Archiv der Kategorie 'Lesestoff'

Kaufen, Kaufen, Kaufen: Blickfang Ultra

Liebe Freunde der Sonne, heute preisen wir Euch in allerbester Kapitalistenmanier zwei hervorragende Druckerzeugnisse zum Kauf an. Beide stammen aus dem Hause Blickfang Ultra und sind bei uns in Wolfsburg (auf dem Parkplatz vorm Gästeblock) und gegen den HSV am Streetworkbus erhältlich.

Da wäre zum einen die Ende der letzten Saison erschienene Jubiläumsausgabe des Blickfang Ultra. Heft Nr. 20 enthält Spielberichte zu interessanten nationalen und internationalen Begegnungen, Hintergrundberichte aus den Kurven dieser Republik, ein crazy Interview mit den Ultras Düsseldorf, einen ausführlichen Beitrag zur amnesty international Kampagne gegen Polizeigewalt und vieles mehr.

Weitere Infos und Einblicke ins Heft findet Ihr hier

Um Euch den Kauf noch ein bisschen schmackhafter zu machen, hier eine kleine Leseprobe aus Ausgabe 20:

Auch wenn die Region ohnehin schon mehr mediale Aufmerksamkeit bekommt, als es den Menschen dort lieb sein wird, war – abgesehen von der Katastrophe in Japan – kein anderes Thema in den Medien so präsent wie die Revolutionen im Nahen Osten. Besonders intensiv war die Berichterstattung über Ägypten, dem stets eine Vorreiterrolle im Nahen Osten zugesprochen wird. Unter den Demonstranten auf dem Kairoer Tahrirplatz befanden sich auch viele Ultras der beiden größten Fußballvereine Ägyptens, al-Ahly und Zamalek. Leben die beiden Gruppen Ultras Ahlawy (Al-Ahly) und Ultras White Knights (Zamalek) den Antagonismus zwischen ihren beiden Vereinen gewöhnlich sehr intensiv aus, kämpften sie im Januar und Februar gemeinsam für Menschenrechte und Demokratie.

[…]
Die Rivalität zwischen den beiden Vereinen reicht zurück bis in die britische Kolonialzeit. Seither stehen sie sinnbildlich für die beiden gegensätzlichen Enden des sozialen und politischen Spektrums. Al-Ahly, dessen Name soviel wie „national“ bedeutet, wurde 1907 von Studentenvertretern gegründet. Der Klub diente ihnen neben dem Fußballsport als Treffpunkt um ihre Aktivitäten gegen die britischen Kolonialherren zu koordinieren, ergo war die Mitgliedschaft Ägyptern vorbehalten. Die antikoloniale Haltung wurde mit den roten Vereinsfarben zum Ausdruck gebracht, die sich an der ägyptischen Flagge aus präkolonialer Zeit orientierten. Al-Ahly galt somit als Vertreter der Interessen der einfachen Ägypter und der Nationalbewegung.

Vier Jahre später wurde Lokalrivale Zamalek unter dem Namen Qasr al-Nil (Nilpalast) von nicht-englischen Ausländern gegründet. Zwei Jahre darauf, wurde der Vereinsname in al-Mohtalet („das Gemisch“) geändert, was wohl mit den verschiedenen Nationalitäten seiner Mitglieder zusammenhing. Obwohl keine bestimmten Anforderungen für eine Mitgliedschaft gestellt wurden, haftete dem Verein schnell das Image des Klubs der Ausländer und Reichen an, das er bis heute nicht abschütteln konnte. Zamalek spielte in weißen Trikots, wobei sich ein Vergleich mit den Königlichen von Real Madrid durchaus anbietet. 18 Jahre nach der Unabhängigkeit von Großbritannien wurde der Verein nämlich zu Ehren des in weiten Bevölkerungsteilen verhassten Königs in Farouk, der Erste umbenannt. Seinen heutigen Namen erhielt der Klub, in Anlehnung an das Kairoer Viertel in dem beheimatet ist, nach dem Coup der freien Offiziere um Gamal Abdel Nasser 1952.
Weder Unabhängigkeit noch die Machtergreifung der freien Offiziere konnte etwas am Verhältnis zwischen Ahly und Zamalek ändern. Ahly repräsentierte weiterhin den einfachen Ägypter von der Straße, während Zamalek für die konservativen Royalisten und die bourgeoise Mittelklasse stand.

Inwiefern dieser Gegensatz heute noch wirklich zutrifft, ist zumindest leicht fraglich. Für den durchschnittlichen Ägypter ist in keinem der beiden Klubs eine Mitgliedschaft finanzierbar und angesichts der Tatsache, dass al-Ahly von sich selbst behauptet über 50 Millionen Fans im ganzen Land zu haben, würde es sehr verwundern, wenn diese nicht einen absoluten Querschnitt der Bevölkerung darstellen würde. Bei Zamalek behauptet man sogar die Verhältnisse hätten sich ins Gegenteil verkehrt und eigentlich sei al-Ahly heute der Verein des Establishments. Zamaleks Vorstandsmitglied Ibrahim Hassan meinte dazu voriges Jahr: „Zamalek ist die größte Partei des Landes. Wir sehen die Ungerechtigkeiten des Fußballverbandes und der Regierung gegen alles was früher einmal zum König gehörte. Der Verband und die Regierung sehen Zamalek als Feind. Zamalek repräsentiert die Leute, die ihren Unmut gegenüber dem System ausdrücken. Wir sehen al-Ahly als Repräsentanten der Korruption im ägyptischen Fußball.“ Gewisse Verbindungen zwischen al-Ahly und der Regierung bestehen schon lange. Um die Bedeutung des Fußballs für die Volksseele wissend, beorderte Präsident Nasser bereits in den 50er Jahren einen seiner Generäle ab, um Ahly eine professionellere Führung zu verpassen. Des weiteren hält sich bis heute hartnäckig das Gerücht, dass an Wochenenden vor der Bekanntgabe einer Erhöhung der Lebensmittel- oder Benzinpreise, die Regierung dafür Sorge trägt, dass al-Ahly den Platz als Sieger verlässt.
Die Rollenverteilung der beiden Klubs entlang des gängigen Klischees ist deshalb wohl wirklich nur noch bedingt zutreffend. Die Ultras White Knights betonen ebenfalls, dass der Unterschied zwischen dem Anhang beider Teams eher marginal sei, selbst wenn die Zamalek-Fans im Schnitt wohlhabender seien, wären im Endeffekt doch alle Ägypter, die sich mit den gleichen Problemen und dem gleichen politischen Regime konfrontiert sähen.

Auch wenn die trennenden Gräben zwischen den Fans beider Vereine in sozialer Hinsicht nicht mehr so tief verlaufen wie in der Vergangenheit, spaltet das Kairoer Derby weiterhin nicht nur die Stadt, sondern die ganze Nation in Rote und Weiße. Die Derbies werden stets in einem neutralen Stadion ausgetragen und da bei der Partie al-Ahly-Zamalek wohl kein Ägypter als gänzlich unbefangen gelten kann, verpflichtet man normalerweise europäische Schiedsrichter. Erst kürzlich wurde dem Österreicher Robert Schörgenhöfer die Ehre zu Teil. Da beide Teams die ägyptische Liga dominieren – al-Ahly konnte bisher 35, Zamalek elf Meistertitel erringen – haben die Derbies oft auch einen vorentscheidenden Charakter bezüglich der Meisterschaft.

Zwei kuriose Anekdoten, welche die Bedeutung des Derbies unterstreichen, kann der ehemalige Zamalek Stürmer Ayman Younis berichten. 1990 hatte jemand Younis neuen BMW aufs Dach gedreht, der Kreis der Verursacher konnte relativ schnell eingegrenzt werden. Sie hatten nämlich ihre Unterschrift auf dem Fahrzeug auf dem Fahrzeug hinterlassen: Ahly-Fans! Younis sollte nicht von weiteren Anfeindungen verschont bleiben. Nach seinen Aussagen wurde sein Haus einmal von 5000(!) Ahly-Fans belagert. Sie warfen Gegenstände und sangen Lieder gegen Younis und seine Familie[…]

von Philipp Natzke und Georg Maier

Wenn Euch der Ausschnitt Lust auf mehr gemacht hat, dann holt Euch eure Ausgabe bei uns für nur 3 Euro!

Das zweite Stück, dass wir Euch ans Herz legen wollen, ist der Saisonrückblick 2010/11. 46 Gruppen ziehen auf 276 Seiten ihr Fazit zur vergangenen Spielzeit.

Hier die ersten paar Absätze aus unserem Rückblick:

Die Saison 2010/2011

Die Saison 2010/2011 war für unsere Gruppe (wiedermal) ein Auf und Ab der Gefühle mit Höhen und Tiefen. Es liegt in der Natur der Sache, dass bei einer Vielzahl von erinnerungswürdigen Ereignissen bei Spielen oder anderen Begebenheiten jeder subjektiv anders gewichtet und manche Dinge mehr und andere weniger berichtenswert erachtet. Da ist es klar, dass eine Auswahl getroffen werden muss und die haben wir so gewählt, wie wir unsere Gruppe oder besser die Ereignisse der vergangenen Saison rund um unsere Gruppe sehen. Wir wollen mit unserer Auswahl den Fokus auf das Lenken, was unserer Meinung nach wichtig und damit erwähnenswert ist.

FÜNF JAHRE KURT LANDAUER TURNIER
Im Sommer 2010 fand zum nunmehr fünften Mal das antirassistische Einladungsturnier der Schickeria München um den Kurt Landauer-Pokal statt. Nicht ohne Stolz blicken wir auf die vergangenen Turniere zurück. Als wir im Laufe der Saison 2005/2006 erstmals die Idee zu unserem Kurt hatten, hätten wir nie gedacht, dass wir etwas Derartiges auf die Beine stellen können, zu dem sich unser Turnier inzwischen entwickelt hat. Das Kurt Landauer-Turnier ist jedes Jahr ein fester Termin in unserem Kalender und dem unserer Freunde und Weggefährten. Es ist nicht nur inhaltliche Auseinandersetzung mit fanpolitischen Themen, sondern auch Begegnung und unvergessliche Stunden im Kreis von Freunden. Als wir 2006 unser Turnier nach dem großen ehemaligen Präsidenten unseres Vereins benannten, war der Name Kurt Landauer nur wenigen ein Begriff. Die Vereinsführung hatte ihre Probleme im Umgang mit der Vergangenheit des eigenen Vereins, für viele begann die Geschichte des FC Bayern mit Beckenbauer, Müller und Hoeneß. Dabei ist die Geschichte unseres Vereins etwas, auf das man zu Recht stolz sein kann und aus der wir Anknüpfungspunkte für unsere Identität als Fans des FC Bayern ziehen. Der Umgang mit der Geschichte unseres Vereins hat sich in den letzten Jahren zum Positiven verändert, der Name Kurt Landauer wird zunehmend ein Begriff und bekommt langsam den Stellenwert, der ihm zusteht. Das können wir uns in großen Teilen auf unsere Fahne schreiben und hängt durchaus mit dem Kurt Landauer-Turnier zusammen.

2010 legten sich leichte Wolken über ein wiedermal schönes Turnier. Zu dieser Zeit gab es innerhalb der Gruppe große Spannungen, die letztendlich darin gipfelten, dass ein Teil der Gruppe sich abspaltete, bzw. das Inferno Bavaria seit Beginn der Saison eigenständig agiert. Ein Resultat dieser Spannungen war, dass wir beim Turnier mit einigen organisatorischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, da sich einige Mitglieder aus dem engsten Kreis nicht mehr beteiligten. Außerdem wurden diese Konflikte leider auch auf dem Kurt Landauer-Turnier ausgetragen, worunter die Atmosphäre litt. Letztendlich spiegelte das aber nur den damaligen Zustand der Gruppe wider.

AUSGESPERRT UM ZURÜCKZUKOMMEN
Nach einem Vorfall im Jahr 2009 auf dem Würzburger Hauptbahnhof auf unserem Weg zum Auswärtsspiel in Mainz erhielten Anfang 2010 über 80 Mitglieder unserer Gruppe und andere Bayernfans Stadionverbote. Zu Beginn der Saison 2010/2011 waren immer noch etwa 60 Betroffene ausgesperrt. Auch wenn sich im Umgang mit solch großen Wellen an Stadionverboten mittlerweile erschreckenderweise eine Art Routine eingespielt hat, leidet die Gruppe und die Kurve darunter natürlich jedes Mal erheblich. Was ein Stadionverbot für den einzelnen Betroffenen persönlich bedeutet, brauchen wir wohl keiner Szene erklären. Mitte der Hinrunde kam Bewegung in die Sache, da die Ermittlungsbehörden nach über einem Jahr immer noch keine Ergebnisse liefern konnten. Kurz vor dem Auswärtsspiel in Gladbach erreichten Schreiben vom DFB die Betroffenen, in denen die Stadionverbote bis zum Ende der Ermittlungen ausgesetzt wurden. Damit konnten in Gladbach etliche Ausgesperrte nach einem Dreivierteljahr vor den Toren wieder dahin zurück, wo sie hingehören. Eine Woche später beim Derby gegen Nürnberg wurden sie mit einer Aktion mit Doppelhaltern in der Kurve begrüßt: „AUSGESPERRT“ „UM ZURÜCK ZU KOMMEN“.

Voraussichtlich in dieser Sommerpause, also fast zwei Jahre nach dem Vorfall, werden übrigens einige Verfahren zu besagtem Vorfall laufen. Bisher haben 90 % der Betroffenen Einstellungen wegen fehlender Anhaltspunkte für eine Tatbeteiligung erhalten. Trotzdem waren sie ein Dreivierteljahr mit einem Stadionverbot belegt…

Nicht nur unser Rückblick sondern auch die Beiträge weiterer Ultragruppen (u.a. Ultras Nürnberg, Commando Cannstatt, Horda Azzuro Jena und Ultras Dynamo) sind äußerst lesenswert. Holt Euch das Heft bei uns für nur 5 Euro.

Nächste Woche bleibts hier dann sicher wieder werbefrei ;-)

Domenico Mungo: „Cani Sciolti“

Heute wollen wir schon mal ein wenig die Werbetrommel für ein noch dieses Jahr im Burkhardt&Partner Verlag erscheindendes Buch rühren. Mr. Altravita Kai Tippmann hat sich – nachdem er bereits Tifare Contro vom Italienischen ins Deutsche übertrug – an die Übersetzung einer von Domenico Mungo zusammengestellten Textsammlung aus der Welt der italienischen Ultras gemacht.

Domenico Mungo war selbst lange Zeit ein führender Kopf bei den Ultras der Fiorentina und hat sich maßgeblich an der Gründung der „Noi Non Tesserati“ beteiligt, die nun im Parterre der Curva Fiesole versuchen, den Geist der Vergangenheit weiter zu bewahren. Sein Buch gibt einen ungeschönten, authentischen Einblick in die italienischen Kurven der 80er und 90er Jahre.

Eine ausfühliche Rezension der italienischen Originalausgabe findet ihr hier.

Und als Vorgeschmack auf die deutsche Ausgabe, hier ein kleiner Auszug, der mit „Alkohol und Adrenalin“ überschrieben ist:

…Ultrà zu sein ist eine Haltung, von der du erst im Lauf der Zeit merkst, dass du sie hast… es ist eine ontologische Dimension, eine Art sich zu den anderen Komponenten dieser Scheißgesellschaft in Beziehung zu setzen, eine vielleicht unerklärbare Lebenshaltung…
Etwas, das du erst nach einer gewissen Zahl an Auswärtsfahrten verstehen kannst. Nachdem du dir auf der Gepäckablage des Zugs den Rücken verbeult hast, auf der du die ganze Nacht versucht hast, ein Auge zuzumachen. Nachdem du ein längst schon trockenes und geschmackfreies Brötchen mit 10 Leuten geteilt hast. Nachdem du eine ganze Woche geackert hast, nur um das zusammenzukratzen, was ein beschissenes Kurventicket kostet. Nachdem du dich stundenlang hinter den Sträuchern des Bahnhofs Caserta versteckt hast, um auf den vorbeikommenden Zug aufzuspringen, der dich in diese verfickte Feindstadt bringt, wo du genau weißt, dass sie dich fertigmachen wollen, weil du sie damals im Hinspiel bis in den Zug geprügelt hattest. Nachdem du bis um 4 Uhr morgens an einem Transpi gemalt hast, mit dem du den Gutmenschen und Wohlmeinenden das in die Fresse rotzt, was diese niemals wissen wollen. Nachdem du um 8 Uhr morgens am Hauptbahnhof deiner Heimatstadt angekommen bist, und nach Hause rennst für eine schnelle Dusche, weil du in ein paar Stunden eine wichtige Prüfung hast. Nachdem du keinen Cent mehr in den Taschen hast, weil das Geld für diesen Vielfraß von Anwalt aufzutreiben war, der die Verteidigung von deinem Kumpel übernimmt, der 15 Tage Knast und 3 Monate Hausarrest dafür bekommen hat, weil er schuldig ist, Ultrà zu sein. Nachdem du dich jedweder Würde beraubt gesehen hast, zusammengedrängt auf wenigen Quadratmetern gemeinsam mit weiteren 200 Personen und den Bullen, die deine Rebellion niederschlagen wollen mit dem stählernen Inneren von verkehrt herum gehaltenen Schlagstöcken, die dir nahelegen, auf den Knien zu bleiben. Nachdem du mit deinen Eltern gestritten hast, die in der Zeitung gelesen haben, du seist ein asozialer Rowdy, Kind einer gewalttätigen und kranken Gesellschaft. Nachdem du dein Mädchen verlassen hast, weil sie dir verboten hat, Auswärts zu fahren. Nachdem du im zweiten Studienjahr erst ganz wenige Prüfungen bestanden hast, weil in deinem Hirn immer noch die Eisenbahngleise poltern und das Krachen der Stöcke, die auf dem Helm irgendeines Polizisten zersplittern…
Ultrà sein heißt das Leben in Freiheit zu leben, und im Bewusstsein, dass irgendjemand dir völlig zufällig diese Freiheit nehmen kann, genau wenn du es am wenigsten erwartest…
Ultrà sein heißt, dies sowohl in der Kurve wie auch an der Uni zu sein, in der Kneipe wie in Bahnhöfen, in Buchhandlungen wie auf dem Stadionvorplatz von Bergamo, in Bibliotheken genauso wie vor einem Polizisten, der ein Mussolini-Tuch um den Hals geschlungen trägt, in den linken Sozialzentren wie auf dem Weg vom Bahnhof in den Auswärtsblock…
Ultrà sein heißt, seinen eigenen Widerstand 365 Tage im Jahr über 360 Grad zu leben, zu erlauben, dass sich das Adrenalin mit Alkohol mischt und eine Mixtur der gesunden Rebellion schafft…

Quelle

Alte GDS-Ausgaben

Servus Bayernfans,
da wir das GEGEN DEN STROM zukünftig auch per Postversand vertreiben werden, haben wir uns entschieden auch ältere Ausgaben, die noch nicht ausverkauft sind, zu verschicken. Zu haben sind noch folgende Ausgaben:

GDS 2-05/06

Die festen Rubriken aus den vergangenen Nummern waren auch Bestandteil der Ausgabe GDS 2-05/06. Als Symbolik unserer Gruppe wurde „A Clockwork Orange“ vorgestellt, „München leuchtet“ beschäftigte sich mit dem heraufziehenden Unheil des Nationalsozialismus und der Kontrapunkt wurde von der zunehmenden Repression bestimmt. Das erste halbe Jahr im neuen Stadion am Stadtrand war von Verboten und zunehmendem Ärger mit der Polizei und nicht nur dadurch bedingt einer Stagnation der Entwicklung unserer Gruppe und auch der ganzen Kurve geprägt. Beide Themen zogen sich wie ein roter Faden durch diese Ausgabe. Die sehr ausführliche Vorstellung des Films „La Haine“ mit Bezug zu den Unruhen in den französischen Vorstädten trug dem Thema ebenfalls Rechnung. Ein weiterer Schwerpunkt war das Thema Rassismus, unter anderem wurde anhand der Geschichte des „Judenclubs“ FC Bayern unsere Verantwortung sich gegen dieses Unheil zu engagieren verdeutlicht.

GDS 1-06/07

Das GDS 1-06/07 kam mit einem halben Jahr Verspätung, ein Jahr nach der letzten Ausgabe, heraus und umfasste daher die Spielberichte der Rückrunde 05/06 und der Hinrunde 06/07. Der Grund dafür war folgender: Auch die Redaktion des GDS war von den Stadionverboten aus Duisburg betroffen und entsprechend erstens erstmal mit anderen Dingen beschäftigt und zweitens auch bezüglich der Motivation am GDS zu arbeiten kurze Zeit etwas aus der Bahn geworfen. Das spiegelte sich in allen Aktivitäten der Gruppe wider. Während die Solidarität untereinander erfreulicherweise groß war und die Gruppe enger zusammen wuchs, wurde das Alltagsgeschäft verständlicherweise etwas schleifen gelassen. Letztendlich war und ist es aber genau Sinn und Zweck der Repression uns zu isolieren und von dem wegzubringen, was wir sind. Entsprechend war es auch ein Stück weit Antirepressions-Arbeit sich auch wieder auf die normalen Tätigkeiten zu besinnen und z.B. auch wieder beim Projekt „Gegen den Strom“ anzugreifen. Außer Spielberichten gab es im GDS noch ausführliche Berichte von unserem ersten Kurt-Landauer-Turnier und der Spielverderber-Demo zur WM 2006. Unsere Freunde von Ultrà Sankt Pauli standen uns Rede und Antwort und der Film „Sophie Scholl“ und die Münchner Widerstandsgruppe Weiße Rose wurden passend zum Thema Nazi-Zeit in der Rubrik „München leuchtet“ vorgestellt.

GDS 1-07/08

In der Rückrunde 06/07 kam es bekanntermaßen zum Zwischenfall von Würzburg, die Gruppe war im Schockzustand und alle Aktivitäten lagen auf Eis. Logischerweise war davon auch das GDS betroffen und die nächste Ausgabe erschien erst in der Winterpause 07/08. Wieder umfasste die Ausgabe 1-07/08 daher zwei Halbserien. Schwerpunkt war diesmal die Entwicklung unserer Südkurve und damit auch der Neuanfang, der mit einem neuen Miteinander unsere Kurve wieder voran brachte. Daneben gab es noch einige Berichte über alle möglichen Aktivitäten wie die Mondiali, die Neuauflage unseres Kurts, das Antira in Hamburg, die dritte Auflage unseres Ultrà in Concert und ein Interview mit dem Filmstadtinferno Babelsberg. Weiterer Schwerpunkt waren die Jahreshauptversammlung des FC Bayern mit dem bekannten Ausraster von Uli Hoeneß und dessen Nachbetrachtung in den Medien.

GDS Nr. 7 (08/09)

Mit der nächsten Ausgabe wurde das Nummerierungssystem des GDS geändert, vor die Saison wurde ab jetzt die laufende Nummer gestellt, hier die Nr. 7 veröffentlicht in der Saison 08/09. Diese Ausgabe war voll mit Spielberichten der Rückrunde 07/08 und einigen Berichten zu allen möglichen Aktivitäten unserer Gruppe. Passend zum Erfolg der gemeinsamen Südkurve wurde in der Reihe Symbolik die „72“ als Jahr der Eröffnung des Olympiastadions und damit unserer Südkurve erläutert. Mit der Geschichte der Rothosen wurde wieder ein Thema aus der erfolgreichen Historie unseres FC Bayern aufgegriffen und in einem Artikel eingehend auf die Situation der Ultras in Italien, dem Ursprung unserer Bewegung, eingegangen. Weiterer Schwerpunkt war eine Vorstellung der Jugendkultur „Mods“ und die Verwendung ihrer Symbole in den Kurven.

GDS Nr. 8 (08/09)

„Gegen den Strom“ Nr. 8 wurde in der Winterpause der Saison 08/09 veröffentlicht und war wieder prall gefüllt mit verschiedensten Themen, unter anderem wieder diversen Berichten der vielseitigen Aktivitäten unserer Gruppe, dem ersten Teil eines ausführlichen und grundlegenden Manifestes unserer Gruppe gegen den Modernen Fußball, einem Interview mit der Horda Azzuro Jena und einem Text über Cosmic inklusive einer beigelegten CD zum Reinhören. Die relativ neue Rubrik „Blick über den Tellerrand“ wurde mit einem Text über die Verbindung der Hafenstraße in Hamburg zur Fanszene des FC Sankt Pauli fortgesetzt und auch „München leuchtet“ fand nach einer Pause wieder Fortsetzung. In unserer Südkurve stagnierte in dieser Zeit leider die Entwicklung.

GDS Nr. 9 (09/10)

Diese Stagnation konnte auch in der Rückrunde nicht durchbrochen werden. Das GDS Nr. 9 kam dann pünktlich zu Beginn der Saison 09/10 heraus und befasste sich diesmal mit allen möglichen fanpolitischen Themen. So wurde das Manifest der Schickeria gegen den modernen Fußball fortgesetzt, sowie sich mit Datensammlungen, Erhalt von Stehplätzen, der Antirepressions-Arbeit unserer Gruppe und antirassistischen Turnieren in Lüttich und München beschäftigt und außerdem ausführlich über die Meisterschaft 1932 berichtet. „München leuchtet“ beschäftigte sich diesmal mit dem Münchner Original Karl Valentin, der „Blick über den Tellerrand“ mit dem Stadionneubau in Jena und der Kultur-Teil mit dem Krieg der Knöpfe.

Schreibt uns einfach eine Mail an info@schickeria-muenchen.org und gebt an, wieviele Exemplare Ihr von welcher Ausgabe haben wollt. Alle weiteren Infos bekommt Ihr dann per Mail.

Das GEGEN DEN STROM ist von uns für Bayernfans gemacht. Da wir selber aber auch gerne über den Tellerrand schauen und dafür Fanzines anderer Gruppen lesen, werden wir auch Hefte an Fans anderer Vereine verschicken. Wir behalten uns aber vor, Anfragen nicht zu berücksichtigen.

Von der aktuellen Ausgabe Nr. 10 sind nur noch wenige Exemplare über, die es ausschließlich am Streetworkbus zu kaufen gibt. Anfragen dazu sind zwecklos.

LESEN BILDET!

Nick Hornby: Fever Pitch

Vielleicht das Fußballbuch schlechthin und ein absolutes Must-read.

Die verrückte Geschichte einer lebenslangen Liebe. Ein Fußballfan und sein Verein. „Fever Pitch“ ist DAS Buch für jeden Fußballfan.

Mit Wortwitz und gewohnter Sprachbrillanz geht Nick Hornby insbesondere auf Rituale ein, die jedem bekannt sind, der den Virus Fußball in sich trägt. Wer je im Fanblock seines Vereins gestanden hat, erkennt sich nicht nur wieder, sondern meint, das Buch sei nur für ihn allein geschrieben. Jeder der fußballverrückt ist, vergisst Geburtstage, den Hochzeitstag, den Verlobungstag etc, aber nie den Tag des ersten Stadionbesuchs, die Torschützen, die Zuschauerzahl, das Wetter. Jedes, für Aussenstehende unwichtige Detail, brennt sich in das Gedächtnis ein. Man kann so etwas nicht beschreiben, man muss so etwas erleben, um mitreden zu können. Hornby erzählt seine Geschichte. Anfangs verfolgt er mit jugendlichen Eifer, Unbedingtheit und Fanatismus die Spiele seines Clubs. Er bedeutet ihm alles, wirklich alles. Mit den Jahren wird er ruhiger, das Absolute und Fanatische weicht einer distanzierteren und mit dem Alter ausgeglicheneren Betrachtung, aber die Liebe bleibt. Dabei schwankt er zwischen einem melancholischen Rückblick auf die alte Zeit, als er jedes Wochenende durch das Land reiste, und der doch zufriedenen Gewissheit, sich irgendwie weiter entwickelt zu haben.

Da es sich um eine Geschichte handelt, die sich über mehr als 30 Jahre erstreckt, ist diese Erzählung auch ein Rückblick auf den Fußball wie er einmal war, als der Weg ins Stadion noch etwas bedeutete. In den heutigen modernen Fußballhallen ist das Spiel zur klinisch sauberen Angelegenheit geworden, die jede Atmosphäre zerstört. Dabei war Fußball immer mehr als das Spiel auf dem Rasen. Erst wenn keine Fans mehr im Stadion sein werden, wird man merken, dass Publikum keine Fans sind. Von daher ist diese Geschichte auch ein melancholischer Rückblick auf ein Spiel mit einer Lebensphilosophie, wie sie so nicht mehr zu finden ist.

„Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden…“

Jonas Gabler: Die Ultras

In dieser Kategorie wollen wir nochmal ein wenig die Werbetrommel für die Bücher rühren, die wir Euch schon kurz vor Weihnachten ans Herz gelegt haben.

Den Anfang machen wir mit Jonas Gablers „Die Ultras – Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland“.

Mit den Ultras hat sich im Fußball eine neue Fankultur etabliert. Auch in den Medien taucht sie vermehrt auf. Meist jedoch mit Negativschlagzeilen über Gewalt oder andere Regelverstöße. Jonas Gabler zeichnet ein anderes Bild dieser Bewegung. Er erläutert ihre typischen Merkmale: Die neue Form, das jeweilige Team zu unterstützen; das intensive Gruppenleben; die besonderen Regeln und Kodizes; das Engagement gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs. Gabler zeigt auch die positive Wirkung der Ultras in Deutschland beim Zurückdrängen rechtsextremistischer und rassistischer Handlungen in den Stadien. In Bezug auf Gewalt ist sein Urteil dagegen nicht so eindeutig. Er belegt das ambivalente Verhältnis der Ultras zu Gewaltanwendung und zeigt, dass sich dieses Problem zunehmend verschärft hat. Doch ist durch die Gegenmaßnahmen der Vereine, der Verbände und der Polizei Besserung zu erwarten? So nimmt er Bezug auf ein weiteres Merkmal der Ultrabewegung: ihr organisierter Protest gegen Repression.

(http://www.papyrossa.de/sites_buchtitel/gabler_ultras.htm)

Jonas Gabler wurde durch die Veröffentlichung des Buches zum gefragten Experten was das Thema Fans angeht. Exemplarisch verweisen hier auf seine Interviews in der taz und im Kölner Stadtanzeiger
taz
ksta

Auch den Machern des überregionalen Fanzines Blickfang Ultra’stand Gabler für ein Gespräch über sein Buch zur Verfügung:


    „Du, ich glaub wir müssen mal reden…“

(Arne Lorenz & Mirko Otto)

Spätestens nach der Demonstration in Berlin war der Wunsch nach Diskussionen um das allseits bekannte Gewalt-Thema in (fast) aller Munde. Ob das jetzt in aller Öffentlichkeit notwendig ist, oder nicht besser jede Gruppe einzeln für sich ausmacht, darüber scheiden sich die Geister. Trotzdem wollten auch wir vom BFU die Diskussion etwas ankurbeln, d.h. einen kleinen Meinungsaustausch mit Vertretern verschiedener deutscher Gruppen ins Leben rufen. Dies ist jedoch aufwändiger als gedacht und bedarf noch ein bisschen Zeit, so dass wir euch vorerst auf die nächsten Ausgaben vertrösten müssen. Trotzdem bleiben wir hinsichtlich der Problematik am Ball und präsentieren heute zwei nicht minder spannende Texte. Den Anfang macht Jonas Gabler, seines Zeichens Politikwissenschaftler und Autor des im September 2010 erschienen Buches:“DIE ULTRAS – Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland.“

Och nö, nicht schon wieder ein Außenstehender der mit seinem theoretischen Weisheiten prahlt und meint selbige mit Löffeln gefressen zu haben. Doch ich kann euch beruhigen. Der Fall hier ist eindeutig anders gelagert. Jonas hat mit seinem Buch durchaus ein Standardwerk geschaffen. Nicht unbedingt für uns, denn der Inhalt des Buches stellt zum größten Teil keine oder nur wenig Neuigkeiten für Ultras bereit, aber trotzdem fundiert und ohne Sensationsgier. Und viel wichtiger noch: Es wird ein Gegenpol zu sonstigen Artikeln, wissenschaftlichen Ausführungen oder gar Büchern, die vor allem durch grobe inhaltliche Fehler auffallen geschaffen, den vielleicht auch mal Teile der normalen Gesellschaft wahrnehmen. Jonas war so freundlich, uns einen Gastartikel für die aktuelle Ausgabe zu verfassen, der sich damit beschäftigt, warum es (aus seiner Sicht) zur Gewalt beim Fußball kommt und auch seine ganz persönliche Sicht der Dinge wiedergibt. Bevor wir euch jedoch auf den Artikel loslassen noch ein kleines Interview mit dem Autoren über sein vielbeachtetes Machwerk.

BFU: Hallo Jonas. Bei jemanden, der ein Buch über Ultras schreibt, stellt sich natürlich gleich die Frage, wie du mit der Ultrabewegung in Berührung gekommen bist.
Jonas: Den ersten Kontakt zur Ultrakultur hatte ich 2004, als ich für 6 Monate nach Mailand zum Studieren ging. Die Leidenschaft aber auch die Orginalität und Kreativität des Supports fiel mir dort stärker auf als in Deutschland. Das erweckte aber zunächst vor allem das Interesse an der im Stadion sichtbaren Fankultur, also dem Support. Neben diesem persönlichen Interesse beschäftigte mich als Politikwissenschaftler und als politisch denkender Mensch aber von Anfang an auch der Umgang der Ultras mit Politik. Gerade die Unterschiede in der Haltung zu Rassismus und Faschismus zwischen der deutschen und der italienischen, aber auch innerhalb der jeweiligen Szenen haben mich interessiert. Schließlich machte ich 2007 ein Praktikum beim „Progetto Ultrà“ in Bologna, das unter anderem die „Mondiali Antirazzisti“ organisiert, das aber vor allem über ein riesiges Archiv zur Ultra-Kultur in Italien und ganz Europa verfügt. Darin habe ich wochenlang täglich gestöbert. Damals entstand auch die Idee meine Diplomarbeit über das Thema Rechtsextremismus und Fankultur zu schreiben. Damals schwirrte auch schon der Gedanke in meinem Kopf herum, ein Buch über Ultras zu schreiben. Zwar gehe ich seit meiner ersten Rückkehr aus Italien, also seit 2005, regelmäßig ins Stadion und verstehe mich als Fan. Das Interesse an den Ultras blieb aber immer das eines Außenstehenden. So hatte ich bis vor kurzem kaum Kontakte zur Ultraszene.

BFU: Wie Lief die Entstehung des Buches dann ab?

Jonas: Die Idee zum Buch „Die Ultras“ wurde dann konkret 2008 wieder aufgegriffen. Die angesprochene Diplomarbeit hatte ich unter anderem dem PapyRossa-Verlag geschickt, der sie als Hochschulschrift veröffentlichen wollte, aber eigentlich die Idee noch faszinierender fand, ein Buch herauszubringen, das Außenstehenden erläutert, wer und was „die Ultras“ sind. Da ich aber nebenher auch Geld verdienen musste, arbeitete ich erst ab Ende 2009 intensiv an dem Buch. euer Magazin spielte bei der Recherchearbeit eine zentrale Rolle. Ich verstehe Fanzines als hervorragende Quellen, wenn man etwas über eine Jugend- oder Subkultur erfahren möchte. Ein möglichst authentisches Bild sollte entstehen, indem ich vor allem auf szeneinterne Publikationen zurückgriff. Ursprünglich hatte ich vor, die Ergebnisse dieser ersten Recherche dann mit Ultras zu diskutieren. Dazu fehlte mir aber am Ende die Zeit. Ich hole das dafür jetzt nach, wenn ich Lesungen oder Veranstaltungen mit Ultras durchführe.

BFU: Woher rührte dann letztlich die Motivation für das Buch?
Jonas: Ich hab die Motivation ja schon kurz vorher angesprochen. Mir ging es darum, in allgemein verständlicher Sprache und ohne zu wissenschaftlich zu klingen, ein möglichst umfassendes und authentisches Bild der Ultras zu zeichnen. Dahinter stand auch die Überzeugung, dass Ultras das mit Abstand interessanteste Phänomen seit dem Bestehen der Fankultur in Deutschland sind. Es ging also auch darum, mit Vorurteilen wie „Ultras = rechts“ oder „Ultras = Hooligans“ aufzuräumen, aber auch Hintergründe zu zeigen, denen sich die Mehrheit der Öffentlichkeit schlichtweg nicht bewusst ist: die komplexe Organisation und Kooperation innerhalb von Ultra-Gruppen, das soziale Engagement, die differenzierte Haltung zur Politik. Meine Hoffnung war, dass am Ende ein Buch steht, von dem die Ultras sagen:“Ja ungefähr so sieht es im Moment in der Szene aus!“ Und die Außenstehenden sollen so einen Einblick erhalten, den sie in den üblichen Medien kaum bekommen. Im Buch nehme ich ja auch immer wieder Bezug auf Italien. Die dortige Entwicklung – wo auf Seiten der Ultras und des Staates viele Fehler gemacht wurden – dient immer wieder als abschreckendes Beispiel.
Also ging es mir auch darum, vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können, dass kreative Fankultur in Deutschland erhalten bleibt. Weil Ultras, Verbände, Vereine, Politik und Polizei hierzulande hoffentlich aus den Fehlern, die in Italien gemacht wurden, lernen können.

BFU: Welche siehst du als deine wichtigste/die drei wichtigsten Aussagen an?

Jonas: Die wichtigste – aber für Leser und Macher dieses Heftes wohl kaum neue – Aussage ist:
1. Ultras sind mehr als „Gewalt, Pyrotechnik und Choreos“, also das, was man in den Massenmedien üblicherweise über sie erfährt und was folglich das Bild der Ultras in der Öffentlichkeit prägt. Ultragruppen sind aber ein komplexes soziales Phänomen – viel komplexer als Kutten-Fanclubs oder Hool-Firms aus vergangenen Jahrzehnten.
2. Das oberflächliche Bilde der Ultras in der Öffentlichkeit hat zur Folge, dass die Mehrheit der Menschen das harte Vorgehen der Polizei und harte Strafen gegen Ultras als gerechtfertigt ansieht. Verstärkt wird dieses Bestreben durch die große (mediale) Aufmerksamkeit, die dem Fußball zu Teil wird: Gewalt und Aggression beim Fußball wird mehr Beachtung geschenkt als bspw. Schlägereien in Diskotheken. Dies spiegelt sich in dem Umgang der Vereine, Verbände und vor allem der Polizei mit den Ultras wider.
3. Durch eine verbesserte Kommunikation über die Hintergründe und die vielfältigen Aktivitäten ihrer jeweiligen Gruppen – insbesondere auf lokaler Ebene, aber auch im Sinne solcher Aktionen wie der Fandemo – könnten die Ultras dazu beitragen, ihr überwiegend negatives Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Ein wesentlicher Beitrag ist dabei in meinen Augen auch die Fortsetzung der Selbstreflexion – aber das habe ich ja in meinem Beitrag zur Diskussion in diesem Heft dargelegt und muss hier nicht wiederholt werden.

BFU: Du hast das Buch als Außenstehender geschrieben. Wie war bislang das Feedback aus der Szene?
Jonas: Das Feedback aus der Ultra-Szene war bisher praktisch ausschließlich positiv. Fast alle meinen, dass ein recht realistisches Bild der Szene gezeichnet wird. Natürlich weisen sie aber auch auf kleine Fehler und Mängel hin, für einen Außenstehenden scheint die Arbeit aber ganz ordentlich zu sein. Wobei natürlich für Leute, die schon länger dabei sind, nur wenig Neues dabei sein dürfte. Das ist jetzt natürlich schlechte Werbung. Deswegen schiebe ich gleich hinterher: Kauft das Buch trotzdem, lest es durch, schickt mir eure Kommentare und verschenkt es dann an Leute, die nie verstanden haben, warum ihr Ultras geworden seid….

BFU: Wie geht es nun weiter?

Jonas: Im Moment gibt es immer wieder mal Lesungen oder viel mehr Diskussionsveranstaltungen bei und mit Ultras. Ab und zu bekomme ich auch Gelegenheit, einen Artikel für eine Zeitung zu schreiben. Ich will mich aufjeden Fall weiter mit dem Thema beschäftigen oder dazu forschen, um es universitär auszudrücken.Wie und in welcher Form, wird sich in den nächsten Monaten klären. Vielleicht sogar mit einer Doktorarbeit. Das hängt aber letztlich auch davon ab, inwiefern sich meine Forschungsobjekte (Ultras) dafür zur Verfügung stellen ;-)

Na dann schauen wir mal, was dabei rauskommt. Auf alle Fälle Danke fürs Gespräch.

erschienen in Blickfang Ultra Nr. 19, S. 86-88.

Wenn Euch die Interviews hoffentlich auf den Geschmack gebracht haben, braucht Ihr gar nicht lange das Internet bemühen, sondern könnt das Buch ganz unkompliziert bei uns am Streetworkbus erwerben.

Weitere Büchertipps gibt’s auf unserer Homepage.