Fussballfan – der neue Staatsfeind

Die jüngsten Entwicklungen im allgemeinen Umgang mit Fans seitens der Vereine, der Verbände und vor allem der Medien haben inzwischen ein alarmierendes Ausmaß angenommen. Zweifellos ist es nachzuvollziehen, dass Vorfälle, wie jene, die sich in einigen Stadien Deutschlands in der Rückrunde der Saison 2009/2010 ereignet haben (Schwerverletze Fans durch Pyrotechnik in Nürnberg, den Platz stürmende Fans in Berlin), Untersuchungen und auch Folgen nach sich ziehen. Die Vereine haben schließlich das Hausrecht und müssen dafür Sorge tragen, dass die Sicherheit aller Zuschauer gewährleistet ist. Die Verbände DFB und DFL sind schon allein aus Gründen der Vermarktung an einem möglichst positiven Image ihres Produktes Bundesliga interessiert. Daher muss derjenige, der verbotene Dinge tut, auch mit Strafen rechnen. Wir leben nun einmal in einem Rechtsstaat bzw. fordern wir diesen ein.
Allerdings gilt es auch ganz allgemein zu bedenken, dass es bei Massenveranstaltungen wie den Spielen der Bundesliga niemals eine hundertprozentige Sicherheit geben kann. Wer etwas anderes behauptet oder anstrebt, lebt bzw. handelt fern der Realität. So wird also landauf, landab nach harten Konsequenzen geschrieen bzw. wurden diese mit den Urteilen der DFL im Frühjahr 2010 schon umgesetzt. Namentlich zu nennen sind leere (Gäste)kurven und personalisierte Tickets, also Strafen, die nicht die Verursacher der Randale allein bestrafen, sondern große Teile der Fans, im Zweifel alle. Doch das stört scheinbar nicht. Im Gegenteil: Von DFL und einigen Medien werden diese Strafen sogar gefeiert. Der Leiter des urteilenden Sportgerichtes Lorenz behauptet: „Damit treffen wir den randalierenden Fan direkt.“ Und z.B. Roland Funk schreibt in seinem Kommentar in der FAZ (23.03.2010), dass die Kollateralschäden an unschuldigen Fans hinnehmbar seien, solange nur der harte Kern auch bestraft wird. Zweifel an diesen Worten sind angebracht. Zu offensichtlich ist der eklatante Widerspruch, den eine Strafe für alle für die Tat einiger Weniger für unser Rechtsempfinden darstellt. Es ist doch auch undenkbar, dass alle Kunden beim Betreten eines Supermarktes ihre Personalien abgeben müssen, weil sie als potenzielle Ladendiebe gelten oder dass einen Tag in Stuttgart keine Autos fahren dürfen, weil wieder ein paar Verkehrssünder zu viel mit überhöhter Geschwindigkeit geblitzt wurden. Warum also werden bei den Fans nicht nur, wie sonst auch üblich, die Täter bestraft, sondern auch das nächstgrößere Kollektiv?
Zunächst geht es der DFL nach eigenen Bekunden darum, Zeichen zu setzen und künftige „Gewaltexzesse“ zu verhindern. Im Grunde ein guter Ansatz, doch Kollektivstrafen sind sicherlich kein geeignetes Mittel dazu. Die Maßnahmen erscheinen eher wie eine Verzweiflungstat und werden in Zukunft nur noch schwer zu toppen sein. Außerdem muss erwähnt werden, dass die Quote der Vorfälle mit Sach- oder Personenschäden bei den bislang geahndeten Vorfällen (Nürnberg, Hertha, Köln, Rostock und Dresden), trotz der sehr ausführlichen, aber leider wenig differenzierten, Medienberichterstattung zum Glück doch sehr gering ausfällt, wenn man sich mal die Menschenmasse vor Augen führt, die im Laufe einer ganzen Saison in die Bundesligastadien pilgert.

In jeder Großraumdisko gibt es mehr Ärger. Auch bei anderen Großraumveranstaltungen, wie beispielsweise dem Münchner Oktoberfest, werden mehr Straftaten aufgenommen als in einer gesamten Bundesligasaison. Die fehlende Relation erweckt daher den Anschein, die DFL würde mit ihren harten Strafen „mit Kanonen auf Spatzen“ schießen. In Wahrheit sollte jedoch wohl ein Exempel statuiert werden. Es sollte endgültig eines der bedeutendsten Probleme unseres Landes ins Visier genommen werden (Vorsicht Ironie!): Der unbequeme, eigensinnige, kritische und konsumunfreudige Fußballfan. Dem Treiben der Ultras sollte Einhalt geboten werden. Es wurden Kollektivstrafen in einem bis dato unbekannten Ausmaß verhängt. Damit zeigten Verbände wie Vereine überdeutlich, was sie von uns halten: Der gemeine Pöbel aus den Kurven ist ihnen suspekt. Waren wir lange Zeit noch als Pausenclowns geduldet, so werden wir nun zum unkontrollierbaren Sicherheitsrisiko degradiert. Durch ihre Unberechenbarkeit, ihre Unbequemlichkeit und ihre wieder anwachsende Macht sind die aktiven Fans den Bonzen ein Dorn im Auge und werden als unkontrollierbarer Faktor eine Gefahr für die Hauptinteressen am Fußball – dem Big Business.

Aber es geht, inoffiziell versteht sich, auch darum, die Fanszene an sich zu spalten. Durch die ständigen Hinweise auf „die Ultras“, egal ob beteiligt oder nicht, werden Klischees bedient, Vorurteile geschürt und Gräben geschaffen. Denn wer möchte schon mit diesen „Radaubrüdern“ in einen Topf geschmissen werden? Schwupps hat man „gute“ Fans und „böse“ Fans, die sich hoffentlich gegenseitig anfeinden, denn eine geschwächte, gespaltene Fanszene kann keine mächtigen Proteste gegen Kommerz, für bessere Anstoßzeiten oder gegen die emotionslose Spielweise der überbezahlten Profis organisieren. „Dividere et impera“ hieß das bei den alten Römern – „Teile und Herrsche“.
Abgesehen von den Beweggründen für die Verhängung von Kollektivstrafen ist es fraglich, ob die Maßnahmen ihr Ziel, die Befriedung der Kurven, erreichen. Bei personalisierten Eintrittskarten kann der Effekt getrost verneint werden. Auch wenn die Namen der Käufer bekannt sind, wer kann garantieren, dass nicht einer eine Fackel zündet oder über den Zaun springt? Außerdem bringt die Personalisierung nur etwas, wenn sie am Spieltag auch durch Ausweiskontrollen überwacht wird und das war nicht einmal bei der WM 2006 der Fall, weil der Aufwand bei 50.000 Stadionbesuchern viel zu hoch wäre. Daher haben nur die Fans unter einer weiteren Form der Schikane zu leiden, z.B. wenn sie eine Karte erwerben, dann aber doch nicht zum Spiel können und die Karte auf einen neuen Käufer umschreiben lassen müssen.

Auch mit den Aussperrungen ist das so eine Sache. Wenn ich ein Spiel nicht besuchen darf, weil drei Blöcke weiter einer ein Bengalo abfackelt, dann ärgert mich das natürlich. Aber auf wen bin ich dann sauer? Auf den für mich anonymen Zündler oder auf den unpersönlichen Verband, der die Sanktion erteilt? Vermutlich auf beide, denn ich habe ja nichts gemacht, darf aber dennoch nicht in Stadion. Und genau hier liegt das Problem der DFL. Denn durch Urteile wie diese macht sie sich zum Feindbild, weil sich Unschuldige zu Recht ungerecht behandelt fühlen. Kommt nun noch der Eindruck von Willkür und das Gefühl „die machen ja eh was sie wollen“ hinzu, dann kann das ganz schnell zum Problem werden. Nicht umsonst wird es Pädagogen heutzutage beigebracht, bei Unterrichtsstörungen durch Schüler auf Strafarbeiten für die gesamte Klasse zu verzichten, da die Unschuldigen sich eher mit ihren Klassenkameraden solidarisieren, als mit dem Lehrer. Insgesamt ist es ein sehr gefährliches Spiel, welches Verband, Polizei und Medien betreiben, wenn sie ständig über (vermeintliche) schwere Ausschreitungen und Randale berichten und diese überhart sanktionieren. Es gibt schließlich so etwas die „sich selbst erfüllende Prophezeiung“. Familienväter werden es sich zweimal überlegen, mit ihren Kindern ins Stadion zu gehen und dafür auch noch richtig viel Geld zu zahlen, wenn sie aus den Medien den Eindruck gewinnen im Stadion mitten im dritten Weltkrieg zu sitzen. Andererseits werden gewaltgeile Subjekte eher geneigt sein mal wieder im Stadion vorbeizuschauen, da dort ja wieder was zu gehen scheint. Somit würden Gewaltbereite das Familienpublikum ersetzen. Sollte diese Entwicklung tatsächlich eintreten, wäre das bestimmt die schlechteste Variante für alle Seiten. Bei allen Überlegungen lohnt sich einen Blick über den Tellerrand, ins Ausland, zu werfen. In Italien, Polen und Griechenland sind Auswärtssperren, Geisterspiele, und personalisierte Tickets die Regel. Gebracht hat es nichts.

Das Feld für die Ausrottung der Fankultur bereiteten wie bereits erwähnt die Medien mit ihrer reißerischen Berichterstattung. Mit populistischen Äußerungen anstatt konstruktiver Auseinandersetzung mit der Thematik sorgten zudem verschiedene Politiker und sogenannte Fußballprominenz für weiteren Zündstoff. Mit seriösem Journalismus hatte das was die Presse in den letzten Monaten von sich gab, wahrlich nichts mehr gemein. Die nach Sensationen lechzende Presse schrieb Horrorszenarien herbei und scherte sich dabei einen Dreck um selbst recherchiertes Hintergrundwissen, differenzierte Betrachtung und die Befragung aller Beteiligten. Im Gegenteil: Die meisten Gazetten überschlugen sich gegenseitig in noch krasseren Schilderungen. Es entstand der Eindruck, je reißerischer der Artikel, umso besser. Fanvertreter oder gar beteiligte Fans wurden in den allermeisten Fällen weder gehört, noch gefragt. Lieber schrieb man ein paar passende Zeilen aus zweifelhaften Internetforen ab oder übernahm blind Polizeiberichte. Ein beschämendes Bild, das die Berichterstattung hier abgab. Da passte es auch gut ins Bild, dass den bekannten Scharfmachern, wie etwa die Gewerkschaft der Polizei, eine bundesweite Plattform für deren völlig überzogene Forderungen nach Abschaffung von Stehplätzen, Geisterspielen und Bekämpfung der Fankultur gegeben wurden.

Alledem zum Trotz werden wir aber nicht kampflos weichen. Denn den Bonzen das Terrain zu überlassen, würde bedeuten, unsere Liebe und unsere Werte zu verraten. Dinge, mit denen „die da oben“ scheinbar nicht anzufangen wissen. Wir werden weder klein beigeben, noch lassen wir uns auseinanderdividieren und in „gute“ und „böse“ Fans aufteilen. Wir sind dabei für alle offen, die mit uns ein ehrliches und ernst gemeintes Gespräch suchen und unsere Einstellung und Werte respektieren. Ansonsten wollen wir weiter durch Kreativität, Stimmgewalt und Leidenschaft überzeugen.
So, wie wir es nun schon seit 13 Jahren tun.

Text aus: stoCCarda Nr.3 – Das Saisonheft des Commando Cannstatt