Interview mit einer Sektion South Winners Marseille

Anlässlich unsere Sieges über Olympique Lyon präsentierten die Ultras von Olympique Marseille ein rot-weißes Spruchband mit der Aufschrift „Munich c‘est magique“, um ihre Feinde aus Lyon etwas zu ärgern. Das Spruchband kam auch schon 1996 nach unserem UEFA-CUP Triumph über Girondins Bordeaux zum Einsatz. Eigentlicher Hintergund der Aktion ist, dass Marseille 1993 in München den Europapokal der Landesmeiser gewinnen konnte. Unsere Stadt ist gilt den Marseillais daher als magisch.
Grund genug, eine Ultrasgruppe von Olympique in Form eines Interviews, durchgeführt von unseren Freunden von USP, etwas näher zu betrachten.

„Die South Winners sind eine der führenden Gruppen in Marseille. SW hat auch eine große Anzahl von Sektionen außerhalb der Provence. Um mehr über die Ultraszene in Marseille, die South Winners und dessen Sektionen zu erfahren, haben wir den Fanzineschreiber, eines der wichtigsten Mitglieder der SW Sektion „Fabulous Massalia“ aus der Umgebung Saint Quentin (ca. 170 km von Paris) interviewt.

Erzähl uns erst mal über die Gruppe South Winners?

Die South Winners sind eine der wichtigsten Ultragruppierungen in Marseille und wurden 1987 gegründet. Sie stehen im oberen Teil der Südkurve und teilen sich die Kurve mit Commando Ultra´84. In Marseille verwalten die Gruppen die Dauerkarten selbst. Die SW hat 5500 Dauerkarten verkauft, jedoch besteht der Kern der Gruppe nur aus 300 Mitgliedern. Der Rest der Kurve sind Sympathisanten oder normale Zuschauer. Um ein richtiger South Winner zu werden, muss man von dem Kern der Gruppe anerkannt werden. Die Gruppe ist antifaschistisch und anarchistisch eingestellt. Die Farbe Orange der Gruppe bildet ein Kontrast zu den Farben Blau-Weiß von OM. Früher trugen fast alle Mitglieder der Winners ihre (Bomber-)Jacken verkehrt herum, um sich von den Boneheads der Kop of Boulogne (PSG) abzugrenzen.

Stell uns deine Sektion etwas näher vor?

Im September 2004 wird die „Fabulous  Massalia“ 10 Jahre alt, seit 6 Jahren sind wir eine offizielle Sektion der SW. Unsere Sektion umfasst 500 Leute, von denen 125 eine Dauerkarte haben. Die Meisten haben jedoch nicht die Mentalität Ultra´, und kommen nur zu den wichtigsten Spielen oder zu denen, die in ihrer Nähe stattfinden. Seit einem Jahr haben wir ein eigenes Fanzine, in dem wir schreiben, wieso wir zu fast allen Spielen in ganz Frankreich fahren, obwohl die Fahrt nach Marseille 1600 km in Anspruch nimmt.

Wie groß ist euer Einfluss auf die Hauptgruppe SW?

Unsere Gruppe hat kaum Einfluss bei den South Winners. Wir sind nur ein kleiner Teil der Winners Family. Die SW wollen eine Einheit sein, die sich gut versteht. Unser Einfluss macht sich nur bei Spielen in Nordfrankreich bemerkbar, denn ohne uns wäre die Stimmung dort noch viel schlechter, mangels Masse.

Habt ihr Freundschaften oder Kontakte zu anderen Gruppen?

Unsere Sektion hat keine Kontakte mit anderen Gruppen, die nicht aus Marseille sind. Es existieren nur persönliche Kontakte zu den Ultras aus Lens, Lille, Metz und Bordeaux.

Habt ihr politische Ideen? Sind sie für dich wichtig, auch im Stadion?

Unsere Gruppe kämpft gegen Faschismus und Rassismus. Jedoch steht im Stadion der Fußball im Vordergrund.

Wie bist du damals zu den South Winners gekommen, immerhin kommst du aus einer ganz anderen Region Frankreichs?

Meine Leidenschaft für OM ist dank der glorreichen Zeit mit Papin, Waddle und Mozer gekommen. Ganz Frankreich war damals von OM in den Bann gezogen. Am 26. Mai 1993 gewann Marseille als einzigster französischer Verein den Europapokal der Landesmeister. Ganz Frankreich zitterte mit OM vor dem Fernseher. Eine Saison später sah ich mein erstes Spiel von OM. Ich war absolut begeistert von der fanatischen und hysterischen Stimmung seitens der OM Fans. Schnell lernte ich den Chef der SW und den Präsidenten von MTP kennen – Patrice Deperetti er ist leider schon gestorben. Durch sie kam ich zu den South Winners.

Wie hoch ist das Ultra Niveau in Frankreich?

Ich denke die Ultras aus Frankreich haben einen guten Ruf, besonders dank der Gruppen aus Marseille, Paris und Saint Etienne. Was die Tifos betrifft, müssen wir uns glaube ich nicht vor unseren italienischen Freunden verstecken. Immer mehr Gruppen folgen ihren Mannschaften durch ganz Frankreich. Fast alle Gruppen fahren zu jedem Spiel und sind überall präsent. Das Hauptproblem bleibt jedoch die Mentalität. Der Unterschied zu Italien ist, dass das Gefühl einer Gruppe oder Kurve anzugehören, nur im Kern einer Kurve vorhanden ist. Der Einfluss der Gruppen ist daher begrenzt und die Solidarität innerhalb der Kurve ist nicht immer vorhanden. Jedoch kann man sagen, dass die französischen Ultras in den letzen Jahren große Fortschritte gemacht haben, und somit meiner Meinung nach direkt nach Italien und Griechenland kommen.

Glaubst du, die Marseille Fans haben eine ganz eigene Mentalität? Was macht diese aus?

In Marseille gab es die ersten Ultras in Frankreich. Die Ultrakultur existiert dort schon seit Anfang der 80er. In Marseille sind 6 verschiedene Gruppen aktiv, die jede ihre eigene Mentalität hat. CU 84 ist eine reine Ultragruppierung. MTP (Marseille Trop Puissant) und SW sehen dagegen auch den sozialen Aspekt, so dass arme Stadtviertel von der Arbeit dieser Gruppen profitieren. Die Kapazität der beiden Kurven umfasst 28000 Plätze. Marseille hat Millionen von Sympathisanten in ganz Frankreich. Jedoch haben nur wenige die Mentalität der Ultras, welche man in den jeweiligen Kernen der Gruppen wiederfindet.

Wie sieht es bei eurer Gruppe mit Problemen mit der Polizei und Ordnern aus, habt ihr oft mit willkürlichen Repressionen zu kämpfen?

Die Repressionen von Seiten der Polizei wird in Frankreich immer größer. Der aktuelle Trend der totalen Sicherheit wird von den Politikern genutzt, wirksam mit sehr viel höheren Sicherheitsmassnahmen gegen uns angeblich „gefährliche Hooligans“ vorzugehen. Die Fanbewegung leidet in Frankreich unter Fehlinformationen von Seiten der Medien, wodurch die öffentliche Meinung manipuliert wird. Letztes Jahr wurde z.B. die Gruppe MTP 12 Stunden in einer Nebenstrasse zum Stadion von der Polizei festgehalten, ohne dass davon etwas in der Presse stand. In Paris und St. Etienne wurden alle Busse samt Insassen aus Marseille komplett von der Polizei durchsucht. In Lille wurde am Ausgang jeder Marseille Fan einzeln gefilmt, obwohl während des Spiels nichts passierte. OM hat in dieser Saison schon 100000 Euro Strafe zahlen müssen, wegen pyrotechnischen Gegenständen in den Kurven seitens der OM Fans. Alle Gruppen leiden sehr unter den immer stärker werdenden Repressionen, so dass am 19. Juli 2003 ein erstes landesweites Ultratreffen stattfand, wo man über weiteres Vorgehen und Aktionen gegen Repressionen diskutiert hat. Mittlerweile treffen sich über 40 Gruppierungen regelmäßig zu landesweiten Ultrakonferenzen gegen Repressionen. Ich denke die französischen Ultras sind reifer geworden, sie können Rivalität vergessen, um gemeinsam erfolgreich gegen die Repressionen zu kämpfen.

Zum Abschluss des Interviews noch die Frage, was hältst du von der deutschen Ultraszene, und speziell von den Fans von Sankt Pauli?

Was mich betrifft, interessierte mich zunächst nur Italien und nicht die Länder weiter nördlich. Jedoch habe ich letztes Jahr zum ersten mal die Zeitschrift Erlebnis Fußball gelesen, und ich war sehr beeindruckt von den deutschen Tifos. Ein Vorteil für viele deutschen Gruppen ist, dass sie tolle Stadien haben, wo der Kreativität der Choreos keine Grenzen gesetzt sind. Sankt Pauli hat in Frankreich den Ruf, absolut antifaschistisch zu sein. Wenn man in  Frankreich vom Antifaschismus in Deutschland spricht, denkt jeder französische Ultra` sofort an Sankt Pauli. In Marseille sieht man sehr viele Sankt Pauli T-Shirts. Ich hoffe, das Sankt Pauli schnell wieder aufsteigt. Vielleicht werden einige von uns euch demnächst in Hamburg besuchen…

Das Interview ist schon etwas älter, das genaue Datum hatten wir auf die schnelle leider nicht mehr im Kopf.