Archiv für April 2011

Brief aus dem „Parterre“ der Curva Fiesole

Ein Brief von einem der „Noi Non Tesserati“ aus dem „Parterre“ der Curva Fiesole in Florenz, veröffentlicht im Supertifo Ausgabe Oktober 2010 (nach der „Übernahme“ des Supertifo u.a. durch Domenico Mungo). Ist selbst (von daher sicher einige Fehler drin) und außerdem an einigen Stellen recht frei übersetzt. Aber ein Text mitten aus der Kurve, der trifft, anregt, anspornt. Ein Text, der, wenn auch in gänzlich anderem Kontext, Parallelen zur aktuellen Situation in München aufweist

„Am Tag nach dem Pakt der Einheit der Kurve, in Bezug die Pfiffe der „Normalos“ und die Ehre, die Ultras Viola von jeher zu sein: ungezähmt, frei, stolz. Die letzten in die Fiorentina verliebten Rebellen. Diesen Brief haben wir erhalten und veröffentlichen ihn gerne.

Das ist der richtige Geist. Der vom vergangenen Sonntag gegen Parma. Ich habe sofort die Pfiffe und das Nichteinverständnis des ein oder anderen aus dem oberen Bereich realisiert, als wir die Kurve betraten, so wie es auch gegen Napoli geschehen ist, aber es ist legitim. Desinformation, Spießbürgertum, Oberflächlichkeit, aus der Menge den Mund aufreißen – das ist die Gewohnheit des Herdenvolks, das nicht versteht und nicht sehen will, dass die Gründe derer, die Kämpfe austragen wie denjenigen gegen die Tessera, alle betreffen, auch sie. Dies ist das Problem der sogenannten kritischen Minderheiten: sie werden praktisch nie von der Mehrheit unterstützt, aber ohne ihre Arbeit würde das Einheitsdenken noch mehr dominieren. Das, was wir Sonntag getan haben und v.a. das, was wir in den vorangegangenen Wochen getan hatten, zwischen Versammlungen, Kontakten, Entscheidungen, Versöhnungen, Duldungen, gegenseitigen Klarstellungen, ist etwas außergewöhnliches für die Fiesole. Jetzt wissen wir, wieviele wir sind, wer wir sind, auf wen man sich verlassen kann und wer fahle Scheinheiligkeit und nicht nachvollziehbare Verhaltensweisen bestätigt hat. Jetzt ist das Parterre eine Realität, minoritär, noch zersplittert, aber real, echt, lebendig. Einige unbezähmbare Alte und viele überzeugte Junge. Ich war am Sonntag drinnen und vor allem draußen gerührt, ich hatte Gänsehaut, ich war da um mit anderen wie mir meine alte Fiesole zu koordinieren und die Fiesole pulsierte wie damals. Wir sind immer noch mutig und selbstbewusst, dreiste und naive Träumer. Nur so kann man wieder zu den Ultras der Fiorentina werden, hinter keinem zurückstehend. Wir dürfen nicht an die Pfiffe der Clowns von fiorentina.it denken, wir dürfen nicht an einen lächerlichen Verein denken, der uns nicht verdient, und auch nicht an ein Publikum, das uns eigentlich danken müsste weil wir noch eine halbe Stunde nach Spielende rennen und die Neapolitaner verfolgen, die unsere Jungs in der Dunkelheit abstechen; wir fahren nach Genua ohne Tessera, wir singen im Regen bis wir uns die Kehle ruinieren… aber das weiß der nicht, der vom letzten Rang aus pfeift… aber dennoch ist auch er ein Fan der Viola, seine Unterstützung dient der Fiorentina und er wird von uns trotzdem respektiert, auch wenn er ein bürgerlicher Gutmensch ist, voller politisch korrekter Vorurteile… Wenn Du ins Parterre kommst, bring Deine Freunde mit, beschnuppere Dich mit anderen, suche die, die so sind wie Du, und bildet eine Bande; kommt zu den Versammlungen, ihr die ihr kommen könnt, informiert Euch, nehmt an den Aktionen teil, organisiert Euch für die Auswärtsfahrten, bringt violette Fahnen und Schals mit, macht Doppelhalter, erfindet Gesänge… seid ultras viola!

Avanti Curva Fiesole! Uniti si vince!“

Jonas Gabler: Die Ultras

In dieser Kategorie wollen wir nochmal ein wenig die Werbetrommel für die Bücher rühren, die wir Euch schon kurz vor Weihnachten ans Herz gelegt haben.

Den Anfang machen wir mit Jonas Gablers „Die Ultras – Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland“.

Mit den Ultras hat sich im Fußball eine neue Fankultur etabliert. Auch in den Medien taucht sie vermehrt auf. Meist jedoch mit Negativschlagzeilen über Gewalt oder andere Regelverstöße. Jonas Gabler zeichnet ein anderes Bild dieser Bewegung. Er erläutert ihre typischen Merkmale: Die neue Form, das jeweilige Team zu unterstützen; das intensive Gruppenleben; die besonderen Regeln und Kodizes; das Engagement gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs. Gabler zeigt auch die positive Wirkung der Ultras in Deutschland beim Zurückdrängen rechtsextremistischer und rassistischer Handlungen in den Stadien. In Bezug auf Gewalt ist sein Urteil dagegen nicht so eindeutig. Er belegt das ambivalente Verhältnis der Ultras zu Gewaltanwendung und zeigt, dass sich dieses Problem zunehmend verschärft hat. Doch ist durch die Gegenmaßnahmen der Vereine, der Verbände und der Polizei Besserung zu erwarten? So nimmt er Bezug auf ein weiteres Merkmal der Ultrabewegung: ihr organisierter Protest gegen Repression.

(http://www.papyrossa.de/sites_buchtitel/gabler_ultras.htm)

Jonas Gabler wurde durch die Veröffentlichung des Buches zum gefragten Experten was das Thema Fans angeht. Exemplarisch verweisen hier auf seine Interviews in der taz und im Kölner Stadtanzeiger
taz
ksta

Auch den Machern des überregionalen Fanzines Blickfang Ultra’stand Gabler für ein Gespräch über sein Buch zur Verfügung:


    „Du, ich glaub wir müssen mal reden…“

(Arne Lorenz & Mirko Otto)

Spätestens nach der Demonstration in Berlin war der Wunsch nach Diskussionen um das allseits bekannte Gewalt-Thema in (fast) aller Munde. Ob das jetzt in aller Öffentlichkeit notwendig ist, oder nicht besser jede Gruppe einzeln für sich ausmacht, darüber scheiden sich die Geister. Trotzdem wollten auch wir vom BFU die Diskussion etwas ankurbeln, d.h. einen kleinen Meinungsaustausch mit Vertretern verschiedener deutscher Gruppen ins Leben rufen. Dies ist jedoch aufwändiger als gedacht und bedarf noch ein bisschen Zeit, so dass wir euch vorerst auf die nächsten Ausgaben vertrösten müssen. Trotzdem bleiben wir hinsichtlich der Problematik am Ball und präsentieren heute zwei nicht minder spannende Texte. Den Anfang macht Jonas Gabler, seines Zeichens Politikwissenschaftler und Autor des im September 2010 erschienen Buches:“DIE ULTRAS – Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland.“

Och nö, nicht schon wieder ein Außenstehender der mit seinem theoretischen Weisheiten prahlt und meint selbige mit Löffeln gefressen zu haben. Doch ich kann euch beruhigen. Der Fall hier ist eindeutig anders gelagert. Jonas hat mit seinem Buch durchaus ein Standardwerk geschaffen. Nicht unbedingt für uns, denn der Inhalt des Buches stellt zum größten Teil keine oder nur wenig Neuigkeiten für Ultras bereit, aber trotzdem fundiert und ohne Sensationsgier. Und viel wichtiger noch: Es wird ein Gegenpol zu sonstigen Artikeln, wissenschaftlichen Ausführungen oder gar Büchern, die vor allem durch grobe inhaltliche Fehler auffallen geschaffen, den vielleicht auch mal Teile der normalen Gesellschaft wahrnehmen. Jonas war so freundlich, uns einen Gastartikel für die aktuelle Ausgabe zu verfassen, der sich damit beschäftigt, warum es (aus seiner Sicht) zur Gewalt beim Fußball kommt und auch seine ganz persönliche Sicht der Dinge wiedergibt. Bevor wir euch jedoch auf den Artikel loslassen noch ein kleines Interview mit dem Autoren über sein vielbeachtetes Machwerk.

BFU: Hallo Jonas. Bei jemanden, der ein Buch über Ultras schreibt, stellt sich natürlich gleich die Frage, wie du mit der Ultrabewegung in Berührung gekommen bist.
Jonas: Den ersten Kontakt zur Ultrakultur hatte ich 2004, als ich für 6 Monate nach Mailand zum Studieren ging. Die Leidenschaft aber auch die Orginalität und Kreativität des Supports fiel mir dort stärker auf als in Deutschland. Das erweckte aber zunächst vor allem das Interesse an der im Stadion sichtbaren Fankultur, also dem Support. Neben diesem persönlichen Interesse beschäftigte mich als Politikwissenschaftler und als politisch denkender Mensch aber von Anfang an auch der Umgang der Ultras mit Politik. Gerade die Unterschiede in der Haltung zu Rassismus und Faschismus zwischen der deutschen und der italienischen, aber auch innerhalb der jeweiligen Szenen haben mich interessiert. Schließlich machte ich 2007 ein Praktikum beim „Progetto Ultrà“ in Bologna, das unter anderem die „Mondiali Antirazzisti“ organisiert, das aber vor allem über ein riesiges Archiv zur Ultra-Kultur in Italien und ganz Europa verfügt. Darin habe ich wochenlang täglich gestöbert. Damals entstand auch die Idee meine Diplomarbeit über das Thema Rechtsextremismus und Fankultur zu schreiben. Damals schwirrte auch schon der Gedanke in meinem Kopf herum, ein Buch über Ultras zu schreiben. Zwar gehe ich seit meiner ersten Rückkehr aus Italien, also seit 2005, regelmäßig ins Stadion und verstehe mich als Fan. Das Interesse an den Ultras blieb aber immer das eines Außenstehenden. So hatte ich bis vor kurzem kaum Kontakte zur Ultraszene.

BFU: Wie Lief die Entstehung des Buches dann ab?

Jonas: Die Idee zum Buch „Die Ultras“ wurde dann konkret 2008 wieder aufgegriffen. Die angesprochene Diplomarbeit hatte ich unter anderem dem PapyRossa-Verlag geschickt, der sie als Hochschulschrift veröffentlichen wollte, aber eigentlich die Idee noch faszinierender fand, ein Buch herauszubringen, das Außenstehenden erläutert, wer und was „die Ultras“ sind. Da ich aber nebenher auch Geld verdienen musste, arbeitete ich erst ab Ende 2009 intensiv an dem Buch. euer Magazin spielte bei der Recherchearbeit eine zentrale Rolle. Ich verstehe Fanzines als hervorragende Quellen, wenn man etwas über eine Jugend- oder Subkultur erfahren möchte. Ein möglichst authentisches Bild sollte entstehen, indem ich vor allem auf szeneinterne Publikationen zurückgriff. Ursprünglich hatte ich vor, die Ergebnisse dieser ersten Recherche dann mit Ultras zu diskutieren. Dazu fehlte mir aber am Ende die Zeit. Ich hole das dafür jetzt nach, wenn ich Lesungen oder Veranstaltungen mit Ultras durchführe.

BFU: Woher rührte dann letztlich die Motivation für das Buch?
Jonas: Ich hab die Motivation ja schon kurz vorher angesprochen. Mir ging es darum, in allgemein verständlicher Sprache und ohne zu wissenschaftlich zu klingen, ein möglichst umfassendes und authentisches Bild der Ultras zu zeichnen. Dahinter stand auch die Überzeugung, dass Ultras das mit Abstand interessanteste Phänomen seit dem Bestehen der Fankultur in Deutschland sind. Es ging also auch darum, mit Vorurteilen wie „Ultras = rechts“ oder „Ultras = Hooligans“ aufzuräumen, aber auch Hintergründe zu zeigen, denen sich die Mehrheit der Öffentlichkeit schlichtweg nicht bewusst ist: die komplexe Organisation und Kooperation innerhalb von Ultra-Gruppen, das soziale Engagement, die differenzierte Haltung zur Politik. Meine Hoffnung war, dass am Ende ein Buch steht, von dem die Ultras sagen:“Ja ungefähr so sieht es im Moment in der Szene aus!“ Und die Außenstehenden sollen so einen Einblick erhalten, den sie in den üblichen Medien kaum bekommen. Im Buch nehme ich ja auch immer wieder Bezug auf Italien. Die dortige Entwicklung – wo auf Seiten der Ultras und des Staates viele Fehler gemacht wurden – dient immer wieder als abschreckendes Beispiel.
Also ging es mir auch darum, vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können, dass kreative Fankultur in Deutschland erhalten bleibt. Weil Ultras, Verbände, Vereine, Politik und Polizei hierzulande hoffentlich aus den Fehlern, die in Italien gemacht wurden, lernen können.

BFU: Welche siehst du als deine wichtigste/die drei wichtigsten Aussagen an?

Jonas: Die wichtigste – aber für Leser und Macher dieses Heftes wohl kaum neue – Aussage ist:
1. Ultras sind mehr als „Gewalt, Pyrotechnik und Choreos“, also das, was man in den Massenmedien üblicherweise über sie erfährt und was folglich das Bild der Ultras in der Öffentlichkeit prägt. Ultragruppen sind aber ein komplexes soziales Phänomen – viel komplexer als Kutten-Fanclubs oder Hool-Firms aus vergangenen Jahrzehnten.
2. Das oberflächliche Bilde der Ultras in der Öffentlichkeit hat zur Folge, dass die Mehrheit der Menschen das harte Vorgehen der Polizei und harte Strafen gegen Ultras als gerechtfertigt ansieht. Verstärkt wird dieses Bestreben durch die große (mediale) Aufmerksamkeit, die dem Fußball zu Teil wird: Gewalt und Aggression beim Fußball wird mehr Beachtung geschenkt als bspw. Schlägereien in Diskotheken. Dies spiegelt sich in dem Umgang der Vereine, Verbände und vor allem der Polizei mit den Ultras wider.
3. Durch eine verbesserte Kommunikation über die Hintergründe und die vielfältigen Aktivitäten ihrer jeweiligen Gruppen – insbesondere auf lokaler Ebene, aber auch im Sinne solcher Aktionen wie der Fandemo – könnten die Ultras dazu beitragen, ihr überwiegend negatives Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Ein wesentlicher Beitrag ist dabei in meinen Augen auch die Fortsetzung der Selbstreflexion – aber das habe ich ja in meinem Beitrag zur Diskussion in diesem Heft dargelegt und muss hier nicht wiederholt werden.

BFU: Du hast das Buch als Außenstehender geschrieben. Wie war bislang das Feedback aus der Szene?
Jonas: Das Feedback aus der Ultra-Szene war bisher praktisch ausschließlich positiv. Fast alle meinen, dass ein recht realistisches Bild der Szene gezeichnet wird. Natürlich weisen sie aber auch auf kleine Fehler und Mängel hin, für einen Außenstehenden scheint die Arbeit aber ganz ordentlich zu sein. Wobei natürlich für Leute, die schon länger dabei sind, nur wenig Neues dabei sein dürfte. Das ist jetzt natürlich schlechte Werbung. Deswegen schiebe ich gleich hinterher: Kauft das Buch trotzdem, lest es durch, schickt mir eure Kommentare und verschenkt es dann an Leute, die nie verstanden haben, warum ihr Ultras geworden seid….

BFU: Wie geht es nun weiter?

Jonas: Im Moment gibt es immer wieder mal Lesungen oder viel mehr Diskussionsveranstaltungen bei und mit Ultras. Ab und zu bekomme ich auch Gelegenheit, einen Artikel für eine Zeitung zu schreiben. Ich will mich aufjeden Fall weiter mit dem Thema beschäftigen oder dazu forschen, um es universitär auszudrücken.Wie und in welcher Form, wird sich in den nächsten Monaten klären. Vielleicht sogar mit einer Doktorarbeit. Das hängt aber letztlich auch davon ab, inwiefern sich meine Forschungsobjekte (Ultras) dafür zur Verfügung stellen ;-)

Na dann schauen wir mal, was dabei rauskommt. Auf alle Fälle Danke fürs Gespräch.

erschienen in Blickfang Ultra Nr. 19, S. 86-88.

Wenn Euch die Interviews hoffentlich auf den Geschmack gebracht haben, braucht Ihr gar nicht lange das Internet bemühen, sondern könnt das Buch ganz unkompliziert bei uns am Streetworkbus erwerben.

Weitere Büchertipps gibt’s auf unserer Homepage.

Streetart

Das ewige Derby – Spielbericht

Da wir unser GDS-Blog ja als kleines Archiv für Fanzinetexte verstehen, gibt es heute mal ganz Fanzine-like einen Spielbericht vom Belgrader Derby

06.04. FK Crvena Zvezda – FK Partizan 1:0 (0:0)
Da sich unser FCB ja dieses Jahr leider frühzeitig aus dem internationalen Geschäft verabschieden musste, sind im Geldbeutel ein paar Scheinchen übrig geblieben und auch im Terminkalender war es plötzlich leichter mal noch einen freien Timeslot zu finden. Deshalb nutzte eine Münchner Reisegruppe letzte Woche die Chance sich das ewige Derby zwischen Roter Stern und Partizan in Belgrad anzuschauen. Nachdem wir am Vorabend in Bratislava das Pokalhalbfinale zwischen dem heimischen SK Slovan und Spartak Trnava gesehen hatten, erreichten wir zur Mittagszeit die serbische Hauptstadt Das Auto wurde in einer Seitenstraße in Stadionnähe in einem Viertel mit vielen diplomatischen Vertretungen abgestellt. Von hier ging es einzeln bzw. paarweise zum Marakana, um Eintrittskarten zu erwerben. Man wollte halt nicht gleich allzu sehr auffallen, was allerdings gar nicht so einfach war, wenn gefühlte 80% der männlichen Bevölkerung über 1,85 groß ist und wohl deutlich mehr Zeit als man selbst investiert, um den Körper in Form zuhalten. Nicht die klassischen Anabolika-Opfer, aber doch sehr sportlich gebaut. Am Stadion selbst war jedenfalls schon allerhand los. Auch die Polizei zeigte bereits starke Präsenz, wobei dies gerade bei internationalen Spielen nochmal deutlich mehr sein soll. Durften wir 2007 ja auch erleben, als für uns ab der Stadtgrenze Belgrads quasi jede Straße inklusive Stadtautobahn komplett gesperrt wurde. Erstmal also den Kartenschalter angesteuert, wo der Einkauf gleich mit dem freundlichen Hinweis des Kartenverkäufers doch eine Karte auf der Haupttribüne zu nehmen, da diese „best for tourist“ sei, begann. War ohnehin die Intention, also die fälligen 10.000 Dinar (ca. 10 Euro) rübergeschoben und Karte eingesteckt.

Als Treffpunkt für den Start in den Nachmittag war die Tramstation am Stadion ausgemacht, von wo aus wir in die Stadt spazierten. Die Wege trennten sich allerdings schnell wieder, da ein Teil die Sehenswürdigkeiten der Stadt bereits bei vorherigen Besuchen in der Weißen Stadt abgeklappert hatte, während andere als Belgrad-Novizen ein höheres Interesse an Kultur an den Tag legten.

Da das Spiel bereits für 17 Uhr angesetzt war, fiel der Aufenthalt in der Stadt auf jeden Fall relativ kurz aus und es ging zeitig zurück zum Stadion – natürlich nicht ohne sich mit lokalen Köstlichkeiten gestärkt zu haben. Die Polizei hatte dabei kleinere Kontrollpunkte installiert, um das Alkoholverbot in Stadionnähe durchzusetzen. Sagen wir mal, dass dies ob des sporadischen Charakters der Kontrollen, eher nicht von Erfolg gekrönt war. Von einer Fantrennung war eigentlich nichts zu merken, wobei die überwiegende Mehrheit der Fans ohnehin zivil gekleidet war und man die Vereinszugehörigkeit somit nicht erahnen konnte. Leider hatte deshalb auch kaum jemand seinen Schal dabei. Die Kontrollen am Stadioneingang blieben oberflächlich und so durfte man kurze Zeit später einen Blick in den offiziellen Vereinsshop und den Laden der Delije werfen, bevor man auf Höhe der Mittellinie Platz nahm. In Serbien gilt nämlich noch das Prinzip „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Es herrschte freie Platzwahl, obwohl natürlich auf den Karten feste Plätze zugewiesen waren. Wenn ein solches Verständnis nur auch mal bei allen Leuten im Gästeblock bei europäischen Auftritten unserer Mannschaft da wäre – ab dem Achtelfinale leider geradezu utopisch, außer wir müssen nächste Saison doch im UEFA-Cup ran.

Eine Stunde vor Spielbeginn waren die Kurven zwar noch nicht voll, aber beide Seiten stimmten sich bereits gesanglich auf das Spiel ein. Lautstärkemäßig war das ganze dabei weit über dem was man aus Bundesligastadien gewohnt ist. Besonders laut wurde es als der Keeper von Partizan Vladimir Stojkovic zum warmmachen aufs Spielfeld kam (im übrigen als einziger, da die anderen Akteure sich nicht auf dem Spielfeld aufwärmten. Die Geschichte rund um das Auswärtsspiel der serbischen Nationalelf in Italien dürfte ja jedem bekannt sein, und auch ohne serbisch Kenntnisse war klar, dass die Anhänger von Roter Stern ihm seine Unterschrift (eigentlich ja ein Ausleihgeschäft von Sporting Lissabon) bei Partizan immer noch nicht verziehen haben. Jedenfalls wurde er ordentlich bepöbelt und alles mögliche flog in seine Richtung, wobei es aufgrund der Laufbahn kein Gegenstand in seine Nähe schaffte. Ziemlich uncool allerdings, dass einer der auf ihn gezielten Böller in die „Einlaufkinder“ flog, die schon neben dem Spielertunnel bereitstanden. Passiert ist offensichtlich nichts, aber die Kinder dürfen trotzdem gut geschockt gewesen sein. Auf der Haupttribüne wurde dieser kleine Vorfall recht gleichgültig registriert, andere Länder, andere Sitten, wobei sich für mich die Faszination von Böllern in Fußballstadien nie erschließen wird. Macht halt Krach, hat aber optisch halt null wert.

Bei Spielbeginn dürfte das 55.000 Zuschauer fassende Stadion von Roter Stern dann zu 75% gefüllt gewesen sein ( das Internet sagt, es waren exakt 41682 Zuschauer), wobei sich in der Heimkurve vermutlich ein paar Fans mehr aufhielten als eigentlich zugelassen. Die Delije präsentierten eine nette Choreo mit einer Blockfahne, die einen Typ mit rot weißem Schal im Krankenbett zeigte, dazu ein Spruchband, das in etwa mit „Diese Krankheit ist nicht heilbar“ übersetzt werden könnte. Die Blockfahne war bereits ein paar Minuten oben, als dann auf Kommando mehrere tausend kleine Fähnchen hochgingen und somit ein hübsches Bild ergaben. Dann durften wir für 45 Minuten eine tolle gesangliche Leistung des Heimanhangs verfolgen. Schöne Lieder, teils mit mehr Text, teils mit lalala, dazu Klatscheinlagen bei denen annähernd 10.000 Leute die Hände oben hatten, klasse! Auf der Gegenseite hatten die Grobari zwar ebenfalls starke Zwischeneinlagen, aber es waren auch große Hängerphasen dabei. Das muss man jetzt natürlich im Vergleich zum Heimanhang sehen. Auch wenn sie Roter Stern auf den Rängen deutlich unterlegen waren, hätten die Schwarz-Weißen immer noch jede Bundesligakurve locker in die Tasche gesteckt. Alleine die Koordination des Gästepöbels war beeindruckend. Wie auf Knopfdruck gingen da 7000 Paar Hände nach oben. Beteiligungsquote lag bei fast allem sehr nahe an der 100% Marke. Gleiches galt freilich auch für die Heimseite, wobei hier in Teilen auch die Tribünenseiten bei Hüpf- und Klatscheinlagen mitwirkten. Die Gesänge wurden bei den Delije dabei immer mal wieder von einzelnen Bengalos untermalt. Eine koordinierte Pyroaktion von Roter Stern blieb während des Spiels aber aus.

Fußballerisch bekam man nicht viel geboten. Das junge Team von Roter Stern musste eine 2:0 Niederlage aus dem Hinspiel wettmachen. Sie versuchten dies zwar engagiert, im Abschluss haperte es aber gewaltig und wie es im Fußball so ist, kam dann auch noch Pech dazu. Die Torchancen basierten aber zu einem großen Teil auch auf Unvermögen der Verteidigung, womit das Projekt „Scouting eines neuen Abwehrspielers“ sehr früh auf Eis gelegt wurde. Schade, wäre ganz nett die Fahrt als Spesen beim Verein einreichen zu können.

Bis zur Pause blieb es torlos, aber auch wenn die Akteure auf dem Feld spielerisch keine Bäume ausrissen, war vor allem aufgrund der Heimkurve definitiv Vorfreude auf Halbzeit zwei vorhanden. In der eben dieser schien es derweil Ärger zu geben. Mehr können wir dazu nicht sagen. Anschließend wurde die Fahne der Ultra Boys abgehangen, wobei wir auch hier nicht wissen inwiefern ein Zusammenhang besteht.

Ungeachtet dessen setzte die Heimkurve ihren guten Auftritt in Halbzeit zwei fort. Machte richtig Spaß zuzuhören und zuzusehen. Ihre Spieler auf dem Feld dankten es ihnen weiterhin mit viel Einsatz, wenn auch die Belohnung noch ausblieb. Auf der Gegenseite zündeten die Grobari zur 70. Minute 40-50 rote und grüne Bengalos. Ein Pluspunkt für den Partizan-Anhang, der aber die deutliche gesangliche Niederlage nicht wettmachen konnte. Die Bengalos waren gerade in Richtung der Ordner im Innenraum entsorgt, als sich der Blick von den Rängen wieder auf den grünen Rasen richtete, wo Roter Stern das 1:0 erzielte. Alle Heimfans gut am Ausflippen, hier war also noch was drin. Ab jetzt stand die Haupttribüne immer wieder für längere Phasen auf und beteiligte sich richtig stark am Support der Mannschaft. Traumhafte Zustände, was das angeht, hier sind viele Leute im Stadion wirklich noch mit Herzblut dabei. Ihr Verein bedeutet ihnen was und sie sind stolz auf ihn. Gibt es in Deutschland sicher auch, mit dem Unterschied, dass die Leute hier ihre Leidenschaft eben im Stadion herauslassen und nicht nicht in irgendwelchen Internet-Foren, wo man jedem, der nicht die eigene Meinung vertritt das Fansein abspricht.
Die Grobari ließen sich vom Rückstand nicht beeindrucken und so hüpfte erstmal der komplette Gästebereich mit dem Rücken zum Spielfeld. Ja, in einem knappen Pokalhalbfinale, 15 Minuten vor Schluss. Mein Ding ist das jetzt auch nicht unbedingt, wenn ich aber denke, wieviele E-Mails wir bekommen, wenn wir im Pokalhalbfinale mal den Neuer etwas intensiver aufs Korn nehmen, würde hier viele wohl einfach einen Herzkasper erleiden. Die Partizan-Fans hatten auf jeden Fall guten Grund ihrer Mannschaft blind zu vertrauen, denn sie ließ tatsächlich nichts mehr anbrennen. Die Heimmannschaft wurde trotzdem bejubelt und die Delije fackelten unten am Zaun nach Spielende nochmal zwei, drei Dutzend Bengalos ab. Sah nett aus, aber irgendwie erscheint mit Pyro nach Spielende relativ sinnbefreit, wenn es nicht wirklich was zu feiern gibt, was bei einem Ausscheiden im Pokalhalbfinale ja eigentlich nicht der Fall sein dürfte. Vielleicht war es aber auch die Freude geschuldet nach einigen erfolglosen Jahren immerhin mal wieder ein Derby gewonnen zu haben. Auf jeden Fall ließen die Roter Stern Fans ihren Verein auch zehn Minuten nach Spielende noch hochleben, während die Grobari nach einer kurzen Feier mit der Mannschaft zügig in Gruppen das Stadion verließen.

Für uns ging es zurück zum Auto, wo der Grundtenor durchweg positiv war. Erfahrenere Derbybesucher attestierten dem Spiel zwar später eine vergleichsweise schlechte Qualität, für uns als „Derby-Jungfrauen“ war es aber durchaus mehr als sehenswert und gerade die Heimkurve hinterließ doch bleibenden Eindruck

Schnell das Auto nochmal in die Stadt gesteuert, wo wir in netter Gesellschaft noch zwei Stunden in verbrachten bevor wir die Rückreise nach München antraten, um uns dort dann wieder von den „wahren“ Fans des FC Bayern erklären zu lassen, wieso wir niemals ebensolche sein können.

Fotos zum Spiel findet ihr hier.

Das ewige Derby