “Affekt-Theorie” erwärmen und Hoeneß hat sich auch für die Tonwahl entschuldigt. Man hätte also die Geschichte ad acta legen können. Bis gestern abend.
Nach Wochenendspaziergängen durch die verschneite Landschaft des Tegernsees, in ein Fernsehstudio eingeladen, fährt Uli Hoeneß wieder schwerstes rhetorisches Geschütz konkret gegen die Fangruppen “Club 12″ und “Schickeria” auf.
Zu hören war das Interview von Uli Hoeneß in der Sendung “Blickpunkt Sport” des Bayrischen Rundfunks, seit heute als MP3 auf den Seiten des BRs (Teil 1 zu den Fans, Teil 2 zu Hitzfeld und Bayern-Spieler).
Wenn die Rhetorik die Uli Hoeneß gestern an den Tag legte, wirklich das wiederspiegelt was er denkt, dann Gute Nacht. Es wurde gar nicht erst um Differenzierungen bemüht, sondern die beiden Gruppen an die Wand genagelt und je nachdem wie es gerade der Argumentation diente, zu absoluten Minoritäten deklariert (einige hundert Mitglieder) oder zu gewaltätige Untergrundorganisationen kurz vor der Übernahme der Weltherrschaft. Die beiden Fangruppen wollen “die Macht” oder “die Kontrolle” in der Südkurve. Auch wenn Hoeneß im Tonfall ruhig bleibt, vergaloppiert sich mitunter das Vokabular, das zuerst die beiden Gruppen für den Überfall auf den Nürnberger Bus “mitverantwortlich” und später für die Randale an einer Tankstelle in Duisburg “hauptverantwortlich” macht. Schließlich reicht schon die Vernetzung im Internet aus, um subversive Aktionen zu unterstellen, die in “italienische Verhältnisse” münden könnte.
Details wer wie was wann für Vorschläge wen gegenüber macht, sind nicht relevant, denn für Uli Hoeneß reicht der grobe Pinselstrich aus, um beide Gruppen in Gesamtheit an die Wand zu nageln. Inhaltliche Auseinandersetzungen scheinen, folgt man dem an den Tag gelegten Hoeneß’schen Duktus, nicht mehr gewünscht. Hoeneß’ Bemerkung über die Aktivitäten der Fangruppen im internet, lassen erahnen, dass auch Hoeneß inzwischen nicht greifen kann, was da vor sich geht. Klassischer Generationskonflikt.
Dafür das Uli Hoeneß vermutlich mehrere Tage Zeit hatte, sich auf das TV-Gespräch vorzubereiten, überraschend massiv. Und erstaunlich unprofessionell, wenn man davon ausgeht, dass das Internet kein unwesentlicher Bestandteil im Leben vieler Menschen der Zielgruppe Bayern Münchens einnimmt.
Die eigentliche Bankrotterklärung ist vermutlich die, dass Uli Hoeneß immer noch derjenige aus der Führungsetage des FCB ist, dem die meiste Empathie für die Fans zugetraut wird.

Mal wieder “Sportjournalismus” in Anführungszeichen
Es ist das eine, wenn man sagt: “Hoeneß, du kennt einen Teil der Fans nicht mehr”. Das ist letztendlich ein Ding was Fans, FCB und Hoeneß miteinander abzukaspern haben.
Das größere Problem waren die Rahmenbedingungen des gestrigen Interviews, die im Grunde genommen nicht den Anforderungen von Journalismus genügten und noch weniger den Standards, die man an eine Öffentlich-Rechtliche Anstalt anlegen muss.
Kommen wir zuerst zum Bayrischen Rundfunk. Spätestens als der rhetorische Feinmechaniker Uli Hoeneß sich gegen die inkriminierten Fangruppen in Bewegung setzte, wurde es offensichtlich, was für eine fahrlässige Entscheidung es war, keinen Gegenredner eingeladen zu haben. Es gab unzählige Vorwürfe und Tatsachenbehauptungen, bei denen hätte eigentlich das Gespräch zum Nachfassen und Gegenfragen gestoppt werden müssen.
Isabella Müller-Reinhardt wollte und konnte dieses nicht leisten. Wenn im Rahmen eines Konfliktes eine Partei über knapp fünfzehn Minuten Stellungen zu diesem Konflikt nehmen kann, wäre es redlich auch die andere Seite einzubringen. So artete aber das Interview in einer willfährigen Propagandasendung aus. Hoeneß wusste das er im Studio ein Heimspiel hat: “Das ist gut dass ich heute mal die Möglichkeit habe, das mal genau zu erklären“. So eine Bemerkung ist ein Armutszeugnis für die BR-Redaktion.
Isabella Müller-Reinhardt, und damit die dritte Bankrotterklärung, war am gestrigen Abend das fleischgewordene Elend des deutschen TV-Sportjournalisten. Sie begann als Stichwortgeberin, reduzierte ihre Präsenz dann auf devote Begleitgeräusche um dann abschließend Uli Hoeneß zu sekundieren und seine Argumentation zu wiederholen. Dieses Interview von Isabella Müller-Reinhardt ist auf vielen Ebenen fassungslos. Es sind die “Fragen” die sie gestellt hat, die Fragen die sie nicht gestellt hat, die Zustimmung die sie Hoeneß im Interview mehrmals gibt und schließlich die komplette Übernahme der Hoeneß’schen Meinung.
Uli Hoeneß pflegte immer wieder im Superlativen zu argumentieren, wo ein Moderator hätte Einhalt gebieten müssen um nochmal bezüglich Differenzierungen nachzufragen. Die “ganze” Südkurve? Die wollen die Kontrolle? Wollen die das wirklich oder ist das ein Spruch von Hoeneß? Keine Antwort im BR, kein Nachhaken von Müller-Reinhardt.
Hoeneß: “Wir haben zwei Gruppierungen im Club […] die unheimlich viel Druck im Club ausüben, seit vielen Jahren und speziell seit den letzten Monat verstärkt. Sie wollen mehr Macht haben, wollen mehr Einfluß haben, sie unterdrücken auch teilweise andere Fanclubs”.
Müller-Reinhardt: “[…] Was meinen Sie, wenn Sie sagen ‘die wollen mehr Macht haben’? Was wollen die mehr machen?”
Hoeneß: “Ja, die wollen eigentlich die gesamte Kontrolle über die Südkurve haben. Die wollen alles bestimmen, wann gute Stimmung ist und wann nicht gute Stimmung ist”
oder auch:
Hoeneß: “Erstens bin ich der Meinung, haben wir gar keine schlechte Stimmung. Und zweitens bin ich der Meinung, das genau diese zwei Gruppierungen hauptverantwortlich dafür sind, […], weil sie das gar nicht wollen. Sie wollen das nämlich alles kontrollieren und sie geben unseren anderen Fanclubs überhaupt keine Möglichkeit mitzumachen.”

Hallo Frau Müller-Reinhardt? Geistig noch anwesend? Irgendein Widerspruch aufgefallen? Anyone? Anyone?
Für Uli Hoeneß tragen die beiden Fangruppierungen die Saat der Gewalt in sich.
Hoeneß: “Und jetzt kommt nämlich der Punkt. Das sind nämlich auch die Gruppierungen die mitverantwortlich sind für Gewalt im Stadion, die mitverantwortlich sind, dass ein Fanclub des FC Nürnberg kürzlich in Würzburg auseinandergenommen wurde …”
Müller-Reinhardt: “… in einer Raststätte …”
Hoeneß: “… ja. Die Frau des Busfahrers wurde so schwer verletzt, dass sie ihr Augenlicht am linken Auge verloren hat. Das sind auch diese Leute die hauptverantwortlich sind, das kürzlich in Duisburg eine Tankstelle auseinandergenommen wurde, und die habe ich gemeint.”
“Hauptverantwortlich”. “Diese Leute”. Angesichts des Umstandes das ein Großteil der Stadionverbote im Zusammenhang mit den Ausschreitungen gegen den Nürnberger Fanbus, wieder zurückgenommen wurde, hätte ich erwartet das Isabella Müller-Reinhardt nachhakt und hinterfragt, ob Uli Hoeneß da nicht arg pauschalisiert. Nein, keine Frage, sondern Begleitmusik um die Dampfwalze Hoeneß weiterdampfen zu lassen.

Müller-Reinhardt: “Also in diesen Fällen haben Sie die beiden Fan-Gruppierungen angesprochen […]”
Etwas später …
Hoeneß: “Deswegen ist es gut heute die Möglichkeit zu haben …”
Müller-Reinhardt, zustimmend: “Mmh”
Hoeneß: “… dass ich unsere Fans – die ich alle liebe – in keinster Weise gemeint habe, aber wir haben riesige Probleme derzeit in Italien. Und der Traum von einigen aus dieser Gruppierung ist Verhältnisse zu haben wie in Italien. Die Ultras in Italien sind für viele ein Vorbild. Und deswegen haben wir beim Klub gesagt: ‘Wehret den Anfängen’.”
Uli Hoeneß impliziert den Wunsch von “einigen”/”vielen” aus den beiden Gruppierungen eine ähnlich gewalttätige Fanszene zu haben, wie in Italien. Starker Tobak. Hätte Hoeneß auch noch Namen genannt, wäre das abmahnfähig gewesen. Man hätte sich gewünscht, dass Frau Müller-Reinhardt auch hier nachgehakt hätte, um herauszuarbeiten was Hoeneß konkret meint, um nicht diese Dampfplauderei mit dem größtmöglichsten Schreckensszenario im Raum stehen zu lassen. Man hätte sich gewünscht, dass Hoeneß Indizien genannt hätte, woran er seine Vermutungen festmacht. das er Strukturen und Aktionen beschreibt, um dieses Szenario für Außenstehende greifbar zu machen. Doch mehr als ein zustimmendes “Mhhh” sprang nicht raus.
Etwas später.
Hoeneß: “[…] Denn eines muss klar sein, wenn der FC Bayern mit einem Stadion das 340 Millionen gekostet hat und das wir auf Wunsch der Fans gebaut haben …”
Müller-Reinhardt, zustimmend: “Mhhh”.
Das Unternehmen FC Bayern AG hat das Stadion “auf Wunsch der Fans” gebaut. Ja, der Wunsch der Fans mag auch eine Rolle dabei gespielt haben. Das aber der Wunsch der Fans ausschlaggebend war, wage ich zu bezweifeln. Nicht Frau “Mhhh”.
Es folgt die Erklärung des journalistischen Selbstverständnisses von Isabella Müller-Reinhardt.
Hoeneß: “Ich habe gerade versucht zu erklären, dass ich nicht *die* Fans gemeint habe, sondern diese zwei Gruppierungen und ich muss Ihnen ehrlich sagen, wenn diese zwei Gruppierungen so weitermachen, wie sie es in den letzten Wochen und Monaten gemacht haben, was wir damit anfangen.”
Müller-Reinhardt: “Wissen Sie nur was meines Erachtens das größte Problem ist … diese beiden Guppierungen, jetzt auch namentlich … die kannten die meisten gar nicht. Durch Ihre Rede haben die beiden Gruppierungen ein unglaubliches Forum bekommen und das ist das letzte was Sie wahrscheinlich wollten, dass sie auch noch ein Forum bekommen. Jede Zeitung bei ihnen anruft, jeder Fernsehsender bei ihnen anruft und diese sich auch noch überall breit dazu äußern können …”
Ja, Frau Müller-Reinhardt. Gehört normalerweise auch zum Journalismus dazu, dass man sich bei der “Gegenseite” erkundigt und diese zu Wort kommen läßt. Das sollte einer der Unterscheidungsmerkmale zwischen Bayrischen Rundfunk und DDR 1 sein. Und das halten Sie für ein Problem? Für das “größte” Problem? Ist das Ihr Ernst? Ist das Ihr Ernst, dass nach diesem 20minütigen Monolog von Uli Hoeneß, die beiden Gruppierungen, die Sie exakt ein einziges Mal namentlich genannt haben, ein Forum bekommen? Ist das der Grund warum Sie im Laufe des Gesprächs komplett zum Steigbügelhalter mutiert sind?
Hoeneß: “Es war wichtig dass sie sich aus dem Untergrund melden müssen, denn deren Geschäft ist es im Untergrund zu sein. Wenn die sich im Internet untereinander verständigen, dann sagen die ja nicht, der Uli Hoeneß spricht den Karl-Heinz Rummenigge an, sondern die reden als Pseudonym, damit man sie nicht packen kann …”
Müller-Reinhardt, Kennerin des Internets greift unterstützend ein: “… das ist ja im Internet üblich, dass man sich irgendwelche Nicknames zulegt …”
Hoeneß: “… jaaaaa, aber es ist natürlich auch ein bestimmter Grund, warum eben ausgerechnet diese Gruppierungen unserem Klub nicht ihre Namen und Adressen … wenn sie nichts zu verbergen haben, warum ist es ein Problem?”
Ja, warum ist das ein Problem? Gute Idee. Ich verlange die Offenlegung aller Spielergehälter des FCB. Und der Telefonnummern von Uli Hoeneß und Isabella Müller-Reinhardt. “Man wird doch nichts zu verbergen haben”, gell?
Man hätte natürlich auch auf die Idee kommen können und nach dem Widerspruch fragen können, wie man mit einer derart anonymen und subversiven Gruppe seit Wochen verhandeln kann. Offensichtlich ist die Situation also weitaus differenzierter.
Aber Isabelle Müller-Reinhardt ist längst zur Artikulationshilfe von Uli Hoeneß geworden, steht ihm zur Seite wenn es um das Internet geht oder um seine Gedankengänge auf den Punkt zu bringen.
Hoeneß: “Wir müssen aufpassen, das wir hier diese Dinge nicht zu sehr bagatellisieren, denn die Vorkommnisse die derzeit in Italien passieren, die sind mir nicht weit genug entfernt und wenn wir alle nicht aufpassen, werden wir solche Verhältnisse haben, denn das was da passiert, ist der Traum des einen oder anderen von denen die ich damit meine, und da bin ich der Meinung, dass wir das nicht akzeptieren sollen …”
Müller-Reinhardt: “… dann ist das Ganze auch so eine Art Frühwarnsystem auch …”
Hoeneß, sehr leise: “Absolut”
Müller-Reinhardt: “… Okay. ”
Natürlich wird nichts bagatellisiert, wenn eine direkte Linie von der Problematik der schlechten Stimmung in der Arena zu tödlichen Ausschreitungen und Vorkommnissen in Italien gezogen wird. Nicht oder zweimal, sondern in dem 20minütigen Gespräch gleich dreimal.
Noch mehr rhetorischer Begleitschutz von Isabella Müller-Reinhardt gefällig? Etwas später geht es um die Deligiertenversammlung des TSV 1860 München auf der der wiedergewählte 1860er-Präsident einige Seitenhiebe an den FCB verteilt hat.
Hoeneß: “Mit so einem populistischen Geseiere kann ich nichts anfangen” [Gelächter und tosender Applaus im Studio]
Müller-Reinhardt: “Das Wort ‘Populistisch’ …” [Klatschen geht weiter]
Hoeneß: “… Auf den Herrn von Linde trifft es natürlich 100%ig zu, denn er hat versucht mit seiner populistischen Rede wiedergewählt zu werden, denn er lief ja stark Gefahr, dass er nicht mehr wiedergewählt wird …”
Müller-Reinhardt, offensichtlich zustimmend: “… Es hat funktioniert …”
Hoeneß, greift die Vorlage auf: “… es hat funktioniert, allerdings musste er zusagen, dass er im September nächsten Jahres aufhört, sonst wäre er wahrscheinlich nicht wiedergewählt worden … und mich haben heute viele aus dieser Deligiertenversammlung angerufen und haben sich für diese Rede entschuldigt, weil sie genau wissen, ohne den FC Bayern und seine Hilfe hätte der Herr von Linde diese Rede nicht mehr halten können.”
Müller-Reinhardt, nimmt den Ball wieder auf: “… und würde dort gar nicht mehr stehen.”
Hoeneß: “[…] Ich habe eine Loge die auch selbstverständlich 13 Tickets für die 60er-Spiele hat und ich habe sie noch nicht einmal benützt”
Müller-Reinhardt: “Noch nicht einmal?…” [Lachen, Gejohle und dann Klatschen] “… Herr Hoeneß, damit …” [kichert] “… mit der Aussage haben Sie bestimmt ganz viele Herzen von Bayern-Fans wieder jetzt erobert. Ich würde aber trotzdem sagen, also mittlerweile haben wir alle verstanden, das Sie mit Ihrer Wutrede, mit diesem Ausbruch nicht nicht den Bayern-Fan allgemein gemeint haben…”
Hoeneß, zustimmend: “… Nein…”
Müller-Reinhardt: “… das heißt die Omi die zuhause sitzt oder der 12jährige Bub der zuhause sitzt und ein Bayern-Trikot im Schrank hängen hat, muss sich nicht angesprochen fühlen…”
Hoeneß: “… auch die Fanklubs …”
Müller-Reinhardt: “… auch die Fanklubs und die Logenbesitzer auch nicht, die dürfen weiterhin … ähm … zahlen …” [kichert] “… und damit die anderen Fans ein bißchen unterstützen. Das gehört alles dazu. Ich hoffe nur, dass diese beiden Fan-Gruppierungen diese Macht, die wirklich gefährlich ist, nicht bekommen.”
Der letzte Absatz ist im Grunde genommen die Zusammenfassung von Isabella Müller-Reinhardts Wirken im Interview. Am Ende übernimmt sie 1:1 die Argumentation von Uli Hoeneß als eigene. Das diffuse Schreckensszenario. Die Journalistin des BRs.
“Ich hoffe nur, dass diese beiden Fan-Gruppierungen diese Macht, die wirklich gefährlich ist, nicht bekommen.”
Die Bankrotterklärung.
Glückwunsch, liebe Sportredaktion des Bayrischen Rundfunks.

[allesaussersport.de, 20.11.2007]

Großer Bruder, ich mag dich nicht (2) – Alltagsleben

Nachdem wir Peters Spuren im Internet verfolgt haben, wollen wir heute einmal betrachten welche Daten Peter mehr oder weniger freiwillig an die deutschen Behörden und Wirtschaftskonzerne übermittelt. Dazu schauen wir ihn während seines Tages ein wenig über die Schulter.

Es ist 7:00 Uhr morgens und Peter steht gerade auf. Natürlich schaltet er zuerst einmal sein Handy ein. Ab diesem Zeitpunkt wissen die Mobilfunkanbieter wo Peter sich befindet und können ihn binnen Minuten orten. Außerdem sind sie nach EU-Richtlinien verpflichtet die Zeit, die Nummer und die Dauer aller Telefonate und Kurzmitteilungen für die nächsten zwei Jahre zu speichern. Natürlich ist auch das Abhören des Handys durch die Polizei seit längerem kein Problem und ein immer häufiger eingesetztes Mittel. Nach Morgenhygiene und Frühstück setzt sich Peter an seinen Computer um die neusten Skripte für sein Studium auszudrucken. Welche Daten er über seinen Computer von sich preisgibt, schauen wir uns in einer der nächsten Ausgaben an, da dies ein Thema für sich ist. Uns interessiert heute erst mal Peters Laserdrucker. Dieser fügt jeder Seite, die er damit druck eine Winzige Markierung bei, auf der das Datum und die einmalige Seriennummer des Drucker angegeben ist. Nachdem dies alles erledigt ist, macht sich Peter auf in die Hochschule. Das er auf seinem Weg von vielen Kameras aufgenommen wird, dürfte ja nichts neues sein. Neu hingegen sind die technischen Fähigkeiten dieser Überwachungsmethode. So können die neuesten Kameras Pauls Gesicht erkennen und es mit einer Datenbank vergleichen. Diese sagt dem Wachmann oder der Behörde, sofern es ihn interessiert, alles über Peter. Angefangen bei seinem Alter, zum Kennzeichen bis hin zum Kennzeichen bis hin zu seinen begangenen Straftaten. Möglich wird dies durch so genannten „biometrische Daten“, die ab diesem Jahr zumindestens bei der Erstellung eines Reisepasses von den deutschen Behörden gemessen und natürlich gespeichert werden. Apropos neue Reisepässe: Da Peter oft zum Hopping in andere Länder fährt, hat er natürlich schon den neuen Reisepass, der mit einem RIFD-Chip ausgestattet ist. Dieser sendet ein schwaches Signal mit Peters Personalien und wird irgendwann einmal den Zollbeamten ersetzen. Klar, das lange Anstehen an Flughafen wird sich dadurch verkürzen aber überlegt einfach mal, was passiert wenn eine nicht staatliche Person diese Daten lesen könnte und speichert. Nach Peters erster Vorlesung hat er eine Freistunde und setzt sich in den Computerraum der FH. Natürlich wird auch dieses Zimmer videoüberwacht, doch nicht nur die Kameras beobachten Peter. Sämtliche Aktivitäten die er am Computer durchführt können eingesehen und nachvollzogen werden und natürlich speichert die FH auch diese Daten. Aber nicht nur Peter geht es so, 50% der Büroangestellten in Deutschland werden auf Schritt und Tritt im Internet von ihren Vorgesetzten überwacht. Da er im Internet nicht fündig wird, geht Peter noch einmal in die Bibliothek. Dreimal könnt ihr raten, was mit seiner Bücherausleihe passiert. Genau, sie wird gespeichert und analysiert. Dasselbe passiert übrigens zum Beispiel auch bei jeder Amazon.com-Bestellung. Selbst Eure Suchanfragen werden gespeichert und ausgewertet um eine möglichst genaues Kundenprofil von Euch und Peter zu erstellen. Nach diesem harten Tag wird Peter noch ein wenig fernsehen. Dank des digitalen Kabelfernsehers, das immer verbreiteter ist, können auch die privaten und öffentlichen Fernsehanstalten ein ganz genaues Profil Eures Fernsehverhaltens erstellen.
Du bist nie allein!

(Aus Azione Kaos- Gesammelte Werke von Red Kaos Zwickau)

Großer Bruder, ich mag dich nicht (I)- Internet

Überwachungsstaat, Staatssicherheit, der gläserne Bürger. Alles Schnee von gestern könnte man meinen, schließlich leben wir ja nicht mehr im Hitlerfaschismus oder in einer sozialistischen Diktatur, sondern in einer sogenannten demokratischen Republik in der Freiheitsrechte und Datenschutz groß geschrieben werden. Doch leider ist auch im 21. Jahrhundert nicht alles Gold was glänzt und der kritische Blick auf die permanente Überwachung leider immer noch erforderlich. Doch im es vorweg zu nehmen: Nicht nur der Staat und seine Behörden überwachen uns. Auch Wirtschaftskonzepte und Marktforschungsinstitute sammeln mehr Daten von uns, als es uns lieb ist. Doch um euch Euch nicht mit trockenen Fakten zu überfluten, wollen wir einen Blick auf das Leben des Peter Pixels werfen, ihn in seinem Alltag begleiten und beobachten was er jeden Tag von sich preisgibt. Da wir Peter noch nicht persönlich kennen und seinen Namen nur vom Cover des Azione Kaos abgelesen haben, wollen wir uns vor unserer ersten Gegegnung mit ihm, erst einmal über seine Person im Internet kundig machen.
Herr Pixel ist schnell gefunden, steht er ja wie 1,5 Millionen anderer Jugendliche im Studentenverzeichnis „StudiVZ“, wodurch wir ohne große Probleme herausbekommen, dass Peter Maschinenbau an der FH Zwickau studiert und im vierten Semester mehr oder minder erfolgreich ist. Früher war er auf dem Peter Bräuer Gymnasium, woher er wohl auch die meisten seiner Freunde kennt, die natürlich auch auf dieser Seite angemeldet sind und alle auf Peters Profilseite verlinkt sind. Trotz der stattlichen Anzahl von 97 Freunden entnehmen wir der Page, dass er zur Zeit Single ist und jemanden zum „Dating“ sucht, was ihm allerdings schwer fällt, da er im Bereich „über mich“ von sich behauptet, Einzelgänger, schüchtern, und etwas seltsam zu sein. Peter hört gerne Rockmusik, manchmal aber auch klassische Musik von Beethoven und Schumann. Bei Hobbys und Interessen gibt er den FSV Zwickau, Malen, und Sport treiben sowie Lesen und Freunde Treffen an. Leider genügen uns diese Informationen zu Peter noch lange nicht, da wir weder wissen, wie er aussieht, noch wie seine Persönlichkeit aufgebaut ist.
Zum Glück hat er in seinem Profil einen Link auf seine Myspace- Seite gesetzt, so dass wir weitere Informationen sammeln können. Schon beim Überfliegen seiner Angaben sehen wir, dass er stattliche 1,97m groß ist, sowohl trinkt als auch raucht, bei Glauben Atheist angibt, kein Bock auf Kinder hat und sich als heterosexuell bezeichnet. Bei Myspace finden wir Peters restliche Freunde, die nicht studieren. Sie sind natürlich in seinem Profil verlinkt und schreiben ihm mehr oder minder gehaltvolle Grüße auf seine Pinwand. Zum Glück stellt unser unbekannter Freund auch Blogs (virtuelle Tagebucheinträge) auf seine Myspace- Seite. Wir überfliegen schnell den Blog mit der Überschrift „Cottbus Amateure“ und bemerken ohne tieferes lesen, dass Peter sich beim Fussball wohl mindestens genauso sehr für die Stimmung interessiert, wie für das „Geholze“ (wie er schreibt) auf dem Platz. Auch braucht man nicht lange um herauszufinden, dass er bei den Ultras ist.
Leider stellt Peter weder im StudiVZ, noch bei Myspace Bilder von seiner Person ins Internet, weswegen wir weitersuchen müssen. Bei Zwigge.de finden wir schnell einen Benutzer mit dem gleichem Pseudonym, dass Peter bei Myspace verwendet. Aus dem Profil entnehmen wir, dass auch der reale Vorname, Körpergröße, der Musikgeschmack und die Interessen identisch sind. Und selbst die Freunde die er bei Zwigge.de hat, kommen uns irgendwie bekannt vor. Keine Frage, dass muss unser Peter sein.
Endlich finden wir Angaben zu seinem Körpergewicht, seiner Augen- und Haarfarbe, sowie zu seiner bevorzugten Küche („Stadionwurst“). Und glücklicherweise hat unser Freund auch 197 Fotos bei Zwigge hochgeladen. Endlich wissen wir auch wie Peter aussieht. Auf allem Fotos trägt er seine Propellermütze; erstaunlich! Scheint wohl sein Markenzeichen zu sein. Durch seine abgegebenen Kommentare, die man ohne weiteres nachlesen kann, merkt man ihm an, dass er auf Nazis und Erzgebirge Aue nicht gut zu sprechen ist, denn er beleidigt schier alle Zwigge- Nutzer, die entsprechende Bilder hochladen. Und auch die von Peter besuchten „Events“ kann man durch einen Mausklick nachlesen. Toll, Peter war am Wochenende in der gleichen Disko wie wir.
Nach nicht einmal eine Stunde Internetrecherche wissen wir von Peter schon genau so viel, wie von unserem Banknachbar in der Schule. Das Internet macht’s eben möglich. Geht’s Dir auch wie Peter? Hurra der Technik.
Der große Bruder beobachtet Dich!

(Aus Azione Kaos – Gesammelte Werke von Red Kaos Zwickau)

Über Steinewerfer und Brandstifter – Ansichten eines Clowns

Nachdem der BGH vor gut zehn Tagen den Vereinen einen Freifahrtschein für das Erteilen von Stadionverboten auf Verdacht gegeben hat, wollen wir Euch und uns mit diesem satirischem Bericht wiedermal ins Gedächtnis rufen, wie leicht man als Fußballfan ins Visier der Polizei geraten kann.

Die Ansichten eines Clowns sind die Geschichten eines Fußballfans. Der Clown ist der Fußballfan. Er ist deswegen der Clown, weil er die Schildbürger-artigen Gängelungen und die willkürliche Repression erträgt, ohne sich dagegen zu wehren. Er ist deswegen der Clown, weil ihm angesichts der Machtlosigkeit und seiner Rechtelosigkeit nichts anderes übrig bleibt, als darüber zu lachen, als seine Peiniger auszulachen. Schließlich enthalten diese Geschichten durchaus eine gewisse Komik. Komik und Tragik sind ja auch die beiden Gesichter eines Clowns.
Natürlich sind diese Geschichten frei erfunden und keine Ähnlichkeit zu realen Ereignissen gegeben. Schließlich wären solche Geschichten in einem Rechtsstaat auch undenkbar…

Letzten Samstag stehen sechs Taugenichtse am Rand der Esplande auf einer Wiese neben dem Weg. Sie stehen einfach nur da, trinken was, unterhalten sich… Einer aus der Gruppe findet es besonders lustig, ein Cent-Stück auf den Boden zu schmeißen, da ein anderer sich nach diesem Cent-Stück bückt und es aufhebt. Für eine aufmerksame Parkwächterin sieht das ganze so aus, als ob sich die Jugendlichen die Hosentaschen mit Pflastersteinen voll packen würden. Gut, die Jugendlichen stehen auf einer Wiese, auf er es keine Steine gibt und eine Person hat ein Cent-Stück aufgehoben, ABER Vorsicht ist besser als Nachsicht und wer kann das schon so genau wissen. Jedenfalls macht die pflichtbewusste Frau in guter deutscher Tradition Meldung bei der Polizei. Angesichts des Szenarios eines Steine schmeißenden Mobs wird natürlich gleich Alarm geschlagen und eine Einheit in Bewegung gesetzt, um alle Probleme gleich im Keim zu ersticken. Denn Vorsicht ist besser als Nachsicht. Die Steinewerfer werden umstellt und durchsucht. Leider findet sich überraschenderweise nicht ein einziger Stein, nicht mal ein Kieselstein, bei den Verdächtigen. Doch damit kann man die Situation natürlich nicht beruhen lassen, schließlich hat ja ein Anfangsverdacht bestanden. Die Personalausweise der Verdächtigen werden eingesammelt um sie mit den einschlägigen Dateien und Datenspeicherungen abzugleichen und, sollte man nicht fündig werden, die Daten gleich abzuspeichern, damit man nächsten Mal wenigstens fündig wird. Das ist schließlich das Mindeste, was man aus der Situation noch raus holen kann. Während die Daten abgeglichen und gespeichert werden, wird der „Polizeiführungsstab“ (!!!), also die Einsatzleitung der ganzen Veranstaltung, kontaktiert, wie man weiter verfahren solle. Dieser berät eine Stunde lang, was zu tun sei. Vermutlich wird während dieser Zeit auch eine Konferenzschaltung mit dem Innenministerium, wenn nicht gar mit dem Bundesinnenminister eingerichtet, um sich zu beraten. Während die Verdächtigen diese Stunde lang festgehalten werden, provoziert eine der Personen die eingesetzten Beamten immer wieder, indem er fragt, ob er auf Toilette gehen darf. Man habe ja sowieso seinen Personalausweise weswegen er ja logischerweise nicht abhauen würde, sondern nach dem Gang auf die Toilette sofort zurückkommen würde. Natürlich dürfen ihn die Beamten aber nicht gehen lassen, schließlich ist er zur Zeit nicht in Besitz eines Personalausweises.
Zu den Beratungen des „Polizeiführungsstabes“ wird nochmal die Zeugenaussage der inzwischen als äußerst verlässlich eingestuften Informantin (IM Parkwächter) hinzugezogen. Nach dieser wird einer der Verdächtigen als Täter identifiziert. Er muss es gewesen sein, der den Stein eingesteckt hat (es war doch nur ein Stein, und es war doch nur eine Person, eine leichte Abweichung von der ersten Aussage). Natürlich hat mein kein Stein bei der Person gefunden, aber das ist angesichts der erdrückenden Beweislast nur eine Nebensächlichkeit. Angesichts der eigenen grenzenlosen Großzügigkeit und dem allseits bekannten Einsatzgrundsatz der Deeskalation wird aber entschieden, die überführten Täter ziehen zu lassen. Nicht ohne ihnen einen gut gemeinten Ratschlag mit auf den Weg zu geben: Sollte heute irgendwo im süddeutschen Raum eine Straftat im Zusammenhang mit einem „Stein“ passieren, wären die Daten der Verdächtigen gespeichert und sie für diese Tat dann auch verantwortlich. Der Polizeiführungsstab habe sich aber dagegen entschieden, den so gut wie überführten Täter „das Spiel über einzusperren“(!!!!) Jeder Verdächtige wird noch von seinem ganz persönlichen Beamten begleitet.

Gott sei Dank hat niemand ein Feuerzeug dabei gehabt, gar nicht auszumalen was dann erst los gewesen wäre…

(erschienen in einem Sükurvenbladdl 07/08)