Das ewige Derby – Spielbericht

Da wir unser GDS-Blog ja als kleines Archiv für Fanzinetexte verstehen, gibt es heute mal ganz Fanzine-like einen Spielbericht vom Belgrader Derby

06.04. FK Crvena Zvezda – FK Partizan 1:0 (0:0)
Da sich unser FCB ja dieses Jahr leider frühzeitig aus dem internationalen Geschäft verabschieden musste, sind im Geldbeutel ein paar Scheinchen übrig geblieben und auch im Terminkalender war es plötzlich leichter mal noch einen freien Timeslot zu finden. Deshalb nutzte eine Münchner Reisegruppe letzte Woche die Chance sich das ewige Derby zwischen Roter Stern und Partizan in Belgrad anzuschauen. Nachdem wir am Vorabend in Bratislava das Pokalhalbfinale zwischen dem heimischen SK Slovan und Spartak Trnava gesehen hatten, erreichten wir zur Mittagszeit die serbische Hauptstadt Das Auto wurde in einer Seitenstraße in Stadionnähe in einem Viertel mit vielen diplomatischen Vertretungen abgestellt. Von hier ging es einzeln bzw. paarweise zum Marakana, um Eintrittskarten zu erwerben. Man wollte halt nicht gleich allzu sehr auffallen, was allerdings gar nicht so einfach war, wenn gefühlte 80% der männlichen Bevölkerung über 1,85 groß ist und wohl deutlich mehr Zeit als man selbst investiert, um den Körper in Form zuhalten. Nicht die klassischen Anabolika-Opfer, aber doch sehr sportlich gebaut. Am Stadion selbst war jedenfalls schon allerhand los. Auch die Polizei zeigte bereits starke Präsenz, wobei dies gerade bei internationalen Spielen nochmal deutlich mehr sein soll. Durften wir 2007 ja auch erleben, als für uns ab der Stadtgrenze Belgrads quasi jede Straße inklusive Stadtautobahn komplett gesperrt wurde. Erstmal also den Kartenschalter angesteuert, wo der Einkauf gleich mit dem freundlichen Hinweis des Kartenverkäufers doch eine Karte auf der Haupttribüne zu nehmen, da diese „best for tourist“ sei, begann. War ohnehin die Intention, also die fälligen 10.000 Dinar (ca. 10 Euro) rübergeschoben und Karte eingesteckt.

Als Treffpunkt für den Start in den Nachmittag war die Tramstation am Stadion ausgemacht, von wo aus wir in die Stadt spazierten. Die Wege trennten sich allerdings schnell wieder, da ein Teil die Sehenswürdigkeiten der Stadt bereits bei vorherigen Besuchen in der Weißen Stadt abgeklappert hatte, während andere als Belgrad-Novizen ein höheres Interesse an Kultur an den Tag legten.

Da das Spiel bereits für 17 Uhr angesetzt war, fiel der Aufenthalt in der Stadt auf jeden Fall relativ kurz aus und es ging zeitig zurück zum Stadion – natürlich nicht ohne sich mit lokalen Köstlichkeiten gestärkt zu haben. Die Polizei hatte dabei kleinere Kontrollpunkte installiert, um das Alkoholverbot in Stadionnähe durchzusetzen. Sagen wir mal, dass dies ob des sporadischen Charakters der Kontrollen, eher nicht von Erfolg gekrönt war. Von einer Fantrennung war eigentlich nichts zu merken, wobei die überwiegende Mehrheit der Fans ohnehin zivil gekleidet war und man die Vereinszugehörigkeit somit nicht erahnen konnte. Leider hatte deshalb auch kaum jemand seinen Schal dabei. Die Kontrollen am Stadioneingang blieben oberflächlich und so durfte man kurze Zeit später einen Blick in den offiziellen Vereinsshop und den Laden der Delije werfen, bevor man auf Höhe der Mittellinie Platz nahm. In Serbien gilt nämlich noch das Prinzip „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Es herrschte freie Platzwahl, obwohl natürlich auf den Karten feste Plätze zugewiesen waren. Wenn ein solches Verständnis nur auch mal bei allen Leuten im Gästeblock bei europäischen Auftritten unserer Mannschaft da wäre – ab dem Achtelfinale leider geradezu utopisch, außer wir müssen nächste Saison doch im UEFA-Cup ran.

Eine Stunde vor Spielbeginn waren die Kurven zwar noch nicht voll, aber beide Seiten stimmten sich bereits gesanglich auf das Spiel ein. Lautstärkemäßig war das ganze dabei weit über dem was man aus Bundesligastadien gewohnt ist. Besonders laut wurde es als der Keeper von Partizan Vladimir Stojkovic zum warmmachen aufs Spielfeld kam (im übrigen als einziger, da die anderen Akteure sich nicht auf dem Spielfeld aufwärmten. Die Geschichte rund um das Auswärtsspiel der serbischen Nationalelf in Italien dürfte ja jedem bekannt sein, und auch ohne serbisch Kenntnisse war klar, dass die Anhänger von Roter Stern ihm seine Unterschrift (eigentlich ja ein Ausleihgeschäft von Sporting Lissabon) bei Partizan immer noch nicht verziehen haben. Jedenfalls wurde er ordentlich bepöbelt und alles mögliche flog in seine Richtung, wobei es aufgrund der Laufbahn kein Gegenstand in seine Nähe schaffte. Ziemlich uncool allerdings, dass einer der auf ihn gezielten Böller in die „Einlaufkinder“ flog, die schon neben dem Spielertunnel bereitstanden. Passiert ist offensichtlich nichts, aber die Kinder dürfen trotzdem gut geschockt gewesen sein. Auf der Haupttribüne wurde dieser kleine Vorfall recht gleichgültig registriert, andere Länder, andere Sitten, wobei sich für mich die Faszination von Böllern in Fußballstadien nie erschließen wird. Macht halt Krach, hat aber optisch halt null wert.

Bei Spielbeginn dürfte das 55.000 Zuschauer fassende Stadion von Roter Stern dann zu 75% gefüllt gewesen sein ( das Internet sagt, es waren exakt 41682 Zuschauer), wobei sich in der Heimkurve vermutlich ein paar Fans mehr aufhielten als eigentlich zugelassen. Die Delije präsentierten eine nette Choreo mit einer Blockfahne, die einen Typ mit rot weißem Schal im Krankenbett zeigte, dazu ein Spruchband, das in etwa mit „Diese Krankheit ist nicht heilbar“ übersetzt werden könnte. Die Blockfahne war bereits ein paar Minuten oben, als dann auf Kommando mehrere tausend kleine Fähnchen hochgingen und somit ein hübsches Bild ergaben. Dann durften wir für 45 Minuten eine tolle gesangliche Leistung des Heimanhangs verfolgen. Schöne Lieder, teils mit mehr Text, teils mit lalala, dazu Klatscheinlagen bei denen annähernd 10.000 Leute die Hände oben hatten, klasse! Auf der Gegenseite hatten die Grobari zwar ebenfalls starke Zwischeneinlagen, aber es waren auch große Hängerphasen dabei. Das muss man jetzt natürlich im Vergleich zum Heimanhang sehen. Auch wenn sie Roter Stern auf den Rängen deutlich unterlegen waren, hätten die Schwarz-Weißen immer noch jede Bundesligakurve locker in die Tasche gesteckt. Alleine die Koordination des Gästepöbels war beeindruckend. Wie auf Knopfdruck gingen da 7000 Paar Hände nach oben. Beteiligungsquote lag bei fast allem sehr nahe an der 100% Marke. Gleiches galt freilich auch für die Heimseite, wobei hier in Teilen auch die Tribünenseiten bei Hüpf- und Klatscheinlagen mitwirkten. Die Gesänge wurden bei den Delije dabei immer mal wieder von einzelnen Bengalos untermalt. Eine koordinierte Pyroaktion von Roter Stern blieb während des Spiels aber aus.

Fußballerisch bekam man nicht viel geboten. Das junge Team von Roter Stern musste eine 2:0 Niederlage aus dem Hinspiel wettmachen. Sie versuchten dies zwar engagiert, im Abschluss haperte es aber gewaltig und wie es im Fußball so ist, kam dann auch noch Pech dazu. Die Torchancen basierten aber zu einem großen Teil auch auf Unvermögen der Verteidigung, womit das Projekt „Scouting eines neuen Abwehrspielers“ sehr früh auf Eis gelegt wurde. Schade, wäre ganz nett die Fahrt als Spesen beim Verein einreichen zu können.

Bis zur Pause blieb es torlos, aber auch wenn die Akteure auf dem Feld spielerisch keine Bäume ausrissen, war vor allem aufgrund der Heimkurve definitiv Vorfreude auf Halbzeit zwei vorhanden. In der eben dieser schien es derweil Ärger zu geben. Mehr können wir dazu nicht sagen. Anschließend wurde die Fahne der Ultra Boys abgehangen, wobei wir auch hier nicht wissen inwiefern ein Zusammenhang besteht.

Ungeachtet dessen setzte die Heimkurve ihren guten Auftritt in Halbzeit zwei fort. Machte richtig Spaß zuzuhören und zuzusehen. Ihre Spieler auf dem Feld dankten es ihnen weiterhin mit viel Einsatz, wenn auch die Belohnung noch ausblieb. Auf der Gegenseite zündeten die Grobari zur 70. Minute 40-50 rote und grüne Bengalos. Ein Pluspunkt für den Partizan-Anhang, der aber die deutliche gesangliche Niederlage nicht wettmachen konnte. Die Bengalos waren gerade in Richtung der Ordner im Innenraum entsorgt, als sich der Blick von den Rängen wieder auf den grünen Rasen richtete, wo Roter Stern das 1:0 erzielte. Alle Heimfans gut am Ausflippen, hier war also noch was drin. Ab jetzt stand die Haupttribüne immer wieder für längere Phasen auf und beteiligte sich richtig stark am Support der Mannschaft. Traumhafte Zustände, was das angeht, hier sind viele Leute im Stadion wirklich noch mit Herzblut dabei. Ihr Verein bedeutet ihnen was und sie sind stolz auf ihn. Gibt es in Deutschland sicher auch, mit dem Unterschied, dass die Leute hier ihre Leidenschaft eben im Stadion herauslassen und nicht nicht in irgendwelchen Internet-Foren, wo man jedem, der nicht die eigene Meinung vertritt das Fansein abspricht.
Die Grobari ließen sich vom Rückstand nicht beeindrucken und so hüpfte erstmal der komplette Gästebereich mit dem Rücken zum Spielfeld. Ja, in einem knappen Pokalhalbfinale, 15 Minuten vor Schluss. Mein Ding ist das jetzt auch nicht unbedingt, wenn ich aber denke, wieviele E-Mails wir bekommen, wenn wir im Pokalhalbfinale mal den Neuer etwas intensiver aufs Korn nehmen, würde hier viele wohl einfach einen Herzkasper erleiden. Die Partizan-Fans hatten auf jeden Fall guten Grund ihrer Mannschaft blind zu vertrauen, denn sie ließ tatsächlich nichts mehr anbrennen. Die Heimmannschaft wurde trotzdem bejubelt und die Delije fackelten unten am Zaun nach Spielende nochmal zwei, drei Dutzend Bengalos ab. Sah nett aus, aber irgendwie erscheint mit Pyro nach Spielende relativ sinnbefreit, wenn es nicht wirklich was zu feiern gibt, was bei einem Ausscheiden im Pokalhalbfinale ja eigentlich nicht der Fall sein dürfte. Vielleicht war es aber auch die Freude geschuldet nach einigen erfolglosen Jahren immerhin mal wieder ein Derby gewonnen zu haben. Auf jeden Fall ließen die Roter Stern Fans ihren Verein auch zehn Minuten nach Spielende noch hochleben, während die Grobari nach einer kurzen Feier mit der Mannschaft zügig in Gruppen das Stadion verließen.

Für uns ging es zurück zum Auto, wo der Grundtenor durchweg positiv war. Erfahrenere Derbybesucher attestierten dem Spiel zwar später eine vergleichsweise schlechte Qualität, für uns als „Derby-Jungfrauen“ war es aber durchaus mehr als sehenswert und gerade die Heimkurve hinterließ doch bleibenden Eindruck

Schnell das Auto nochmal in die Stadt gesteuert, wo wir in netter Gesellschaft noch zwei Stunden in verbrachten bevor wir die Rückreise nach München antraten, um uns dort dann wieder von den „wahren“ Fans des FC Bayern erklären zu lassen, wieso wir niemals ebensolche sein können.

Fotos zum Spiel findet ihr hier.