Archiv für August 2010

ZUM ERHALT DER FANKULTUR

Zum Erhalt der Fankultur

Demonstration am 09. Oktober 2010 in Berlin
Treffpunkt 13.00 Weltzeituhr am Alexanderplatz | Eröffnungskundgebung 14.00 Uhr
Organisatoren: Fan- und Ultraszenen aus Deutschland; ProFans; BAFF; Unsere Kurve

Warum jetzt eine Demo für Fankultur?

Jeder der sich etwas regelmäßiger mit Fußball in Deutschland auseinandersetzt, wird in der letzten Saison zahlreiche Horrormeldungen aus den Medien vernommen haben, die von einer Eskalation in den Fanszenen berichteten. Zeitweilig schienen sich die Schlagzeilen zu überschlagen. Und während die halbe Nation über die Vorfälle von Bochum (Nürnbergfan durch Pyrotechnik verletzt) , Berlin (Platzsturm) oder anderswo debattierte, meldeten viele Fanszenen Stadionverbotswellen: Nürnberg, Hertha, München, Hamburg, Köln, Hannover, Bielefeld und einige mehr. Es gab Strafen die bislang im deutschen Profifußball ein Novum darstellten: Verbote von Auswärtsfahrten (Nürnberg, Köln, Rostock), oder die Schließung einer Heimkurve (Hertha). Für das Vergehen einiger weniger, wurden ganze Fanszenen bestraft. Vermehrt wurden Einschränkungen für Fanszenen diskutiert und teilweise umgesetzt: personalisierte Tickets, Verbote von Fanutensilien und Choreographien, Verbote eigener Fanzines und so weiter. Dies alles sind Strafen die weder ein Konzept der Prävention künftiger Zwischenfälle vorweisen, noch beziehen sie sich auf konkrete Vorkommnisse – und sie treffen in der großen Mehrheit völlig unbeteiligte, friedliche Fußballfans.
Wie sahen die Reaktionen der Fanszenen aus? Wenn überhaupt, dann gab es kleinere Aktionen (z.B. in Form von Spruchbändern) in den einzelnen Szenen selbst. Aber passierte irgendetwas von mehreren Szenen zusammen? Eine tatsächliche Fanszenenübergreifende Aktion, die öffentlich antwortet, Vorwürfe kommentiert und evtl. richtig stellt, die zeigt was Fankultur neben einigen Negativschlagzeilen in der Regel positives ausmacht, so etwas hat es schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Daher ist nun, nach dem Chaos der letzten Saison und dem abgeklungenen Fußballboom der WM, die Zeit gekommen am Anfang der neuen Saison 2010/2011 auf die Straße zu gehen und zu zeigen, was uns Fankultur bedeutet und wert ist.

Jetzt ist die Zeit, ein Zeichen zu setzen!

Wir sollten uns nicht nur beschweren, einklagen und fordern. Wir sollten für die Fankultur, die wir leben, werben. Wir sollten auf die Straße gehen und kundtun wie bund, kreativ und vielseitig faszinierend Fankultur ist. Wie viele Fanszenen engagieren sich neben dem Fußball für gesellschaftliche Belange? Wie viele zeichnen sich durch soziales Engagement in ihrer Szene, ihrem Verein, oder ihrer Stadt aus? Ist das der Öffentlichkeit überhaupt in der Form bekannt?
Die Demo soll ein Zeichen an alle Funktionäre und Fußballbosse sein, das ihnen klar macht, dass der Fußball nur mit uns das ist, was alle fasziniert. Sie sollen merken was sie riskieren, wenn sie weiter den Kurs der Verdrängung unserer Kultur fahren.
Es soll aber auch soll ein Zeichen sein an alle Fanszenen. Ihnen soll klar werden, dass wir gemeinsam für unsere Fankultur einstehen müssen, wenn wir sie auch in der Zukunft noch leben wollen.
Es soll ein Zeichen für die Fanszenen sein, mehr über ihr Dasein ihr Tun und Lassen zu reflektieren. So viele Steine legen sich die Fanszenen oftmals selbst in den Weg. Es wird Zeit zu diskutieren, aus Fehlern zu lernen und selbst zu handeln, wenn wir unsere Fankultur erhalten wollen.


Warum eine Demo in Berlin?

Unter dem Motto „Zum Erhalt der Fankultur“ fand bereits im Jahr 2002 in Berlin eine gemeinsame Demonstration von Fans verschiedenster Vereine statt und auch 2005 setzten die Fans mit einer farbenfrohen Demonstration in Frankfurt ein ausdrucksstarkes Zeichen für den Erhalt der Fankultur. Auch wenn sich seither viel in den Fanszenen verändert hat und einige Problemfelder sich verlagert haben, sind die Themen und grundlegenden Probleme bis heute die gleichen geblieben. In manchen Bereichen konnten kleinere Fortschritte erreicht werden (z.B. die Verkürzung der Stadionverbotslaufzeit, oder teilweise lokale Anhörungsmöglichkeiten bei Stadionverbotsfällen), in anderen hat sich die Lage verschlimmert. Als Beispiel seien die BGH-Urteile zur Rechtmäßigkeit des Stadionverbotes auf Verdacht, oder der Datensammlung in der Datei-Gewalttäter-Sport genannt. Wir wollen mit dieser Demo den Bogen zur Demo 2002 schlagen und das damals begonnene Engagement endlich zusammen weiterführen.

Was sind heute im Oktober 2010 konkrete Probleme von Fußballfans?
Was sind Gefahren für unsere Fankultur?

Mit der folgenden Auflistung geben wir Euch einen kleinen Überblick:

Stadionverbote

Stadionverbote werden immer schon bei Aufnahme eines Verfahrens, also VOR dem Beweis der Schuld des Betroffenen vergeben. Angeblich haben sie einen präventiven Charakter, de facto stellen sie eine Strafe dar und haben keineswegs präventive Züge. Die Gewalt nimmt im Gegenteil zu, wenn jugendliche Fans wegen Lappalien aus dem Stadion und von ihren Freunden ausgesperrt werden. Denn dadurch wird ihnen selber Gewalt angetan, ihr Vertrauen in den Rechtsstaat und auch die Gerechtigkeit allgemein wird erschüttert und sie werden in nicht unerheblichen Maß kriminalisiert. Sie finden sich vor den Stadiontoren wieder, wo ein von Fans und Polizei gleichermaßen gepflegter gewalttätiger oder pseudo-gewalttätiger Habitus existent ist und eine Alternative zur grauen Tristesse darstellt. Das Gewalt schon lange nicht mehr in den übermäßig überwachten Stadien stattfindet, widerspricht ebenfalls der Mär vom präventiven Charakter der Stadionverbote. Stadionverbote vermindern nicht die Gewalt, sie schüren sie. Außerdem widersprechen Stadionverbote rechtsstaatlichen Grundsätzen und sind keine Lösung für die Probleme des Fußballs. Sie sind ein Problem.


Datei Gewalttäter Sport

Die Datei Gewalttäter Sport ist eine riesige Datensammlung von Fans, unabhängig davon ob sich diese etwas zu schulden haben kommen lassen oder nicht. So reicht es zum Beispiel zusammen mit schon in der Datei eingetragenen Personen kontrolliert zu werden, um in die Datei aufgenommen zu werden. Diese Eintragung hat dann allerdings einen ganzen Rattenschwanz an negativen Auswirkungen. So kann sie Grundlage für so genannte Gefährdenansprachen sein, bei denen Fans durch Besuche durch Polizeibeamte zuhause oder in der Arbeit bewusst in ihrem sozialen Umfeld bloßgestellt werden sollen. Wenn die Bundesrepublik ein Sozialstaat sein will, widerspricht sie sich mit diesem Verhalten. Anstatt die Verantwortung für scheinbare „Problemfälle“ zu übernehmen, wird diese weitergeschoben und mehr noch, es wird durch solches Vorgehen dafür gesorgt, dass betroffene Personen nahezu gänzlich aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Außerdem stellt die Eintragung eine Stigmatisierung bei beispielsweise Grenz- oder gewöhnlichen Verkehrskontrollen dar. Dabei muss man sich vor Augen führen, dass sie auf vage Verdachtsmomente und subjektive Einschätzungen beruht. Die Datei wurde auf dem Rechtsweg über mehrere Instanzen als unzulässig eingestuft und erst durch eine nachträgliche Rechtsverordnung des Bundesrates legitimiert. Dabei spricht es Bände, dass dabei der Bundestag umgangen worden ist, um diese Änderung vor der Öffentlichkeit zu verbergen und eine Debatte im Bundestag zu vermeiden.

Polizeiliche Gewalt

Die Art und Weise, wie einzelne Beamte in der Regel aber auch die gesamte Einsatztaktik sich gegenüber Fans verhalten, führt in der Regel zu Frustration, Aggression und Eskalation auf Seiten der Fans. Diese Eskalation wird nicht nur bewusst in Kauf genommen sondern ist Kalkül. Die Polizei schafft sich ihre Problemfans selber. Der Alltag der Fans besteht besonders auf Auswärtsfahrten aber auch bei Heimspielen aus engen Polizeikesseln, ständigen Kontrollen und Schikanen und Aggressionen und Provokationen. Der allseits bekannte Chorgeist der Polizei schützt dabei nicht nur dieses Vorgehen sondern auch Gewalttätigkeiten und Übergriffe gegen Fans. Dass dies nicht nur unbegründete Vorwürfe von Fußballfans selbst sind, kann man z.B. aus Berichten der Menschrechtsorganisation Amnesty-International entnehmen, die im Rahmen der Untersuchung von unaufgeklärten Misshandlungen durch die Polizei in Deutschland, auch Ausführungen über rechtswidrige Gewalt von Polizisten bei Fußballspielen machen.

Meldeauflagen, Betretungsverbote und Ausreiseverbote

Solche sicherheitspolitischen Maßnahmen, die ebenfalls ohne Kontrollinstanz in einem Zusammenspiel von Polizei und Behörden verhängt werden, bekommen eine größer werdende Bedeutung. Immer mehr Fans sind davon betroffen. Was das konkret heißen kann, wird vielleicht verständlich, wenn man sich mal überlegt, was passieren würde, wenn man selbst seinen Job verliert, weil die Arbeitsstelle zufällig in einer Bannmeile (z.B. aufgrund von Stadionnähe, oder wegen Großveranstaltungen in der WM-Zeit) liegt, die nicht betreten werden darf, was von den Polizeibeamten auch mehrmals täglich überprüft wird und die Chefetage nun kein Verständnis für ein so begründetes Fehlen hat!? Solche Szenarien klingen inszeniert, jedoch sind diese theoretischen Dilemmata längst Realität geworden. Wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen wird an dieser Stelle deutlich, dass der Rechtsstaat sich immer mehr zu einem Sicherheits- und Präventionsstaat entwickelt. Wie schon so oft dient der Fußball als Versuchsort und Einfallstor für einen stetigen Ausbau staatlicher Handlungsweisen.
Dabei wird gezielt mit einem konstruierten Bedrohungsszenario für die Bevölkerung gearbeitet.

Einschränkung von Fanfreiheiten

Fahnen, Trommeln, Megaphone, Choreographien, unabhängige Fanzines und viele andere Dinge sind Elemente von Fankultur, die ihre Kreativität und Farbe ausmachen. Leider sind viele Fanszenen in diesen essentiellen Punkten großen Restriktionen, Einschränkungen und Verboten ausgesetzt. Diese beruhen aber so gut wie nie auf vernünftigen Sachzwängen, sondern sind so gut wie immer reine Schikane und Machtdemonstration. Eine unabhängige und zu Eigenverantwortung befähigte Fankultur braucht aber Luft zum Atmen.

Kommerzialisierung

Wenn wir uns als Fans gegen die Kommerzialisierung des Fußballs oder „gegen den modernen Fußball“ aussprechen, dann heißt das nicht, dass wir uns vor Notwendigkeiten verschließen oder das Rad der Zeit zurück drehen wollen. Wir wehren uns aber gegen eine Entwicklung, die Maßlos ist und alle anderen Interessen der Profitmaximierung unterordnet. Wir Fans sind auch ein wichtiger Teil des Fußballs, nicht mehr und nicht weniger!

Anstoßzeiten

Die Terminierung der Spieltage sind das beste Beispiel dafür, dass alle anderen Interessen denen der Geldgeber, hier also der TV-Konzerne untergeordnet werden. Für die wahren Fans wird es dadurch immer schwieriger ihrer Mannschaft zu den Spielen zu folgen. Dass es nicht sinnlos ist, für Belange wie Anstoßzeiten zu kämpfen, zeigt ein Beispiel der jüngeren Vergangenheit: Motiviert durch die internationale Aktion für fangerechte Anstoßzeiten „Our game – our time“,
verkündete der schwedische Fußballverband eine Änderungsbereitschaft bei den Anstoßzeiten!

Pyrotechnik

Ein verantwortlicher Umgang mit Pyrotechnik ist für uns ein wichtiger Aspekt von Fankultur. Sie drückt Begeisterung aus und erzeugt Faszination. Erst durch die Kriminalisierung von Pyrotechnik kommt es zu teilweise gefährlichem Umgang mit selbiger. Wir möchten auf die Doppelmoral hinweisen, mit der Pyrotechnik einerseits als „südländische Begeisterung“ verkauft und andererseits mit Gewalt gleichgesetzt wird. In letzter Zeit wird in den Medien gezielt versucht, den Einsatz von Pyrotechnik als Ausschreitungen darzustellen. Wir wünschen uns in diesem Zusammenhang eine sachliche Diskussion.

Wie wurde bislang mit diesen Themen umgegangen?

All diese Probleme sollten auf dem so genannten „Leipziger Fankongress“ im Jahr 2007 thematisiert werden. Daraus entstand die so genannte „AG Fandialog“, in der sich DFB und Fanvertreter von ProFans, Baff und unsere Kurve fortan regelmäßig trafen. Der Charakter dieser Veranstaltung spricht Bände über die Art und Weise, wie mit den Faninteressen umgegangen wird. Zwar gab es viele Lippenbekenntnisse, eine wirkliche Verbesserung trat in keinem der genannten Problemfelder auf. Vielmehr diente die Veranstaltung dazu, dass sich der DFB öffentlichkeitswirksam als gesprächsbereit und fannah hinstellen konnte.

Aber auch wir Fans müssen auf unserer Seite Versäumnisse und Fehler einräumen. Eine jetzt einsetzende selbstkritische Diskussion über die eigenen Handlungsweisen hätte schon viel früher einsetzen müssen. Dies müssen wir ganz klar eingestehen. Parallel zu einer Diskussion über die erwähnten Probleme, denen wir Fans ausgesetzt sind, muss jetzt innerhalb der verschiedenen Fanszenen eine selbstkritische Reflexion der eigenen Handlungsweisen stattfinden und Konsequenzen haben. Wir sind uns bewusst, dass Freiheit auch Verantwortung mit sich bringt. Noch einmal: Diese Demo soll auch ein Zeichen an uns Fanszenen sein!
Wir möchten betonen, dass wir weiter auf Dialog setzen wollen. Wir sind ein Teil des Fußballs und wollen, dass man uns zuhört.

Die Demo ist erst der Anfang

Unser Vorhaben ist es, den Einsatz „Zum Erhalt der Fankultur“ gemeinsam fortzusetzen. Unter diesem Motto soll mit der Demo eine Kampagne ins Leben gerufen werden, bei der jede Fanszene, auch jeder einzelne Fan eingeladen ist mitzuwirken. Es wird eine Internetseite eingerichtet auf der künftig über sämtliche Beiträge und Aktionen für diese Kampagne berichtet wird, auf der ihr Neuigkeiten im Einsatz für Fanrechte erfahren – und Euch als Unterstützter eintragen lassen könnt. Informiert Euch auf: erhalt-der-fankultur.blogspot.com
Macht mit bei künftigen Aktionen. Beteiligt Euch an Diskussionen. Berichtet in Euren Fanszenen davon. Erzählt davon in Euren Familien und bei Euren Freunden.
Lasst uns gemeinsam die Sache voranbringen.

KEIN KICK OHNE FANS! ZUM ERHALT DER FANKULTUR!

Kommt zur Demo am 09. Oktober 2010 um 13.00 Uhr auf den Alexanderplatz in Berlin!
Die Demonstration wird von Fans für Fans organisiert. Wir bitten Euch um eine friedliche Teilnahme. Es sollte klar sein, dass übertriebene Feierei, sinnfreies oder beleidigendes Skandieren bei dieser Veranstaltung fehl am Platz ist und unserem Anliegen schadet!
Wer sich daneben benimmt, wird von der Demo ausgeschlossen.