Archiv für Dezember 2010

Lebe Ultrà – Liebe München

Wieder ein paar Bilder aus unserer wunderschönen Stadt. Diesmal: München bei Nacht.

Lesestoff für die Winterpause

Wir vom GDS-Blog wünschen Euch und Euren Lieben ein Frohes Fest und nen guten Rutsch in ein hoffentlich gesundes & erfolgreiches Jahr 2011!

Falls Ihr noch ein Last-Minute-Geschenk oder nen Wunsch für Weihnachten benötigt oder die spielfreie Zeit einfach so lieber sinnvoll nutzen wollt, als sie zu vergammeln, haben wir hier 10 Lesetips für Euch! 10 Bücher die unserer Ansicht nach zur absoluten Pflichtlektüre für Ultras gehören. 10 Bücher die jeder Münchner Ultrà gelesen haben sollte und jeder, der uns zumindest ein bisserl verstehen mag, eigentlich auch:

1. FEVER PITCH
http://www.hugendubel.de/3/14368553-1/buch/fever-pitch.html
Die verrückte Geschichte einer lebenslangen Liebe. Ein Fußballfan und sein Verein. „Fever Pitch“ ist DAS Buch für jeden Fußballfan. Da es sich um eine Geschichte handelt, die sich über mehr als 30 Jahre erstreckt, ist diese Erzählung auch ein Rückblick auf den Fußball wie er einmal war, als der Weg ins Stadion noch etwas bedeutete. In den heutigen modernen Fußballhallen ist das Spiel zur klinisch sauberen Angelegenheit geworden, die jede Atmosphäre zerstört. Dabei war Fußball immer mehr als das Spiel auf dem Rasen. Erst wenn keine Fans mehr im Stadion sein werden, wird man merken, dass Publikum keine Fans sind. Von daher ist diese Geschichte auch ein melancholischer Rückblick auf ein Spiel mit einer Lebensphilosophie, wie sie so nicht mehr zu finden ist.

2. EINE SAISON MIT VERONA
http://www.amazon.de/Eine-Saison-mit-Verona-Parks/dp/3442453747/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1292472389&sr=8-1
Eine Reise durch Italien auf der Suche nach Träumen, Fußball und dem Herzen des Landes. Seit zwanzig Jahren lebt Tim Parks nun im Veneto, und noch immer ist ihm die italienische Seele ein Rätsel. Was liegt also näher, als sich endlich mit dem Wichtigsten im Leben eines Italieners zu beschäftigen, dem Fußball?

3. I FURIOSI
http://www.hugendubel.de/3/14188678-1/buch/i-furiosi.html
„An den Rändern der großen Städte, den Stadien und ihrer Umgebung fließen die Gesänge von I FURIOSI zusammen. Eine poetische Prosa von Nanni Balestrini, die im Rhythmus der Geschichten von den Abfahrten im Morgengrauen aus den verwüsteten Randgebieten, den Horrorreisen in stinkenden Sonderzügen erzählt. Von den Schlägereien und Drogenexzessen der Rotschwarzen Brigaden des AC Milan.“ (La Repubblica, April 1994)

4. DIE ULTRAS
http://www.papyrossa.de/sites_buchtitel/gabler_ultras.htm
Mit den Ultras hat sich im Fußball eine neue Fankultur etabliert. Auch in den Medien taucht sie vermehrt auf. Meist jedoch mit Negativschlagzeilen über Gewalt oder andere Regelverstöße. Jonas Gabler zeichnet ein anderes Bild dieser Bewegung. Er erläutert ihre typischen Merkmale: Die neue Form, das jeweilige Team zu unterstützen; das intensive Gruppenleben; die besonderen Regeln und Kodizes; das Engagement gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs. Gabler zeigt auch die positive Wirkung der Ultras in Deutschland beim Zurückdrängen rechtsextremistischer und rassistischer Handlungen in den Stadien. In Bezug auf Gewalt ist sein Urteil dagegen nicht so eindeutig. Er belegt das ambivalente Verhältnis der Ultras zu Gewaltanwendung und zeigt, dass sich dieses Problem zunehmend verschärft hat. Doch ist durch die Gegenmaßnahmen der Vereine, der Verbände und der Polizei Besserung zu erwarten? So nimmt er Bezug auf ein weiteres Merkmal der Ultrabewegung: ihr organisierter Protest gegen Repression.

5. TIFARE CONTRO
http://www.blickfang-ultra.de/mb_main.php?PHPSESSID=36911c459da1170a2ccb57fe7ec9f0b8&men=68&hg=5
Eine(!) Geschichte der italienischen Ultras. 1968-2007. Diesen beiden Jahreszahlen markieren die Endpunkte, zwischen denen die Parabel der italienischen Ultras ihren Bogen zieht. Von der Gründung der ersten Gruppierung bis zum Tod des Polizisten Filippo Raciti und des Fußballfans Gabriele Sandri: das Ende der Geschichte, wenn die Strategie der Repression um jeden Preis die Überhand behält.
Unsere Rezension findet ihr hier: http://gds.blogsport.de/2010/12/10/rezension-tifare-contro/

6. DIE BAYERN – DIE GESCHICHTE DES REKORDMEISTERS
http://www.hugendubel.de/3/15951109-1/buch/die-bayern.html
Über den FC Bayern müssen nicht viele Worte verloren werden: Ob bei der Anzahl der Fans, der Erfolge, der Umsätze – überall findet man nur Superlative. Dietrich Schulze-Marmelings Buch zur Vereinsgeschichte entzieht sich allen medialen Aufgeregtheiten – und überzeugt gerade deshalb als dauergültiges Standardwerk. Kenntnisreich verfolgt er den Weg der Bayern von der Gründung im Jahr 1900 bis zur glücklosen Trainertätigkeit des Jürgen Klinsmann. Zweifellos ist das Buch die bisher ausführlichste Geschichtsschreibung über den deutschen Rekordmeister. Die bei weitem Beste und die spannendste.

7. GUTE FREUNDE: DIE WAHRE GESCHICHTE DES FC BAYERN MÜNCHEN
http://www.hugendubel.de/3/14882046-1/buch/gute-freunde.html
Keine Mannschaft hat den deutschen Fußball so sehr revolutioniert wie der FC Bayern. Beckenbauers Leichtigkeit, Müllers Torhunger und das unbändige Selbstbewusstsein der jungen Spieler Hoeneß und Breitner erschlossen dem Fußball neue spielerische und wirtschaftliche Dimensionen. Thomas Hüetlin, „Spiegel“-Reporter und Kenner der Fußballszene, beschreibt den Aufstieg der Bayern. Die Geschichte des deutschen Top-Vereins als Familien-, Firmen- und Kulturgeschichte.

8. CHE – DIE BIOGRAPHIE
http://www.ullsteinbuchverlage.de/listtb/buch.php?id=5258&page=autoraz&sort=autor&auswahl=A&pagenum=1
Wer war dieser Che, der auch in unseren Räumen an der Wand prangt und der Vorbild bzw. identitätsstiftendes Motiv für unzählige Ultras ist? Wie jeder gute Autor, hält sich Anderson mit seiner Meinung zurück, so dass der Leser sich automatisch selbst Gedanken macht, was wiederum dazu führt, dass man viel intensiver in den Bann dieses Buch gezogen wird. Obwohl es hierbei natürlich auch an dem flüssigen Schreibstil des Autors liegt, dass man diese Biographie wie einen Roman lesen kann. Keine trockenen, seitenlangen politischen Ausführungen, nein, es macht wirklich Spass dieses spannende Buch zu lesen. Es ist einfach mehr als nur eine Che Guevara Biographie, es ist DIE Che Guevara Biographie.
Die Parallelen zur Welt der Ultras sind offensichtlich: Man lernt viel darüber mit offenen Augen zu reisen, Träume zu leben, aus der persönlich erlebten Wahrnehmung von Mißständen Konsequenzen zu ziehen, Auswirkungen des Kapitalismus auf das was anderen Menschen heilig ist zu erkennen, prinzipienfest zu sein, Ziele konsequent – ja besessen – zu verfolgen, ihnen das eigene Ego unterzuordnen, für etwas zu kämpfen, den Kampf auch gegen übermächtige Gegner zu wagen, sich nicht unterkriegen zu lassen, alles für eine Sache und v.a. für moralische Werte zu geben – und: bei allem was man einfordert immer mit gutem eigenem und ehrlichem Beispiel voran zu gehen! Durchaus viel, was für ULTRAS geradezu beispiel- und vorbildhaft ist – denn genau das ist es worum alles geht: Mentalità & Coerenza. Absolut empfehlenswert. LESEN!

9. CLOCKWORK ORANGE
http://www.hugendubel.de/3/14229187-1/buch/clockwork-orange.html
Der junge Alex prügelt, vergewaltigt, tötet – bis man mit Hilfe moderner Technik einen wahren Christen aus ihm macht. Doch zu welchem Preis? Anthony Burgess Meisterwerk in überarbeiteter Neuausgabe, mit umfassendem Glossar.
Einer der wichtigsten Punkte ist die philosophische Frage, die das Werk Clockwork Orange aufwirft und die Erkenntnis, die sich daraus ziehen läßt. Gerade im Hinblick auf die durchaus vorhandenen Parallelen in unserem Alltag als aktive Fußballfans. Sind wir gut? Oder sind wir böse? Manchmal sind wir nichts von beidem, manchmal auch beides gleichzeitig… aber niemals irgendetwas ausschließlich! Können wir auch nicht – denn so einfach ist die Welt nun mal nicht. Es kann kein „Gut“ ohne „Böse“ geben, denn wie würde es sich ohne den Gegensatz denn definieren? Eine Welt ohne Freiräume bedeutet auch eine Welt ohne Risiko. Aber ist das erstrebenswert? Denn ohne Freiräume gibt es kein Ausleben mehr, keinen Spaß. Ohne Risiko gibt es auch kein Abenteuer. In völliger und absoluter Sicherheit regiert also auch die totale Langeweile.

10. DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM
http://www.hugendubel.de/3/14213339-1/buch/die-verlorene-ehre-der-katharina-blum.html

Heinrich Bölls Buch darüber „wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“. Und ein Lehrstück über die modernen Massenmedien und ihre Methoden. Aus dem Vorwort Bölls: „Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“
Vor dem Hintergrund der Hysterie um den Terrorismus der RAF protestiert Heinrich Böll mit der Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gegen den Menschen verachtenden Sensationsjournalismus und nicht zuletzt gegen den Missbrauch der Staatsgewalt sowie die korrumpierenden Verflechtungen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Medien, Polizei und Rechtsprechung.

Mehr und Ausführlicheres über Inhalt und Hintergründe der Bücher findet ihr hier.

Hunderte Chaoten lesen und diskutieren ‚Tifare Contro‘

Altravita-Blogger und Übersetzer von „Tifare Contro“ Kai Tippmann zieht kurz vor Weihnachten ein kleines Resumé zu seinen bisherigen Lesungen bei verschiedenen Ultrasgruppen.

Hier klicken.

Kleines Schmankerl aus Argentinien

Hat tip: La Vida Ultra Blog

Von der Bedeutung eines Schals

Was ist ein Schal? Im Grunde genommen, ist ein Schal ein Kleidungsstück, das im Winter gegen Kälte schützt. Für einen Fußballfan hat ein Schal aber eine viel größere Bedeutung. In der Welt der Fans und Ultras ist der Schal viel mehr als nur ein Kleidungsstück. Er ist die wichtigste und gleichzeitig traditionellste Fan-Utensilie. Mit dem Schal bekennen wir uns zu den Farben, denen wir auf Schritt und Tritt folgen, wir zeigen zu welcher Gruppe wir voller Stolz gehören.

Ein Schal begleitet einen Fan und Ultrà über Jahre, mit einem Schal ist man rund um die Erde unterwegs und steht mit ihm in der Kurve! Der Schal ist manchmal sogar ein Glücksbringer, darf trotz nicht mehr ganz so frischen Geruchs auf keinen Fall in die Waschmaschine. Meinen ersten Schal hab ich von meinem Vater zur Meisterschaft 1989 bekommen, später wurde mir ein Schal von meiner Oma gestrickt. Mit der Zeit sammeln sich Schals an, was nicht heißt, dass man gleich mehrere anziehen muss, um rumzulaufen wie ein Tannenbaum. Schals sind Erinnerungen, an eine bestimmte Saison, eine Phase im Fanleben oder sonstiges. Schals können auch besondere Geschenke sein, an verdiente Spieler oder befreundete Gruppen. Einen meiner wertvollsten Schals hab ich in aller Euphorie nach dem Weltpokalfinale 2001 in Tokio an Sammy Kuffour verschenkt und ich werde es nie bereuen. Er hat mir einen Lebenstraum erfüllt! Wenn ich die Schals meiner Gruppe bei befreundeten Gruppen an den Wänden hängen sehe, erfüllt mich dies mit Stolz!

Was ist ein Schal wert? Aus Sicht eines Fanartikelverkäufers oder Produzenten liegt der (Waren-)Wert zwischen 10 und 15 Euro. Einem Fan und gerade Ultrà ist ein Schal von unglaublicher Bedeutung und Wert. Man verbindet mit dem Schal Erinnerungen, große Siege, derbe Niederlagen, gute Auftritte in Stadien usw. Vor allem zeigt ein Schal den ganzen Stolz, die Liebe für die man alles gibt, den FC Bayern München! Ein unschätzbarer Wert. Nicht umsonst sind Schals auch bei generischen Fans „beliebt“. Ultras sind stets unterwegs und versuchen immer wieder dem Gegner den Schal zu klauen um ihn dann beim Spiel gegen die Feind zu präsentieren und die Ehre zu nehmen! Entsprechend heißt es für einen Ultrà, auf seinen Schal achten und diesen bis aufs äußerste zu verteidigen. Er repräsentiert den Stolz auf Deine Gruppe!

Warum ein Schal bei jedem Spiel dabei sein muss? Ganz einfach, mit dem Schal zeige ich, weshalb ich hier bin, für wen ich schreie und alles gebe! Ich zeige, zu welcher Gruppe ich gehöre und voller Stolz halte ich bei bestimmten Liedern in der Kurve meinen Schal in die Höhe, ein traumhaftes Kurvenbild voller rot-weißer Schals und ich bin ein Teil davon! Ohne Schal brauche ich erst gar nicht ins Stadion gehen. Der Schal ist die Grundausstattung eines jeden Fan im Sommer wie im Winter.

EIN SCHAL UM DEN HALS, BEI JEDEM SPIEL, ZEIGT UNSERE FARBEN, UNSEREN GANZEN STOLZ! IMMER UND ÜBERALL!

Aus Ultras! AUSGABE 1

Rezension „Tifare Contro“

Organisiert von den Munichmaniacs 1996 fand nach dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt in den Räumen der Schickeria eine Lesung aus dem Buch „Tifare Contro“ von Giovanni Francesio mit anschließender Diskussion statt. Die Veranstaltung war sehr gut besucht und auch das „Drumherum“ mit Burgern, Pasta und Borghetti-Bar überzeugte.

Gelesen wurde von Kai Tippmann, dem Blogger vom bekannten und geschätzten altravita-Blog und Übersetzer der deutschen Version des Buches. Tippmann ist langjähriger Milan-Fan und seit einigen Jahren nach Mailand gezogen. Durch jahrelange Kontakte in die Szene und als Besucher der Mailander Curva Sud wartet er mit Fach- und Insiderwissen über die Ultras direkt aus dem Mutterland unserer faszinierenden Fankultur auf. Tippmann weiss wovon er redet, er ist Teil der Ultras-Kultur. Dies wurde nicht erst in den schon vor der Lesung stattfindenden Gesprächen über Dies und Das der Ultras-Welt in kleiner, informeller Runde klar. Doch wer regelmäßig (was absolut zu empfehlen ist) auf altravita.com vorbeischaut, wird das eh wissen. Vor zahlreich erschienenem Publikum las er einige Kapitel und Absätze aus dem Buch, die im Ritt durch die Jahrzehnte auch denjenigen einen guten ersten Einblick in das Buch und die darin beschriebene subjektive Sicht auf die Geschichte der Ultras in Italien eröffnete, die das Buch noch nicht gelesen hatten.

In der darauf folgenden Diskussion zeigte sich recht schnell, wo das Publikum Stärken und wo Schwächen des Buches sieht. Diese wurden, bei allem nötigen Respekt vor dem nicht anwesenden Autor Giovanni Francesio und seiner langjährigen Kurvenerfahrung sehr deutlich formuliert und wir wollen sie Euch auch nicht vorenthalten.

„Tifare Contro“ ist ein an sich für Ultras aus Deutschland sehr gutes Buch, und zwar weil kein anderes Buch, das in deutscher Sprache bisher verfügbar wäre, dem Leser so kompakt Hintergrundwissen zu historischen Entwicklungen und bestimmten zeitgeschichtlichen Ereignissen liefert, die für den italienischen Ultra absolutes Basiswissen darstellen, ja jedem – der sich dieser Bewegung zu Recht zurechnen möchte – in Fleisch und Blut übergegangen sein dürften. Und selbiges sollte eigentlich auch für den deutschen Ultra gelten. Wenn man Teil einer Kultur ist, die ihre historischen Wurzeln an einem anderen Ort, in einer anderen Umgebung hat, dann sollte man auch genauestens, in jedes Detail verliebt über diese Wurzeln und die Entstehung und Entwicklung der Kultur Bescheid wissen. Von daher betrachtet – absolute Pflichtlektüre!

Allerdings kann „Tifare Contro“ aus unserer Sicht eben bei weitem nicht uneingeschränkt empfohlen werden. Ohne entsprechend kommentiert zu werden, kann es, dank des oft weiten Interpretationsspielraumes und manch eher frustrierten als konstruktiven Gedanken, geradezu von Ultras weg und den geneigten Leser in die Irre führen. Uns erscheint es daher als von entscheidender Bedeutung, die im Folgenden dokumentierte Diskussion über das Buch beim Lesen im Hinterkopf zu behalten:

„Tifare Contro“ beschreibt in sehr guter Weise einschneidende Ereignisse in der über 40 jährigen Geschichte der italienischen Ultras. Diese Geschichte ist untrennbar verbunden mit Ereignissen und Namen, und auch – man muss es leider sagen – mit einigen Toten. Dinge, die jeder italienische Ultrà sofort parat hat. Jeder deutsche Ultrà sollte sich mit der Geschichte unserer Bewegung und deren Ursprung beschäftigen und kein anderes Buch fasst diese Geschichte bisher besser zusammen, als „Tifare Contro“. Leider beschränkt sich der Autor darauf, diese Geschichte anhand von absoluten Tiefpunkten zu beschreiben, die zweifelsohne zur Erklärung der Entwicklung, die unsere Bewegung in ihrem Ursprungsland gemacht hat, notwendig sind – der Geschichte an sich, vor der sich der Autor selbst an etlichen Stellen verneigt und ihr geradezu spürbar nachtrauert, aber in keinster Weise gerecht werden. Klar lässt sich die Geschichte der Ultras auch mit einer Aufzählung einzelner negativer Ereignisse mit katastrophalen Folgen beschreiben, sie handelt aber viel, viel mehr von positiven Ereignissen und Emotionen, die Spieltag für Spieltag, landauf und landab tausende, im Ganzen wohl hunderttausende italienische Jugendliche und Junggebliebene fasziniert, begeistert, gefesselt hat. Um dies zu erklären, reicht eine Kette von tragischen und manchmal fahrlässigen und dummen Taten nicht aus. Um es zu verstehen, muss man die Faszination der italienischen Kurven vielleicht nicht mal live erlebt haben, es reicht ein paar Fotos anzusehen um zu merken, das ganz andere Dinge als die im Buch beschriebenen einen großen Teil der Geschichte von Ultras ausmachen.

Der Autor scheint unserer Meinung nach gefangen zu sein im Wehmut. Getrieben von Trauer und der Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit der Freiheit. Gleichzeitig (oder gerade deswegen) kritisiert er die eigene Szene – teilweise sicher notwendig – in einer sehr scharfen Art und Weise, bzw. wenn man ehrlich ist richtet er quasi bereits über sie. Die Ultras hätten es nicht geschafft, Selbstregulierung zu praktizieren (da sie es nie richtig versucht hätten) und damit im Wechselspiel mit der Polizei (beide Seiten wären Schuld, gefährliche Gleichsetzerei – gerade in einem Land wie Italien, auch was er über Genua G8 schreibt ist im Hinblick auf die Notwendigkeit polit. Militanz diskutabel) Ereignisse produziert, die eine Gesellschaft einfach nicht tolerieren könne. Dem ließe sich jetzt entgegen halten, dass die Selbstregulierung überwiegend eben schon funktioniert hat. Im Gegensatz zu anderen Ländern sogar geradezu hervorragend – gerade weil es eben das organisierte Fantum der Ultras gegeben hat. Die Freiräume von denen er schwärmt wären nie möglich gewesen, hätte man sich in ihnen nicht mit einer selbst gewählten Ordnung und einer eigentümlichen Hierarchie selbst reguliert. In unzähligen Städten hat das auch nie ein wirkliches, in anderen kein dramatisches Problem dargestellt. Die Selbstregulierung hat eben nur nicht immer, nicht in jedem Fall funktioniert. Wenn man sich ansieht, wie viel Herzblut, wie viel echte, ehrliche Emotion in ihrer reinsten Form in Italien im Spiel war – dann hat sie vielleicht sogar außerordentlich gut funktioniert, wenn man bedenkt was alles noch im Bereich des Kontrollierbaren liegt. Was bestimmte Dinge angeht hat sie aber auch versagt. Ok. In einer solchen Form ausgewogen zu schreiben wäre aus unserer Sicht angebracht gewesen. Francesio macht das nicht – und dieses Beispiel steht exemplarisch für seine ganze persönliche Kommentierung von 40 Jahren Ultrasgeschichte.

Man habe es (und hier wäre das Wörtchen „mancherorts“ angebracht gewesen) versäumt, die wenigen extremen Gewalttäter aus den Kurven zu isolieren. Einerseits richtig, andererseits wäre es vielleicht wichtig darauf hinzuweisen, wo man in etwa die Grenze verorten sollte. Dort wo Otto Normalbürger einen extremen Gewalttäter sieht, oder da wo selbst die unter bestimmten Umständen durchaus gewaltbereiten Vollblut-Ultras der Kurven jemanden als nicht nur gewalttätig sondern sogar extrem gewalttätig bezeichnen würden? Denn ganz ohne „Gewalttäter“ und ein paar Psychos hätte es die wunderschönen Freiräume, die der Autor so preist, eben nie gegeben. „Freiheit wird nicht gewährt, sondern immer nur erkämpft!“ sagt ein altes Sprichwort. Und genauso ist es in diesem Fall. Die „befreiten Territorien“ der Kurven hätte es nie gegeben, da die Polizei natürlich gegen Ordnungswidrigkeiten und Verstöße gegen das bürgerliche Gesetzbuch logischerweise stur vorgegangen wäre, wenn sie nicht die Rechnung gemacht hätte, doch wegen z.B. ein paar Joints oder einem Spruchband keine bürgerkriegsähnlichen Zustände auslösen zu wollen. Ohne das „Abschreckungspotential“ einer oft nicht zu durchschauenden Kurve hätte das nicht funktioniert. Übrigens auch eine Form von Regulierung. Solang es sich die Waage hält. Und da sind wir wieder an der Stelle wo man die teilweise mangelhafte Selbstregulierung durchaus wieder kritisieren darf. So geht der Autor aber leider nicht vor.

Auch was er zu den Scontri (den Kämpfen) schreibt, wird wahrscheinlich von kaum einem Ultra – weder von einem der alten noch der neuen Generation – so unterschrieben werden. Ja, man kann darüber reden, dass Gruppen angefangen haben aus jedem Scheiß ne Rivalität zu machen bzw. auch noch mit dem hinterletzten eigtl. völlig unbedeutenden Gegner eine Rivalität geradezu zu suchen und aufzubauen um Auseinandersetzungen zu rechtfertigen. Dabei ging es dann aber – wenn man ehrlich ist – nicht mehr um wirkliche Rivalitäten, vielleicht auch gar nicht mehr um den Gegner – sondern vielmehr um den zweifelhaften Ruhm, den man durch ausgetragene Kämpfe erlangen wollte. Und ja, man MUSS sogar darüber reden, dass bestimmte Art und Weisen Kämpfe auszutragen, z.B. mit Messern, Eisenstangen oder Papierbomben, von Grund auf eben gar nicht angehen und von einer Bewegung, die sich selbst gerecht werden will, unmissverständlich geächtet gehören.

Aber andererseits darf man es auch nicht so aussehen lassen, als wären jegliche selbst gestartete Aktionen, die nicht nur der viel zitierten „Verteidigung“ dienen (die wäre dieser Logik zufolge ja nie nötig), auch gegen wirkliche Rivalen Fehl am Platz oder als wäre die Ansicht, in diesen Scontri würden sich eben die richtig guten von den guten Gruppen unterscheiden, Irrlehre. Auch die Scontri und wie sie geführt werden sind eben Erkennungsmerkmal der Ultras. Um es mit den Worten Che Guevaras zu sagen: „Um für etwas zu kämpfen, muss man es sehr lieben. Um etwas sehr zu lieben, muss man bis zur Verrücktheit daran glauben.“. Ultras glauben (dass sie dies bis zur Verrücktheit tun, ist geradezu ein Charakteristikum), Ultras lieben (gerade das ist es ja, was die Bewegung der Kurven so unvergleichlich schön und wahre Fans zu den vielleicht letzten Romantikern macht) und ja, Ultras kämpfen auch! Manchmal. Nicht gegen alles und jeden natürlich – und vor allem nicht grundlos, aus purer Lust an Gewalt. Wohl aber gegen Lokalrivalen oder die 4, 5 Städte im Land, deren Kurven oder Ultragruppen man aus bestimmten charakteristischen, ideologischen oder historischen Gründen so gar nicht abhaben kann. Auch das ist Ultras. Punto e basta.

So weit so gut, als Lösung jedoch preist Francesio immer wieder das so genannte „englische Modell“ an mit modernen klinischen Stadien, totaler Überwachung, Sitzplatzzwang und Ticketpreisen, die sozial schwächer gestellte ausschließen. Dabei scheint er zu übersehen, dass das „englische Modell“ in England selber die Fankultur zerstört hat und wahrscheinlich in jedem Land die Fankultur vor größte Probleme stellen, wenn nicht sogar in ihrer Existenz bedrohen würde. Die Geschichte der Ultras in Italien und die Freiheit ihrer Kurven jedenfalls, denen Francesio so sehr nachtrauert, wären unter solchen Vorzeichen wohl kaum denkbar gewesen. Von daher muss man Francesios Sympathie für das „englische Modell“ als nichts anderes als schizophren bezeichnen.

Seine Argumentation baut der Autor unter anderem darauf auf, dass der so genannte „ehrenhafte Kampf“ zwischen Ultras (in Italien) de facto nicht möglich sei. Dies habe die von ihm niedergeschriebene Geschichte angeblich bewiesen. An andere Stelle hebt er aber sehr wohl Kurven hervor, die in seinen Augen den Werten der Ultras konsequent folgen und spricht unumwunden seine Hochachtung für diese aus. Ein weiterer Punkt, an dem widersprüchliche Standpunkte im Buch auffallen. Ohne die Freiheit und die Freiräume, die die italienischen Kurven über Jahrzehnte dargestellt haben, wäre die großartige Welt der Ultras nicht denkbar. Für diese Freiheit sind die Werte der Ultras, Mentalität und Kohärenz absolut unverzichtbar.

Das Einfordern von Selbstregulierung und die Suche nach eigenen Fehlern sind, auch angesichts der Situation zwingend notwendig und setzen vielleicht sogar zu spät ein. Insofern könnte man „Tifare Contro“ auch als eine extreme Position begreifen, die in einer szeneinternen Diskussion als bewusst gesetztes Korrektiv verstanden werden sollten. „Tifare Contro“ ist allerdings nicht nur an die italienischen Ultras gerichtet, sondern eher an die interessierte Öffentlichkeit. Insofern könnten die zum Teil radikalen Aussagen als ein Versuch gewertet werden, in einer den Ultras feindlich eingestellten öffentlichen Diskussion noch Gehör zu finden. Dabei verliert der Autor unserer Meinung nach aber den Blick dafür, dass eben nicht nur die Ultras mit ihrer Gewalt, oder eine Spirale der Gewalt mit außer Kontrolle geratenen einzelnen Polizeieinheiten für die derzeitige Situation verantwortlich sind. Die Exzesse sind nicht die Gründe für den Krieg des Staates gegen die Ultras. Sie liefern dem Staat nur zusätzliche Argumente. Dem Staat geht es erklärter Weise darum, die Logik der Ultras zu brechen. Der Einfluss den diese Bewegung bekommen hat, seine Faszination die sie über Jahrzehnte als bedeutendste Jugendbewegung Italiens auf Hunderttausende ausgeübt hat und seine Werte wie Solidarität und Geradlinigkeit stellen für den Staat mit seiner kapitalistischen Funktionslogik eine Bedrohung dar. Was man nicht versteht stellt eine Bedrohung dar, also lässt man es verbieten. Werden Verbote nicht akzeptiert und Freiräume geschaffen in denen andere freizügigere Regeln gelten, lässt man die Verbote eben durchsetzen und die Freiräume schließen. Überall da, wo man kann.

Berücksichtigt man diese Anmerkungen und sieht man das Buch als das was es ist, EINE Geschichte der italienischen Ultras, so ist das Buch für den interessierten deutschen Leser zu empfehlen. Es ist eben nur eine mögliche und noch dazu höchst persönlich geprägte Sicht der Dinge. Es ist eine Ergänzung zu z.B. hunderten Ausgaben Supertifo, die andere Aspekte der Ultras in den Vordergrund stellen. Es schafft Grundlagenwissen. Es fasst wie bereits erwähnt Ereignisse, die in der Geschichte der Ultras große Bedeutung gespielt haben, sie aber keinesfalls alleine erzählen können, zusammen wie kein anderes Buch. Erwartet man DIE Geschichte der Ultras oder sogar Lösungsansätze für ihre scheinbar aussichtslose Situation, so wird man enttäuscht (oder, wenn man selber Italienexperte bzw. -liebhaber ist, sogar stellenweise zornig) werden.

Man sollte allerdings auch sehen, dass das Buch von einem Autor mit italienischem Hintergrund für Italiener geschrieben worden ist. Von jemandem, dem es außerordentlich weh tut, die Bewegung der er jahrzehntelang angehörte und die er liebt im derzeitigen, historisch negativsten Zustand zu sehen. Deshalb wird gehadert, schizophren bis melancholisch hin und her geschwankt und auch gewettert und verflucht. Für eine Leserschaft der Normalbürger auf der einen Seite, die vielleicht gar keinen wirklichen Einblick in die Welt der Kurven hatte (und der man das Gute und Einzigartige, das es sich als ital. Kulturgut zu erhalten lohnt, näher bringen will) und für die Ultras auf der anderen Seite, die vielleicht lange versäumt haben sich mit Reflektion und daraus resultierender Selbstkritik auseinanderzusetzen. Gerade im Bezug auf die zweite Gruppe könnte man das Buch, angesichts der Wut, die auf mancher Seite in einem aufkommen kann bzw. des „Verrats“ den man manchmal wittert, eben doch auch als bewusste und somit wohl gelungene Provokation ansehen. „Tifare Contro“ bietet also einen Denkanstoß, einen Einstieg in eine mögliche Diskussion. Was es nicht bietet, ist eine neue Ultrà-Bibel, die sozusagen das neue, reine bzw. eigentlich „ursprüngliche“ Ultras-Ideal liefert.

In diesem Sinne: KAUFEN (v.a. deshalb um dem aus Szenekreisen gegründeten Selfmade-Verlag das finanzielle Desaster zu ersparen, somit sein Überleben zu sichern und uns allen weitere übersetzte Werke aus dem Mutterland der Ultras zu bescheren!!!), die historischen Details unter 1×1 des Ultras aka Pflichtwissen abspeichern und sich zu den Kommentaren und Wertungen des Autors seinen Teil denken !

An dieser Stelle noch mal ein riesiges Dankeschön an Kai Tippmann! A la prossima…

Videos aus Italien

Zum Ende der Woche möchten wir Euch noch drei Videos aus Italien präsentieren. Die Aufnahmen sind erst ein paar Jahre alt und doch könnte der Kontrast zum heutigen Erscheinugsbild der Kurven kaum krasser sein. Mit sinnlosen Gesetzen wie dem Amato-Dekret, welches unter anderem Zaunfahnen mehr oder weniger verbot, versuchen die Politiker die Gewalt rund um die italienischen Stadien einzudämmen, indem sie den Kurven ihre Folklore nehmen. Als ob irgendein Zusammenhang zwischen Fahnen und Trommeln auf der einen und Gewalt auf der anderen Seite bestehen würde.

Ein kleinen Eindruck wie die italienischen Kurven heute ohne die Repressionen seitens des Staats aussehen würden, vermitteln die folgenden drei Videos.

Bewegungsveränderungen

Es folgen Auszüge aus den Ansichten eines altgedienten Ultras aus Italien. Er ist Anhänger der Roma, doch spielt seine Vereinszugehörigkeit für das, was er aussagt keine Rolle. Seine Äußerungen sind einem Artikel entnommen, der sich mit der viel zitierten „Ultras-Mentalität“ und der generellen Entwicklung auf dem italienischen Stiefel befasst und im bundesweit erscheinenden und vereinsübergreifenden Ultra-Zine „Blickfang Ultra“ im Jahr 2007 noch vor der Ermordung Gabriele Sandris erschienen ist.

Dieses Heft, welches im übrigen jedem, der sich etwas tiefgreifender mit Gedanken und Diskussionen die die Welt der Kurven betreffen befassen möchte, nur wärmstens zu empfehlen ist, könnt ihr natürlich auch über unsere Gruppe erhalten – sprecht ganz einfach im Stadion oder an unseren sonstigen Treffpunkten jemanden von uns an.

Was hat sich geändert in der Ultrabewegung? Als erstes muss man natürlich sagen, dass man die tägliche Entwicklung nicht so stark mitbekommt, aber wenn man das Jetzt und heute mit den 70ern vergleicht, wo die Bewegung ihre Ursprünge hat, die Geburtstunde vieler verdienter Gruppen schlug, so stellt man doch genügend Veränderungen fest.

Die wörtliche Übersetzung des Begriffs „Ultras“ lehnt sich an die Bedeutung des Wortes „Darüberhinaus“ an. „Darüberhinaus“ deswegen, weil der Ultra aktiver war als der normale Tifoso, der schimpfte, klatschte oder beim Torjubel aufstand. „Darüberhinaus“, weil er auch mal 1000 km fährt, um seine Mannschaft zum Auswärtsspiel zu begleiten. Das Ausüben seines Fandaseins geht über das eines normalen Tifoso einfach weit hinaus.

Die ersten Gruppen hatten einen ganz neuen, eigenen Stil. Man agierte mit Trommeln, Spruchbändern, Fahnen, Rauchfackeln, Bengalen, Sirenen und Knallern. Dazu die ersten Schals, die meist nur aus den Clubfarben bestanden und erst später mit den Gruppennamen bedruckt wurden.

Die damaligen Ultras waren folkloristischer als heute, obwohl ihre kämpferischen Namen anderes vermuten ließen: Brigate, Commandos, Fedayn, Fighters etc.
Man veranstaltete einen Wettbewerb. Wer trat origineller auf, wer brachte als erster ein Lied oder wer nutzte als erster bestimmte Namen.

Der folkloristische Stil ging dann Anfang der 80er Jahre langsam zurück. Anlass dafür waren die extremen polizeilichen Repressionen nach dem Tode Vincenzo Paparellis. (Er war Anhänger Lazios und starb durch eine Rakete, die Romafans aus der Curva Sud während eines Derbys abfeuerten.)

Die Randale hingegen weiteten sich trotz der Repressionen und Verregulierungen aus und nahmen ganz neue und pervertierte Formen an: Messer, Ketten, Helme und Knüppel wurden immer mehr ins Spiel gebracht. Einige ließen sich regelrecht in den ungezügelten Extremismus treiben.

Die CUCS (Commando Ultra Curva Sud), die wohl bekannteste und berühmteste Ultragruppe dieser Epoche in der römischen Curva Sud (also der Kurve, die kollektiv für den Tod Paparellis verantwortlich gemacht wurde), musste auf ihre Fahne, ihre Trommeln und Spruchbänder verzichten. Eine Situation, die der heutigen mit den Amato-Gesetzen nach den Vorfällen von Catania gleicht, uns aber schon zur damaligen Zeit traf.

Auch in den anderen Städten Italiens wurden innerhalb kürzester Zeit die Fahnen und Folkloremittel in den Kurven verboten, so dass man nur noch seine Stimme und Hände zur Unterstützung der eigenen Farben hatte, wovon man sich allerdings nicht unterkriegen ließ.

Diese Art der extremen Unterdrückung in Italien ist also nicht neu – und genauso wie damals auch heute weder im Geringsten verhältnismäßig noch zweckmäßig. So konnten sie den Tifo und das Kurvenspektakel verbieten, aber die ausufernden Emotionen und die damit verbundenen Krawalle waren und blieben immer da. Es sind die Nachrichten und Fotos aus dieser Zeit, die dies bezeugen.

So haben Fanszene oftmals über mehrere Jahre den Auswärtsbesuch dadurch geprägt, indem sie ohne Polizeischutz in gefährlichen Städten auftauchten, wo sie auch schon erwartet wurden. Dies lässt uns auch einiges besser verstehen.

Man spricht von Ultras, von Mentalität, von Zusammenhalt, aber in diesen Zeiten der gefährlichen Fahrten, der Auswärtsfahrten à la ULTRAS, sind viele abgesprungen. Diejenigen die blieben, lieferten den lebenden Beweis für das, was Ultras in seiner Essenz aber auch in aller Konsequenz bedeutet.

Auch heute trennt sich in der Fanlandschaft vielerorts die Spreu vom Weizen. Viele der wahren Ultras sehen immer mehr und mehr ihren Feind in der Polizei als in gegnerischen Ultras – in ihr sehen sie mittlerweile einen viel größeren, stärkeren, bedrohlicheren und vor allem unfairen und miesen Feind. Demzufolge verlagerte und steigerte sich auch der Hass in diese Richtung.

Stadionverbote und Hausarreste nahmen Überhand. Die Drehkreuze wurden eingeführt. Man überstand dies alles mit vielen Anstrengungen, aber immerhin – man überlebte!

Bis zu Catania und dem (wie sich nachträglich herausstellte Unfall-) Tod des Polizisten Raciti. Spezialgesetze, das Verbot der Zaunfahnen, sofern sie nicht angemeldet sind und immer schärfer und drakonischer werdende Strafen, oft aus Gründen der angeblichen Prävention und auch gegen normale Tifosi ausgesprochen, sind die ersten Konsequenzen.

Mit der Folklore aus den 70ern und der Farbenpracht einer traditionellen Kurve ist es dadurch nun leider endgültig vorbei – sie wird nicht mehr in den Stadien zu sehen sein. Ganz im Gegensatz zu den Krawallen! Sie sind immer noch da, genau wie in den 70ern, 80ern und 90ern… Und fragt ihr Euch jetzt nicht warum?

Die x-te Posse à la Italia, zum hundertsten Mal verfassungswidrige Gesetze auf dem Rücken der Fußballfans. Viele von uns müssen mittlerweile 3x während eines Spieltages auf dem Polizeirevier erscheinen und unterschreiben – aus immer lächerlicheren Gründen, beispielsweise weil sie mittels einer nicht angemeldeten Fahne ihre Meinung kund getan haben oder weil sie außerhalb des Stadions einem verstorbenen Freund mit einem Trauerzug gedacht haben (Rimini).

Immer neue Handlungen und Verhaltensweisen werden nach und nach kriminalisiert. Der Repressionsapparat pflanzt sich fort, sucht nach immer neuer Legitimation und schafft sie sich. Die Lawine der Hysterie, die hier losgetreten wurde ist kaum mehr aufzuhalten… sie rollt weiter und weiter… und reißt mehr und mehr alle Reste der alten und lebensfrohen Fankultur mit sich fort…

Viele fühlen sich verfolgt, den Atem und die Augen des „Gesetzes“ ständig im Nacken – auf der einen Seite wird man selber paranoider, auf der anderen Seite weigern sich naive Gutmenschen die tagtäglich auftretende, zum Teil im Wortsinne menschenverachtende, Gängelung und Schikane gegen den harten Kern der Fußballfans als Fakt anzuerkennen.

Heute sehen wir oftmals einen Großteil der Kurve ohne die klassischen und üblichen Fanutensilien und sie denken wirklich, dass dies der probate Weg ist, um die Aggression in diesem unserem Sport Fußball selbst und in der so vielschichtigen Kultur um ihn herum auszurotten?

Die Zukunft ist ungewiss, allerdings ist es wichtig sich dem ganzen nicht zu beugen.