Fussball und Rassismus im Wandel – Akzeptanz in der Öffentlichkeit? – Ein Blick nach Ungarn -

In Ungarn wurde anfangs diesen Monats gewählt. Die rechtsextreme Jobbik-Partei erhielt dabei über 16 % der Stimmen. Besonders durch rassistische Parolen, speziell einen ausgeprägten Antiziganismus konnte diese Partei im Vorfeld der Wahlen Unterstützung für sich gewinnen.
Wie sich das gesellschaftliche Problem des Rassismus auch im Fußball widerspiegelt, zeigt uns ein Leserbrief aus Ungarn, den wir vor einiger Zeit auch schon einmal im Südkurvenbladd‘l abgedruckt hatten.

Nachdem ich nun seit einigen Jahren ansteigend und fast monatlich intensiver meinen Verein den FC Bayern begleite und unterstütze, denke ich beurteilen zu können, welche Einstellung unsere Kurve im Grundkonsens gegenüber Diskriminierung jeglicher Art, aber im speziellen gegen den „Virus“ Faschismus trägt und nach aussen hin vertritt. Nicht zu letzt ist genau diese hiermit gemeinte, weltoffene und freiheitsliebende Einstellung unserer Kurve, die Frucht von vielzähligen, intensiven und inhaltlichen Aktionen, welche mit viel Engagement und Herzblut von unseren Leuten vorbereitet und durchgezogen worden sind. Ein Beispiel hierzu ist das ja bald wieder stattfindende „Kurt – Landauer – Turnier“ welches zu Ehren unseres damals von den Nazis verfolgten und verbannten jüdischen Präsidenten abgehalten wird.
Leider höre ich aber oftmals die teilweise nicht wissenden, teilweise aber ignoranten Stimmen derjenigen, welche die Meinung vertreten, dass genau solche Aktionen nicht in unsere „Süd“, ja nicht einmal in Verbindung mit ihr stehen sollten, da ja nach Ihren Meinungen, Fussball mit Politik nichts zu tun hat, oder haben sollte. Nun, hinter dieser Aussage kann ich nicht stehen, beziehungsweise möchte die absolute Notwendigkeit für immer wiederkehrende Tätigkeiten dieser Art mit folgenden Erfahrungen unterfüttern.
Da es mich beruflich seit ca. 2 Jahren regelmässig in das wunderschöne Ungarn verschlägt und dort mittlerweile aus vielen Kollegen, gute Freunde geworden sind, ist mir der Fussball vor Ort genauso ans Herz gewachsen. Einige meiner Freunde sind aktive Mitglieder in den Tifos vor Ort und von einem möchte ich euch heute berichten, dessen Geschichte ihr kennen solltet um meinen oben aufgeführten Ansatz im Detail zu verstehen.
Tamàs (Name geändert) ist nun seit seiner Kindheit grosser Fan des ungarischen Traditionsverein Ùjpest FC und wie bei vielen von uns ist die anfängliche „einfache“ Symphatie zu diesem Verein, im Laufe der Zeit mehr und mehr gewachsen und hat mit dem Beitritt zu der dort ansässigen Ultragruppierung, den „Viola Bulldogs“, seinen Höhepunkt erreicht. Die lila flatternden Fahnen, die lautstarken Gesänge wie aus einer Kehle, die hell leuchtenden Bengalos und der ach so gut riechende Geruch von Rauch haben ihn von Anfang an fasziniert und in einen Bann gezogen. Nebenbei bemerkt, wer von uns kann dies nicht verstehen, ist es uns doch wahrscheinlich ähnlich ergangen. Jedesmal wenn er von der „guten alten Zeit“ im Block spricht, glänzen seine Augen, er erzählt mir von seinen Erlebnissen in den diversen Stadien, vom Support seiner Gruppe, den auch dort mittlerweile extremen Repressionen gegen die ansässigen Ultras, im Gegenzug hört er mir wie gebannt zu, wenn ich ihm von meinen Erfahrungen berichte und er versteht jeden Kilometer den ich auf der Strasse verbringe, nur um meinem Verein nahe zu sein und seine Farben weit über das Bundesgebiet hinaus zu vertreten. In letzter Zeit grenzen wir dieses Thema aber immer häufiger aus, wenn wir uns sehen. Ihr werdet euch jetzt fragen, warum dies der Fall ist, gibt es doch nichts schöneres, als über Fussball zu sprechen und fachzusimpeln. Nun, wenn ihr den Hintergrund kennt, versteht ihr wahrscheinlich, weswegen ich ihn damit lieber nicht mehr belasten möchte. Alles hat begonnen, als Tamás merkte, dass immer häufiger rechtsradikale Parolen von Teilen der Gruppe skandiert worden sind, speziell wenn es gegen den grösstenteils aus jüdischen Bürgern bestehenden Club von MTK Budapest ging. Anfänglich dachte er sich nichts dabei und blieb bei solchen Gesängen dann eben einfach still, schliesslich waren es ja „nur“ Lieder und die tun ja niemanden weh und überhaupt gehört ein wenig Hass zum Fussball ja dazu. Auch bei den typischen Gesten, handelt es sich ja nur um Provokationen gegenüber den gegnerischen Fans. – Hätte er lieber diese Einstellung seiner Gruppe zu damaligen Zeitpunkt schon ernsthaft hinterfragt. – Was Ihm damals schon aufgefallen ist, waren die ständigen hitzigen Gespräche, ging es um das Thema Zigeuner in Ungarn. Diese seien ja an der schlechten Lage des ungarischen Staates alleine Schuld, das Geld das die kriegen, bekommen sie fürs nichts tun und schlecht benehmen tun die sich auch alle. Richtig ernsthaft auseinandergesetzt hat sich Tamás mit diesem Thema nicht, schliesslich hatte er ja auch schon die ein oder andere kleinere schlechte Erfahrungen mit diesen Leuten gemacht. Wo es ging, schwieg er bei diesem Thema, da er ja nicht generell gegen diese Mitbürger in Ungarn war, aber sich eben auch nicht den Missmut seiner Freunde zuziehen wollte, schliesslich ging es ihm ja um den Fussball und den Support und um seinen Verein den Ùjpest FC, das war was zählte, sonst nichts.
Vor einigen Monaten lernte Tamás bei einem abendlichen Besuch in Budapest (nebenbei bemerkt eine der schönste Städte die ich je gesehen habe) die hübsche Katalin (Name geändert) kennen. Er hat Sie mir kurz darauf vorgestellt und ich muss sagen, man merkte sofort, dass beide auf einer Wellenlänge schwebten, Katalin ist eine sehr hübsche, sympathische und obendrein intelligente Frau. Am selben Abend lud Sie uns zu sich nach Hause ein und kochte für uns, auch Ihr Eltern waren anwesend und als ich die Wohnung betreten habe, sah ich ein grosses Gemälde an der Wand, welches darauf hindeuten ließ, dass die Familie jüdischen Glaubens ist, was sich später auch als Wahrheit erwies. Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass ich anfänglich sehr verkrampft war, bin ich doch erstens Ausländer und zweitens noch zusätzlich Deutscher. Ich gebe schon zu, dass ich etwas nervös war, die Familie kennenzulernen, wie würden sie auf mich reagieren? Alle Sorge war aber unnötig, denn eine solche Gastfreundschaft wie dort, habe ich noch selten erlebt. Da kann sich unsere Nation eine gehörige Scheibe davon abschneiden, wüsste nicht wie Leute hierzulande reagieren würden in einer umgekehrten Situation, grossen Respekt an diese Familie.
Katalin wollte bald darauf, wie es viele verliebte tun, natürlich die Hobbys und den Tagesablauf von Tamás näher kennenlernen und leider anders als hierzulande, ist es nicht gang und gebe, dass Mädels und Frauen die Kurven in den Stadien bereichern, aber trotzdem nahm Tamás sie mit und war eigentlich ganz stolz auf seine Liebe, als Sie im Block bei Ihm war.
Leider sahen das seine sogenannten Freunde im Block nicht so, denn was nach dem Spiel folgte, lässt mir heute oft noch die Tränen in die Augen steigen. Durch die Wohngegend Katalins und durch Ihren Nachnamen, war auch diesen Leuten schnell klar, welche Abstammung die neue Freundin von Tamás hatte. Sie prügelten Sie und Ihn durch die halbe Stadt und beendeten diesen Albtraum mit den Worten: „Wir wollen dich und deine Schlampe nie mehr bei uns hier sehen, hier ist kein Platz für dieses Gesocks!“
Als ich die Geschichte das erste Mal hörte, konnte ich es nicht glauben, sowas könnte bei uns in München nie passieren! Wirklich nicht? Mittlerweile bin ich mir da ziemlich sicher, dass sowas bei uns nicht passieren würde, aber bitte hinterfragt mal warum das so ist und denkt bitte auch daran, dass vor noch gar nicht so langer Zeit noch Sprüche wie: „SS, SA Bavaria“ durch die Stadien hallten. Als Spass würde ich das nicht mehr bezeichnen, denn ihr seht ja was passieren kann, wenn man das Thema nicht ernst nimmt, oder gar versteckt oder nicht wahr haben will. Nur wenn wir uns ALLE aktiv gegen den Faschismus und Diskriminierung stellen, treiben wir die Nazis aus unserer Südkurvenheimat. Nur wenn wir Ihnen keine Plattform mehr bieten, verschwinden sie und „keimen“ nicht wieder neu. Wir dürfen deshalb nie aufhören, dies aktiv in unserer Kurve zu zelebrieren, was wir momentan tun, den Faschismus den Kampf ansagen! Nur so vertreiben wir dieses Pack Stück für Stück aus Ihren Lebensräumen. Deshalb mein Appell, bitte überhört es nicht, wenn einer neben euch zum Beispiel Sachen brüllt wie: „Du Schwarze Sau“ oder „Dreckiger Jude“, das ist keine Kleinigkeit, ihr seht ja was passieren kann. Zusätzlich bin ich den Leuten, die solche Sachen immer wieder auf die Beine stellen tausendfach dankbar und verspreche, wo es geht hier zukünftig aktiv mitzuhelfen.

„Freedom is very expensive. It is necessary to either, give up and learn to live without it, or take the chance and pay its price!” -José Marti 1880-
PS:
Meinen beiden Freunden geht es mittlerweile wieder den Umständen entsprechend gut, aber die Lust auf Fussball ist Tamás vergangen, deshalb nochmals, lasst euch dieses wertvolle Volksgut „Fussball“ nicht nehmen, kämpft dagegen an, hier und überall! Ruhe und keine Eskalation ist gut, aber wo es notwendig ist (und hier ist es notwendig) müssen wir aufstehen und uns wehren!

„Wer die Freiheit zugunsten temporärer Sicherheit aufgibt, hat weder Freiheit noch Sicherheit verdient!“