Archiv für März 2011

Gegen den modernen Fußball? Oder: Was machen wir nur mit Red Bull?

Die Markranstädter Fußballmannschaft des österreichischen Brausefabrikanten Mateschitz machte in den letzten Wochen mehrmals Schlagzeilen. Nicht, weil sich der geplante Durchmarsch ins Fußballoberhaus etwas zu verzögern scheint, sondern da Didi’s Truppe vorerst keine adäquaten Testspielgegner mehr findet. Löblicherweise sagten sowohl Union Berlin als auch Hessen Kassel bereits vereinbarte Testspiele mit den Ochsen ab. Eine vorbildliche Demonstration wie ein Fan den Anliegen seiner Fans Gehör schenken kann. Das Union-Testspiel wurde von deren von Teammanagers Christian Beeck organisiert, der sich nun wie folgt zitiert zur Absage äußert: „Die Entscheidung für dieses Testspiel ist nach rein sportlichen Motiven erfolgt. Es gibt natürlich auch andere Perspektiven dazu und es ist wichtig und richtig, diese ebenfalls zu berücksichtigen. Das nicht getan zu haben, war ein Fehler“.

Um Euch aber auch zu zeigen, dass die Kritik am modernen Fußball nicht unbedingt beim Thema Red Bull aufhören muss, präsentieren wir Euch heute einen Text aus Sankt Pauli:

Dieser Text entstand im Rahmen des Alerta!-Actiondays zum Thema
„Another football is possible – make capitalism history!“ und will sich mit dem Verhältnis von Fußball und Kapitalismus, aktueller Kritik aus verschiedensten Fanszenen und deren Implikationen auseinandersetzen.

Fußball ohne Kapitalismus? WTF?

Gab es denn mal einen schönen „unverdorbenen“ Fußball, so wie wir ihn haben wollten?
War früher alles besser? Ich sage nein, denn Fußball, so wie wir ihn kennen, als öffentliche (Groß-) Veranstaltung, entwickelte sich relativ zeitgleich mit dem Aufkommen des kapitalistischen Systems im 19. Jahrhundert. Seit der industriellen Revolution, die im späten 18. Jahrhundert in England einsetzte war Fußball übrigens nicht mehr ein ausschließlich von Arbeiter_innen bevorzugtes Spiel – dies hatten schlicht und einfach keine Zeit mehr dazu, da sie zur Arbeit in das neu aufkommende Fabriksystem gezwungen waren, sondern wurde in exklusiven, privaten, englischen Public Schools praktiziert und dort auch mit einem Regelkanon versehen. Mit der Einführung von Spielregeln wurde auch eine Trennung zwischen legitimer und illegitimer Gewalt vollzogen und forderte von nun an von den (jetzt meist nur noch männlichen) Spieler_innen ein hohes Maß an Selbstdisziplin.
Werte und Tugenden, die eine_n Spieler_in ausmachen, wie Mut, Uneigennützigkeit, Härte gegen sich selbst und Teamfähigkeit kennen wir heute noch als Beschreibung für gute Spieler_innen.
Sie stammen allesamt aus dieser Zeit, wobei interessant ist, dass erfolgreiche Unternehmer_innen und Geschäftsleute mit den gleichen Fähigkeiten ausgestattet sein müssen.
Dies zeigt die Nähe des Bürgertums zum sich entwickelnden „Breitensport“ Fußball.
Natürlich ist es nicht so, als hätten nie wieder ein_e Arbeiter_in Fußball gespielt, die Formung und „Zivilisierung“ des Fußballs wurde jedoch von bürgerlicher Seite aus vorangetrieben und ohne diese „Zivilisierung“ gäbe es das Spiel in seiner heutigen Form nicht.
Die Geschichte des „modernen Fußballs“ beginnt 1863 in England mit der Trennung von Fußball und Rugby und der Gründung der Football Association. Da Fußball die einfacheren Spielregeln hatte und unterschiedlichere Spieler_innentypen gefragt waren, als beim Rugby, wurde es von den Zuschauer_innen besser aufgenommen und somit begann dann die Erfolgsgeschichte des „modernen Fußball“. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem in der Arbeiter_innenschicht wieder vermehrt Interesse an diesem Sport aufka. – Also nun doch wieder ein Sport der Proletarier_innen?
Immer wieder gibt und gab es, vor allem in der Ultrá-Bewegung, Bezugsnahmen auf einen vermeintlich authentischen und proletarischen Ursprung des Fußballs, der zunehmend kommerzialisiert würde und in den Händen von Konzernen mit Marketingstrategien eben dieser Authentizität „beraubt“ wurde und wird.
Das Problem bei dieser Bezugnahme besteht darin, dass sich der „Anfang“ des professionellen Fußballs weit anders gestaltete als oftmals dargestellt. Leute aus den ärmeren (proletarischen) Bevölkerungsschichten konnten sich weder Vereinsmitgliedschaften noch Ausrüstung leisten, um zu spielen. Ganz nebenbei wurde am Anfang des 20.Jahrhunderts des Fußball auch noch vom Militär entdeckt – Ausdrücke wie Abwehr, Flanke, Deckung, Angriff oder Parade stammen direkt aus dem Militärjargon. Was soll nun dieser kleine Ausflug in die Geschichte des Fußballs?

Damit soll nur verdeutlicht werden, dass die „Ursprünge“ von Fußball nicht so eindeutig und romantisch sind, wie von vielen vielleicht angenommen.
Und was hat das ganze mit Kapitalismus zu tun? Seit 1888 die erste Profiliga in England gegründet wurde, unterliegt das Spiel dem kapitalistischen Normalbetrieb. Dadurch, dass die Spieler_innen Geld für die von ihnen erbrachte Leistung bekommen, müssen die Vereine automatisch auch Geld einnehmen, um die Spieler_innen und sich selber finanzieren zu können. Abgesehen davon, kann ohne Geld kein Verein gegründet werden. Das Prinzip war damals nicht anders als es heute ist.
Dass die Vermarktungstrategien immer „gewiefter“ werden und Spieler_innen, Manager_innen, etc. immer mehr Geld bekommen, ist eine Entwicklung, die wir nicht weg reden können und auch gar nicht wollen. Der Punkt ist, dass das eine ganz normale Entwicklung innerhalb der Logik dieses Systems ist, in dem wir leben – dem Kapitalismus.
Dieses System ist darauf ausgelegt, immer mehr Profit zu erwirtschaften um immer mehr produzieren zu können. Das heißt aber auch noch lange nicht, dass diese Entwicklung irgendwann plötzlich in den letzten Jahren eingesetzt hätte. Seit der „Erfindung“ des „modernen“ Fußballsports bestand immer ein Interesse daran, mit Fußball Geld zu verdienen. So wie mit allem eben – wenn wir in einem System leben, in dem die Arbeitskraft jedes Menschen mit Geld aufgewogen wird, warum sollte das ausgerechnet beim Fußball anders sein?

Red Bull – Die Ausgeburt des Bösen???????

Es ist klar, das vielen Fußballfans angesichts der Veränderung der Gegebenheiten, die es in den letzen Jahren gegeben hat, mulmig wird.
Preiserhöhungen, Sitzplatzstadion, Werbebanner rundherum, bescheuerte Stadionnamen, noch bescheuertere Halbzeitshows, undsoweiterundsofort – alles Sachen die ich auch echt eklig finde und auf die ich liebend gerne verzichten würde – vor allem wenn sie dann auch noch oft latent oder offen rassistisch, sexistisch, homophob oder nationalistisch sind. Die Frage ist doch dabei aber, warum passiert sowas und wie kann das Problem gelöst werden.
Oft werden Stadien als autonome Freiräume begriffen, in denen andere Regeln und Gesetze gelten – das mag zu einem Teil so sein, heißt aber nicht, dass sie nicht auch im herrschenden System drinstecken. Luftleeren Raum gibt es auch im Fußballstadion nicht. Und dadurch ergibt sich auch ganz schnell die Konsequenz: wo Menschen bereit sind, Geld auszugeben, wird versucht durch effektives Marketing die Leute dazu zu bringen noch mehr Geld auszugeben. Das hat sich nicht irgendein „böser“ Firmenchef so ausgedacht und jetzt ausgerechnet beim Fußball gewinnbringend eingesetzt – nein, dieses Prinzip ist überall in unserer Gesellschaft vorherrschend.
Gegen diese Entwicklung hat sich in letzter Zeit immer häufiger Kritik geregt. Super Sache, wenn sich Menschen mit den Sachen, die ihnen wichtig sind auseinandersetzen und anfangen zu hinterfragen. Was allerdings auffällt ist, dass bei vielen Kritiken ein schaler Nachgeschmack bleibt:
Das vermeintliche Prachtbeispiel, dass dafür in der letzten Zeit immer herhalten muss, ist die Firma Red Bull, die sich als Sponsor für den Rasensportverein Leipzig (und Salzburg) hervorgetan hat und diese nun kräftig sanieren will. Dieses Sanieren bedeutet nun allerdings auch, das Tickets teurer werden, mehr Werbung ins Stadion kommt usw. – Alles Maßnahmen, um Geld aus dem Laden herauszuholen. So weit, so unangenehm manche dieser Entwicklungen (zumindest für den geneigten Fußballfan, die_der lieber im Stadion steht statt sitzt und gerne mit voller Kraft neunzig, ach was mehr, Minuten ihren_seinen Verein nach vorne brüllt) auch sind, die Frage ist doch, was wir daraus für Konsequenzen für unsere Kritiken und letztlich unser Handeln ziehen.
Nehmen wir mal an, wir würden Red Bull ab jetzt boykottieren und die würde pleite gehen. Sie hätte kein Geld mehr, um den Rasensportverein Leipzig zu sponsorn und somit wäre auch der Bulle ausm Wappen weg. Stark, da wollten doch alle… Und dann… hat der Verein kein Geld um im Ligabetrieb zu bestehen und sucht sich einen neuen Sponsor. Der heißt dann Klappstuhl XY und das steht dann auf einmal im Vereinswappen. Ist das besser als der Bulle? Eher nicht…
Aber da gibt´s ja dann doch noch ein Argument, dass mensch gelten lassen muss:
Red Bull macht die Tradition des Vereins kaputt! Hmmm, Tradition…
Nach dieser Definition wird Tradition also kaputt gemacht, sobald sich ein Verein einen größeren Sponsor auftut und wohlmöglich Vereins- und Stadionnamen ändert, so dass auf den ersten Blick erkannt werden kann, wem der Laden gehört. Ich wage es ja gar nicht darauf hinzuweisen, dass jeder größere Verein einen Hauptsponsor hat und die Namen diversester Stadien schon mehrmals geändert wurden. Wo ist denn der Unterschied zu Red Bull?
Gut, das ist vielleicht schon fünf, zwanzig, dreißig oder noch mehr Jahren passiert, aber macht es das besser? Und auf welche Tradition wollen sich die Kritiker_innen denn sonst noch so beziehen? Darauf, dass viele Fußballvereine aus männerbündischen Studentenverbindungen entstanden sind?
Über die „proletarischen Ursprünge“ des Fußballs wurde ja weiter oben schon etwas geschrieben.

Klar ist es viel schöner, wenn es wie bei uns läuft: das Millerntor-Stadion bleibt das Millerntor-Stadion und gegen diverseste Versuche unseres Präsidiums, irgendwelche komischen Werbemaßnahmen (Stichwort: Millerntaler) bei uns zu etablieren, hat sich massiv Widerstand geregt. Ds finde ich super! Es gestaltet den Alltag in diesem kapitalistischen Wahnsinn weitaus angenehmer. Aber das sollte und nicht dazu verleiten, zu denken wir wären anders.
Das Image des FC, das durch die politische Fanszene über Jahre hinweg geschaffen wurde, wird genauso gewinnbringend vermarktet. Wir sind dann halt der „Kult-Club“ vom Kiez, bei dem alles ein bisschen anders ist. Und von diesem „Anderssein“ fühlen sich dann auch wieder viele Menschen angezogen und St.Pauli wird zu einer attraktiven Marke. Es wird sich also auch hier, ohne weiteres und auch zwangsweise, in das bestehende System integriert. Eine weitere Eigenschaft des Kapitalismus ist nämlich, dass auch ertragreich Kritik in das bestehende System integriert werden kann und positiv umgedeutet wird.

Was ist aber nun die Konsequenz aus dieser Bestandsaufnahme?
Da alle beschriebenen Phänomene aus einer inneren Logik des Systems Kapitalismus resultieren, bleibt eigentlich nur noch, die Abschaffung desselben zu fordern. Damit es uns ALLEN gutgeht, muss nicht der „böse Konzernchef“ weg, sondern das System, in dem Leute überhaupt erst dazu gezwungen werden Konzernchefs zu sein. Das System Kapitalismus ist als Ganzes zu kritisieren und wir sollten uns nicht dazu verleiten lassen zu glauben, dass kapitalistische Erscheinungsformen wie Neoliberalismus oder Globalisierung, im Fußballkontext z.B. „Professionalisierung“ und „Kommerzialisierung“, die einzigen Dinge sind, die abgeschafft gehören, damit wir endlich ALLE ein schönes Leben haben.
Klar ist es wichtig, diese Erscheinungsformen zu analysieren und zu kritisieren, jedoch ist es wichtig, die Konstruktion von Feindbildern zu vermeiden (z.B. „Die Bösen da oben – wir Guten da unten“). Wenn das passiert, ist es nicht mehr weit zu merkwürdigen Verschwörungstheorien oder der Festigung von Ressentiments. Wir leben nämlich alle in diesem kapitalistischen System und tragen durch unser tägliches (vom System erzwungenes) Verhalten dazu bei, dass es weiter existieren kann.

In diesem Sinne – her mit dem Ponyhof, dem schönen Leben und der ganzen Bäckerei!
Alerta! St.Pauli im Oktober 2010

aus: La Gazetta D‘ Ultra‘ #146

Gastbeitrag: Strategie, Kontinuität, Hoeneß, van Gaal – Presseschau

Gestern erreichte uns folgende interessante Zuschrift, die wir Euch natürlich nicht vorenthalten wollen.

Da ja einiges los ist in diesen Tagen rund um unseren Verein, hab ich mir ein paar Presseartikel angeschaut und mal so meine Gedanken dazu aufgeschrieben. Vielleicht wäre das ja auch etwas für Euer Südkurvenbladdl.

Als Begründung für die Trennung von Louis van Gaal werden ja „unterschiedliche Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Clubs“ genannt. Hab ich was verpasst? Also meiner bescheidenen Meinung nach ist der Satz nur zur Hälfte richtig: Louis van Gaal hat nämlich ne grundsätzliche strategische Ausrichtung (wie immer man die im einzelnen beurteilen mag). Dem FC Bayern dagegen fehlt eine solche gänzlich. Es regiert biedere (schwäbische) Besitzstandswahrung in einer Liga, die unter Konkurrenzaspekten betrachtet zu schlecht ist, als dass man damit im Durschnitt nicht durchkäme. Nicht Kultivierung einer eigenen fußballerischen Identität, die diesem Club auf dem Rasen einen Wiedererkennungswert verschaffen würde, der seiner historischen Größe gerecht würde. Kurz gesagt: man verdient lieber im Stillen vor sich hin, als mit Mut zur Tat die Massen zu begeistern.

Für mich bringen 3 Artikel ganz gut auf den Punkt, was es dazu hauptsächlich zu sagen gibt:

Da wäre zum einen die Trainerbilanz seit 1987 und dem ersten Mal Heynckes. Lustiger Weise auch alle Trainer die ich persönlich bei Bayern miterlebt habe… Doch ein Haufen Holz, wenn man die ganzen Jahre dann nochmal so kompakt vor Augen hat…

Merkur: Schleudersitz FC Bayern

Fällt was auf? Stichwort: Kontinuität… 14 Trainerwechsel in 24 Jahren. Lediglich Heynckes (4,5 Jahre) und später Hitzfeld (6 Jahre) blieben mal länger am Stück. Nah am geliebten Europacup der Landesmeister dran oder sogar erfolgreich waren wir übrigens immer nur dann. Mit Lerby, Ribbeck, Rehhagel, Hitzfeld II und Klinsmann im gleichen Zeitraum übrigens 5 mal voll daneben und teilweise mit Witzfiguren unterwegs.

Es gibt da übrigens einen Mann, der diesen gesamten Zeitraum über in leitender Position verantwortlich war… ich will dem gar nicht vorwerfen, dass er es geschafft hat cleverer zu sein als die andernorts (v.a. in früheren Zeiten) oft waltenden Vereinsmeier mit dem Horizont von Dackelzuchtvereinsfunktionären – die Kohle zusammenzuhalten und Deutschlands wirtschaftlich schlagkräftigster Verein zu werden und zu bleiben ham wir zweifelsfrei geschafft (auch wenn die teils jämmerliche Konkurrenz schon einiges relativiert) – aber welche Club-Identität, welches Image hat unser Verein in der gleichen Zeit entwickelt, auf dem Rasen und außerhalb?

Den FC Bayern gab es schon vor Uli Hoeneß – und es wird ihn auch nach Uli Hoeneß geben. Der FC Bayern war schon ein großer, sportlich erfolgreicher Verein vor den ganz großen Erfolgen der goldenen Siebziger Jahre. Spätestens aber nach diesen. In der Mannschaft der „glorreichen 70er“ war Uli Hoeneß zwar als emsige Arbeitsbiene (und, das sollte nicht unterschlagen werden, mit großem Erfolg) dabei – die großen Protagonisten aber waren andere… Als Uli Hoeneß seine Arbeit als Manager angetreten hat, war der FC Bayern bereits längst ein Weltverein! Die Dinge, die einen heute beim Betrachten der Vereinshistorie ehrfürchtig, stolz und teilweise auch gerührt werden lassen (identitätsstiftende Erfolge, aber u.a. auch Aspekte wie die Ereignisse um Kurt Landauer und die NS-Zeit) waren größtenteils bereits erreicht. Danach wurde hauptsächlich finanziell saniert und das Erreichte dann (wenn auch auf hohem Niveau) verwaltet. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das sicher gelungen, der Verein mußte sich nie wie andere existenzielle Sorgen machen – im Gegenteil. Auch das ein o. andere absolute Highlight, für das man als Anhänger dankbar sein muss, war sicherlich dabei – keine Frage. Das verdient Respekt – aber keine Götzenverehrung. Irgendwann ist aus Beständigkeit Dekadenz geworden – Langweile, Selbstherrlichkeit, Lethargie und Einheitsbrei, Ausverkauf von Werten (oft genug unter Aufgabe von Identität und ohne Respekt gegenüber den Mitgliedern und Anhängern). Das ist – aller Notwendigkeit einer gesunden finanziellen Basis zum Trotz – einem Verein von Welt unwürdig! Wenn man sich das Motto des FC Barcelona „Més que un club“ (‚Mehr als ein Club‘) ansieht und wie die ganze Club-Kultur dieses Flair auch stolz nach außen transportiert, findet man ein schönes Gegenbeispiel und wird sicher auch ein wenig neidisch. Lange Rede kurzer Sinn: Uli Hoeneß hat seinen Teil zum FC Bayern beigetragen – aber Uli Hoeneß ist nicht der FC Bayern! Dieser Verein ist Legende – und 111 Jahre alt…

Die beiden folgenden Artikel treffen diesbezüglich ins Schwarze:

11 Freunde: Liebe, Obsession, nervige Schwiegermütter

Was Louis van Gaal so mit seinem Co-Trainer Andries Jonker bespricht, wenn niemand zuhört, wissen wir nicht. Der eine oder andere Schwiegermutterwitz dürfte dabei sein. Denn was ist Uli Hoeneß anderes als das – seine Schwiegermutter?
Hoeneß mischt sich ein, er weiß alles besser, er guckt jeden Tag nach dem Rechten, dass er nicht selbst die Betten der Nachwuchsspieler im Internat bezieht, ist ein kleines Wunder. Er müsste loslassen, aber er kann es nicht. Er war 30 Jahre lang der Manager des FC Bayern München, nun als Präsident, befreit vom Alltagsgeschäft, hat er sogar noch mehr Zeit, sich Sorgen zu machen.

Schon Ende 2009 wäre Louis van Gaal fast rausgeflogen, doch dann fügte sich alles zum vermeintlich Guten, zum Double, zur Finalteilnahme in der Champions League. Schwiegermutter Hoeneß lächelte säuerlich – hier schmeckte etwas, das sie nicht gekocht hatte. Wie konnte das sein? Ganz klar: Es muss Zufall gewesen sein. So sieht es Hoeneß offenbar – anders ist die kalte Abservierung des Mannes, der vor einem halben Jahr noch als Trainerfürst verehrt wurde, nicht zu erklären. Er will nun den Verein auf seinen ureigenen Kurs zurückbringen.

Aufregend, zukunftsweisend, irgendwie neu wäre all das nicht. Aber der FC Bayern München steht ja auch nicht im Verdacht, zur Avantgarde gehören zu wollen. Dazu müsste er die Veränderung lieben und nicht die Wiederholung des immer Gleichen.

Uli Hoeneß hat es versäumt, seinen Verein zum Karriereziel einer neuen Trainergeneration zu machen. Erbarmungslos vorwerfen kann man ihm das nicht. Dieser Mann liebt. Und merkt nicht, was er mit seiner Liebe erdrückt.

… wobei man (gerade wenn man Hoeneß bisserl näher kennt) wohl eher von reichlich eitler Obsession sprechen muss, als von der „wahren selbstlosen Liebe“…

Oder er behält Louis van Gaal doch. Diesen knorrigsten aller Schwiegersöhne. »Ein Kuss für die Muttis!«, brüllte das Feierbiest im letzten Mai am Marienplatz. Ein großer Muttertag, auch für Uli Hoeneß. Er müsste diese etwas andere Liebe bloß zulassen.
Und in diesem speziellen Fall wäre es tatsächlich Avantgarde, beim Alten zu bleiben.

Die Zeit: Bayern hat Louis van Gaal nicht verdient

Van Gaal hingegen schreckt nicht vor Attacken auf seine Chefs zurück. Auch nicht davor, Rummenigge im Flugzeug in die letzte Sitzreihe zu schicken.

Hoeneß ist für den Aufstieg des FC Bayern zur Weltmarke verantwortlich, er hat seinem Unternehmen zudem das Familiäre bewahrt. Durch eine sportliche Leitidee ist er nie auffällig geworden, Taktik hält er für überschätzt. Zur Erinnerung: Hoeneß hätte van Gaal im November 2009 Jahr fast entlassen, im Mai 2010 wäre der FCB fast Europapokalsieger geworden. So viel zum Thema Weitsicht.

Das Erfolgsmodell Hoeneß ist das von Dagobert Duck: kaufen, kassieren, kaufen. Hauptsache, der FC Bayern hat die besten und teuersten Spieler. Sein ehemaliger Mitspieler Jupp Kapellmann sagte über ihn: „Der ist halt ein Schwabe, der verkauft auch seine Großmutter.“

Van Gaal hat sein eigenes Modell, man könnte auch sagen, er versteht mehr vom Fußball als Hoeneß. Und er zeigt das offen.

Zum ersten Mal seit dieser Zeit gewinnt der Verein, nicht nur der beliebteste im Land, sondern auch der meistgehasste, Sympathien über seine Grenzen hinweg. Der Grund heißt van Gaal, weil er jugendlichen, offensiven Fußball spielen lässt. Weil der Holländer ein Fußballlehrer ist, von dessen Sorte es in Deutschland wenige oder sogar gar keinen gibt.

Ultras gegen Mubarak – Nachspielzeit

Wir hatten ja während der Revolution in Ägypten auf die Rolle der Ultras bei den Potesten hingewiesen. Bei den ersten (Freundschafts-)Spielen nach Mubaraks Rücktritt gedachten die Fans von Al-Ahly und Zamalek nun den Menschen, die bei den Demonstrationen gegen das Regime ihr Leben ließen.