Großer Bruder, ich mag dich nicht (I)- Internet

Überwachungsstaat, Staatssicherheit, der gläserne Bürger. Alles Schnee von gestern könnte man meinen, schließlich leben wir ja nicht mehr im Hitlerfaschismus oder in einer sozialistischen Diktatur, sondern in einer sogenannten demokratischen Republik in der Freiheitsrechte und Datenschutz groß geschrieben werden. Doch leider ist auch im 21. Jahrhundert nicht alles Gold was glänzt und der kritische Blick auf die permanente Überwachung leider immer noch erforderlich. Doch im es vorweg zu nehmen: Nicht nur der Staat und seine Behörden überwachen uns. Auch Wirtschaftskonzepte und Marktforschungsinstitute sammeln mehr Daten von uns, als es uns lieb ist. Doch um euch Euch nicht mit trockenen Fakten zu überfluten, wollen wir einen Blick auf das Leben des Peter Pixels werfen, ihn in seinem Alltag begleiten und beobachten was er jeden Tag von sich preisgibt. Da wir Peter noch nicht persönlich kennen und seinen Namen nur vom Cover des Azione Kaos abgelesen haben, wollen wir uns vor unserer ersten Gegegnung mit ihm, erst einmal über seine Person im Internet kundig machen.
Herr Pixel ist schnell gefunden, steht er ja wie 1,5 Millionen anderer Jugendliche im Studentenverzeichnis „StudiVZ“, wodurch wir ohne große Probleme herausbekommen, dass Peter Maschinenbau an der FH Zwickau studiert und im vierten Semester mehr oder minder erfolgreich ist. Früher war er auf dem Peter Bräuer Gymnasium, woher er wohl auch die meisten seiner Freunde kennt, die natürlich auch auf dieser Seite angemeldet sind und alle auf Peters Profilseite verlinkt sind. Trotz der stattlichen Anzahl von 97 Freunden entnehmen wir der Page, dass er zur Zeit Single ist und jemanden zum „Dating“ sucht, was ihm allerdings schwer fällt, da er im Bereich „über mich“ von sich behauptet, Einzelgänger, schüchtern, und etwas seltsam zu sein. Peter hört gerne Rockmusik, manchmal aber auch klassische Musik von Beethoven und Schumann. Bei Hobbys und Interessen gibt er den FSV Zwickau, Malen, und Sport treiben sowie Lesen und Freunde Treffen an. Leider genügen uns diese Informationen zu Peter noch lange nicht, da wir weder wissen, wie er aussieht, noch wie seine Persönlichkeit aufgebaut ist.
Zum Glück hat er in seinem Profil einen Link auf seine Myspace- Seite gesetzt, so dass wir weitere Informationen sammeln können. Schon beim Überfliegen seiner Angaben sehen wir, dass er stattliche 1,97m groß ist, sowohl trinkt als auch raucht, bei Glauben Atheist angibt, kein Bock auf Kinder hat und sich als heterosexuell bezeichnet. Bei Myspace finden wir Peters restliche Freunde, die nicht studieren. Sie sind natürlich in seinem Profil verlinkt und schreiben ihm mehr oder minder gehaltvolle Grüße auf seine Pinwand. Zum Glück stellt unser unbekannter Freund auch Blogs (virtuelle Tagebucheinträge) auf seine Myspace- Seite. Wir überfliegen schnell den Blog mit der Überschrift „Cottbus Amateure“ und bemerken ohne tieferes lesen, dass Peter sich beim Fussball wohl mindestens genauso sehr für die Stimmung interessiert, wie für das „Geholze“ (wie er schreibt) auf dem Platz. Auch braucht man nicht lange um herauszufinden, dass er bei den Ultras ist.
Leider stellt Peter weder im StudiVZ, noch bei Myspace Bilder von seiner Person ins Internet, weswegen wir weitersuchen müssen. Bei Zwigge.de finden wir schnell einen Benutzer mit dem gleichem Pseudonym, dass Peter bei Myspace verwendet. Aus dem Profil entnehmen wir, dass auch der reale Vorname, Körpergröße, der Musikgeschmack und die Interessen identisch sind. Und selbst die Freunde die er bei Zwigge.de hat, kommen uns irgendwie bekannt vor. Keine Frage, dass muss unser Peter sein.
Endlich finden wir Angaben zu seinem Körpergewicht, seiner Augen- und Haarfarbe, sowie zu seiner bevorzugten Küche („Stadionwurst“). Und glücklicherweise hat unser Freund auch 197 Fotos bei Zwigge hochgeladen. Endlich wissen wir auch wie Peter aussieht. Auf allem Fotos trägt er seine Propellermütze; erstaunlich! Scheint wohl sein Markenzeichen zu sein. Durch seine abgegebenen Kommentare, die man ohne weiteres nachlesen kann, merkt man ihm an, dass er auf Nazis und Erzgebirge Aue nicht gut zu sprechen ist, denn er beleidigt schier alle Zwigge- Nutzer, die entsprechende Bilder hochladen. Und auch die von Peter besuchten „Events“ kann man durch einen Mausklick nachlesen. Toll, Peter war am Wochenende in der gleichen Disko wie wir.
Nach nicht einmal eine Stunde Internetrecherche wissen wir von Peter schon genau so viel, wie von unserem Banknachbar in der Schule. Das Internet macht’s eben möglich. Geht’s Dir auch wie Peter? Hurra der Technik.
Der große Bruder beobachtet Dich!

(Aus Azione Kaos – Gesammelte Werke von Red Kaos Zwickau)