Wie viel Ultra steckt in mir?

Aus dem MENTALITA KÖLSCH Nr. 13 (Februar 2009)

Ist wirklich mein ganzes Denken von der Materie Ultrà geprägt? Mein ganzes Handeln vom Ultrà-Gedanken bestimmt? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben. Bestimmt ist nicht jeder Augenblick meines Lebens auf das Ultrà sein ausgerichtet, doch vergeht wahrscheinlich kein Tag, an dem man sich nicht mit diesem umfassenden und vielschichtigen Komplex befasst. Man denkt im Prinzip jede freie Minute, die man mal nur für sich hat, an seine Gruppe und daran, was man für diese noch alles tun und verbessern kann.
Natürlich hat jedes aktive Mitglied, jeder Ultrà, seine eigenen Vorstellungen von der Materie, doch letztendlich geht es darum, die unterschiedlichen Haltungen im Kollektiv zuvereinen. Hier müssen – wie im „normalen Leben“ auch – Kompromisse geschlossen und persönliche Eitelkeiten oftmals zurückgestellt werden. Die Gruppe geht vor – eine Tatsache, für die man sich entscheiden muss und prinzipiell für jeden Ultrà eine Selbstverständlichkeit darstellen sollte. Mit diesem Bekenntnis schlägt man natürlich seine Mitmenschen, die mit dieser ganz eigenen Welt nichts zu tun haben, oftmals vor den Kopf: Der Arbeitgeber muss mitspielen und die Familie hat einen schon lange für bekloppt erklärt. Aber was soll ein Ultrà auch anders anstellen? Seit Jahren kennt er nur das Leben für den Verein und für die Gruppe, die Wochenenden werden im Stadion und die Tage unter der Woche mit der Gruppe verbracht. Selbst beim Schreiben dieses Textes bin ich nahe bei der Gruppe und in Gedanken bei meinen Leuten. Bei vielen kann man beobachten, dass es nicht – oder nur schwer – möglich ist, ein „Leben ausserhalb der Gruppe“ zu führen. Beziehungen und sogar Ehen gehen in die Brüche, Arbeitsstellen werden nach der Vereinbarkeit mit Spieltagen ausgesucht.

Doch ist man wirklich bereit, diese Opfer für die Gruppe zu bringen? Wie viel Ultrà steckt wirklich in mir? Diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Einen Masterplan, den man nur noch abarbeiten muss, gibt es nicht. Natürlich gibt es auch im Leben eines Ultras Momente, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen, die vielleicht bei dem einen oder anderen auch mal zu Ungunsten der Gruppe ausgehen. Wie die Prioritäten gesetzt werden, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, wobei man sich auch in diesen Zusammenhang immer wieder die Frage stellen muss: Wie viel Ultrà steckt in mir?

So hat auch jeder Mensch seine eigenen privaten Probleme, zu denen die kritischen Ultrà- Thematiken – wie beispielsweise das Problem der Repression oder die Kritik an einige Fan-Themen – noch hinzukommen. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass unsere Subkultur irgendwann einmal durch Repression vonseiten des Staates oder der Vereine ausgelöscht wird. Dafür ist diese schon viel zu sehr in den Kurven Europas verwurzelt, in den Herzen der Ultras verankert. Dabei ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass sich auf diesem Wege schon genügend Leute verabschiedet haben und durch Stadionverbote entmutigt wurden. Lasse ich mich also von der Polizei und von den Vereinen so beeinflussen, dass ich letztendlich vor diesen kapituliere oder kämpfe ich weiter für meine Sache? Wie viel Ultrà steckt in mir? Ebenso verfügt unsere Subkultur über mehr Facetten als ihre Aussendarstellung oft erahnen lässt. Sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Stadions ist mit „Ultrà“ weitaus mehr zu verbinden als Fahnenschwenken und Vorsänger. Wenn man unsere Gruppe als Beispiel nimmt und auf vergangene Aktionen im Rahmen von „Horde karitativ“ blickt, merkt man, dass diese zwar im Stadion durchgeführt wurden, dass das soziale Engagement aber selten im Stadion bleibt. Stattdessen kommen diese Aktionen den sozialen Einrichtungen innerhalb der Stadtgrenzen zugute. In diesem Zusammenhang ist das aktive Mitglied gefordert, auch abgesehen von Spieltagen für die Gruppe und für die Sache aktiv zu werden.
Ist die Aussage „Für den Verein und für die Stadt“ also nur ein Lippenbekenntnis oder bin ich bereit, auch mehr für meinen Verein und für meine Stadt zu tun? Steckt so viel Ultrà in mir, dass ich in diesem Zusammenhang bereit bin, auch mal einen privaten Termin – und wenn er noch so wichtig ist – abzusagen, um der Gruppe einen wertvollen Dienst zu erweisen? Ist es mir möglich, die Ziele und Werte meiner Gruppe nicht nur auf die Kurve, sondern auch auf mein ganzes Leben zu übertragen, oder gehöre ich zu den Leuten, die Wasser predigen, aber Wein saufen?

Wie viel Ultrà steckt in mir? Summe ich alibimässig leise in der Kurve vor mich hin oder gebe ich alles für die Mannschaft und brülle, was das Zeug hält? Möchte ich dabei lieber das Spiel beobachten oder sehe ich mich selbst als Teil des Vereins, als Teil der Mannschaft, als Teil einer grossen Kurve und möchte den Verein, die Mannschaft und die Kurve mit meinem Einsatz unterstützen? Wie viel Ultrà steckt in mir? Übernehme ich gedankenlos von anderen Gruppen, von anderen Szenen, von anderen Gesellschaftsschichten die Ideale oder bin ich selbst aktiv, kreativ und wirke mit meinen Ideen an einer farbenfrohen Kurve und einer facettenreichen Gruppe mit? Wie viel Ultrà steckt in mir? Hinterfrage ich mich, meine Gruppe, meine Ganze Generation und die Subkultur, welcher ich angehöre oder schlucke ich alles, was von oben auf mich herunter prasselt? Fragen, die sich jeder selbst beantworten muss…

So sollte man sich – gerade als Teil unserer Subkultur – ständig selbst hinterfragen und sich, ehe man auf andere zeigt, erst einmal selbst genau unter die Lupe nehmen und fragen, ob man nicht selbst aktiv werden, selbst etwas ändern kann.

Wie oft erlebt man kreative Ansätze bei Fans, die im Grunde genommen gar nichts mit der Materie Ultrá zu tun haben – und wie oft ist das genaue Gegenteil bei einigen vermeintlichen Ultras der Fall? Als Teil einer grossen Kurve, als Teil einer noch grösseren Szene und Teil einer länderübergreifenden Bewegung muss sich unsere Gruppe ständig neu definieren und an jedem Tag neu entwickeln – eine Aufgabe, bei deren Bewältigung jedes einzelne Mitglied gefordert ist.
Ultrà wird an jedem Tag neu geboren, entsteht in kreativen Köpfen mit ihren Ideen und lebt von der Eigeninitiative und der ständigen Selbsthinterfragung…
Wie viel Ultrà steckt also in DIR?