Jonas Gabler: Die Ultras

In dieser Kategorie wollen wir nochmal ein wenig die Werbetrommel für die Bücher rühren, die wir Euch schon kurz vor Weihnachten ans Herz gelegt haben.

Den Anfang machen wir mit Jonas Gablers „Die Ultras – Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland“.

Mit den Ultras hat sich im Fußball eine neue Fankultur etabliert. Auch in den Medien taucht sie vermehrt auf. Meist jedoch mit Negativschlagzeilen über Gewalt oder andere Regelverstöße. Jonas Gabler zeichnet ein anderes Bild dieser Bewegung. Er erläutert ihre typischen Merkmale: Die neue Form, das jeweilige Team zu unterstützen; das intensive Gruppenleben; die besonderen Regeln und Kodizes; das Engagement gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs. Gabler zeigt auch die positive Wirkung der Ultras in Deutschland beim Zurückdrängen rechtsextremistischer und rassistischer Handlungen in den Stadien. In Bezug auf Gewalt ist sein Urteil dagegen nicht so eindeutig. Er belegt das ambivalente Verhältnis der Ultras zu Gewaltanwendung und zeigt, dass sich dieses Problem zunehmend verschärft hat. Doch ist durch die Gegenmaßnahmen der Vereine, der Verbände und der Polizei Besserung zu erwarten? So nimmt er Bezug auf ein weiteres Merkmal der Ultrabewegung: ihr organisierter Protest gegen Repression.

(http://www.papyrossa.de/sites_buchtitel/gabler_ultras.htm)

Jonas Gabler wurde durch die Veröffentlichung des Buches zum gefragten Experten was das Thema Fans angeht. Exemplarisch verweisen hier auf seine Interviews in der taz und im Kölner Stadtanzeiger
taz
ksta

Auch den Machern des überregionalen Fanzines Blickfang Ultra’stand Gabler für ein Gespräch über sein Buch zur Verfügung:


    „Du, ich glaub wir müssen mal reden…“

(Arne Lorenz & Mirko Otto)

Spätestens nach der Demonstration in Berlin war der Wunsch nach Diskussionen um das allseits bekannte Gewalt-Thema in (fast) aller Munde. Ob das jetzt in aller Öffentlichkeit notwendig ist, oder nicht besser jede Gruppe einzeln für sich ausmacht, darüber scheiden sich die Geister. Trotzdem wollten auch wir vom BFU die Diskussion etwas ankurbeln, d.h. einen kleinen Meinungsaustausch mit Vertretern verschiedener deutscher Gruppen ins Leben rufen. Dies ist jedoch aufwändiger als gedacht und bedarf noch ein bisschen Zeit, so dass wir euch vorerst auf die nächsten Ausgaben vertrösten müssen. Trotzdem bleiben wir hinsichtlich der Problematik am Ball und präsentieren heute zwei nicht minder spannende Texte. Den Anfang macht Jonas Gabler, seines Zeichens Politikwissenschaftler und Autor des im September 2010 erschienen Buches:“DIE ULTRAS – Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland.“

Och nö, nicht schon wieder ein Außenstehender der mit seinem theoretischen Weisheiten prahlt und meint selbige mit Löffeln gefressen zu haben. Doch ich kann euch beruhigen. Der Fall hier ist eindeutig anders gelagert. Jonas hat mit seinem Buch durchaus ein Standardwerk geschaffen. Nicht unbedingt für uns, denn der Inhalt des Buches stellt zum größten Teil keine oder nur wenig Neuigkeiten für Ultras bereit, aber trotzdem fundiert und ohne Sensationsgier. Und viel wichtiger noch: Es wird ein Gegenpol zu sonstigen Artikeln, wissenschaftlichen Ausführungen oder gar Büchern, die vor allem durch grobe inhaltliche Fehler auffallen geschaffen, den vielleicht auch mal Teile der normalen Gesellschaft wahrnehmen. Jonas war so freundlich, uns einen Gastartikel für die aktuelle Ausgabe zu verfassen, der sich damit beschäftigt, warum es (aus seiner Sicht) zur Gewalt beim Fußball kommt und auch seine ganz persönliche Sicht der Dinge wiedergibt. Bevor wir euch jedoch auf den Artikel loslassen noch ein kleines Interview mit dem Autoren über sein vielbeachtetes Machwerk.

BFU: Hallo Jonas. Bei jemanden, der ein Buch über Ultras schreibt, stellt sich natürlich gleich die Frage, wie du mit der Ultrabewegung in Berührung gekommen bist.
Jonas: Den ersten Kontakt zur Ultrakultur hatte ich 2004, als ich für 6 Monate nach Mailand zum Studieren ging. Die Leidenschaft aber auch die Orginalität und Kreativität des Supports fiel mir dort stärker auf als in Deutschland. Das erweckte aber zunächst vor allem das Interesse an der im Stadion sichtbaren Fankultur, also dem Support. Neben diesem persönlichen Interesse beschäftigte mich als Politikwissenschaftler und als politisch denkender Mensch aber von Anfang an auch der Umgang der Ultras mit Politik. Gerade die Unterschiede in der Haltung zu Rassismus und Faschismus zwischen der deutschen und der italienischen, aber auch innerhalb der jeweiligen Szenen haben mich interessiert. Schließlich machte ich 2007 ein Praktikum beim „Progetto Ultrà“ in Bologna, das unter anderem die „Mondiali Antirazzisti“ organisiert, das aber vor allem über ein riesiges Archiv zur Ultra-Kultur in Italien und ganz Europa verfügt. Darin habe ich wochenlang täglich gestöbert. Damals entstand auch die Idee meine Diplomarbeit über das Thema Rechtsextremismus und Fankultur zu schreiben. Damals schwirrte auch schon der Gedanke in meinem Kopf herum, ein Buch über Ultras zu schreiben. Zwar gehe ich seit meiner ersten Rückkehr aus Italien, also seit 2005, regelmäßig ins Stadion und verstehe mich als Fan. Das Interesse an den Ultras blieb aber immer das eines Außenstehenden. So hatte ich bis vor kurzem kaum Kontakte zur Ultraszene.

BFU: Wie Lief die Entstehung des Buches dann ab?

Jonas: Die Idee zum Buch „Die Ultras“ wurde dann konkret 2008 wieder aufgegriffen. Die angesprochene Diplomarbeit hatte ich unter anderem dem PapyRossa-Verlag geschickt, der sie als Hochschulschrift veröffentlichen wollte, aber eigentlich die Idee noch faszinierender fand, ein Buch herauszubringen, das Außenstehenden erläutert, wer und was „die Ultras“ sind. Da ich aber nebenher auch Geld verdienen musste, arbeitete ich erst ab Ende 2009 intensiv an dem Buch. euer Magazin spielte bei der Recherchearbeit eine zentrale Rolle. Ich verstehe Fanzines als hervorragende Quellen, wenn man etwas über eine Jugend- oder Subkultur erfahren möchte. Ein möglichst authentisches Bild sollte entstehen, indem ich vor allem auf szeneinterne Publikationen zurückgriff. Ursprünglich hatte ich vor, die Ergebnisse dieser ersten Recherche dann mit Ultras zu diskutieren. Dazu fehlte mir aber am Ende die Zeit. Ich hole das dafür jetzt nach, wenn ich Lesungen oder Veranstaltungen mit Ultras durchführe.

BFU: Woher rührte dann letztlich die Motivation für das Buch?
Jonas: Ich hab die Motivation ja schon kurz vorher angesprochen. Mir ging es darum, in allgemein verständlicher Sprache und ohne zu wissenschaftlich zu klingen, ein möglichst umfassendes und authentisches Bild der Ultras zu zeichnen. Dahinter stand auch die Überzeugung, dass Ultras das mit Abstand interessanteste Phänomen seit dem Bestehen der Fankultur in Deutschland sind. Es ging also auch darum, mit Vorurteilen wie „Ultras = rechts“ oder „Ultras = Hooligans“ aufzuräumen, aber auch Hintergründe zu zeigen, denen sich die Mehrheit der Öffentlichkeit schlichtweg nicht bewusst ist: die komplexe Organisation und Kooperation innerhalb von Ultra-Gruppen, das soziale Engagement, die differenzierte Haltung zur Politik. Meine Hoffnung war, dass am Ende ein Buch steht, von dem die Ultras sagen:“Ja ungefähr so sieht es im Moment in der Szene aus!“ Und die Außenstehenden sollen so einen Einblick erhalten, den sie in den üblichen Medien kaum bekommen. Im Buch nehme ich ja auch immer wieder Bezug auf Italien. Die dortige Entwicklung – wo auf Seiten der Ultras und des Staates viele Fehler gemacht wurden – dient immer wieder als abschreckendes Beispiel.
Also ging es mir auch darum, vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können, dass kreative Fankultur in Deutschland erhalten bleibt. Weil Ultras, Verbände, Vereine, Politik und Polizei hierzulande hoffentlich aus den Fehlern, die in Italien gemacht wurden, lernen können.

BFU: Welche siehst du als deine wichtigste/die drei wichtigsten Aussagen an?

Jonas: Die wichtigste – aber für Leser und Macher dieses Heftes wohl kaum neue – Aussage ist:
1. Ultras sind mehr als „Gewalt, Pyrotechnik und Choreos“, also das, was man in den Massenmedien üblicherweise über sie erfährt und was folglich das Bild der Ultras in der Öffentlichkeit prägt. Ultragruppen sind aber ein komplexes soziales Phänomen – viel komplexer als Kutten-Fanclubs oder Hool-Firms aus vergangenen Jahrzehnten.
2. Das oberflächliche Bilde der Ultras in der Öffentlichkeit hat zur Folge, dass die Mehrheit der Menschen das harte Vorgehen der Polizei und harte Strafen gegen Ultras als gerechtfertigt ansieht. Verstärkt wird dieses Bestreben durch die große (mediale) Aufmerksamkeit, die dem Fußball zu Teil wird: Gewalt und Aggression beim Fußball wird mehr Beachtung geschenkt als bspw. Schlägereien in Diskotheken. Dies spiegelt sich in dem Umgang der Vereine, Verbände und vor allem der Polizei mit den Ultras wider.
3. Durch eine verbesserte Kommunikation über die Hintergründe und die vielfältigen Aktivitäten ihrer jeweiligen Gruppen – insbesondere auf lokaler Ebene, aber auch im Sinne solcher Aktionen wie der Fandemo – könnten die Ultras dazu beitragen, ihr überwiegend negatives Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Ein wesentlicher Beitrag ist dabei in meinen Augen auch die Fortsetzung der Selbstreflexion – aber das habe ich ja in meinem Beitrag zur Diskussion in diesem Heft dargelegt und muss hier nicht wiederholt werden.

BFU: Du hast das Buch als Außenstehender geschrieben. Wie war bislang das Feedback aus der Szene?
Jonas: Das Feedback aus der Ultra-Szene war bisher praktisch ausschließlich positiv. Fast alle meinen, dass ein recht realistisches Bild der Szene gezeichnet wird. Natürlich weisen sie aber auch auf kleine Fehler und Mängel hin, für einen Außenstehenden scheint die Arbeit aber ganz ordentlich zu sein. Wobei natürlich für Leute, die schon länger dabei sind, nur wenig Neues dabei sein dürfte. Das ist jetzt natürlich schlechte Werbung. Deswegen schiebe ich gleich hinterher: Kauft das Buch trotzdem, lest es durch, schickt mir eure Kommentare und verschenkt es dann an Leute, die nie verstanden haben, warum ihr Ultras geworden seid….

BFU: Wie geht es nun weiter?

Jonas: Im Moment gibt es immer wieder mal Lesungen oder viel mehr Diskussionsveranstaltungen bei und mit Ultras. Ab und zu bekomme ich auch Gelegenheit, einen Artikel für eine Zeitung zu schreiben. Ich will mich aufjeden Fall weiter mit dem Thema beschäftigen oder dazu forschen, um es universitär auszudrücken.Wie und in welcher Form, wird sich in den nächsten Monaten klären. Vielleicht sogar mit einer Doktorarbeit. Das hängt aber letztlich auch davon ab, inwiefern sich meine Forschungsobjekte (Ultras) dafür zur Verfügung stellen ;-)

Na dann schauen wir mal, was dabei rauskommt. Auf alle Fälle Danke fürs Gespräch.

erschienen in Blickfang Ultra Nr. 19, S. 86-88.

Wenn Euch die Interviews hoffentlich auf den Geschmack gebracht haben, braucht Ihr gar nicht lange das Internet bemühen, sondern könnt das Buch ganz unkompliziert bei uns am Streetworkbus erwerben.

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