Archiv der Kategorie 'Presse'

Eine Schublade für jeden von uns

Nachdem mehrere Verwaltungsgerichte die allseits bekannte und unbeliebte Datei „Gewalttäter Sport“ für rechtswidrig erklärt hatten, schaffte der Bundesrat vor kurzem eine rechtliche Basis für diese und andere Dateien.
Welche Folgen diese neue Rechtsgrundlage für uns und alle anderen Bürger haben kann, erklärt in verständlichen Worten der Rechtsanwalt Udo Vetter auf seinem empfehlenswerten Blog lawblog.de.

Hertha

Auch wenn wir diesen Blog eigentlich weniger dazu nutzen wollten, um aktuelle Ereignisse zu kommentieren, möchten wir hier doch kurz auf einen Kommentar der Magedurger Nachrichten verweisen. Einer der wenigen Beiträge seitens der Medien, der die Vorkommnisse nach dem Spiel der Berliner gegen den Glubb differenziert betrachtet.

Schon wieder Randale im deutschen Fußball. Tatort: Berlin, Olympiastadion. Die Bilder als gestern Hertha-Anhänger nach dem Schlusspfiff in der Partie gegen den 1. FC Nürnberg den Innenraum stürmten, gingen längst durch die Medien. Begriffe wie „Chaoten“, „Idioten“ oder „Krawallmacher“ geistern seither durch die Medien. Doch was ist gestern eigentlich passiert? Bei näherer Betrachtung nicht viel. Zwar wurden die Trainerbank und einige Stühle demoliert, aber sonst? Keine Person ist ernsthaft zu Schaden gekommen.

In den Medien wird hauptsächlich nur über die Spieler berichtet. Verlieren diese, hört man jedes Wochenende die gleichen Aussagen in den Interviews. Steigt der Verein ab, verlassen die Spieler diesen. Was am Ende bleibt, sind die Fans. Natürlich gibt es darunter genug Chaoten, dies kann man nicht leugnen.Doch haben nicht auch die Fans, das Recht ihre Meinung zu äußern? Natürlich ist Gewalt der falsche Weg. Doch wollten die Hertha-Fans gestern wirklich auf die Spieler los?Keiner kann dies zu 100 Prozent behaupten oder gar bestätigen. Dass der Nürnberger Keeper Schäfer nach dem Siegtreffer, statt mit der eigenen Mannschaft zu feiern obszöne Gesten in Richtung Hertha-Block machte wird wohl unbestraft bleiben. Hat ein gestandener Bundesliga-Spieler es wirklich nötig, Fans, die die Saison über genug gelitten haben zu provozieren?

Dass diese Fans Kosten und Urlaubstage auf sich nehmen um ihre Vereine zu begleiten, scheint egal geworden zu sein. Für eine 0:4 Klatsche in Lissabon, 300 Euro auszugeben und zwei Urlaubstage zu opfern, davon liest man nirgends.

Für die „Ausschreitungen“, wird es nun wieder Stadionverbote hageln. Der Fußball verkommt immer mehr zum Event. Die Stimmung in den Stadien wird meist nur noch von den Ultras getragen, diese werden aber mehr und mehr ausgesperrt. Von Seiten des DFB wurden zuletzt Pfiffe gegen die DFB-Elf schärfstens kritisiert. Mit dieser Aussage wird ganz deutlich gezeigt: Eintritt bezahlen – Platz nehmen – nach 90. Minuten applaudieren – wieder gehen. Emotionen zeigen verboten. Wo ist nur der Sport geblieben?

http://www.magdeburger-nachrichten.de/archives/6242/nachwort-zu-den-ausschreitungen-in-berlin/

Drei Bankrotterklärungen zum Preis von einer

Ende dieser Woche steht ja mal wieder die Jahreshauptversammlung des FC Bayern an. Auch wenn wir kein Öl in ohnehin längst gelöschte Feuer gießen wollen, möchten wir hier nochmal kurz an die JHV von vor 2 Jahren und vor allem ihre sportjournalistische Aufbereitung durch den Bayerischen Rundfunk erinnern. Der Text stammt aus dem Blog allesaussersport.de

Seit knapp einer Woche erfreut sich der Konflikt des FC Bayerns mit einem Teil seiner Fans dank einer “Wutrede” von Uli Hoeneß landesweiter Bekanntheit. Nun kennt man den Uli Hoeneß und weiß dass er solche Wutausbrüche manchmal aus Kalkül und manchmal aus dem Affekt heraus macht. Ich kann mich durchaus für die “Affekt-Theorie” erwärmen und Hoeneß hat sich auch für die Tonwahl entschuldigt. Man hätte also die Geschichte ad acta legen können. Bis gestern abend.
Nach Wochenendspaziergängen durch die verschneite Landschaft des Tegernsees, in ein Fernsehstudio eingeladen, fährt Uli Hoeneß wieder schwerstes rhetorisches Geschütz konkret gegen die Fangruppen “Club 12″ und “Schickeria” auf.
Zu hören war das Interview von Uli Hoeneß in der Sendung “Blickpunkt Sport” des Bayrischen Rundfunks, seit heute als MP3 auf den Seiten des BRs (Teil 1 zu den Fans, Teil 2 zu Hitzfeld und Bayern-Spieler).
Wenn die Rhetorik die Uli Hoeneß gestern an den Tag legte, wirklich das wiederspiegelt was er denkt, dann Gute Nacht. Es wurde gar nicht erst um Differenzierungen bemüht, sondern die beiden Gruppen an die Wand genagelt und je nachdem wie es gerade der Argumentation diente, zu absoluten Minoritäten deklariert (einige hundert Mitglieder) oder zu gewaltätige Untergrundorganisationen kurz vor der Übernahme der Weltherrschaft. Die beiden Fangruppen wollen “die Macht” oder “die Kontrolle” in der Südkurve. Auch wenn Hoeneß im Tonfall ruhig bleibt, vergaloppiert sich mitunter das Vokabular, das zuerst die beiden Gruppen für den Überfall auf den Nürnberger Bus “mitverantwortlich” und später für die Randale an einer Tankstelle in Duisburg “hauptverantwortlich” macht. Schließlich reicht schon die Vernetzung im Internet aus, um subversive Aktionen zu unterstellen, die in “italienische Verhältnisse” münden könnte.
Details wer wie was wann für Vorschläge wen gegenüber macht, sind nicht relevant, denn für Uli Hoeneß reicht der grobe Pinselstrich aus, um beide Gruppen in Gesamtheit an die Wand zu nageln. Inhaltliche Auseinandersetzungen scheinen, folgt man dem an den Tag gelegten Hoeneß’schen Duktus, nicht mehr gewünscht. Hoeneß’ Bemerkung über die Aktivitäten der Fangruppen im internet, lassen erahnen, dass auch Hoeneß inzwischen nicht greifen kann, was da vor sich geht. Klassischer Generationskonflikt.
Dafür das Uli Hoeneß vermutlich mehrere Tage Zeit hatte, sich auf das TV-Gespräch vorzubereiten, überraschend massiv. Und erstaunlich unprofessionell, wenn man davon ausgeht, dass das Internet kein unwesentlicher Bestandteil im Leben vieler Menschen der Zielgruppe Bayern Münchens einnimmt.
Die eigentliche Bankrotterklärung ist vermutlich die, dass Uli Hoeneß immer noch derjenige aus der Führungsetage des FCB ist, dem die meiste Empathie für die Fans zugetraut wird.

Mal wieder “Sportjournalismus” in Anführungszeichen
Es ist das eine, wenn man sagt: “Hoeneß, du kennt einen Teil der Fans nicht mehr”. Das ist letztendlich ein Ding was Fans, FCB und Hoeneß miteinander abzukaspern haben.
Das größere Problem waren die Rahmenbedingungen des gestrigen Interviews, die im Grunde genommen nicht den Anforderungen von Journalismus genügten und noch weniger den Standards, die man an eine Öffentlich-Rechtliche Anstalt anlegen muss.
Kommen wir zuerst zum Bayrischen Rundfunk. Spätestens als der rhetorische Feinmechaniker Uli Hoeneß sich gegen die inkriminierten Fangruppen in Bewegung setzte, wurde es offensichtlich, was für eine fahrlässige Entscheidung es war, keinen Gegenredner eingeladen zu haben. Es gab unzählige Vorwürfe und Tatsachenbehauptungen, bei denen hätte eigentlich das Gespräch zum Nachfassen und Gegenfragen gestoppt werden müssen.
Isabella Müller-Reinhardt wollte und konnte dieses nicht leisten. Wenn im Rahmen eines Konfliktes eine Partei über knapp fünfzehn Minuten Stellungen zu diesem Konflikt nehmen kann, wäre es redlich auch die andere Seite einzubringen. So artete aber das Interview in einer willfährigen Propagandasendung aus. Hoeneß wusste das er im Studio ein Heimspiel hat: “Das ist gut dass ich heute mal die Möglichkeit habe, das mal genau zu erklären“. So eine Bemerkung ist ein Armutszeugnis für die BR-Redaktion.
Isabella Müller-Reinhardt, und damit die dritte Bankrotterklärung, war am gestrigen Abend das fleischgewordene Elend des deutschen TV-Sportjournalisten. Sie begann als Stichwortgeberin, reduzierte ihre Präsenz dann auf devote Begleitgeräusche um dann abschließend Uli Hoeneß zu sekundieren und seine Argumentation zu wiederholen. Dieses Interview von Isabella Müller-Reinhardt ist auf vielen Ebenen fassungslos. Es sind die “Fragen” die sie gestellt hat, die Fragen die sie nicht gestellt hat, die Zustimmung die sie Hoeneß im Interview mehrmals gibt und schließlich die komplette Übernahme der Hoeneß’schen Meinung.
Uli Hoeneß pflegte immer wieder im Superlativen zu argumentieren, wo ein Moderator hätte Einhalt gebieten müssen um nochmal bezüglich Differenzierungen nachzufragen. Die “ganze” Südkurve? Die wollen die Kontrolle? Wollen die das wirklich oder ist das ein Spruch von Hoeneß? Keine Antwort im BR, kein Nachhaken von Müller-Reinhardt.
Hoeneß: “Wir haben zwei Gruppierungen im Club […] die unheimlich viel Druck im Club ausüben, seit vielen Jahren und speziell seit den letzten Monat verstärkt. Sie wollen mehr Macht haben, wollen mehr Einfluß haben, sie unterdrücken auch teilweise andere Fanclubs”.
Müller-Reinhardt: “[…] Was meinen Sie, wenn Sie sagen ‘die wollen mehr Macht haben’? Was wollen die mehr machen?”
Hoeneß: “Ja, die wollen eigentlich die gesamte Kontrolle über die Südkurve haben. Die wollen alles bestimmen, wann gute Stimmung ist und wann nicht gute Stimmung ist”
oder auch:
Hoeneß: “Erstens bin ich der Meinung, haben wir gar keine schlechte Stimmung. Und zweitens bin ich der Meinung, das genau diese zwei Gruppierungen hauptverantwortlich dafür sind, […], weil sie das gar nicht wollen. Sie wollen das nämlich alles kontrollieren und sie geben unseren anderen Fanclubs überhaupt keine Möglichkeit mitzumachen.”

Hallo Frau Müller-Reinhardt? Geistig noch anwesend? Irgendein Widerspruch aufgefallen? Anyone? Anyone?
Für Uli Hoeneß tragen die beiden Fangruppierungen die Saat der Gewalt in sich.
Hoeneß: “Und jetzt kommt nämlich der Punkt. Das sind nämlich auch die Gruppierungen die mitverantwortlich sind für Gewalt im Stadion, die mitverantwortlich sind, dass ein Fanclub des FC Nürnberg kürzlich in Würzburg auseinandergenommen wurde …”
Müller-Reinhardt: “… in einer Raststätte …”
Hoeneß: “… ja. Die Frau des Busfahrers wurde so schwer verletzt, dass sie ihr Augenlicht am linken Auge verloren hat. Das sind auch diese Leute die hauptverantwortlich sind, das kürzlich in Duisburg eine Tankstelle auseinandergenommen wurde, und die habe ich gemeint.”
“Hauptverantwortlich”. “Diese Leute”. Angesichts des Umstandes das ein Großteil der Stadionverbote im Zusammenhang mit den Ausschreitungen gegen den Nürnberger Fanbus, wieder zurückgenommen wurde, hätte ich erwartet das Isabella Müller-Reinhardt nachhakt und hinterfragt, ob Uli Hoeneß da nicht arg pauschalisiert. Nein, keine Frage, sondern Begleitmusik um die Dampfwalze Hoeneß weiterdampfen zu lassen.

Müller-Reinhardt: “Also in diesen Fällen haben Sie die beiden Fan-Gruppierungen angesprochen […]”
Etwas später …
Hoeneß: “Deswegen ist es gut heute die Möglichkeit zu haben …”
Müller-Reinhardt, zustimmend: “Mmh”
Hoeneß: “… dass ich unsere Fans – die ich alle liebe – in keinster Weise gemeint habe, aber wir haben riesige Probleme derzeit in Italien. Und der Traum von einigen aus dieser Gruppierung ist Verhältnisse zu haben wie in Italien. Die Ultras in Italien sind für viele ein Vorbild. Und deswegen haben wir beim Klub gesagt: ‘Wehret den Anfängen’.”
Uli Hoeneß impliziert den Wunsch von “einigen”/”vielen” aus den beiden Gruppierungen eine ähnlich gewalttätige Fanszene zu haben, wie in Italien. Starker Tobak. Hätte Hoeneß auch noch Namen genannt, wäre das abmahnfähig gewesen. Man hätte sich gewünscht, dass Frau Müller-Reinhardt auch hier nachgehakt hätte, um herauszuarbeiten was Hoeneß konkret meint, um nicht diese Dampfplauderei mit dem größtmöglichsten Schreckensszenario im Raum stehen zu lassen. Man hätte sich gewünscht, dass Hoeneß Indizien genannt hätte, woran er seine Vermutungen festmacht. das er Strukturen und Aktionen beschreibt, um dieses Szenario für Außenstehende greifbar zu machen. Doch mehr als ein zustimmendes “Mhhh” sprang nicht raus.
Etwas später.
Hoeneß: “[…] Denn eines muss klar sein, wenn der FC Bayern mit einem Stadion das 340 Millionen gekostet hat und das wir auf Wunsch der Fans gebaut haben …”
Müller-Reinhardt, zustimmend: “Mhhh”.
Das Unternehmen FC Bayern AG hat das Stadion “auf Wunsch der Fans” gebaut. Ja, der Wunsch der Fans mag auch eine Rolle dabei gespielt haben. Das aber der Wunsch der Fans ausschlaggebend war, wage ich zu bezweifeln. Nicht Frau “Mhhh”.
Es folgt die Erklärung des journalistischen Selbstverständnisses von Isabella Müller-Reinhardt.
Hoeneß: “Ich habe gerade versucht zu erklären, dass ich nicht *die* Fans gemeint habe, sondern diese zwei Gruppierungen und ich muss Ihnen ehrlich sagen, wenn diese zwei Gruppierungen so weitermachen, wie sie es in den letzten Wochen und Monaten gemacht haben, was wir damit anfangen.”
Müller-Reinhardt: “Wissen Sie nur was meines Erachtens das größte Problem ist … diese beiden Guppierungen, jetzt auch namentlich … die kannten die meisten gar nicht. Durch Ihre Rede haben die beiden Gruppierungen ein unglaubliches Forum bekommen und das ist das letzte was Sie wahrscheinlich wollten, dass sie auch noch ein Forum bekommen. Jede Zeitung bei ihnen anruft, jeder Fernsehsender bei ihnen anruft und diese sich auch noch überall breit dazu äußern können …”
Ja, Frau Müller-Reinhardt. Gehört normalerweise auch zum Journalismus dazu, dass man sich bei der “Gegenseite” erkundigt und diese zu Wort kommen läßt. Das sollte einer der Unterscheidungsmerkmale zwischen Bayrischen Rundfunk und DDR 1 sein. Und das halten Sie für ein Problem? Für das “größte” Problem? Ist das Ihr Ernst? Ist das Ihr Ernst, dass nach diesem 20minütigen Monolog von Uli Hoeneß, die beiden Gruppierungen, die Sie exakt ein einziges Mal namentlich genannt haben, ein Forum bekommen? Ist das der Grund warum Sie im Laufe des Gesprächs komplett zum Steigbügelhalter mutiert sind?
Hoeneß: “Es war wichtig dass sie sich aus dem Untergrund melden müssen, denn deren Geschäft ist es im Untergrund zu sein. Wenn die sich im Internet untereinander verständigen, dann sagen die ja nicht, der Uli Hoeneß spricht den Karl-Heinz Rummenigge an, sondern die reden als Pseudonym, damit man sie nicht packen kann …”
Müller-Reinhardt, Kennerin des Internets greift unterstützend ein: “… das ist ja im Internet üblich, dass man sich irgendwelche Nicknames zulegt …”
Hoeneß: “… jaaaaa, aber es ist natürlich auch ein bestimmter Grund, warum eben ausgerechnet diese Gruppierungen unserem Klub nicht ihre Namen und Adressen … wenn sie nichts zu verbergen haben, warum ist es ein Problem?”
Ja, warum ist das ein Problem? Gute Idee. Ich verlange die Offenlegung aller Spielergehälter des FCB. Und der Telefonnummern von Uli Hoeneß und Isabella Müller-Reinhardt. “Man wird doch nichts zu verbergen haben”, gell?
Man hätte natürlich auch auf die Idee kommen können und nach dem Widerspruch fragen können, wie man mit einer derart anonymen und subversiven Gruppe seit Wochen verhandeln kann. Offensichtlich ist die Situation also weitaus differenzierter.
Aber Isabelle Müller-Reinhardt ist längst zur Artikulationshilfe von Uli Hoeneß geworden, steht ihm zur Seite wenn es um das Internet geht oder um seine Gedankengänge auf den Punkt zu bringen.
Hoeneß: “Wir müssen aufpassen, das wir hier diese Dinge nicht zu sehr bagatellisieren, denn die Vorkommnisse die derzeit in Italien passieren, die sind mir nicht weit genug entfernt und wenn wir alle nicht aufpassen, werden wir solche Verhältnisse haben, denn das was da passiert, ist der Traum des einen oder anderen von denen die ich damit meine, und da bin ich der Meinung, dass wir das nicht akzeptieren sollen …”
Müller-Reinhardt: “… dann ist das Ganze auch so eine Art Frühwarnsystem auch …”
Hoeneß, sehr leise: “Absolut”
Müller-Reinhardt: “… Okay. ”
Natürlich wird nichts bagatellisiert, wenn eine direkte Linie von der Problematik der schlechten Stimmung in der Arena zu tödlichen Ausschreitungen und Vorkommnissen in Italien gezogen wird. Nicht oder zweimal, sondern in dem 20minütigen Gespräch gleich dreimal.
Noch mehr rhetorischer Begleitschutz von Isabella Müller-Reinhardt gefällig? Etwas später geht es um die Deligiertenversammlung des TSV 1860 München auf der der wiedergewählte 1860er-Präsident einige Seitenhiebe an den FCB verteilt hat.
Hoeneß: “Mit so einem populistischen Geseiere kann ich nichts anfangen” [Gelächter und tosender Applaus im Studio]
Müller-Reinhardt: “Das Wort ‘Populistisch’ …” [Klatschen geht weiter]
Hoeneß: “… Auf den Herrn von Linde trifft es natürlich 100%ig zu, denn er hat versucht mit seiner populistischen Rede wiedergewählt zu werden, denn er lief ja stark Gefahr, dass er nicht mehr wiedergewählt wird …”
Müller-Reinhardt, offensichtlich zustimmend: “… Es hat funktioniert …”
Hoeneß, greift die Vorlage auf: “… es hat funktioniert, allerdings musste er zusagen, dass er im September nächsten Jahres aufhört, sonst wäre er wahrscheinlich nicht wiedergewählt worden … und mich haben heute viele aus dieser Deligiertenversammlung angerufen und haben sich für diese Rede entschuldigt, weil sie genau wissen, ohne den FC Bayern und seine Hilfe hätte der Herr von Linde diese Rede nicht mehr halten können.”
Müller-Reinhardt, nimmt den Ball wieder auf: “… und würde dort gar nicht mehr stehen.”
Hoeneß: “[…] Ich habe eine Loge die auch selbstverständlich 13 Tickets für die 60er-Spiele hat und ich habe sie noch nicht einmal benützt”
Müller-Reinhardt: “Noch nicht einmal?…” [Lachen, Gejohle und dann Klatschen] “… Herr Hoeneß, damit …” [kichert] “… mit der Aussage haben Sie bestimmt ganz viele Herzen von Bayern-Fans wieder jetzt erobert. Ich würde aber trotzdem sagen, also mittlerweile haben wir alle verstanden, das Sie mit Ihrer Wutrede, mit diesem Ausbruch nicht nicht den Bayern-Fan allgemein gemeint haben…”
Hoeneß, zustimmend: “… Nein…”
Müller-Reinhardt: “… das heißt die Omi die zuhause sitzt oder der 12jährige Bub der zuhause sitzt und ein Bayern-Trikot im Schrank hängen hat, muss sich nicht angesprochen fühlen…”
Hoeneß: “… auch die Fanklubs …”
Müller-Reinhardt: “… auch die Fanklubs und die Logenbesitzer auch nicht, die dürfen weiterhin … ähm … zahlen …” [kichert] “… und damit die anderen Fans ein bißchen unterstützen. Das gehört alles dazu. Ich hoffe nur, dass diese beiden Fan-Gruppierungen diese Macht, die wirklich gefährlich ist, nicht bekommen.”
Der letzte Absatz ist im Grunde genommen die Zusammenfassung von Isabella Müller-Reinhardts Wirken im Interview. Am Ende übernimmt sie 1:1 die Argumentation von Uli Hoeneß als eigene. Das diffuse Schreckensszenario. Die Journalistin des BRs.
“Ich hoffe nur, dass diese beiden Fan-Gruppierungen diese Macht, die wirklich gefährlich ist, nicht bekommen.”
Die Bankrotterklärung.
Glückwunsch, liebe Sportredaktion des Bayrischen Rundfunks.

[allesaussersport.de, 20.11.2007]

Kurve gegen Kurve

Fanatisch aus Überzeugung: Die Ultra-Fans der Bayern und Löwen bestimmen das Bild im Olympiastadion

Zuschauer sind das eine, Ultras das andere. Wenn am Samstag das Spiel zwischen dem FC Bayern München und dem TSV 1860 beginnt, werden 63000 Zuschauer im Rund des Olympiastadions Platz gefunden haben. Darunter sind auch 500 fanatische Ultras. Aber es werden diese Wenigen sein, die das optische und das akustische Bild im Stadion bestimmen: in der Nord- wie in der Südkurve organisieren jeweils die Ultras den ‚Tifo’, den Auftritt der Fans. Aufwändige Massen-Choreographien mit Pappschildern, blocklange Spruchbänder und meterhohe Schwenkfahnen gehören seit einiger Zeit genau so dazu wie ein mit Megaphon bewehrter Ultra, der pausenlos Gesänge und Schlachtrufe anstimmt.
Die italienische Ultra-Kultur ist erst Ende der Neunziger Jahre in Deutschland angekommen, aber in vielen Stadien hat sie schon die Macht in den Fankurven übernommen. Und das, obwohl es in den Medien, Vereinen und auch unter anderen Fans von Anfang an Vorbehalte gegen diese neue Fankultur gab. Zu sehr klang Ultra nach Randale, bengalischen Feuern und Unvernunft, zu nahe schien die Verwandtschaft zu den prügelnden Anhängern von Hellas Verona oder den rassistischen Fans der ‚Ultras sur’ von Real Madrid. Aber mittlerweile hat sich auch in den Stadion herumgesprochen, dass Ultras eben nicht gleich Ultras sind.
Christian Schulz ist einer der sieben ‚Capos’, die bei den Bayern-Ultras das Sagen haben. ‚Schickeria’ steht auf seiner roten Kapuzenjacke, so heißt die Ultra-Gruppe, der er angehört, aus dem halbgeöffneten Reißverschluss lugt Che Guevara hervor. ‚Wir wollen nicht die Macht im Stadion, wir wollen einen geilen Auftritt unserer Kurve, und dafür tun wir alles“, sagt der 25-jährige Politikstudent. Weil das eine aber das andere mit sich bringt, gibt es schon mal Ärger im Block. Es wurden sogar Gerüchte in Umlauf gebracht, normale Fans trauten sich nicht mehr in die Südkurve, aus Angst vor den Ultras. ‚Absoluter Schwachsinn. Wir kommen mit fast allen gut aus, und wenn es Probleme gibt, reden wir miteinander’, meint Schulz. Die ‚Schickeria’ begreift sich als eine Art Übergruppierung für alle ultra-orientierten Bayern-Fans. Obwohl es die Gruppe erst seit zwei Jahren gibt, hat die ‚Schickeria’ schon fast 300 Mitglieder. Der Jahresbeitrag liegt bei 20 Euro, zugelassen sind Fans ab 16 Jahren, der Altersdurchschnitt liegt bei ungefähr 23 Jahren.
Die Bayern-Ultras stehen ganz unten in der Südkurve, fast auf Höhe des Rasens. Der Blick auf das Spielfeld ist so ziemlich überall im Rest des Stadions besser, aber es geht ja nicht nur ums Zuschauen. ‚Man kann von hier unten mehr erreichen“, erklärt Michael Sturm, der Mann mit dem Megaphon, auch er ein ‚Capo’. Auf ihn schauen und hören sie. Wenn er die Hände hebt um einen Rhythmus vorzugeben, schnellen tausende Hände nach oben, bis hinaus unters Dach des Stadions.
Dort, ganz unten unter der Anzeigetafel, werden am Sonntag die Ultras des TSV 1860 stehen, nur eben in der Nordkurve. ‚Cosa Nostra’ nennt sich die Gruppe von 80 Sechzger-Fans, der martialische Name ist im Wortsinn gemeint: Unsere Sache. ‚Wir bewegen uns auf der Ultraschiene, aber dafür brauchen wir keine 400 Mitglieder, ein guter harter Kern reicht“, meint Leoni, der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung sehen will, er hatte schon zweimal Stadionverbot. Solidarität unter Ultras, Vorbilder aus Italien, der ideologische, antikommerzielle Überbau – lauter Werte, die die ‚Schickeria’ für sich in Anspruch nimmt – das alles interessiert ihn nicht, sagt er, und wenn er das sagt, klingt er so trotzig und grantig, wie sich der ehemalige Löwen-Trainer Werner Lorant oft gab: ‚Wir wollen unseren eigenen Stil durchziehen und was andere machen, ist uns scheißegal.’
In der Welt der ‚Cosa Nostra’ zählt nur eines: der Verein. Wer Präsident ist, was der Vizepräsident macht und ob Dirk Dufner nun Sportdirektor bleibt, das ganze Löwen-Theater also, ist zweitrangig. ‚Die Mannschaft darf nicht absteigen, um nichts anderes geht es uns jetzt’ meint auch Ultra-Kollege Olli, ein 23-jähriger Metzger. Sicher, die Rückkehr in die alte Heimat, das Grünwalder Stadion, wäre schön, aber wenn die Bedingung dafür der Abstieg ist, können die 1860-Ultras darauf gut verzichten. ‚Von uns wünscht sich keiner den Abstieg, und wer das tut, ist kein echter Fan“ sagt Leoni, schon etwas heiser vor Wut. Er ist davon überzeugt, das die Spieler das Versprechen einhalten zu müssen, das sie der ‚Cosa Nostra’ bei einem der letzen Auswärtsspiele gegeben haben: Gemeinsam den Nichtabstieg zu feiern, beziehungsweise: saufen zu gehen.
Solch direkte Kontakte zum Verein kennt die ‚Schickeria’ kaum, und wenn es sie gab, waren sie nicht besonders erbaulich. Im vergangenen Sommer wollte ihr FC Bayern die ‚Schickeria’ wegen verschiedener Vorfälle ausschließen, sogar Stadionverbote sollte es geben. Vor einer Woche endete auch das 16. und letzte Ermittlungsverfahren von damals mit einem Freispruch. Das Verhältnis der Ultras zur ‚AG’, wie sie die Führungsspitze des FCB abfällig nennen, hat sich beruhigt.
Also kann die ‚Schickeria’ sich am Sonntag ganz auf den Kampf gegen die verhasste Nordkurve konzentrieren. Eine große Choreographie, vor oder zu Beginn der ersten Halbzeit, zusammen mit der Gruppierung ‚Club Nr. 12’ und eine eigene, kleinere Aktion in der zweiten Spielhälfte, mehr will Schulz nicht verraten: Die von gegenüber sollen es ja nicht wissen. Dort ist man noch schweigsamer, nur ‚dass wir uns für die roten Pisser schon was einfallen lassen’, mag Leoni preisgeben. Es scheint auf jeden Fall, als gäbe es am Sonntag was zu sehen, für die 63000 Zuschauer.

(Süddeutsche Zeitung vom 22.04.04)