Archiv für Februar 2011

Good old times

Passend zu den beiden Topspielen diese Woche präsentieren wir Euch zwei Videos von früheren Aufeinandertreffen unserer Bayern mit Inter Mailand bzw. Borussia Dortmund:

Das erste Video fasst den Spielverlauf des ersten Pflichtspiels des FCB bei Inter (trainiert von niemand anderem als Giovanni Trappatoni) im UEFA-Cup der Saison 1988/89 zusammen. Nach einer 0:2 Heimniederlage drehten die Rothosen im San Siro den Spieß noch um und zogen durch einen 3:1 Erfolg ins Viertelfinale ein. Aber seht selbst:

Zur Vervollständigung: Im Viertelfinale wurden die Hearts of Midlothian aus Schottland rausgekegelt, im Halbfinale war allerdings der SSC Neapel mit Diego Maradona eine Nummer zu groß für den FCB.

Im zweiten Video seht ihr den Platzsturm der Bayernfans zum Gewin der Meisterschaft 1991. Gegner am letzten Spieltag: Die Borussia aus Dortmund.

Streetart

Wie viel Ultra steckt in mir?

Aus dem MENTALITA KÖLSCH Nr. 13 (Februar 2009)

Ist wirklich mein ganzes Denken von der Materie Ultrà geprägt? Mein ganzes Handeln vom Ultrà-Gedanken bestimmt? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben. Bestimmt ist nicht jeder Augenblick meines Lebens auf das Ultrà sein ausgerichtet, doch vergeht wahrscheinlich kein Tag, an dem man sich nicht mit diesem umfassenden und vielschichtigen Komplex befasst. Man denkt im Prinzip jede freie Minute, die man mal nur für sich hat, an seine Gruppe und daran, was man für diese noch alles tun und verbessern kann.
Natürlich hat jedes aktive Mitglied, jeder Ultrà, seine eigenen Vorstellungen von der Materie, doch letztendlich geht es darum, die unterschiedlichen Haltungen im Kollektiv zuvereinen. Hier müssen – wie im „normalen Leben“ auch – Kompromisse geschlossen und persönliche Eitelkeiten oftmals zurückgestellt werden. Die Gruppe geht vor – eine Tatsache, für die man sich entscheiden muss und prinzipiell für jeden Ultrà eine Selbstverständlichkeit darstellen sollte. Mit diesem Bekenntnis schlägt man natürlich seine Mitmenschen, die mit dieser ganz eigenen Welt nichts zu tun haben, oftmals vor den Kopf: Der Arbeitgeber muss mitspielen und die Familie hat einen schon lange für bekloppt erklärt. Aber was soll ein Ultrà auch anders anstellen? Seit Jahren kennt er nur das Leben für den Verein und für die Gruppe, die Wochenenden werden im Stadion und die Tage unter der Woche mit der Gruppe verbracht. Selbst beim Schreiben dieses Textes bin ich nahe bei der Gruppe und in Gedanken bei meinen Leuten. Bei vielen kann man beobachten, dass es nicht – oder nur schwer – möglich ist, ein „Leben ausserhalb der Gruppe“ zu führen. Beziehungen und sogar Ehen gehen in die Brüche, Arbeitsstellen werden nach der Vereinbarkeit mit Spieltagen ausgesucht.

Doch ist man wirklich bereit, diese Opfer für die Gruppe zu bringen? Wie viel Ultrà steckt wirklich in mir? Diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Einen Masterplan, den man nur noch abarbeiten muss, gibt es nicht. Natürlich gibt es auch im Leben eines Ultras Momente, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen, die vielleicht bei dem einen oder anderen auch mal zu Ungunsten der Gruppe ausgehen. Wie die Prioritäten gesetzt werden, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, wobei man sich auch in diesen Zusammenhang immer wieder die Frage stellen muss: Wie viel Ultrà steckt in mir?

So hat auch jeder Mensch seine eigenen privaten Probleme, zu denen die kritischen Ultrà- Thematiken – wie beispielsweise das Problem der Repression oder die Kritik an einige Fan-Themen – noch hinzukommen. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass unsere Subkultur irgendwann einmal durch Repression vonseiten des Staates oder der Vereine ausgelöscht wird. Dafür ist diese schon viel zu sehr in den Kurven Europas verwurzelt, in den Herzen der Ultras verankert. Dabei ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass sich auf diesem Wege schon genügend Leute verabschiedet haben und durch Stadionverbote entmutigt wurden. Lasse ich mich also von der Polizei und von den Vereinen so beeinflussen, dass ich letztendlich vor diesen kapituliere oder kämpfe ich weiter für meine Sache? Wie viel Ultrà steckt in mir? Ebenso verfügt unsere Subkultur über mehr Facetten als ihre Aussendarstellung oft erahnen lässt. Sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Stadions ist mit „Ultrà“ weitaus mehr zu verbinden als Fahnenschwenken und Vorsänger. Wenn man unsere Gruppe als Beispiel nimmt und auf vergangene Aktionen im Rahmen von „Horde karitativ“ blickt, merkt man, dass diese zwar im Stadion durchgeführt wurden, dass das soziale Engagement aber selten im Stadion bleibt. Stattdessen kommen diese Aktionen den sozialen Einrichtungen innerhalb der Stadtgrenzen zugute. In diesem Zusammenhang ist das aktive Mitglied gefordert, auch abgesehen von Spieltagen für die Gruppe und für die Sache aktiv zu werden.
Ist die Aussage „Für den Verein und für die Stadt“ also nur ein Lippenbekenntnis oder bin ich bereit, auch mehr für meinen Verein und für meine Stadt zu tun? Steckt so viel Ultrà in mir, dass ich in diesem Zusammenhang bereit bin, auch mal einen privaten Termin – und wenn er noch so wichtig ist – abzusagen, um der Gruppe einen wertvollen Dienst zu erweisen? Ist es mir möglich, die Ziele und Werte meiner Gruppe nicht nur auf die Kurve, sondern auch auf mein ganzes Leben zu übertragen, oder gehöre ich zu den Leuten, die Wasser predigen, aber Wein saufen?

Wie viel Ultrà steckt in mir? Summe ich alibimässig leise in der Kurve vor mich hin oder gebe ich alles für die Mannschaft und brülle, was das Zeug hält? Möchte ich dabei lieber das Spiel beobachten oder sehe ich mich selbst als Teil des Vereins, als Teil der Mannschaft, als Teil einer grossen Kurve und möchte den Verein, die Mannschaft und die Kurve mit meinem Einsatz unterstützen? Wie viel Ultrà steckt in mir? Übernehme ich gedankenlos von anderen Gruppen, von anderen Szenen, von anderen Gesellschaftsschichten die Ideale oder bin ich selbst aktiv, kreativ und wirke mit meinen Ideen an einer farbenfrohen Kurve und einer facettenreichen Gruppe mit? Wie viel Ultrà steckt in mir? Hinterfrage ich mich, meine Gruppe, meine Ganze Generation und die Subkultur, welcher ich angehöre oder schlucke ich alles, was von oben auf mich herunter prasselt? Fragen, die sich jeder selbst beantworten muss…

So sollte man sich – gerade als Teil unserer Subkultur – ständig selbst hinterfragen und sich, ehe man auf andere zeigt, erst einmal selbst genau unter die Lupe nehmen und fragen, ob man nicht selbst aktiv werden, selbst etwas ändern kann.

Wie oft erlebt man kreative Ansätze bei Fans, die im Grunde genommen gar nichts mit der Materie Ultrá zu tun haben – und wie oft ist das genaue Gegenteil bei einigen vermeintlichen Ultras der Fall? Als Teil einer grossen Kurve, als Teil einer noch grösseren Szene und Teil einer länderübergreifenden Bewegung muss sich unsere Gruppe ständig neu definieren und an jedem Tag neu entwickeln – eine Aufgabe, bei deren Bewältigung jedes einzelne Mitglied gefordert ist.
Ultrà wird an jedem Tag neu geboren, entsteht in kreativen Köpfen mit ihren Ideen und lebt von der Eigeninitiative und der ständigen Selbsthinterfragung…
Wie viel Ultrà steckt also in DIR?

Ultras gegen Mubarak

Anfang letzten Jahres präsentierten wir Euch hier auf dem GDS-Blog zwei Videos von der Anhängerschaft des ägyptischen Vereins al-Ahly. Dass uns die Ultras Ahlawy als führende Gruppe der dortigen Fanszene nun in der Berichterstattung über die Proteste gegen das Regime Husni Mubaraks erneut begegnet, hat uns allerdings doch etwas überrascht. Unter dem Titel „Die ägyptische Fußballrevolution“ berichtet die Schweizer Zeitung 20 Minuten auf ihrer Website über die Beteiligung der Fans an den täglichen Demonstrationen und Auseinandersetzungen mit den angeheuerten Schergen des Regimes. Die Ultras verteidigten zusammen mit Anhängern des Lokalrivalen Zamalek und weiteren Aktivisten die bis dahin weitgehend friedlichen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz gegen die von der Regierung initiierte Gegenbewegung, errichteten Straßenbarrikaden und kümmerten sich um eine effektive Organisation der Abläufe auf dem Platz. In einem Land, in dem aufgrund des nunmehr fast zwei Dekaden andauernden Ausnahmezustands selbst gewöhnliche Straßendemonstrationen verboten sind, bilden die Ultras die einzige Gruppe unter den Demonstranten, die über eine gewisse Erfahrung in der offenen Konfrontation mit den staatlichen Repressionsorganen verfügt. Im Zuge einer Auseinandersetzung letztes Jahr bei der die al-Ahly Ultras eine Polizeisperre überrannten, die sie daran hindern sollte, Pyrotechnik und Zaunfahnen mit ins Stadion zu bringen, meinte ein führendes Mitglied der Gruppe: „ Es gibt keinen politischen Wettbewerb [in Ägypten], also findet der Wettbewerb im Fußballstadion statt. Wir tun, was wir tun müssen, gegen Regeln, die wir für falsch halten.“
Der Fußball ist neben der Religion eine der beiden Parallelwelten, in die sich die Ägypter fliehen können, um der politischen und wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit in ihrem Land zu entkommen.
„Fußball ist größer als Politik. Es geht dabei um Wirklichkeitsflucht. Der durchschnittilche Ahly-Fan, ist ein Typ mit einer Einzimmer-Wohnung, die er sich mit seiner Frau, der Schwiegermutter und fünf Kindern teilt. Er verdient den Mindestlohn und sein Leben ist scheiße. Das einzig positive in seinem Leben, sind die zwei Stunden am Freitag an dem er ins Stadion geht und Ahly sieht, sagt ein Capo der Ultras Ahlawy, „die Menschen hier leiden, aber wenn Ahly gewinnt, dann lachen sie.“

Die Ultras tragen also einen gewichtigen Teil zum Gelingen der Proteste gegen Mubarak bei. Folgt man dem beliebten Blogger Alaa Abd el-Fattah sogar den Wichtigsten. Bei einem Interview mit dem katarischen Sender al-Jazeera witzelte er: „Die Ultras haben bisher eine bedeutendere Rolle als irgendeine politische Gruppierung gespielt. Vielleicht sollten wir sie fragen, ob sie nicht das Land regieren wollen?“

Hat Tip: mideastsoccer

Weitere Hintergründe zu Fußball und Politik in Ägypten bieten folgende sehr hörenswerte Radio-Reportage (leider nur auf Englisch): The Power and the Passion sowie der obenstehende Link zum Blog von James M. Dorsey.

Streetart

Edit: Gestern (02.02.) war hier noch ein Bild mit einem Aufkleber auf einem Kassenautomaten zu finden. Beim Einstellen des Bildes ist uns nicht aufgefallen, dass der Automat durch den Aufkleber unbenutzbar wurde. Ziel von Streetart ist es aber die Umgebung zu verschönern, und nicht mutwillig Dinge kaputt zu machen, weshalb Ihr das Bild hier auch nicht mehr findet.

Zeichen der Ultras: Darüber wie wichtig ein gemeinsamer, geschlossener Auftritt ist

Fragt man verschiedene Ultras nach ihrem Verständnis und der Bedeutung von Ultrà für sie, fallen sicher häufig Begriffe wie Solidarität oder Rivalität, oft wird man auch von einem Wettstreit der Kurven um die coolste Darbietung hören.

Dazu zählt für uns nicht nur (auch wenn es natürlich von zentraler Bedeutung ist) der Tifo mit Gesang, Fahnen und Doppelhaltern, Choreos, Pyro und Spruchbändern, wie sich die Gruppe in Auseinandersetzungen bewährt oder der Stil, Niveau und Coolness und die Mentalität der Gruppe. Auch der Auftritt der Gruppe, beispielsweise bei der Anreise, kommt mit in die „Wertung“. Dabei kommt es nicht darauf an, jedes Spiel nen fetten Corteo mit Gesang hinzulegen (das Besondere daran sollte durchaus erhalten bleiben, dadurch dass so was auf besondere Spiele beschränkt ist) und schon gar nicht möglichst prollig rüber zu kommen. Im Gegenteil, auch bei einer gemeinsamen Anreise kann man zeigen, dass die eigene Gruppe nen coolen und niveauvollen Stil hat. Zum Beispiel, wenn die Fans von XY hinter der Polizeikette den Affen macht, die eigene Gruppe sich aber nicht dafür interessiert, sondern einfach nur cool vorbeigeht und die Deppen mit Nichtbeachtung würdigt. Und natürlich ist eine gemeinsame Anreise für diese Wertung immer förderlich. Mit möglichst vielen Leuten unterwegs zu sein macht einfach was her. Und wenn man dann bei nem wichtigen Spiel oder sogar Derby einen fetten Corteo zusammen bekommt, der vom Auftritt einfach was her macht, ist das einfach nen guter Start, um gleich von Anfang die Verhältnisse klar zu stellen. Aber eben immer mit dem Background, wir sind immer fett unterwegs und nicht nur beim Derby. Wir haben immer ne vernünftige Zahl am Start und kreppeln nicht jedes Spiel mit 30 Leuten rum und machen nur beim Derby den Dicken.
Dabei spielt auch ne Rolle, dass nicht nur der Stil und das Verhalten Beachtung finden, sondern z.B. auch der Altersschnitt. Wenn sich jetzt gerade die Älteren denken, sie haben kein Bock mehr auf Zug oder Bus und fahren lieber selber im Auto, wird die Gruppe einfach anders wahrgenommen. Wobei der Fehler natürlich nicht bei den Jüngeren liegt, die sich engagieren und auf die günstige Anreisevariante angewiesen sind, sondern bei den Älteren. Think about it.

Aber auch Solidarität und Rivalität spielen dabei eine Rolle. Ist ganz klar, dass Leute die alleine zum Auswärtsspiel anreisen, eher Ziel von Überfällen werden können und mehr Leute bei der Gruppe bedeuten, dass sich diese besser verteidigen kann. Auch kostet ein halb voller Bus am Ende entweder die Gruppe was, oder die Jüngeren, die mit fahren und eh schon auf die günstigste Variante angewiesen sind. Wir sind eine Gemeinschaft und das drückt sich unter anderem auch darin aus, dass wir, was Kosten oder Probleme angeht, gemeinschaftlich handeln.

Ich will, dass meine Gruppe die coolste und beste ist, und du auch!