Bewegungsveränderungen

Es folgen Auszüge aus den Ansichten eines altgedienten Ultras aus Italien. Er ist Anhänger der Roma, doch spielt seine Vereinszugehörigkeit für das, was er aussagt keine Rolle. Seine Äußerungen sind einem Artikel entnommen, der sich mit der viel zitierten „Ultras-Mentalität“ und der generellen Entwicklung auf dem italienischen Stiefel befasst und im bundesweit erscheinenden und vereinsübergreifenden Ultra-Zine „Blickfang Ultra“ im Jahr 2007 noch vor der Ermordung Gabriele Sandris erschienen ist.

Dieses Heft, welches im übrigen jedem, der sich etwas tiefgreifender mit Gedanken und Diskussionen die die Welt der Kurven betreffen befassen möchte, nur wärmstens zu empfehlen ist, könnt ihr natürlich auch über unsere Gruppe erhalten – sprecht ganz einfach im Stadion oder an unseren sonstigen Treffpunkten jemanden von uns an.

Was hat sich geändert in der Ultrabewegung? Als erstes muss man natürlich sagen, dass man die tägliche Entwicklung nicht so stark mitbekommt, aber wenn man das Jetzt und heute mit den 70ern vergleicht, wo die Bewegung ihre Ursprünge hat, die Geburtstunde vieler verdienter Gruppen schlug, so stellt man doch genügend Veränderungen fest.

Die wörtliche Übersetzung des Begriffs „Ultras“ lehnt sich an die Bedeutung des Wortes „Darüberhinaus“ an. „Darüberhinaus“ deswegen, weil der Ultra aktiver war als der normale Tifoso, der schimpfte, klatschte oder beim Torjubel aufstand. „Darüberhinaus“, weil er auch mal 1000 km fährt, um seine Mannschaft zum Auswärtsspiel zu begleiten. Das Ausüben seines Fandaseins geht über das eines normalen Tifoso einfach weit hinaus.

Die ersten Gruppen hatten einen ganz neuen, eigenen Stil. Man agierte mit Trommeln, Spruchbändern, Fahnen, Rauchfackeln, Bengalen, Sirenen und Knallern. Dazu die ersten Schals, die meist nur aus den Clubfarben bestanden und erst später mit den Gruppennamen bedruckt wurden.

Die damaligen Ultras waren folkloristischer als heute, obwohl ihre kämpferischen Namen anderes vermuten ließen: Brigate, Commandos, Fedayn, Fighters etc.
Man veranstaltete einen Wettbewerb. Wer trat origineller auf, wer brachte als erster ein Lied oder wer nutzte als erster bestimmte Namen.

Der folkloristische Stil ging dann Anfang der 80er Jahre langsam zurück. Anlass dafür waren die extremen polizeilichen Repressionen nach dem Tode Vincenzo Paparellis. (Er war Anhänger Lazios und starb durch eine Rakete, die Romafans aus der Curva Sud während eines Derbys abfeuerten.)

Die Randale hingegen weiteten sich trotz der Repressionen und Verregulierungen aus und nahmen ganz neue und pervertierte Formen an: Messer, Ketten, Helme und Knüppel wurden immer mehr ins Spiel gebracht. Einige ließen sich regelrecht in den ungezügelten Extremismus treiben.

Die CUCS (Commando Ultra Curva Sud), die wohl bekannteste und berühmteste Ultragruppe dieser Epoche in der römischen Curva Sud (also der Kurve, die kollektiv für den Tod Paparellis verantwortlich gemacht wurde), musste auf ihre Fahne, ihre Trommeln und Spruchbänder verzichten. Eine Situation, die der heutigen mit den Amato-Gesetzen nach den Vorfällen von Catania gleicht, uns aber schon zur damaligen Zeit traf.

Auch in den anderen Städten Italiens wurden innerhalb kürzester Zeit die Fahnen und Folkloremittel in den Kurven verboten, so dass man nur noch seine Stimme und Hände zur Unterstützung der eigenen Farben hatte, wovon man sich allerdings nicht unterkriegen ließ.

Diese Art der extremen Unterdrückung in Italien ist also nicht neu – und genauso wie damals auch heute weder im Geringsten verhältnismäßig noch zweckmäßig. So konnten sie den Tifo und das Kurvenspektakel verbieten, aber die ausufernden Emotionen und die damit verbundenen Krawalle waren und blieben immer da. Es sind die Nachrichten und Fotos aus dieser Zeit, die dies bezeugen.

So haben Fanszene oftmals über mehrere Jahre den Auswärtsbesuch dadurch geprägt, indem sie ohne Polizeischutz in gefährlichen Städten auftauchten, wo sie auch schon erwartet wurden. Dies lässt uns auch einiges besser verstehen.

Man spricht von Ultras, von Mentalität, von Zusammenhalt, aber in diesen Zeiten der gefährlichen Fahrten, der Auswärtsfahrten à la ULTRAS, sind viele abgesprungen. Diejenigen die blieben, lieferten den lebenden Beweis für das, was Ultras in seiner Essenz aber auch in aller Konsequenz bedeutet.

Auch heute trennt sich in der Fanlandschaft vielerorts die Spreu vom Weizen. Viele der wahren Ultras sehen immer mehr und mehr ihren Feind in der Polizei als in gegnerischen Ultras – in ihr sehen sie mittlerweile einen viel größeren, stärkeren, bedrohlicheren und vor allem unfairen und miesen Feind. Demzufolge verlagerte und steigerte sich auch der Hass in diese Richtung.

Stadionverbote und Hausarreste nahmen Überhand. Die Drehkreuze wurden eingeführt. Man überstand dies alles mit vielen Anstrengungen, aber immerhin – man überlebte!

Bis zu Catania und dem (wie sich nachträglich herausstellte Unfall-) Tod des Polizisten Raciti. Spezialgesetze, das Verbot der Zaunfahnen, sofern sie nicht angemeldet sind und immer schärfer und drakonischer werdende Strafen, oft aus Gründen der angeblichen Prävention und auch gegen normale Tifosi ausgesprochen, sind die ersten Konsequenzen.

Mit der Folklore aus den 70ern und der Farbenpracht einer traditionellen Kurve ist es dadurch nun leider endgültig vorbei – sie wird nicht mehr in den Stadien zu sehen sein. Ganz im Gegensatz zu den Krawallen! Sie sind immer noch da, genau wie in den 70ern, 80ern und 90ern… Und fragt ihr Euch jetzt nicht warum?

Die x-te Posse à la Italia, zum hundertsten Mal verfassungswidrige Gesetze auf dem Rücken der Fußballfans. Viele von uns müssen mittlerweile 3x während eines Spieltages auf dem Polizeirevier erscheinen und unterschreiben – aus immer lächerlicheren Gründen, beispielsweise weil sie mittels einer nicht angemeldeten Fahne ihre Meinung kund getan haben oder weil sie außerhalb des Stadions einem verstorbenen Freund mit einem Trauerzug gedacht haben (Rimini).

Immer neue Handlungen und Verhaltensweisen werden nach und nach kriminalisiert. Der Repressionsapparat pflanzt sich fort, sucht nach immer neuer Legitimation und schafft sie sich. Die Lawine der Hysterie, die hier losgetreten wurde ist kaum mehr aufzuhalten… sie rollt weiter und weiter… und reißt mehr und mehr alle Reste der alten und lebensfrohen Fankultur mit sich fort…

Viele fühlen sich verfolgt, den Atem und die Augen des „Gesetzes“ ständig im Nacken – auf der einen Seite wird man selber paranoider, auf der anderen Seite weigern sich naive Gutmenschen die tagtäglich auftretende, zum Teil im Wortsinne menschenverachtende, Gängelung und Schikane gegen den harten Kern der Fußballfans als Fakt anzuerkennen.

Heute sehen wir oftmals einen Großteil der Kurve ohne die klassischen und üblichen Fanutensilien und sie denken wirklich, dass dies der probate Weg ist, um die Aggression in diesem unserem Sport Fußball selbst und in der so vielschichtigen Kultur um ihn herum auszurotten?

Die Zukunft ist ungewiss, allerdings ist es wichtig sich dem ganzen nicht zu beugen.