Gastbeitrag: Strategie, Kontinuität, Hoeneß, van Gaal – Presseschau

Gestern erreichte uns folgende interessante Zuschrift, die wir Euch natürlich nicht vorenthalten wollen.

Da ja einiges los ist in diesen Tagen rund um unseren Verein, hab ich mir ein paar Presseartikel angeschaut und mal so meine Gedanken dazu aufgeschrieben. Vielleicht wäre das ja auch etwas für Euer Südkurvenbladdl.

Als Begründung für die Trennung von Louis van Gaal werden ja „unterschiedliche Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Clubs“ genannt. Hab ich was verpasst? Also meiner bescheidenen Meinung nach ist der Satz nur zur Hälfte richtig: Louis van Gaal hat nämlich ne grundsätzliche strategische Ausrichtung (wie immer man die im einzelnen beurteilen mag). Dem FC Bayern dagegen fehlt eine solche gänzlich. Es regiert biedere (schwäbische) Besitzstandswahrung in einer Liga, die unter Konkurrenzaspekten betrachtet zu schlecht ist, als dass man damit im Durschnitt nicht durchkäme. Nicht Kultivierung einer eigenen fußballerischen Identität, die diesem Club auf dem Rasen einen Wiedererkennungswert verschaffen würde, der seiner historischen Größe gerecht würde. Kurz gesagt: man verdient lieber im Stillen vor sich hin, als mit Mut zur Tat die Massen zu begeistern.

Für mich bringen 3 Artikel ganz gut auf den Punkt, was es dazu hauptsächlich zu sagen gibt:

Da wäre zum einen die Trainerbilanz seit 1987 und dem ersten Mal Heynckes. Lustiger Weise auch alle Trainer die ich persönlich bei Bayern miterlebt habe… Doch ein Haufen Holz, wenn man die ganzen Jahre dann nochmal so kompakt vor Augen hat…

Merkur: Schleudersitz FC Bayern

Fällt was auf? Stichwort: Kontinuität… 14 Trainerwechsel in 24 Jahren. Lediglich Heynckes (4,5 Jahre) und später Hitzfeld (6 Jahre) blieben mal länger am Stück. Nah am geliebten Europacup der Landesmeister dran oder sogar erfolgreich waren wir übrigens immer nur dann. Mit Lerby, Ribbeck, Rehhagel, Hitzfeld II und Klinsmann im gleichen Zeitraum übrigens 5 mal voll daneben und teilweise mit Witzfiguren unterwegs.

Es gibt da übrigens einen Mann, der diesen gesamten Zeitraum über in leitender Position verantwortlich war… ich will dem gar nicht vorwerfen, dass er es geschafft hat cleverer zu sein als die andernorts (v.a. in früheren Zeiten) oft waltenden Vereinsmeier mit dem Horizont von Dackelzuchtvereinsfunktionären – die Kohle zusammenzuhalten und Deutschlands wirtschaftlich schlagkräftigster Verein zu werden und zu bleiben ham wir zweifelsfrei geschafft (auch wenn die teils jämmerliche Konkurrenz schon einiges relativiert) – aber welche Club-Identität, welches Image hat unser Verein in der gleichen Zeit entwickelt, auf dem Rasen und außerhalb?

Den FC Bayern gab es schon vor Uli Hoeneß – und es wird ihn auch nach Uli Hoeneß geben. Der FC Bayern war schon ein großer, sportlich erfolgreicher Verein vor den ganz großen Erfolgen der goldenen Siebziger Jahre. Spätestens aber nach diesen. In der Mannschaft der „glorreichen 70er“ war Uli Hoeneß zwar als emsige Arbeitsbiene (und, das sollte nicht unterschlagen werden, mit großem Erfolg) dabei – die großen Protagonisten aber waren andere… Als Uli Hoeneß seine Arbeit als Manager angetreten hat, war der FC Bayern bereits längst ein Weltverein! Die Dinge, die einen heute beim Betrachten der Vereinshistorie ehrfürchtig, stolz und teilweise auch gerührt werden lassen (identitätsstiftende Erfolge, aber u.a. auch Aspekte wie die Ereignisse um Kurt Landauer und die NS-Zeit) waren größtenteils bereits erreicht. Danach wurde hauptsächlich finanziell saniert und das Erreichte dann (wenn auch auf hohem Niveau) verwaltet. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das sicher gelungen, der Verein mußte sich nie wie andere existenzielle Sorgen machen – im Gegenteil. Auch das ein o. andere absolute Highlight, für das man als Anhänger dankbar sein muss, war sicherlich dabei – keine Frage. Das verdient Respekt – aber keine Götzenverehrung. Irgendwann ist aus Beständigkeit Dekadenz geworden – Langweile, Selbstherrlichkeit, Lethargie und Einheitsbrei, Ausverkauf von Werten (oft genug unter Aufgabe von Identität und ohne Respekt gegenüber den Mitgliedern und Anhängern). Das ist – aller Notwendigkeit einer gesunden finanziellen Basis zum Trotz – einem Verein von Welt unwürdig! Wenn man sich das Motto des FC Barcelona „Més que un club“ (‚Mehr als ein Club‘) ansieht und wie die ganze Club-Kultur dieses Flair auch stolz nach außen transportiert, findet man ein schönes Gegenbeispiel und wird sicher auch ein wenig neidisch. Lange Rede kurzer Sinn: Uli Hoeneß hat seinen Teil zum FC Bayern beigetragen – aber Uli Hoeneß ist nicht der FC Bayern! Dieser Verein ist Legende – und 111 Jahre alt…

Die beiden folgenden Artikel treffen diesbezüglich ins Schwarze:

11 Freunde: Liebe, Obsession, nervige Schwiegermütter

Was Louis van Gaal so mit seinem Co-Trainer Andries Jonker bespricht, wenn niemand zuhört, wissen wir nicht. Der eine oder andere Schwiegermutterwitz dürfte dabei sein. Denn was ist Uli Hoeneß anderes als das – seine Schwiegermutter?
Hoeneß mischt sich ein, er weiß alles besser, er guckt jeden Tag nach dem Rechten, dass er nicht selbst die Betten der Nachwuchsspieler im Internat bezieht, ist ein kleines Wunder. Er müsste loslassen, aber er kann es nicht. Er war 30 Jahre lang der Manager des FC Bayern München, nun als Präsident, befreit vom Alltagsgeschäft, hat er sogar noch mehr Zeit, sich Sorgen zu machen.

Schon Ende 2009 wäre Louis van Gaal fast rausgeflogen, doch dann fügte sich alles zum vermeintlich Guten, zum Double, zur Finalteilnahme in der Champions League. Schwiegermutter Hoeneß lächelte säuerlich – hier schmeckte etwas, das sie nicht gekocht hatte. Wie konnte das sein? Ganz klar: Es muss Zufall gewesen sein. So sieht es Hoeneß offenbar – anders ist die kalte Abservierung des Mannes, der vor einem halben Jahr noch als Trainerfürst verehrt wurde, nicht zu erklären. Er will nun den Verein auf seinen ureigenen Kurs zurückbringen.

Aufregend, zukunftsweisend, irgendwie neu wäre all das nicht. Aber der FC Bayern München steht ja auch nicht im Verdacht, zur Avantgarde gehören zu wollen. Dazu müsste er die Veränderung lieben und nicht die Wiederholung des immer Gleichen.

Uli Hoeneß hat es versäumt, seinen Verein zum Karriereziel einer neuen Trainergeneration zu machen. Erbarmungslos vorwerfen kann man ihm das nicht. Dieser Mann liebt. Und merkt nicht, was er mit seiner Liebe erdrückt.

… wobei man (gerade wenn man Hoeneß bisserl näher kennt) wohl eher von reichlich eitler Obsession sprechen muss, als von der „wahren selbstlosen Liebe“…

Oder er behält Louis van Gaal doch. Diesen knorrigsten aller Schwiegersöhne. »Ein Kuss für die Muttis!«, brüllte das Feierbiest im letzten Mai am Marienplatz. Ein großer Muttertag, auch für Uli Hoeneß. Er müsste diese etwas andere Liebe bloß zulassen.
Und in diesem speziellen Fall wäre es tatsächlich Avantgarde, beim Alten zu bleiben.

Die Zeit: Bayern hat Louis van Gaal nicht verdient

Van Gaal hingegen schreckt nicht vor Attacken auf seine Chefs zurück. Auch nicht davor, Rummenigge im Flugzeug in die letzte Sitzreihe zu schicken.

Hoeneß ist für den Aufstieg des FC Bayern zur Weltmarke verantwortlich, er hat seinem Unternehmen zudem das Familiäre bewahrt. Durch eine sportliche Leitidee ist er nie auffällig geworden, Taktik hält er für überschätzt. Zur Erinnerung: Hoeneß hätte van Gaal im November 2009 Jahr fast entlassen, im Mai 2010 wäre der FCB fast Europapokalsieger geworden. So viel zum Thema Weitsicht.

Das Erfolgsmodell Hoeneß ist das von Dagobert Duck: kaufen, kassieren, kaufen. Hauptsache, der FC Bayern hat die besten und teuersten Spieler. Sein ehemaliger Mitspieler Jupp Kapellmann sagte über ihn: „Der ist halt ein Schwabe, der verkauft auch seine Großmutter.“

Van Gaal hat sein eigenes Modell, man könnte auch sagen, er versteht mehr vom Fußball als Hoeneß. Und er zeigt das offen.

Zum ersten Mal seit dieser Zeit gewinnt der Verein, nicht nur der beliebteste im Land, sondern auch der meistgehasste, Sympathien über seine Grenzen hinweg. Der Grund heißt van Gaal, weil er jugendlichen, offensiven Fußball spielen lässt. Weil der Holländer ein Fußballlehrer ist, von dessen Sorte es in Deutschland wenige oder sogar gar keinen gibt.