Artikel

Zeichen der Ultras: Darüber wie wichtig ein gemeinsamer, geschlossener Auftritt ist

Fragt man verschiedene Ultras nach ihrem Verständnis und der Bedeutung von Ultrà für sie, fallen sicher häufig Begriffe wie Solidarität oder Rivalität, oft wird man auch von einem Wettstreit der Kurven um die coolste Darbietung hören.

Dazu zählt für uns nicht nur (auch wenn es natürlich von zentraler Bedeutung ist) der Tifo mit Gesang, Fahnen und Doppelhaltern, Choreos, Pyro und Spruchbändern, wie sich die Gruppe in Auseinandersetzungen bewährt oder der Stil, Niveau und Coolness und die Mentalität der Gruppe. Auch der Auftritt der Gruppe, beispielsweise bei der Anreise, kommt mit in die „Wertung“. Dabei kommt es nicht darauf an, jedes Spiel nen fetten Corteo mit Gesang hinzulegen (das Besondere daran sollte durchaus erhalten bleiben, dadurch dass so was auf besondere Spiele beschränkt ist) und schon gar nicht möglichst prollig rüber zu kommen. Im Gegenteil, auch bei einer gemeinsamen Anreise kann man zeigen, dass die eigene Gruppe nen coolen und niveauvollen Stil hat. Zum Beispiel, wenn die Fans von XY hinter der Polizeikette den Affen macht, die eigene Gruppe sich aber nicht dafür interessiert, sondern einfach nur cool vorbeigeht und die Deppen mit Nichtbeachtung würdigt. Und natürlich ist eine gemeinsame Anreise für diese Wertung immer förderlich. Mit möglichst vielen Leuten unterwegs zu sein macht einfach was her. Und wenn man dann bei nem wichtigen Spiel oder sogar Derby einen fetten Corteo zusammen bekommt, der vom Auftritt einfach was her macht, ist das einfach nen guter Start, um gleich von Anfang die Verhältnisse klar zu stellen. Aber eben immer mit dem Background, wir sind immer fett unterwegs und nicht nur beim Derby. Wir haben immer ne vernünftige Zahl am Start und kreppeln nicht jedes Spiel mit 30 Leuten rum und machen nur beim Derby den Dicken.
Dabei spielt auch ne Rolle, dass nicht nur der Stil und das Verhalten Beachtung finden, sondern z.B. auch der Altersschnitt. Wenn sich jetzt gerade die Älteren denken, sie haben kein Bock mehr auf Zug oder Bus und fahren lieber selber im Auto, wird die Gruppe einfach anders wahrgenommen. Wobei der Fehler natürlich nicht bei den Jüngeren liegt, die sich engagieren und auf die günstige Anreisevariante angewiesen sind, sondern bei den Älteren. Think about it.

Aber auch Solidarität und Rivalität spielen dabei eine Rolle. Ist ganz klar, dass Leute die alleine zum Auswärtsspiel anreisen, eher Ziel von Überfällen werden können und mehr Leute bei der Gruppe bedeuten, dass sich diese besser verteidigen kann. Auch kostet ein halb voller Bus am Ende entweder die Gruppe was, oder die Jüngeren, die mit fahren und eh schon auf die günstigste Variante angewiesen sind. Wir sind eine Gemeinschaft und das drückt sich unter anderem auch darin aus, dass wir, was Kosten oder Probleme angeht, gemeinschaftlich handeln.

Ich will, dass meine Gruppe die coolste und beste ist, und du auch!

Zeichen der Ultras: Über die Bedeutung der Zaunfahne

Über die Bedeutung DER Zaunfahne für uns Ultras etwas zu schreiben ist gar nicht nicht so einfach, schließlich ist diese Bedeutung jedem klar, es sind ungeschriebene Gesetze, und das macht es so schwierig, was darüber zu schreiben. Deswegen will ich mich von verschiedenen Seiten her dem Thema nähern und verschiedene Aspekte beschreiben, so dass sich am Ende wie bei einem Puzzle für Euch ein (Gesamt-)Bild ergibt. Die Zaunfahne ist sowas wie das Herzstück einer Gruppe. Sie symbolisiert nach außen „HALLO, WIR SIND DA, WIR SIND DIE ULTRAS!“. Direkt hinter ihr versammelt sich die Gruppe bei den Spielen. Genauso wie die Gruppe ihren festen Platz in der Kurve hat, hat die Fahne ihren festen Platz am Zaun und markiert den Standort der Gruppe. Sie repräsentiert die Gruppe. Aus ihrer Größe/Länge und der „Lage“, an der sie aufgehängt wird, kann man die Bedeutung der Gruppe ablesen. Der Hauptgruppe steht eine entsprechend große Fahne zentral hinter dem Tor zu (soweit die Gruppe dort auch steht…). Die Fahne hat bei jedem Spiel zu hängen, bei dem die Gruppe anwesend ist (also jedem Spiel). Die Art und Weise, wie die Zaunfahne gestaltet ist, sagt etwas über den Stil der Gruppe aus (wenn nicht die Zaunfahne, was dann?). In unserem Fall also ein eher schlichter, traditioneller Stil. Für uns war dabei auch immer wichtig unsere Zaunfahne nicht all zu oft zu wechseln (von den außergewöhnlichen Anlässen, wie Duisburg und Würzburg mal abgesehen). Gerade wenn man das jugendliche Alter unserer oder anderer Gruppen in Deutschland sieht, gehört es sich Respekt zu haben vor der Historie und Lebensdauer anderer Gruppen im Ausland und vor allem im Mutterland Italien. Dann erscheint es uns aber unsinnig, nach jedem Jahr die Zaunfahne zu wechseln. Warum soll Gruppe XY aus Deutschland, die gerade erst sieben, acht Jahre existiert in diesem kurzen Zeitraum schon fünf, sechs „Lappen“ (noch so eine Sache, wie manche Ultras ihre Fahne abwertend so bezeichnen können, in diesem Fall aber absichtlich so gewählt) an ihren Zaun gehängt haben, während manche altehrwürdige Gruppe in Italien KONSTANT über zehn oder sogar 20 Jahre die gleiche Fahne stolz vor ihre Kurve hängt? Erstens wäre das in meinen Augen anmaßend gegenüber den Vorbildern jenseits der Alpen. Zweitens ist für mich die Zaunfahne auch ein Symbol für die Konstanz und die Werte der Gruppe. Wer sie jedes Jahr wie eine Modekollektion wechselt, wechselt vielleicht genauso schnell Inhalte, Ideale und Werte.
Über die Zaunfahne werden oft kleinere Fahnen gehängt, die zeigen sollen, dass Mitglieder einer befreundeten Gruppe zu Gast sind (das Aufhängen der eigenen Fahne bei Freunden und umgekehrt ist für uns ein sehr, sehr starkes Symbol, mit dem nicht zu leichtfertig umgegangen werden sollte) oder die auf eine besonders wichtige Thematik aufmerksam machen sollen.
Wer sich mit dem Thema Zaunfahnen beschäftigt, kommt um das Ziehen bzw. den Verlust von Zaunfahnen nicht herum. Wer dem Feind oder Rivalen eine Zaunfahne zieht, demütigt ihn aufs Äußerste. Genauso ist der Verlust der eigenen Zaunfahne die größte Schmach. Anhand aktueller Beispiele wurde ja erst kürzlich ausführlich darüber diskutiert, ob der Verlust der Zaunfahne eine Auflösung der Gruppe nach sich ziehen muss. In dieser Diskussion hört man oft die Formel raus, der Verlust der Heimzaunfahne müsse eine Auflösung nach sich ziehen, der Verlust der Auswärtsfahne sei noch zu verkraften. Dies halte ich für absolut verkürzt. Erstens hat die Heimzaunfahne zwar natürlich einen noch höheren Stellenwert, die Auswärtsfahne ist aber genauso wichtiges Symbol der Gruppe und die Gruppe hat dafür zu sorgen sich und die Fahne auch auswärts angemessen verteidigen zu können. Zweitens hängt der Verlust der Zaunfahne in der Regel auch mit anderen Umständen – seien diese interne oder externe Gegebenheiten – und der Art und Weise des Verlust zusammen, was bei der Entscheidung der Gruppe berücksichtigt werden muss. Ohne Frage gehe ich davon aus, dass diese Entscheidung in der Regel auf eine Auflösung hinauslaufen muss, will man sich selber noch in die Augen schauen können (nur um das klar zu stellen!). Natürlich führt uns dieser Fall zu weiteren schwierigen Fragen, schließlich hört man mit diesem Tag X nicht auf Ultrà zu sein, der Gruppe einfach einen anderen Namen zu geben und wie vorher weiter zu machen, ist allerdings auch äußerst fragwürdig. Eine Problematik, die ich an dieser Stelle gar nicht zu Ende denken will und mir deswegen fest vornehme, alles in meiner Macht stehende zu tun, dass es nicht dazu kommt. Ich gehe davon aus, dass Ihr dabei mit mir seid!

Eine weitere, nicht minder schwierige und umstrittene Problematik ergibt sich, wenn Polizei oder Ordner Hand an die Zaunfahne anlegen. Sei es, dass die Fahne von Ordnern vom Innenraum her aufgehängt werden muss, diese bei einem bestimmten Spiel oder sogar generell verboten ist oder sogar konfisziert wird. Kein Bulle oder Ordner hat unsere Fahne anzufassen. Was aber, wenn wir sie aufgrund der Repression nicht im Stadion aufhängen können? Ist das nicht auch eine zu große Schmach? Erstmal liegt der Unterschied auf der Hand, dass Ultras untereinander einem bestimmten Kodex folgen und in gewisser Weise eine Art „Waffengleichheit“ herrscht, während die Polizei am längeren Hebel sitzt, machen kann was sie will und ihren Kontrahenten mit über die Auseinandersetzung weit hinausgehenden schwerwiegenden Konsequenzen belegen kann und tut. Die Problematik bleibt trotzdem bestehen und für einige sind bei diesem Thema Grenzen überschritten. Wenn die Zaunfahne diese hohe Bedeutung habe (die ich in diesem Text schon ausführlich beschreiben habe), dann müssten wir hier doch eine Grenze ziehen und sagen nicht weiter oder Konsequenzen daraus ziehen, wenn doch Konsequenz so wichtig für unsere Kultur sei. Einerseits ist dies natürlich richtig. Andererseits beziehen sich diese Beschreibungen auch auf einen Idealzustand, in dem die (Macht- und Geld-)Interessen der Bosse nicht so einen wahnsinnigen Einfluss auf die Kurven nehmen und sich Fankultur frei in einem kreativen Wettkampf untereinander entfalten kann. Dass wir von diesem Idealzustand weit entfernt sind, ist kein Geheimnis und war es auch nicht, als wir angefangen haben, unseren Weg zu gehen. Wer also hier Konsequenz fordert, hätte sich schon vor Jahren in der Erde verbuddeln müssen. Wir haben den Kampf aufgenommen und es war von Anfang an klar, dass wir dafür Opfer bringen und uns clever verhalten müssen. Letztendlich ist es ja auch jedes mal ein kleiner Sieg, wenn eine verbotene Zaunfahne doch den Weg ins Stadion schafft und am Zaun hängt, ein kleiner Sieg der wieder neue Kraft für die nächste Schlacht gibt.
Wenn sie glauben, sie können uns dadurch besiegen, dass sie unsere Zaunfahnen verbieten, irren sie, denn sie sind zwar ein wichtiges Symbol unserer Kultur, kämpfen tun wir aber für unsere Art zu leben.
Den Ultras ein langes Leben!

Lesestoff für die Winterpause

Wir vom GDS-Blog wünschen Euch und Euren Lieben ein Frohes Fest und nen guten Rutsch in ein hoffentlich gesundes & erfolgreiches Jahr 2011!

Falls Ihr noch ein Last-Minute-Geschenk oder nen Wunsch für Weihnachten benötigt oder die spielfreie Zeit einfach so lieber sinnvoll nutzen wollt, als sie zu vergammeln, haben wir hier 10 Lesetips für Euch! 10 Bücher die unserer Ansicht nach zur absoluten Pflichtlektüre für Ultras gehören. 10 Bücher die jeder Münchner Ultrà gelesen haben sollte und jeder, der uns zumindest ein bisserl verstehen mag, eigentlich auch:

1. FEVER PITCH
http://www.hugendubel.de/3/14368553-1/buch/fever-pitch.html
Die verrückte Geschichte einer lebenslangen Liebe. Ein Fußballfan und sein Verein. „Fever Pitch“ ist DAS Buch für jeden Fußballfan. Da es sich um eine Geschichte handelt, die sich über mehr als 30 Jahre erstreckt, ist diese Erzählung auch ein Rückblick auf den Fußball wie er einmal war, als der Weg ins Stadion noch etwas bedeutete. In den heutigen modernen Fußballhallen ist das Spiel zur klinisch sauberen Angelegenheit geworden, die jede Atmosphäre zerstört. Dabei war Fußball immer mehr als das Spiel auf dem Rasen. Erst wenn keine Fans mehr im Stadion sein werden, wird man merken, dass Publikum keine Fans sind. Von daher ist diese Geschichte auch ein melancholischer Rückblick auf ein Spiel mit einer Lebensphilosophie, wie sie so nicht mehr zu finden ist.

2. EINE SAISON MIT VERONA
http://www.amazon.de/Eine-Saison-mit-Verona-Parks/dp/3442453747/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1292472389&sr=8-1
Eine Reise durch Italien auf der Suche nach Träumen, Fußball und dem Herzen des Landes. Seit zwanzig Jahren lebt Tim Parks nun im Veneto, und noch immer ist ihm die italienische Seele ein Rätsel. Was liegt also näher, als sich endlich mit dem Wichtigsten im Leben eines Italieners zu beschäftigen, dem Fußball?

3. I FURIOSI
http://www.hugendubel.de/3/14188678-1/buch/i-furiosi.html
„An den Rändern der großen Städte, den Stadien und ihrer Umgebung fließen die Gesänge von I FURIOSI zusammen. Eine poetische Prosa von Nanni Balestrini, die im Rhythmus der Geschichten von den Abfahrten im Morgengrauen aus den verwüsteten Randgebieten, den Horrorreisen in stinkenden Sonderzügen erzählt. Von den Schlägereien und Drogenexzessen der Rotschwarzen Brigaden des AC Milan.“ (La Repubblica, April 1994)

4. DIE ULTRAS
http://www.papyrossa.de/sites_buchtitel/gabler_ultras.htm
Mit den Ultras hat sich im Fußball eine neue Fankultur etabliert. Auch in den Medien taucht sie vermehrt auf. Meist jedoch mit Negativschlagzeilen über Gewalt oder andere Regelverstöße. Jonas Gabler zeichnet ein anderes Bild dieser Bewegung. Er erläutert ihre typischen Merkmale: Die neue Form, das jeweilige Team zu unterstützen; das intensive Gruppenleben; die besonderen Regeln und Kodizes; das Engagement gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs. Gabler zeigt auch die positive Wirkung der Ultras in Deutschland beim Zurückdrängen rechtsextremistischer und rassistischer Handlungen in den Stadien. In Bezug auf Gewalt ist sein Urteil dagegen nicht so eindeutig. Er belegt das ambivalente Verhältnis der Ultras zu Gewaltanwendung und zeigt, dass sich dieses Problem zunehmend verschärft hat. Doch ist durch die Gegenmaßnahmen der Vereine, der Verbände und der Polizei Besserung zu erwarten? So nimmt er Bezug auf ein weiteres Merkmal der Ultrabewegung: ihr organisierter Protest gegen Repression.

5. TIFARE CONTRO
http://www.blickfang-ultra.de/mb_main.php?PHPSESSID=36911c459da1170a2ccb57fe7ec9f0b8&men=68&hg=5
Eine(!) Geschichte der italienischen Ultras. 1968-2007. Diesen beiden Jahreszahlen markieren die Endpunkte, zwischen denen die Parabel der italienischen Ultras ihren Bogen zieht. Von der Gründung der ersten Gruppierung bis zum Tod des Polizisten Filippo Raciti und des Fußballfans Gabriele Sandri: das Ende der Geschichte, wenn die Strategie der Repression um jeden Preis die Überhand behält.
Unsere Rezension findet ihr hier: http://gds.blogsport.de/2010/12/10/rezension-tifare-contro/

6. DIE BAYERN – DIE GESCHICHTE DES REKORDMEISTERS
http://www.hugendubel.de/3/15951109-1/buch/die-bayern.html
Über den FC Bayern müssen nicht viele Worte verloren werden: Ob bei der Anzahl der Fans, der Erfolge, der Umsätze – überall findet man nur Superlative. Dietrich Schulze-Marmelings Buch zur Vereinsgeschichte entzieht sich allen medialen Aufgeregtheiten – und überzeugt gerade deshalb als dauergültiges Standardwerk. Kenntnisreich verfolgt er den Weg der Bayern von der Gründung im Jahr 1900 bis zur glücklosen Trainertätigkeit des Jürgen Klinsmann. Zweifellos ist das Buch die bisher ausführlichste Geschichtsschreibung über den deutschen Rekordmeister. Die bei weitem Beste und die spannendste.

7. GUTE FREUNDE: DIE WAHRE GESCHICHTE DES FC BAYERN MÜNCHEN
http://www.hugendubel.de/3/14882046-1/buch/gute-freunde.html
Keine Mannschaft hat den deutschen Fußball so sehr revolutioniert wie der FC Bayern. Beckenbauers Leichtigkeit, Müllers Torhunger und das unbändige Selbstbewusstsein der jungen Spieler Hoeneß und Breitner erschlossen dem Fußball neue spielerische und wirtschaftliche Dimensionen. Thomas Hüetlin, „Spiegel“-Reporter und Kenner der Fußballszene, beschreibt den Aufstieg der Bayern. Die Geschichte des deutschen Top-Vereins als Familien-, Firmen- und Kulturgeschichte.

8. CHE – DIE BIOGRAPHIE
http://www.ullsteinbuchverlage.de/listtb/buch.php?id=5258&page=autoraz&sort=autor&auswahl=A&pagenum=1
Wer war dieser Che, der auch in unseren Räumen an der Wand prangt und der Vorbild bzw. identitätsstiftendes Motiv für unzählige Ultras ist? Wie jeder gute Autor, hält sich Anderson mit seiner Meinung zurück, so dass der Leser sich automatisch selbst Gedanken macht, was wiederum dazu führt, dass man viel intensiver in den Bann dieses Buch gezogen wird. Obwohl es hierbei natürlich auch an dem flüssigen Schreibstil des Autors liegt, dass man diese Biographie wie einen Roman lesen kann. Keine trockenen, seitenlangen politischen Ausführungen, nein, es macht wirklich Spass dieses spannende Buch zu lesen. Es ist einfach mehr als nur eine Che Guevara Biographie, es ist DIE Che Guevara Biographie.
Die Parallelen zur Welt der Ultras sind offensichtlich: Man lernt viel darüber mit offenen Augen zu reisen, Träume zu leben, aus der persönlich erlebten Wahrnehmung von Mißständen Konsequenzen zu ziehen, Auswirkungen des Kapitalismus auf das was anderen Menschen heilig ist zu erkennen, prinzipienfest zu sein, Ziele konsequent – ja besessen – zu verfolgen, ihnen das eigene Ego unterzuordnen, für etwas zu kämpfen, den Kampf auch gegen übermächtige Gegner zu wagen, sich nicht unterkriegen zu lassen, alles für eine Sache und v.a. für moralische Werte zu geben – und: bei allem was man einfordert immer mit gutem eigenem und ehrlichem Beispiel voran zu gehen! Durchaus viel, was für ULTRAS geradezu beispiel- und vorbildhaft ist – denn genau das ist es worum alles geht: Mentalità & Coerenza. Absolut empfehlenswert. LESEN!

9. CLOCKWORK ORANGE
http://www.hugendubel.de/3/14229187-1/buch/clockwork-orange.html
Der junge Alex prügelt, vergewaltigt, tötet – bis man mit Hilfe moderner Technik einen wahren Christen aus ihm macht. Doch zu welchem Preis? Anthony Burgess Meisterwerk in überarbeiteter Neuausgabe, mit umfassendem Glossar.
Einer der wichtigsten Punkte ist die philosophische Frage, die das Werk Clockwork Orange aufwirft und die Erkenntnis, die sich daraus ziehen läßt. Gerade im Hinblick auf die durchaus vorhandenen Parallelen in unserem Alltag als aktive Fußballfans. Sind wir gut? Oder sind wir böse? Manchmal sind wir nichts von beidem, manchmal auch beides gleichzeitig… aber niemals irgendetwas ausschließlich! Können wir auch nicht – denn so einfach ist die Welt nun mal nicht. Es kann kein „Gut“ ohne „Böse“ geben, denn wie würde es sich ohne den Gegensatz denn definieren? Eine Welt ohne Freiräume bedeutet auch eine Welt ohne Risiko. Aber ist das erstrebenswert? Denn ohne Freiräume gibt es kein Ausleben mehr, keinen Spaß. Ohne Risiko gibt es auch kein Abenteuer. In völliger und absoluter Sicherheit regiert also auch die totale Langeweile.

10. DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM
http://www.hugendubel.de/3/14213339-1/buch/die-verlorene-ehre-der-katharina-blum.html

Heinrich Bölls Buch darüber „wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“. Und ein Lehrstück über die modernen Massenmedien und ihre Methoden. Aus dem Vorwort Bölls: „Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“
Vor dem Hintergrund der Hysterie um den Terrorismus der RAF protestiert Heinrich Böll mit der Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gegen den Menschen verachtenden Sensationsjournalismus und nicht zuletzt gegen den Missbrauch der Staatsgewalt sowie die korrumpierenden Verflechtungen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Medien, Polizei und Rechtsprechung.

Mehr und Ausführlicheres über Inhalt und Hintergründe der Bücher findet ihr hier.

Hunderte Chaoten lesen und diskutieren ‚Tifare Contro‘

Altravita-Blogger und Übersetzer von „Tifare Contro“ Kai Tippmann zieht kurz vor Weihnachten ein kleines Resumé zu seinen bisherigen Lesungen bei verschiedenen Ultrasgruppen.

Hier klicken.

Von der Bedeutung eines Schals

Was ist ein Schal? Im Grunde genommen, ist ein Schal ein Kleidungsstück, das im Winter gegen Kälte schützt. Für einen Fußballfan hat ein Schal aber eine viel größere Bedeutung. In der Welt der Fans und Ultras ist der Schal viel mehr als nur ein Kleidungsstück. Er ist die wichtigste und gleichzeitig traditionellste Fan-Utensilie. Mit dem Schal bekennen wir uns zu den Farben, denen wir auf Schritt und Tritt folgen, wir zeigen zu welcher Gruppe wir voller Stolz gehören.

Ein Schal begleitet einen Fan und Ultrà über Jahre, mit einem Schal ist man rund um die Erde unterwegs und steht mit ihm in der Kurve! Der Schal ist manchmal sogar ein Glücksbringer, darf trotz nicht mehr ganz so frischen Geruchs auf keinen Fall in die Waschmaschine. Meinen ersten Schal hab ich von meinem Vater zur Meisterschaft 1989 bekommen, später wurde mir ein Schal von meiner Oma gestrickt. Mit der Zeit sammeln sich Schals an, was nicht heißt, dass man gleich mehrere anziehen muss, um rumzulaufen wie ein Tannenbaum. Schals sind Erinnerungen, an eine bestimmte Saison, eine Phase im Fanleben oder sonstiges. Schals können auch besondere Geschenke sein, an verdiente Spieler oder befreundete Gruppen. Einen meiner wertvollsten Schals hab ich in aller Euphorie nach dem Weltpokalfinale 2001 in Tokio an Sammy Kuffour verschenkt und ich werde es nie bereuen. Er hat mir einen Lebenstraum erfüllt! Wenn ich die Schals meiner Gruppe bei befreundeten Gruppen an den Wänden hängen sehe, erfüllt mich dies mit Stolz!

Was ist ein Schal wert? Aus Sicht eines Fanartikelverkäufers oder Produzenten liegt der (Waren-)Wert zwischen 10 und 15 Euro. Einem Fan und gerade Ultrà ist ein Schal von unglaublicher Bedeutung und Wert. Man verbindet mit dem Schal Erinnerungen, große Siege, derbe Niederlagen, gute Auftritte in Stadien usw. Vor allem zeigt ein Schal den ganzen Stolz, die Liebe für die man alles gibt, den FC Bayern München! Ein unschätzbarer Wert. Nicht umsonst sind Schals auch bei generischen Fans „beliebt“. Ultras sind stets unterwegs und versuchen immer wieder dem Gegner den Schal zu klauen um ihn dann beim Spiel gegen die Feind zu präsentieren und die Ehre zu nehmen! Entsprechend heißt es für einen Ultrà, auf seinen Schal achten und diesen bis aufs äußerste zu verteidigen. Er repräsentiert den Stolz auf Deine Gruppe!

Warum ein Schal bei jedem Spiel dabei sein muss? Ganz einfach, mit dem Schal zeige ich, weshalb ich hier bin, für wen ich schreie und alles gebe! Ich zeige, zu welcher Gruppe ich gehöre und voller Stolz halte ich bei bestimmten Liedern in der Kurve meinen Schal in die Höhe, ein traumhaftes Kurvenbild voller rot-weißer Schals und ich bin ein Teil davon! Ohne Schal brauche ich erst gar nicht ins Stadion gehen. Der Schal ist die Grundausstattung eines jeden Fan im Sommer wie im Winter.

EIN SCHAL UM DEN HALS, BEI JEDEM SPIEL, ZEIGT UNSERE FARBEN, UNSEREN GANZEN STOLZ! IMMER UND ÜBERALL!

Aus Ultras! AUSGABE 1

Rezension „Tifare Contro“

Organisiert von den Munichmaniacs 1996 fand nach dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt in den Räumen der Schickeria eine Lesung aus dem Buch „Tifare Contro“ von Giovanni Francesio mit anschließender Diskussion statt. Die Veranstaltung war sehr gut besucht und auch das „Drumherum“ mit Burgern, Pasta und Borghetti-Bar überzeugte.

Gelesen wurde von Kai Tippmann, dem Blogger vom bekannten und geschätzten altravita-Blog und Übersetzer der deutschen Version des Buches. Tippmann ist langjähriger Milan-Fan und seit einigen Jahren nach Mailand gezogen. Durch jahrelange Kontakte in die Szene und als Besucher der Mailander Curva Sud wartet er mit Fach- und Insiderwissen über die Ultras direkt aus dem Mutterland unserer faszinierenden Fankultur auf. Tippmann weiss wovon er redet, er ist Teil der Ultras-Kultur. Dies wurde nicht erst in den schon vor der Lesung stattfindenden Gesprächen über Dies und Das der Ultras-Welt in kleiner, informeller Runde klar. Doch wer regelmäßig (was absolut zu empfehlen ist) auf altravita.com vorbeischaut, wird das eh wissen. Vor zahlreich erschienenem Publikum las er einige Kapitel und Absätze aus dem Buch, die im Ritt durch die Jahrzehnte auch denjenigen einen guten ersten Einblick in das Buch und die darin beschriebene subjektive Sicht auf die Geschichte der Ultras in Italien eröffnete, die das Buch noch nicht gelesen hatten.

In der darauf folgenden Diskussion zeigte sich recht schnell, wo das Publikum Stärken und wo Schwächen des Buches sieht. Diese wurden, bei allem nötigen Respekt vor dem nicht anwesenden Autor Giovanni Francesio und seiner langjährigen Kurvenerfahrung sehr deutlich formuliert und wir wollen sie Euch auch nicht vorenthalten.

„Tifare Contro“ ist ein an sich für Ultras aus Deutschland sehr gutes Buch, und zwar weil kein anderes Buch, das in deutscher Sprache bisher verfügbar wäre, dem Leser so kompakt Hintergrundwissen zu historischen Entwicklungen und bestimmten zeitgeschichtlichen Ereignissen liefert, die für den italienischen Ultra absolutes Basiswissen darstellen, ja jedem – der sich dieser Bewegung zu Recht zurechnen möchte – in Fleisch und Blut übergegangen sein dürften. Und selbiges sollte eigentlich auch für den deutschen Ultra gelten. Wenn man Teil einer Kultur ist, die ihre historischen Wurzeln an einem anderen Ort, in einer anderen Umgebung hat, dann sollte man auch genauestens, in jedes Detail verliebt über diese Wurzeln und die Entstehung und Entwicklung der Kultur Bescheid wissen. Von daher betrachtet – absolute Pflichtlektüre!

Allerdings kann „Tifare Contro“ aus unserer Sicht eben bei weitem nicht uneingeschränkt empfohlen werden. Ohne entsprechend kommentiert zu werden, kann es, dank des oft weiten Interpretationsspielraumes und manch eher frustrierten als konstruktiven Gedanken, geradezu von Ultras weg und den geneigten Leser in die Irre führen. Uns erscheint es daher als von entscheidender Bedeutung, die im Folgenden dokumentierte Diskussion über das Buch beim Lesen im Hinterkopf zu behalten:

„Tifare Contro“ beschreibt in sehr guter Weise einschneidende Ereignisse in der über 40 jährigen Geschichte der italienischen Ultras. Diese Geschichte ist untrennbar verbunden mit Ereignissen und Namen, und auch – man muss es leider sagen – mit einigen Toten. Dinge, die jeder italienische Ultrà sofort parat hat. Jeder deutsche Ultrà sollte sich mit der Geschichte unserer Bewegung und deren Ursprung beschäftigen und kein anderes Buch fasst diese Geschichte bisher besser zusammen, als „Tifare Contro“. Leider beschränkt sich der Autor darauf, diese Geschichte anhand von absoluten Tiefpunkten zu beschreiben, die zweifelsohne zur Erklärung der Entwicklung, die unsere Bewegung in ihrem Ursprungsland gemacht hat, notwendig sind – der Geschichte an sich, vor der sich der Autor selbst an etlichen Stellen verneigt und ihr geradezu spürbar nachtrauert, aber in keinster Weise gerecht werden. Klar lässt sich die Geschichte der Ultras auch mit einer Aufzählung einzelner negativer Ereignisse mit katastrophalen Folgen beschreiben, sie handelt aber viel, viel mehr von positiven Ereignissen und Emotionen, die Spieltag für Spieltag, landauf und landab tausende, im Ganzen wohl hunderttausende italienische Jugendliche und Junggebliebene fasziniert, begeistert, gefesselt hat. Um dies zu erklären, reicht eine Kette von tragischen und manchmal fahrlässigen und dummen Taten nicht aus. Um es zu verstehen, muss man die Faszination der italienischen Kurven vielleicht nicht mal live erlebt haben, es reicht ein paar Fotos anzusehen um zu merken, das ganz andere Dinge als die im Buch beschriebenen einen großen Teil der Geschichte von Ultras ausmachen.

Der Autor scheint unserer Meinung nach gefangen zu sein im Wehmut. Getrieben von Trauer und der Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit der Freiheit. Gleichzeitig (oder gerade deswegen) kritisiert er die eigene Szene – teilweise sicher notwendig – in einer sehr scharfen Art und Weise, bzw. wenn man ehrlich ist richtet er quasi bereits über sie. Die Ultras hätten es nicht geschafft, Selbstregulierung zu praktizieren (da sie es nie richtig versucht hätten) und damit im Wechselspiel mit der Polizei (beide Seiten wären Schuld, gefährliche Gleichsetzerei – gerade in einem Land wie Italien, auch was er über Genua G8 schreibt ist im Hinblick auf die Notwendigkeit polit. Militanz diskutabel) Ereignisse produziert, die eine Gesellschaft einfach nicht tolerieren könne. Dem ließe sich jetzt entgegen halten, dass die Selbstregulierung überwiegend eben schon funktioniert hat. Im Gegensatz zu anderen Ländern sogar geradezu hervorragend – gerade weil es eben das organisierte Fantum der Ultras gegeben hat. Die Freiräume von denen er schwärmt wären nie möglich gewesen, hätte man sich in ihnen nicht mit einer selbst gewählten Ordnung und einer eigentümlichen Hierarchie selbst reguliert. In unzähligen Städten hat das auch nie ein wirkliches, in anderen kein dramatisches Problem dargestellt. Die Selbstregulierung hat eben nur nicht immer, nicht in jedem Fall funktioniert. Wenn man sich ansieht, wie viel Herzblut, wie viel echte, ehrliche Emotion in ihrer reinsten Form in Italien im Spiel war – dann hat sie vielleicht sogar außerordentlich gut funktioniert, wenn man bedenkt was alles noch im Bereich des Kontrollierbaren liegt. Was bestimmte Dinge angeht hat sie aber auch versagt. Ok. In einer solchen Form ausgewogen zu schreiben wäre aus unserer Sicht angebracht gewesen. Francesio macht das nicht – und dieses Beispiel steht exemplarisch für seine ganze persönliche Kommentierung von 40 Jahren Ultrasgeschichte.

Man habe es (und hier wäre das Wörtchen „mancherorts“ angebracht gewesen) versäumt, die wenigen extremen Gewalttäter aus den Kurven zu isolieren. Einerseits richtig, andererseits wäre es vielleicht wichtig darauf hinzuweisen, wo man in etwa die Grenze verorten sollte. Dort wo Otto Normalbürger einen extremen Gewalttäter sieht, oder da wo selbst die unter bestimmten Umständen durchaus gewaltbereiten Vollblut-Ultras der Kurven jemanden als nicht nur gewalttätig sondern sogar extrem gewalttätig bezeichnen würden? Denn ganz ohne „Gewalttäter“ und ein paar Psychos hätte es die wunderschönen Freiräume, die der Autor so preist, eben nie gegeben. „Freiheit wird nicht gewährt, sondern immer nur erkämpft!“ sagt ein altes Sprichwort. Und genauso ist es in diesem Fall. Die „befreiten Territorien“ der Kurven hätte es nie gegeben, da die Polizei natürlich gegen Ordnungswidrigkeiten und Verstöße gegen das bürgerliche Gesetzbuch logischerweise stur vorgegangen wäre, wenn sie nicht die Rechnung gemacht hätte, doch wegen z.B. ein paar Joints oder einem Spruchband keine bürgerkriegsähnlichen Zustände auslösen zu wollen. Ohne das „Abschreckungspotential“ einer oft nicht zu durchschauenden Kurve hätte das nicht funktioniert. Übrigens auch eine Form von Regulierung. Solang es sich die Waage hält. Und da sind wir wieder an der Stelle wo man die teilweise mangelhafte Selbstregulierung durchaus wieder kritisieren darf. So geht der Autor aber leider nicht vor.

Auch was er zu den Scontri (den Kämpfen) schreibt, wird wahrscheinlich von kaum einem Ultra – weder von einem der alten noch der neuen Generation – so unterschrieben werden. Ja, man kann darüber reden, dass Gruppen angefangen haben aus jedem Scheiß ne Rivalität zu machen bzw. auch noch mit dem hinterletzten eigtl. völlig unbedeutenden Gegner eine Rivalität geradezu zu suchen und aufzubauen um Auseinandersetzungen zu rechtfertigen. Dabei ging es dann aber – wenn man ehrlich ist – nicht mehr um wirkliche Rivalitäten, vielleicht auch gar nicht mehr um den Gegner – sondern vielmehr um den zweifelhaften Ruhm, den man durch ausgetragene Kämpfe erlangen wollte. Und ja, man MUSS sogar darüber reden, dass bestimmte Art und Weisen Kämpfe auszutragen, z.B. mit Messern, Eisenstangen oder Papierbomben, von Grund auf eben gar nicht angehen und von einer Bewegung, die sich selbst gerecht werden will, unmissverständlich geächtet gehören.

Aber andererseits darf man es auch nicht so aussehen lassen, als wären jegliche selbst gestartete Aktionen, die nicht nur der viel zitierten „Verteidigung“ dienen (die wäre dieser Logik zufolge ja nie nötig), auch gegen wirkliche Rivalen Fehl am Platz oder als wäre die Ansicht, in diesen Scontri würden sich eben die richtig guten von den guten Gruppen unterscheiden, Irrlehre. Auch die Scontri und wie sie geführt werden sind eben Erkennungsmerkmal der Ultras. Um es mit den Worten Che Guevaras zu sagen: „Um für etwas zu kämpfen, muss man es sehr lieben. Um etwas sehr zu lieben, muss man bis zur Verrücktheit daran glauben.“. Ultras glauben (dass sie dies bis zur Verrücktheit tun, ist geradezu ein Charakteristikum), Ultras lieben (gerade das ist es ja, was die Bewegung der Kurven so unvergleichlich schön und wahre Fans zu den vielleicht letzten Romantikern macht) und ja, Ultras kämpfen auch! Manchmal. Nicht gegen alles und jeden natürlich – und vor allem nicht grundlos, aus purer Lust an Gewalt. Wohl aber gegen Lokalrivalen oder die 4, 5 Städte im Land, deren Kurven oder Ultragruppen man aus bestimmten charakteristischen, ideologischen oder historischen Gründen so gar nicht abhaben kann. Auch das ist Ultras. Punto e basta.

So weit so gut, als Lösung jedoch preist Francesio immer wieder das so genannte „englische Modell“ an mit modernen klinischen Stadien, totaler Überwachung, Sitzplatzzwang und Ticketpreisen, die sozial schwächer gestellte ausschließen. Dabei scheint er zu übersehen, dass das „englische Modell“ in England selber die Fankultur zerstört hat und wahrscheinlich in jedem Land die Fankultur vor größte Probleme stellen, wenn nicht sogar in ihrer Existenz bedrohen würde. Die Geschichte der Ultras in Italien und die Freiheit ihrer Kurven jedenfalls, denen Francesio so sehr nachtrauert, wären unter solchen Vorzeichen wohl kaum denkbar gewesen. Von daher muss man Francesios Sympathie für das „englische Modell“ als nichts anderes als schizophren bezeichnen.

Seine Argumentation baut der Autor unter anderem darauf auf, dass der so genannte „ehrenhafte Kampf“ zwischen Ultras (in Italien) de facto nicht möglich sei. Dies habe die von ihm niedergeschriebene Geschichte angeblich bewiesen. An andere Stelle hebt er aber sehr wohl Kurven hervor, die in seinen Augen den Werten der Ultras konsequent folgen und spricht unumwunden seine Hochachtung für diese aus. Ein weiterer Punkt, an dem widersprüchliche Standpunkte im Buch auffallen. Ohne die Freiheit und die Freiräume, die die italienischen Kurven über Jahrzehnte dargestellt haben, wäre die großartige Welt der Ultras nicht denkbar. Für diese Freiheit sind die Werte der Ultras, Mentalität und Kohärenz absolut unverzichtbar.

Das Einfordern von Selbstregulierung und die Suche nach eigenen Fehlern sind, auch angesichts der Situation zwingend notwendig und setzen vielleicht sogar zu spät ein. Insofern könnte man „Tifare Contro“ auch als eine extreme Position begreifen, die in einer szeneinternen Diskussion als bewusst gesetztes Korrektiv verstanden werden sollten. „Tifare Contro“ ist allerdings nicht nur an die italienischen Ultras gerichtet, sondern eher an die interessierte Öffentlichkeit. Insofern könnten die zum Teil radikalen Aussagen als ein Versuch gewertet werden, in einer den Ultras feindlich eingestellten öffentlichen Diskussion noch Gehör zu finden. Dabei verliert der Autor unserer Meinung nach aber den Blick dafür, dass eben nicht nur die Ultras mit ihrer Gewalt, oder eine Spirale der Gewalt mit außer Kontrolle geratenen einzelnen Polizeieinheiten für die derzeitige Situation verantwortlich sind. Die Exzesse sind nicht die Gründe für den Krieg des Staates gegen die Ultras. Sie liefern dem Staat nur zusätzliche Argumente. Dem Staat geht es erklärter Weise darum, die Logik der Ultras zu brechen. Der Einfluss den diese Bewegung bekommen hat, seine Faszination die sie über Jahrzehnte als bedeutendste Jugendbewegung Italiens auf Hunderttausende ausgeübt hat und seine Werte wie Solidarität und Geradlinigkeit stellen für den Staat mit seiner kapitalistischen Funktionslogik eine Bedrohung dar. Was man nicht versteht stellt eine Bedrohung dar, also lässt man es verbieten. Werden Verbote nicht akzeptiert und Freiräume geschaffen in denen andere freizügigere Regeln gelten, lässt man die Verbote eben durchsetzen und die Freiräume schließen. Überall da, wo man kann.

Berücksichtigt man diese Anmerkungen und sieht man das Buch als das was es ist, EINE Geschichte der italienischen Ultras, so ist das Buch für den interessierten deutschen Leser zu empfehlen. Es ist eben nur eine mögliche und noch dazu höchst persönlich geprägte Sicht der Dinge. Es ist eine Ergänzung zu z.B. hunderten Ausgaben Supertifo, die andere Aspekte der Ultras in den Vordergrund stellen. Es schafft Grundlagenwissen. Es fasst wie bereits erwähnt Ereignisse, die in der Geschichte der Ultras große Bedeutung gespielt haben, sie aber keinesfalls alleine erzählen können, zusammen wie kein anderes Buch. Erwartet man DIE Geschichte der Ultras oder sogar Lösungsansätze für ihre scheinbar aussichtslose Situation, so wird man enttäuscht (oder, wenn man selber Italienexperte bzw. -liebhaber ist, sogar stellenweise zornig) werden.

Man sollte allerdings auch sehen, dass das Buch von einem Autor mit italienischem Hintergrund für Italiener geschrieben worden ist. Von jemandem, dem es außerordentlich weh tut, die Bewegung der er jahrzehntelang angehörte und die er liebt im derzeitigen, historisch negativsten Zustand zu sehen. Deshalb wird gehadert, schizophren bis melancholisch hin und her geschwankt und auch gewettert und verflucht. Für eine Leserschaft der Normalbürger auf der einen Seite, die vielleicht gar keinen wirklichen Einblick in die Welt der Kurven hatte (und der man das Gute und Einzigartige, das es sich als ital. Kulturgut zu erhalten lohnt, näher bringen will) und für die Ultras auf der anderen Seite, die vielleicht lange versäumt haben sich mit Reflektion und daraus resultierender Selbstkritik auseinanderzusetzen. Gerade im Bezug auf die zweite Gruppe könnte man das Buch, angesichts der Wut, die auf mancher Seite in einem aufkommen kann bzw. des „Verrats“ den man manchmal wittert, eben doch auch als bewusste und somit wohl gelungene Provokation ansehen. „Tifare Contro“ bietet also einen Denkanstoß, einen Einstieg in eine mögliche Diskussion. Was es nicht bietet, ist eine neue Ultrà-Bibel, die sozusagen das neue, reine bzw. eigentlich „ursprüngliche“ Ultras-Ideal liefert.

In diesem Sinne: KAUFEN (v.a. deshalb um dem aus Szenekreisen gegründeten Selfmade-Verlag das finanzielle Desaster zu ersparen, somit sein Überleben zu sichern und uns allen weitere übersetzte Werke aus dem Mutterland der Ultras zu bescheren!!!), die historischen Details unter 1×1 des Ultras aka Pflichtwissen abspeichern und sich zu den Kommentaren und Wertungen des Autors seinen Teil denken !

An dieser Stelle noch mal ein riesiges Dankeschön an Kai Tippmann! A la prossima…

GABRIELE UNVERGESSEN

„WER VERGISST IST KOMPLIZE!“

Dieses Spruchband war vergangenen Dienstag in unserem Block beim Europapokalspiel des FC Bayern bei der Roma zu lesen. Schon beim Heimspiel gegen Nürnberg zeigte die Südkurve mehrere Spruchbänder, da sich der Todestag Gabriele Sandris am 11. November zum dritten Mal jährte. „GABBO VIVE! ACAB!“ Leider scheint gewissen Herrschaften sehr wohl daran gelegen zu sein, dass Gabriele Sandri und mit ihm die Umstände seines Todes in Vergessenheit geraten. Darunter die selben ehrenwerten Herren, die den Mörder Sandris in einem Prozess, der mehr Farce als Gerichtsverfahren war, wegen fahrlässiger Tötung (!) nur zu einer geringen Strafe verurteilten. Der Mörder ist ein Polizist, der nachweislich quer über die Autobahn von der gegenüberliegenden Raststätte aus auf das davonfahrende Auto schoss, in dem Gabriele saß und tödlich getrofen wurde. Angeblich um eine kleine Auseinandersetzung zu beenden, die offensichtlich schon beendet war. Schließlich saßen die Lazio-Fans schon in ihrem Auto und fuhren davon. Ein Wahnsinn!

Statt den Mörder angemessen zu bestrafen, lies der italienische Staat in den folgenden Jahren die Fans aller Vereine pauschal zahlen. „EIN POLIZIST TÖTET EINEN FAN UND NUR DIE FANS SOLLEN BEZAHLEN? WAS FÜR EINE LOGIK?“ Die Entwicklung in Italien haben wir in letzter Zeit (leider) allzuoft thematisieren müssen. Vergangenen Dienstag durften die angereisten Bayernfans am eigenen Leib erfahren, wie traurig es um die Situation in den italienischen Stadien bestellt ist. „DIE PASSION DES ITALIENISCHEN CALCIO WAR VORBILD IN EUROPA! POLITIKER UND HEUCHLER HABEN SIE ZERSTÖRT! SCHANDE!“ „WENN NIEMAND MEHR IM STADION IST, HABT IHR 100% SICHERHEIT! GEWALT BEKÄMPFT, INDEM MAN DEN FUSSBALL ZERSTÖRT HAT – BRAVO!“ Die Tragödie um Gabriele steht nicht am Anfang dieser Entwicklung, sie stellt aber einen Einschnitt in dieser dar, die eine enorme Verschlechterung der Situation bedeutete.

Doch Gabriele soll, wenn es nach den grauen Herren geht, in Vergessenheit geraten. Der Wunsch vieler zehntausend Menschen nach einer Gedenktafel für Gabriele an dem Ort, an dem er ermordet wurde, wurde von der Autobahn-Betreibergesellschaft abgelehnt. Man könne nicht für jedes Unfallopfer eine Gedenktafel anbringen. Es geht dabei nicht mal mehr um die Wahrheit, die mit aller Macht verschleiert wird. Es wäre lediglich eine Geste der Menschlichkeit gewesen, doch auch die wurde der Familie und den Freunden von Gabriele verweigert. Gabriele ist aber nicht „nur“ ein Opfer, erst recht nicht das eines Unfalls. Gabriele war ein ganz normaler Fan und dass er erschossen wurde war nur ein Zufall, denn gemeint waren wir alle. GABRIELE SANDRI – EINER VON UNS!

Als eine kleine Geste haben wir auf unserer Rückfahrt aus Rom an der Raststätte Badia al Pino Est eine kleine Metallplatte mit folgendem Text installiert und in einem würdevollen Moment Gabriele gedacht.

„Auf dieser Raststätte wurde am 11. November 2007 Gabriele Sandri von einem Polizisten ermordet. Gabriele wurde am 23. September 1981 geboren.
Ruhe in Frieden“

Diese Aktion soll unseren Wunsch ausdrücken, dass die Verantwortlichen zurück zur Menschlichkeit finden und ein würdevolles Andenken ermöglichen, manifestiert in einer angemessenen Gedenktafel. Der jetzige Zustand ist eine Schande.

„GABRIELE SANDRI VIVE!“

Commando Ultrà Curva Sud

Als kleinen Vorgeschmack auf das an Fanhistorie überreiche Rom und als Erinnerung an das was uns im heutigen Italien der Sicherheitsdekrete und Spezialgesetze leider nicht mehr erwarten wird, eine kleine Hommage an das historische Commando Ultrà Curva Sud 1977.

Eine Gruppe die eine riesige Kurve vereint hat und weltweit zur Legende für Passion und Ultras schlechthin wurde. Zum ersten mal betrat das CUCS am 9. Januar 1977 beim 3:0 Heimsieg gegen die Sampdoria die Bühne der Curva Sud. Über Jahrzehnte – mit Irrungen und Wirrungen, Spaltung in CUCS-GAM und Vecchio-CUCS sowie Wiedervereinigung – beherrschte seine riesige Zaunfahne sowie die berühmte Auswärtsfahne mit der Aufschrift „Ultrà Roma“ und dem Blitz das Bild der Römer Kurve. Zu Ende ging die glorreiche Ära nach fast 23 Jahren am Abend des 12. September 1999 als es beim ersten Heimspiel der Saison 1999/2000 gegen Inter zu einem Umsturz in Folge eines Generationswechsels und Rechtsrutsches innerhalb der Kurve kam.

Wie auch immer, das Commando Ultrà Curva Sud hat durch seine Farbenfreude, seinen folkloristischen Stil, seine dutzenden bemalten Trommeln, die zahlreichen Kurvenshows, die unzähligen Freaks in seinen Reihen und seine südländische Mentalität – eine wahre Mentalità Sudista – das traditionelle Bild der Ultras als der heißblütigsten Tifosi nicht nur nachhaltig geprägt, sondern mit definiert!

Ein historischer Spruch besagt: ~ La Sud è il cuore della Roma e il CUCS è il cuore della Sud ~

In diesem Sinne: Verbeugen wir uns vor einer Legende…

ONORE AL CUCS !

Amnesty informiert in Köln

Vor ein paar Monaten haben auch wir auf eine neue Kampagne der Menschenrechtsorganisation Amnesty International mit dem Namen „Mehr Verantwortung bei der Polizei“ hingewiesen.

Vor etwas mehr als einem Monat luden die Coloniacs, Ultras des 1. FC Köln, Vertreter von Amnesty ein, um über die Kampagne zu berichten. Wie der Abend verlief, könnt ihr hier nachlesen.

„Tifare Contro“ im Erscheinen

Das überaus lesenswerte altravita-Blog rührt die Werbetrommel, und zwar für das 2008 in Italien erschienene Buch „Tifare Contro“, welches jetzt auch in deutscher Sprache vorliegt. Übersetzt wurde das Werk von Kai Tippmann, der auch erwähntes Blog betreibt und uns damit immer wieder interessante Einblicke in die Geschehnisse rund um den italienischen Fußball gewährt.

Zum Buch: Der Autor Giovanni Francesio, selbst Kurvengänger und Ultra‘, erzählt die Geschichte der italienischen Ultras von 1968 bis 2007. Anhand einschneidender Ereignisse – meist Eskaltaionen der Gewalt – beleuchtet er die Entwicklung der Ultra‘-Bewegung von ihrem Ursprung im linksradikalen Straßenkampf bis zur Erschießung des Lazio Fan Gabriele Sandri durch den Polizisten Luigi Spaccoratella auf einer Autobahnraststätte. Dabei kommen auch selbstkritische Töne nicht zu kurz. Genaueres zum Inhalt erfahrt ihr hier.

Cover "Tifare Contro - eine Geschichte der italienischen Ultras"

Die Rechte an diesem Buch dürften übrigens nicht allzu billig gewesen sein und stellen somit für den Verlag - der auch das Blickfang Ultra' verlegt und bei dem auch schon "Anstoß in Baku" erschienen ist - ein großes finanzielles dar.Nur wenn diese Übersetzung finanziell kein Desaster wird, können wir darauf hoffen, dass mehr Literatur zu unserer Subkultur den Weg vom Stiefel über die Alpen findet. Trinkt nächsten Monat ein paar Bier weniger und holt Euch dieses Buch für schlappe 10 Euro. Es ist eine der wenigen Gelgenheiten einmal Lektüre aus dem Mutterland der Bewegung auf deutsch lesen zu können. Zögert deshalb nicht, das Buch ist eigentlich ein Pflichtkauf für jeden Ultra'. Eine bessere Darstellung der Geschichte der italienischen Ultras werdet ihr in deutscher Sprache nirgends finden.
Wer sich gerne vor dem Kauf noch ein genaueres Bild von Buch und Übersetzer machen möchte, sei ebenso wie alle anderen Interssierten auf diese Veranstaltung verwiesen:

Vorankündigung: Lesung/Diskussion „Tifare contro“ – Geschichte der Ultras in Italien

Wir präsentieren nach dem Heimspiel gegen Eintracht am Samstag, den 27. November eine Lesung mit Diskussionsrunde zu dem nun auf deutsch erschienenen Buch „Tifare Contro“. Das Buch handelt von der Geschichte der Ultras in Italien, von der Gründung der ersten Gruppierung bis zum Tod des Fans Gabriele Sandri, die Geschichte von 1968 bis 2007.
Ein unverblümtes Buch, worin ohne großes Drumherumreden die Geschichte der italienischen Kurven erzählt wird. Aus Sicht von jemandem, der die Kurve gelebt hat.
Merkt Euch den Termin vor! Rund um die nächsten Spiele erhaltet ihr dann weitere, detailliertere Infos rund um die Veranstaltung!

Wir freuen uns auf Eurer Kommen – Munichmaniacs 1996