Tellerrand

Gegen den modernen Fußball? Oder: Was machen wir nur mit Red Bull?

Die Markranstädter Fußballmannschaft des österreichischen Brausefabrikanten Mateschitz machte in den letzten Wochen mehrmals Schlagzeilen. Nicht, weil sich der geplante Durchmarsch ins Fußballoberhaus etwas zu verzögern scheint, sondern da Didi’s Truppe vorerst keine adäquaten Testspielgegner mehr findet. Löblicherweise sagten sowohl Union Berlin als auch Hessen Kassel bereits vereinbarte Testspiele mit den Ochsen ab. Eine vorbildliche Demonstration wie ein Fan den Anliegen seiner Fans Gehör schenken kann. Das Union-Testspiel wurde von deren von Teammanagers Christian Beeck organisiert, der sich nun wie folgt zitiert zur Absage äußert: „Die Entscheidung für dieses Testspiel ist nach rein sportlichen Motiven erfolgt. Es gibt natürlich auch andere Perspektiven dazu und es ist wichtig und richtig, diese ebenfalls zu berücksichtigen. Das nicht getan zu haben, war ein Fehler“.

Um Euch aber auch zu zeigen, dass die Kritik am modernen Fußball nicht unbedingt beim Thema Red Bull aufhören muss, präsentieren wir Euch heute einen Text aus Sankt Pauli:

Dieser Text entstand im Rahmen des Alerta!-Actiondays zum Thema
„Another football is possible – make capitalism history!“ und will sich mit dem Verhältnis von Fußball und Kapitalismus, aktueller Kritik aus verschiedensten Fanszenen und deren Implikationen auseinandersetzen.

Fußball ohne Kapitalismus? WTF?

Gab es denn mal einen schönen „unverdorbenen“ Fußball, so wie wir ihn haben wollten?
War früher alles besser? Ich sage nein, denn Fußball, so wie wir ihn kennen, als öffentliche (Groß-) Veranstaltung, entwickelte sich relativ zeitgleich mit dem Aufkommen des kapitalistischen Systems im 19. Jahrhundert. Seit der industriellen Revolution, die im späten 18. Jahrhundert in England einsetzte war Fußball übrigens nicht mehr ein ausschließlich von Arbeiter_innen bevorzugtes Spiel – dies hatten schlicht und einfach keine Zeit mehr dazu, da sie zur Arbeit in das neu aufkommende Fabriksystem gezwungen waren, sondern wurde in exklusiven, privaten, englischen Public Schools praktiziert und dort auch mit einem Regelkanon versehen. Mit der Einführung von Spielregeln wurde auch eine Trennung zwischen legitimer und illegitimer Gewalt vollzogen und forderte von nun an von den (jetzt meist nur noch männlichen) Spieler_innen ein hohes Maß an Selbstdisziplin.
Werte und Tugenden, die eine_n Spieler_in ausmachen, wie Mut, Uneigennützigkeit, Härte gegen sich selbst und Teamfähigkeit kennen wir heute noch als Beschreibung für gute Spieler_innen.
Sie stammen allesamt aus dieser Zeit, wobei interessant ist, dass erfolgreiche Unternehmer_innen und Geschäftsleute mit den gleichen Fähigkeiten ausgestattet sein müssen.
Dies zeigt die Nähe des Bürgertums zum sich entwickelnden „Breitensport“ Fußball.
Natürlich ist es nicht so, als hätten nie wieder ein_e Arbeiter_in Fußball gespielt, die Formung und „Zivilisierung“ des Fußballs wurde jedoch von bürgerlicher Seite aus vorangetrieben und ohne diese „Zivilisierung“ gäbe es das Spiel in seiner heutigen Form nicht.
Die Geschichte des „modernen Fußballs“ beginnt 1863 in England mit der Trennung von Fußball und Rugby und der Gründung der Football Association. Da Fußball die einfacheren Spielregeln hatte und unterschiedlichere Spieler_innentypen gefragt waren, als beim Rugby, wurde es von den Zuschauer_innen besser aufgenommen und somit begann dann die Erfolgsgeschichte des „modernen Fußball“. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem in der Arbeiter_innenschicht wieder vermehrt Interesse an diesem Sport aufka. – Also nun doch wieder ein Sport der Proletarier_innen?
Immer wieder gibt und gab es, vor allem in der Ultrá-Bewegung, Bezugsnahmen auf einen vermeintlich authentischen und proletarischen Ursprung des Fußballs, der zunehmend kommerzialisiert würde und in den Händen von Konzernen mit Marketingstrategien eben dieser Authentizität „beraubt“ wurde und wird.
Das Problem bei dieser Bezugnahme besteht darin, dass sich der „Anfang“ des professionellen Fußballs weit anders gestaltete als oftmals dargestellt. Leute aus den ärmeren (proletarischen) Bevölkerungsschichten konnten sich weder Vereinsmitgliedschaften noch Ausrüstung leisten, um zu spielen. Ganz nebenbei wurde am Anfang des 20.Jahrhunderts des Fußball auch noch vom Militär entdeckt – Ausdrücke wie Abwehr, Flanke, Deckung, Angriff oder Parade stammen direkt aus dem Militärjargon. Was soll nun dieser kleine Ausflug in die Geschichte des Fußballs?

Damit soll nur verdeutlicht werden, dass die „Ursprünge“ von Fußball nicht so eindeutig und romantisch sind, wie von vielen vielleicht angenommen.
Und was hat das ganze mit Kapitalismus zu tun? Seit 1888 die erste Profiliga in England gegründet wurde, unterliegt das Spiel dem kapitalistischen Normalbetrieb. Dadurch, dass die Spieler_innen Geld für die von ihnen erbrachte Leistung bekommen, müssen die Vereine automatisch auch Geld einnehmen, um die Spieler_innen und sich selber finanzieren zu können. Abgesehen davon, kann ohne Geld kein Verein gegründet werden. Das Prinzip war damals nicht anders als es heute ist.
Dass die Vermarktungstrategien immer „gewiefter“ werden und Spieler_innen, Manager_innen, etc. immer mehr Geld bekommen, ist eine Entwicklung, die wir nicht weg reden können und auch gar nicht wollen. Der Punkt ist, dass das eine ganz normale Entwicklung innerhalb der Logik dieses Systems ist, in dem wir leben – dem Kapitalismus.
Dieses System ist darauf ausgelegt, immer mehr Profit zu erwirtschaften um immer mehr produzieren zu können. Das heißt aber auch noch lange nicht, dass diese Entwicklung irgendwann plötzlich in den letzten Jahren eingesetzt hätte. Seit der „Erfindung“ des „modernen“ Fußballsports bestand immer ein Interesse daran, mit Fußball Geld zu verdienen. So wie mit allem eben – wenn wir in einem System leben, in dem die Arbeitskraft jedes Menschen mit Geld aufgewogen wird, warum sollte das ausgerechnet beim Fußball anders sein?

Red Bull – Die Ausgeburt des Bösen???????

Es ist klar, das vielen Fußballfans angesichts der Veränderung der Gegebenheiten, die es in den letzen Jahren gegeben hat, mulmig wird.
Preiserhöhungen, Sitzplatzstadion, Werbebanner rundherum, bescheuerte Stadionnamen, noch bescheuertere Halbzeitshows, undsoweiterundsofort – alles Sachen die ich auch echt eklig finde und auf die ich liebend gerne verzichten würde – vor allem wenn sie dann auch noch oft latent oder offen rassistisch, sexistisch, homophob oder nationalistisch sind. Die Frage ist doch dabei aber, warum passiert sowas und wie kann das Problem gelöst werden.
Oft werden Stadien als autonome Freiräume begriffen, in denen andere Regeln und Gesetze gelten – das mag zu einem Teil so sein, heißt aber nicht, dass sie nicht auch im herrschenden System drinstecken. Luftleeren Raum gibt es auch im Fußballstadion nicht. Und dadurch ergibt sich auch ganz schnell die Konsequenz: wo Menschen bereit sind, Geld auszugeben, wird versucht durch effektives Marketing die Leute dazu zu bringen noch mehr Geld auszugeben. Das hat sich nicht irgendein „böser“ Firmenchef so ausgedacht und jetzt ausgerechnet beim Fußball gewinnbringend eingesetzt – nein, dieses Prinzip ist überall in unserer Gesellschaft vorherrschend.
Gegen diese Entwicklung hat sich in letzter Zeit immer häufiger Kritik geregt. Super Sache, wenn sich Menschen mit den Sachen, die ihnen wichtig sind auseinandersetzen und anfangen zu hinterfragen. Was allerdings auffällt ist, dass bei vielen Kritiken ein schaler Nachgeschmack bleibt:
Das vermeintliche Prachtbeispiel, dass dafür in der letzten Zeit immer herhalten muss, ist die Firma Red Bull, die sich als Sponsor für den Rasensportverein Leipzig (und Salzburg) hervorgetan hat und diese nun kräftig sanieren will. Dieses Sanieren bedeutet nun allerdings auch, das Tickets teurer werden, mehr Werbung ins Stadion kommt usw. – Alles Maßnahmen, um Geld aus dem Laden herauszuholen. So weit, so unangenehm manche dieser Entwicklungen (zumindest für den geneigten Fußballfan, die_der lieber im Stadion steht statt sitzt und gerne mit voller Kraft neunzig, ach was mehr, Minuten ihren_seinen Verein nach vorne brüllt) auch sind, die Frage ist doch, was wir daraus für Konsequenzen für unsere Kritiken und letztlich unser Handeln ziehen.
Nehmen wir mal an, wir würden Red Bull ab jetzt boykottieren und die würde pleite gehen. Sie hätte kein Geld mehr, um den Rasensportverein Leipzig zu sponsorn und somit wäre auch der Bulle ausm Wappen weg. Stark, da wollten doch alle… Und dann… hat der Verein kein Geld um im Ligabetrieb zu bestehen und sucht sich einen neuen Sponsor. Der heißt dann Klappstuhl XY und das steht dann auf einmal im Vereinswappen. Ist das besser als der Bulle? Eher nicht…
Aber da gibt´s ja dann doch noch ein Argument, dass mensch gelten lassen muss:
Red Bull macht die Tradition des Vereins kaputt! Hmmm, Tradition…
Nach dieser Definition wird Tradition also kaputt gemacht, sobald sich ein Verein einen größeren Sponsor auftut und wohlmöglich Vereins- und Stadionnamen ändert, so dass auf den ersten Blick erkannt werden kann, wem der Laden gehört. Ich wage es ja gar nicht darauf hinzuweisen, dass jeder größere Verein einen Hauptsponsor hat und die Namen diversester Stadien schon mehrmals geändert wurden. Wo ist denn der Unterschied zu Red Bull?
Gut, das ist vielleicht schon fünf, zwanzig, dreißig oder noch mehr Jahren passiert, aber macht es das besser? Und auf welche Tradition wollen sich die Kritiker_innen denn sonst noch so beziehen? Darauf, dass viele Fußballvereine aus männerbündischen Studentenverbindungen entstanden sind?
Über die „proletarischen Ursprünge“ des Fußballs wurde ja weiter oben schon etwas geschrieben.

Klar ist es viel schöner, wenn es wie bei uns läuft: das Millerntor-Stadion bleibt das Millerntor-Stadion und gegen diverseste Versuche unseres Präsidiums, irgendwelche komischen Werbemaßnahmen (Stichwort: Millerntaler) bei uns zu etablieren, hat sich massiv Widerstand geregt. Ds finde ich super! Es gestaltet den Alltag in diesem kapitalistischen Wahnsinn weitaus angenehmer. Aber das sollte und nicht dazu verleiten, zu denken wir wären anders.
Das Image des FC, das durch die politische Fanszene über Jahre hinweg geschaffen wurde, wird genauso gewinnbringend vermarktet. Wir sind dann halt der „Kult-Club“ vom Kiez, bei dem alles ein bisschen anders ist. Und von diesem „Anderssein“ fühlen sich dann auch wieder viele Menschen angezogen und St.Pauli wird zu einer attraktiven Marke. Es wird sich also auch hier, ohne weiteres und auch zwangsweise, in das bestehende System integriert. Eine weitere Eigenschaft des Kapitalismus ist nämlich, dass auch ertragreich Kritik in das bestehende System integriert werden kann und positiv umgedeutet wird.

Was ist aber nun die Konsequenz aus dieser Bestandsaufnahme?
Da alle beschriebenen Phänomene aus einer inneren Logik des Systems Kapitalismus resultieren, bleibt eigentlich nur noch, die Abschaffung desselben zu fordern. Damit es uns ALLEN gutgeht, muss nicht der „böse Konzernchef“ weg, sondern das System, in dem Leute überhaupt erst dazu gezwungen werden Konzernchefs zu sein. Das System Kapitalismus ist als Ganzes zu kritisieren und wir sollten uns nicht dazu verleiten lassen zu glauben, dass kapitalistische Erscheinungsformen wie Neoliberalismus oder Globalisierung, im Fußballkontext z.B. „Professionalisierung“ und „Kommerzialisierung“, die einzigen Dinge sind, die abgeschafft gehören, damit wir endlich ALLE ein schönes Leben haben.
Klar ist es wichtig, diese Erscheinungsformen zu analysieren und zu kritisieren, jedoch ist es wichtig, die Konstruktion von Feindbildern zu vermeiden (z.B. „Die Bösen da oben – wir Guten da unten“). Wenn das passiert, ist es nicht mehr weit zu merkwürdigen Verschwörungstheorien oder der Festigung von Ressentiments. Wir leben nämlich alle in diesem kapitalistischen System und tragen durch unser tägliches (vom System erzwungenes) Verhalten dazu bei, dass es weiter existieren kann.

In diesem Sinne – her mit dem Ponyhof, dem schönen Leben und der ganzen Bäckerei!
Alerta! St.Pauli im Oktober 2010

aus: La Gazetta D‘ Ultra‘ #146

Wie viel Ultra steckt in mir?

Aus dem MENTALITA KÖLSCH Nr. 13 (Februar 2009)

Ist wirklich mein ganzes Denken von der Materie Ultrà geprägt? Mein ganzes Handeln vom Ultrà-Gedanken bestimmt? Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu geben. Bestimmt ist nicht jeder Augenblick meines Lebens auf das Ultrà sein ausgerichtet, doch vergeht wahrscheinlich kein Tag, an dem man sich nicht mit diesem umfassenden und vielschichtigen Komplex befasst. Man denkt im Prinzip jede freie Minute, die man mal nur für sich hat, an seine Gruppe und daran, was man für diese noch alles tun und verbessern kann.
Natürlich hat jedes aktive Mitglied, jeder Ultrà, seine eigenen Vorstellungen von der Materie, doch letztendlich geht es darum, die unterschiedlichen Haltungen im Kollektiv zuvereinen. Hier müssen – wie im „normalen Leben“ auch – Kompromisse geschlossen und persönliche Eitelkeiten oftmals zurückgestellt werden. Die Gruppe geht vor – eine Tatsache, für die man sich entscheiden muss und prinzipiell für jeden Ultrà eine Selbstverständlichkeit darstellen sollte. Mit diesem Bekenntnis schlägt man natürlich seine Mitmenschen, die mit dieser ganz eigenen Welt nichts zu tun haben, oftmals vor den Kopf: Der Arbeitgeber muss mitspielen und die Familie hat einen schon lange für bekloppt erklärt. Aber was soll ein Ultrà auch anders anstellen? Seit Jahren kennt er nur das Leben für den Verein und für die Gruppe, die Wochenenden werden im Stadion und die Tage unter der Woche mit der Gruppe verbracht. Selbst beim Schreiben dieses Textes bin ich nahe bei der Gruppe und in Gedanken bei meinen Leuten. Bei vielen kann man beobachten, dass es nicht – oder nur schwer – möglich ist, ein „Leben ausserhalb der Gruppe“ zu führen. Beziehungen und sogar Ehen gehen in die Brüche, Arbeitsstellen werden nach der Vereinbarkeit mit Spieltagen ausgesucht.

Doch ist man wirklich bereit, diese Opfer für die Gruppe zu bringen? Wie viel Ultrà steckt wirklich in mir? Diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Einen Masterplan, den man nur noch abarbeiten muss, gibt es nicht. Natürlich gibt es auch im Leben eines Ultras Momente, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen, die vielleicht bei dem einen oder anderen auch mal zu Ungunsten der Gruppe ausgehen. Wie die Prioritäten gesetzt werden, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, wobei man sich auch in diesen Zusammenhang immer wieder die Frage stellen muss: Wie viel Ultrà steckt in mir?

So hat auch jeder Mensch seine eigenen privaten Probleme, zu denen die kritischen Ultrà- Thematiken – wie beispielsweise das Problem der Repression oder die Kritik an einige Fan-Themen – noch hinzukommen. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass unsere Subkultur irgendwann einmal durch Repression vonseiten des Staates oder der Vereine ausgelöscht wird. Dafür ist diese schon viel zu sehr in den Kurven Europas verwurzelt, in den Herzen der Ultras verankert. Dabei ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass sich auf diesem Wege schon genügend Leute verabschiedet haben und durch Stadionverbote entmutigt wurden. Lasse ich mich also von der Polizei und von den Vereinen so beeinflussen, dass ich letztendlich vor diesen kapituliere oder kämpfe ich weiter für meine Sache? Wie viel Ultrà steckt in mir? Ebenso verfügt unsere Subkultur über mehr Facetten als ihre Aussendarstellung oft erahnen lässt. Sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Stadions ist mit „Ultrà“ weitaus mehr zu verbinden als Fahnenschwenken und Vorsänger. Wenn man unsere Gruppe als Beispiel nimmt und auf vergangene Aktionen im Rahmen von „Horde karitativ“ blickt, merkt man, dass diese zwar im Stadion durchgeführt wurden, dass das soziale Engagement aber selten im Stadion bleibt. Stattdessen kommen diese Aktionen den sozialen Einrichtungen innerhalb der Stadtgrenzen zugute. In diesem Zusammenhang ist das aktive Mitglied gefordert, auch abgesehen von Spieltagen für die Gruppe und für die Sache aktiv zu werden.
Ist die Aussage „Für den Verein und für die Stadt“ also nur ein Lippenbekenntnis oder bin ich bereit, auch mehr für meinen Verein und für meine Stadt zu tun? Steckt so viel Ultrà in mir, dass ich in diesem Zusammenhang bereit bin, auch mal einen privaten Termin – und wenn er noch so wichtig ist – abzusagen, um der Gruppe einen wertvollen Dienst zu erweisen? Ist es mir möglich, die Ziele und Werte meiner Gruppe nicht nur auf die Kurve, sondern auch auf mein ganzes Leben zu übertragen, oder gehöre ich zu den Leuten, die Wasser predigen, aber Wein saufen?

Wie viel Ultrà steckt in mir? Summe ich alibimässig leise in der Kurve vor mich hin oder gebe ich alles für die Mannschaft und brülle, was das Zeug hält? Möchte ich dabei lieber das Spiel beobachten oder sehe ich mich selbst als Teil des Vereins, als Teil der Mannschaft, als Teil einer grossen Kurve und möchte den Verein, die Mannschaft und die Kurve mit meinem Einsatz unterstützen? Wie viel Ultrà steckt in mir? Übernehme ich gedankenlos von anderen Gruppen, von anderen Szenen, von anderen Gesellschaftsschichten die Ideale oder bin ich selbst aktiv, kreativ und wirke mit meinen Ideen an einer farbenfrohen Kurve und einer facettenreichen Gruppe mit? Wie viel Ultrà steckt in mir? Hinterfrage ich mich, meine Gruppe, meine Ganze Generation und die Subkultur, welcher ich angehöre oder schlucke ich alles, was von oben auf mich herunter prasselt? Fragen, die sich jeder selbst beantworten muss…

So sollte man sich – gerade als Teil unserer Subkultur – ständig selbst hinterfragen und sich, ehe man auf andere zeigt, erst einmal selbst genau unter die Lupe nehmen und fragen, ob man nicht selbst aktiv werden, selbst etwas ändern kann.

Wie oft erlebt man kreative Ansätze bei Fans, die im Grunde genommen gar nichts mit der Materie Ultrá zu tun haben – und wie oft ist das genaue Gegenteil bei einigen vermeintlichen Ultras der Fall? Als Teil einer grossen Kurve, als Teil einer noch grösseren Szene und Teil einer länderübergreifenden Bewegung muss sich unsere Gruppe ständig neu definieren und an jedem Tag neu entwickeln – eine Aufgabe, bei deren Bewältigung jedes einzelne Mitglied gefordert ist.
Ultrà wird an jedem Tag neu geboren, entsteht in kreativen Köpfen mit ihren Ideen und lebt von der Eigeninitiative und der ständigen Selbsthinterfragung…
Wie viel Ultrà steckt also in DIR?

Bewegungsveränderungen

Es folgen Auszüge aus den Ansichten eines altgedienten Ultras aus Italien. Er ist Anhänger der Roma, doch spielt seine Vereinszugehörigkeit für das, was er aussagt keine Rolle. Seine Äußerungen sind einem Artikel entnommen, der sich mit der viel zitierten „Ultras-Mentalität“ und der generellen Entwicklung auf dem italienischen Stiefel befasst und im bundesweit erscheinenden und vereinsübergreifenden Ultra-Zine „Blickfang Ultra“ im Jahr 2007 noch vor der Ermordung Gabriele Sandris erschienen ist.

Dieses Heft, welches im übrigen jedem, der sich etwas tiefgreifender mit Gedanken und Diskussionen die die Welt der Kurven betreffen befassen möchte, nur wärmstens zu empfehlen ist, könnt ihr natürlich auch über unsere Gruppe erhalten – sprecht ganz einfach im Stadion oder an unseren sonstigen Treffpunkten jemanden von uns an.

Was hat sich geändert in der Ultrabewegung? Als erstes muss man natürlich sagen, dass man die tägliche Entwicklung nicht so stark mitbekommt, aber wenn man das Jetzt und heute mit den 70ern vergleicht, wo die Bewegung ihre Ursprünge hat, die Geburtstunde vieler verdienter Gruppen schlug, so stellt man doch genügend Veränderungen fest.

Die wörtliche Übersetzung des Begriffs „Ultras“ lehnt sich an die Bedeutung des Wortes „Darüberhinaus“ an. „Darüberhinaus“ deswegen, weil der Ultra aktiver war als der normale Tifoso, der schimpfte, klatschte oder beim Torjubel aufstand. „Darüberhinaus“, weil er auch mal 1000 km fährt, um seine Mannschaft zum Auswärtsspiel zu begleiten. Das Ausüben seines Fandaseins geht über das eines normalen Tifoso einfach weit hinaus.

Die ersten Gruppen hatten einen ganz neuen, eigenen Stil. Man agierte mit Trommeln, Spruchbändern, Fahnen, Rauchfackeln, Bengalen, Sirenen und Knallern. Dazu die ersten Schals, die meist nur aus den Clubfarben bestanden und erst später mit den Gruppennamen bedruckt wurden.

Die damaligen Ultras waren folkloristischer als heute, obwohl ihre kämpferischen Namen anderes vermuten ließen: Brigate, Commandos, Fedayn, Fighters etc.
Man veranstaltete einen Wettbewerb. Wer trat origineller auf, wer brachte als erster ein Lied oder wer nutzte als erster bestimmte Namen.

Der folkloristische Stil ging dann Anfang der 80er Jahre langsam zurück. Anlass dafür waren die extremen polizeilichen Repressionen nach dem Tode Vincenzo Paparellis. (Er war Anhänger Lazios und starb durch eine Rakete, die Romafans aus der Curva Sud während eines Derbys abfeuerten.)

Die Randale hingegen weiteten sich trotz der Repressionen und Verregulierungen aus und nahmen ganz neue und pervertierte Formen an: Messer, Ketten, Helme und Knüppel wurden immer mehr ins Spiel gebracht. Einige ließen sich regelrecht in den ungezügelten Extremismus treiben.

Die CUCS (Commando Ultra Curva Sud), die wohl bekannteste und berühmteste Ultragruppe dieser Epoche in der römischen Curva Sud (also der Kurve, die kollektiv für den Tod Paparellis verantwortlich gemacht wurde), musste auf ihre Fahne, ihre Trommeln und Spruchbänder verzichten. Eine Situation, die der heutigen mit den Amato-Gesetzen nach den Vorfällen von Catania gleicht, uns aber schon zur damaligen Zeit traf.

Auch in den anderen Städten Italiens wurden innerhalb kürzester Zeit die Fahnen und Folkloremittel in den Kurven verboten, so dass man nur noch seine Stimme und Hände zur Unterstützung der eigenen Farben hatte, wovon man sich allerdings nicht unterkriegen ließ.

Diese Art der extremen Unterdrückung in Italien ist also nicht neu – und genauso wie damals auch heute weder im Geringsten verhältnismäßig noch zweckmäßig. So konnten sie den Tifo und das Kurvenspektakel verbieten, aber die ausufernden Emotionen und die damit verbundenen Krawalle waren und blieben immer da. Es sind die Nachrichten und Fotos aus dieser Zeit, die dies bezeugen.

So haben Fanszene oftmals über mehrere Jahre den Auswärtsbesuch dadurch geprägt, indem sie ohne Polizeischutz in gefährlichen Städten auftauchten, wo sie auch schon erwartet wurden. Dies lässt uns auch einiges besser verstehen.

Man spricht von Ultras, von Mentalität, von Zusammenhalt, aber in diesen Zeiten der gefährlichen Fahrten, der Auswärtsfahrten à la ULTRAS, sind viele abgesprungen. Diejenigen die blieben, lieferten den lebenden Beweis für das, was Ultras in seiner Essenz aber auch in aller Konsequenz bedeutet.

Auch heute trennt sich in der Fanlandschaft vielerorts die Spreu vom Weizen. Viele der wahren Ultras sehen immer mehr und mehr ihren Feind in der Polizei als in gegnerischen Ultras – in ihr sehen sie mittlerweile einen viel größeren, stärkeren, bedrohlicheren und vor allem unfairen und miesen Feind. Demzufolge verlagerte und steigerte sich auch der Hass in diese Richtung.

Stadionverbote und Hausarreste nahmen Überhand. Die Drehkreuze wurden eingeführt. Man überstand dies alles mit vielen Anstrengungen, aber immerhin – man überlebte!

Bis zu Catania und dem (wie sich nachträglich herausstellte Unfall-) Tod des Polizisten Raciti. Spezialgesetze, das Verbot der Zaunfahnen, sofern sie nicht angemeldet sind und immer schärfer und drakonischer werdende Strafen, oft aus Gründen der angeblichen Prävention und auch gegen normale Tifosi ausgesprochen, sind die ersten Konsequenzen.

Mit der Folklore aus den 70ern und der Farbenpracht einer traditionellen Kurve ist es dadurch nun leider endgültig vorbei – sie wird nicht mehr in den Stadien zu sehen sein. Ganz im Gegensatz zu den Krawallen! Sie sind immer noch da, genau wie in den 70ern, 80ern und 90ern… Und fragt ihr Euch jetzt nicht warum?

Die x-te Posse à la Italia, zum hundertsten Mal verfassungswidrige Gesetze auf dem Rücken der Fußballfans. Viele von uns müssen mittlerweile 3x während eines Spieltages auf dem Polizeirevier erscheinen und unterschreiben – aus immer lächerlicheren Gründen, beispielsweise weil sie mittels einer nicht angemeldeten Fahne ihre Meinung kund getan haben oder weil sie außerhalb des Stadions einem verstorbenen Freund mit einem Trauerzug gedacht haben (Rimini).

Immer neue Handlungen und Verhaltensweisen werden nach und nach kriminalisiert. Der Repressionsapparat pflanzt sich fort, sucht nach immer neuer Legitimation und schafft sie sich. Die Lawine der Hysterie, die hier losgetreten wurde ist kaum mehr aufzuhalten… sie rollt weiter und weiter… und reißt mehr und mehr alle Reste der alten und lebensfrohen Fankultur mit sich fort…

Viele fühlen sich verfolgt, den Atem und die Augen des „Gesetzes“ ständig im Nacken – auf der einen Seite wird man selber paranoider, auf der anderen Seite weigern sich naive Gutmenschen die tagtäglich auftretende, zum Teil im Wortsinne menschenverachtende, Gängelung und Schikane gegen den harten Kern der Fußballfans als Fakt anzuerkennen.

Heute sehen wir oftmals einen Großteil der Kurve ohne die klassischen und üblichen Fanutensilien und sie denken wirklich, dass dies der probate Weg ist, um die Aggression in diesem unserem Sport Fußball selbst und in der so vielschichtigen Kultur um ihn herum auszurotten?

Die Zukunft ist ungewiss, allerdings ist es wichtig sich dem ganzen nicht zu beugen.

Interview mit einer Sektion South Winners Marseille

Anlässlich unsere Sieges über Olympique Lyon präsentierten die Ultras von Olympique Marseille ein rot-weißes Spruchband mit der Aufschrift „Munich c‘est magique“, um ihre Feinde aus Lyon etwas zu ärgern. Das Spruchband kam auch schon 1996 nach unserem UEFA-CUP Triumph über Girondins Bordeaux zum Einsatz. Eigentlicher Hintergund der Aktion ist, dass Marseille 1993 in München den Europapokal der Landesmeiser gewinnen konnte. Unsere Stadt ist gilt den Marseillais daher als magisch.
Grund genug, eine Ultrasgruppe von Olympique in Form eines Interviews, durchgeführt von unseren Freunden von USP, etwas näher zu betrachten.

„Die South Winners sind eine der führenden Gruppen in Marseille. SW hat auch eine große Anzahl von Sektionen außerhalb der Provence. Um mehr über die Ultraszene in Marseille, die South Winners und dessen Sektionen zu erfahren, haben wir den Fanzineschreiber, eines der wichtigsten Mitglieder der SW Sektion „Fabulous Massalia“ aus der Umgebung Saint Quentin (ca. 170 km von Paris) interviewt.

Erzähl uns erst mal über die Gruppe South Winners?

Die South Winners sind eine der wichtigsten Ultragruppierungen in Marseille und wurden 1987 gegründet. Sie stehen im oberen Teil der Südkurve und teilen sich die Kurve mit Commando Ultra´84. In Marseille verwalten die Gruppen die Dauerkarten selbst. Die SW hat 5500 Dauerkarten verkauft, jedoch besteht der Kern der Gruppe nur aus 300 Mitgliedern. Der Rest der Kurve sind Sympathisanten oder normale Zuschauer. Um ein richtiger South Winner zu werden, muss man von dem Kern der Gruppe anerkannt werden. Die Gruppe ist antifaschistisch und anarchistisch eingestellt. Die Farbe Orange der Gruppe bildet ein Kontrast zu den Farben Blau-Weiß von OM. Früher trugen fast alle Mitglieder der Winners ihre (Bomber-)Jacken verkehrt herum, um sich von den Boneheads der Kop of Boulogne (PSG) abzugrenzen.

Stell uns deine Sektion etwas näher vor?

Im September 2004 wird die „Fabulous  Massalia“ 10 Jahre alt, seit 6 Jahren sind wir eine offizielle Sektion der SW. Unsere Sektion umfasst 500 Leute, von denen 125 eine Dauerkarte haben. Die Meisten haben jedoch nicht die Mentalität Ultra´, und kommen nur zu den wichtigsten Spielen oder zu denen, die in ihrer Nähe stattfinden. Seit einem Jahr haben wir ein eigenes Fanzine, in dem wir schreiben, wieso wir zu fast allen Spielen in ganz Frankreich fahren, obwohl die Fahrt nach Marseille 1600 km in Anspruch nimmt.

Wie groß ist euer Einfluss auf die Hauptgruppe SW?

Unsere Gruppe hat kaum Einfluss bei den South Winners. Wir sind nur ein kleiner Teil der Winners Family. Die SW wollen eine Einheit sein, die sich gut versteht. Unser Einfluss macht sich nur bei Spielen in Nordfrankreich bemerkbar, denn ohne uns wäre die Stimmung dort noch viel schlechter, mangels Masse.

Habt ihr Freundschaften oder Kontakte zu anderen Gruppen?

Unsere Sektion hat keine Kontakte mit anderen Gruppen, die nicht aus Marseille sind. Es existieren nur persönliche Kontakte zu den Ultras aus Lens, Lille, Metz und Bordeaux.

Habt ihr politische Ideen? Sind sie für dich wichtig, auch im Stadion?

Unsere Gruppe kämpft gegen Faschismus und Rassismus. Jedoch steht im Stadion der Fußball im Vordergrund.

Wie bist du damals zu den South Winners gekommen, immerhin kommst du aus einer ganz anderen Region Frankreichs?

Meine Leidenschaft für OM ist dank der glorreichen Zeit mit Papin, Waddle und Mozer gekommen. Ganz Frankreich war damals von OM in den Bann gezogen. Am 26. Mai 1993 gewann Marseille als einzigster französischer Verein den Europapokal der Landesmeister. Ganz Frankreich zitterte mit OM vor dem Fernseher. Eine Saison später sah ich mein erstes Spiel von OM. Ich war absolut begeistert von der fanatischen und hysterischen Stimmung seitens der OM Fans. Schnell lernte ich den Chef der SW und den Präsidenten von MTP kennen – Patrice Deperetti er ist leider schon gestorben. Durch sie kam ich zu den South Winners.

Wie hoch ist das Ultra Niveau in Frankreich?

Ich denke die Ultras aus Frankreich haben einen guten Ruf, besonders dank der Gruppen aus Marseille, Paris und Saint Etienne. Was die Tifos betrifft, müssen wir uns glaube ich nicht vor unseren italienischen Freunden verstecken. Immer mehr Gruppen folgen ihren Mannschaften durch ganz Frankreich. Fast alle Gruppen fahren zu jedem Spiel und sind überall präsent. Das Hauptproblem bleibt jedoch die Mentalität. Der Unterschied zu Italien ist, dass das Gefühl einer Gruppe oder Kurve anzugehören, nur im Kern einer Kurve vorhanden ist. Der Einfluss der Gruppen ist daher begrenzt und die Solidarität innerhalb der Kurve ist nicht immer vorhanden. Jedoch kann man sagen, dass die französischen Ultras in den letzen Jahren große Fortschritte gemacht haben, und somit meiner Meinung nach direkt nach Italien und Griechenland kommen.

Glaubst du, die Marseille Fans haben eine ganz eigene Mentalität? Was macht diese aus?

In Marseille gab es die ersten Ultras in Frankreich. Die Ultrakultur existiert dort schon seit Anfang der 80er. In Marseille sind 6 verschiedene Gruppen aktiv, die jede ihre eigene Mentalität hat. CU 84 ist eine reine Ultragruppierung. MTP (Marseille Trop Puissant) und SW sehen dagegen auch den sozialen Aspekt, so dass arme Stadtviertel von der Arbeit dieser Gruppen profitieren. Die Kapazität der beiden Kurven umfasst 28000 Plätze. Marseille hat Millionen von Sympathisanten in ganz Frankreich. Jedoch haben nur wenige die Mentalität der Ultras, welche man in den jeweiligen Kernen der Gruppen wiederfindet.

Wie sieht es bei eurer Gruppe mit Problemen mit der Polizei und Ordnern aus, habt ihr oft mit willkürlichen Repressionen zu kämpfen?

Die Repressionen von Seiten der Polizei wird in Frankreich immer größer. Der aktuelle Trend der totalen Sicherheit wird von den Politikern genutzt, wirksam mit sehr viel höheren Sicherheitsmassnahmen gegen uns angeblich „gefährliche Hooligans“ vorzugehen. Die Fanbewegung leidet in Frankreich unter Fehlinformationen von Seiten der Medien, wodurch die öffentliche Meinung manipuliert wird. Letztes Jahr wurde z.B. die Gruppe MTP 12 Stunden in einer Nebenstrasse zum Stadion von der Polizei festgehalten, ohne dass davon etwas in der Presse stand. In Paris und St. Etienne wurden alle Busse samt Insassen aus Marseille komplett von der Polizei durchsucht. In Lille wurde am Ausgang jeder Marseille Fan einzeln gefilmt, obwohl während des Spiels nichts passierte. OM hat in dieser Saison schon 100000 Euro Strafe zahlen müssen, wegen pyrotechnischen Gegenständen in den Kurven seitens der OM Fans. Alle Gruppen leiden sehr unter den immer stärker werdenden Repressionen, so dass am 19. Juli 2003 ein erstes landesweites Ultratreffen stattfand, wo man über weiteres Vorgehen und Aktionen gegen Repressionen diskutiert hat. Mittlerweile treffen sich über 40 Gruppierungen regelmäßig zu landesweiten Ultrakonferenzen gegen Repressionen. Ich denke die französischen Ultras sind reifer geworden, sie können Rivalität vergessen, um gemeinsam erfolgreich gegen die Repressionen zu kämpfen.

Zum Abschluss des Interviews noch die Frage, was hältst du von der deutschen Ultraszene, und speziell von den Fans von Sankt Pauli?

Was mich betrifft, interessierte mich zunächst nur Italien und nicht die Länder weiter nördlich. Jedoch habe ich letztes Jahr zum ersten mal die Zeitschrift Erlebnis Fußball gelesen, und ich war sehr beeindruckt von den deutschen Tifos. Ein Vorteil für viele deutschen Gruppen ist, dass sie tolle Stadien haben, wo der Kreativität der Choreos keine Grenzen gesetzt sind. Sankt Pauli hat in Frankreich den Ruf, absolut antifaschistisch zu sein. Wenn man in  Frankreich vom Antifaschismus in Deutschland spricht, denkt jeder französische Ultra` sofort an Sankt Pauli. In Marseille sieht man sehr viele Sankt Pauli T-Shirts. Ich hoffe, das Sankt Pauli schnell wieder aufsteigt. Vielleicht werden einige von uns euch demnächst in Hamburg besuchen…

Das Interview ist schon etwas älter, das genaue Datum hatten wir auf die schnelle leider nicht mehr im Kopf.

Fussball und Rassismus im Wandel – Akzeptanz in der Öffentlichkeit? – Ein Blick nach Ungarn -

In Ungarn wurde anfangs diesen Monats gewählt. Die rechtsextreme Jobbik-Partei erhielt dabei über 16 % der Stimmen. Besonders durch rassistische Parolen, speziell einen ausgeprägten Antiziganismus konnte diese Partei im Vorfeld der Wahlen Unterstützung für sich gewinnen.
Wie sich das gesellschaftliche Problem des Rassismus auch im Fußball widerspiegelt, zeigt uns ein Leserbrief aus Ungarn, den wir vor einiger Zeit auch schon einmal im Südkurvenbladd‘l abgedruckt hatten.

Nachdem ich nun seit einigen Jahren ansteigend und fast monatlich intensiver meinen Verein den FC Bayern begleite und unterstütze, denke ich beurteilen zu können, welche Einstellung unsere Kurve im Grundkonsens gegenüber Diskriminierung jeglicher Art, aber im speziellen gegen den „Virus“ Faschismus trägt und nach aussen hin vertritt. Nicht zu letzt ist genau diese hiermit gemeinte, weltoffene und freiheitsliebende Einstellung unserer Kurve, die Frucht von vielzähligen, intensiven und inhaltlichen Aktionen, welche mit viel Engagement und Herzblut von unseren Leuten vorbereitet und durchgezogen worden sind. Ein Beispiel hierzu ist das ja bald wieder stattfindende „Kurt – Landauer – Turnier“ welches zu Ehren unseres damals von den Nazis verfolgten und verbannten jüdischen Präsidenten abgehalten wird.
Leider höre ich aber oftmals die teilweise nicht wissenden, teilweise aber ignoranten Stimmen derjenigen, welche die Meinung vertreten, dass genau solche Aktionen nicht in unsere „Süd“, ja nicht einmal in Verbindung mit ihr stehen sollten, da ja nach Ihren Meinungen, Fussball mit Politik nichts zu tun hat, oder haben sollte. Nun, hinter dieser Aussage kann ich nicht stehen, beziehungsweise möchte die absolute Notwendigkeit für immer wiederkehrende Tätigkeiten dieser Art mit folgenden Erfahrungen unterfüttern.
Da es mich beruflich seit ca. 2 Jahren regelmässig in das wunderschöne Ungarn verschlägt und dort mittlerweile aus vielen Kollegen, gute Freunde geworden sind, ist mir der Fussball vor Ort genauso ans Herz gewachsen. Einige meiner Freunde sind aktive Mitglieder in den Tifos vor Ort und von einem möchte ich euch heute berichten, dessen Geschichte ihr kennen solltet um meinen oben aufgeführten Ansatz im Detail zu verstehen.
Tamàs (Name geändert) ist nun seit seiner Kindheit grosser Fan des ungarischen Traditionsverein Ùjpest FC und wie bei vielen von uns ist die anfängliche „einfache“ Symphatie zu diesem Verein, im Laufe der Zeit mehr und mehr gewachsen und hat mit dem Beitritt zu der dort ansässigen Ultragruppierung, den „Viola Bulldogs“, seinen Höhepunkt erreicht. Die lila flatternden Fahnen, die lautstarken Gesänge wie aus einer Kehle, die hell leuchtenden Bengalos und der ach so gut riechende Geruch von Rauch haben ihn von Anfang an fasziniert und in einen Bann gezogen. Nebenbei bemerkt, wer von uns kann dies nicht verstehen, ist es uns doch wahrscheinlich ähnlich ergangen. Jedesmal wenn er von der „guten alten Zeit“ im Block spricht, glänzen seine Augen, er erzählt mir von seinen Erlebnissen in den diversen Stadien, vom Support seiner Gruppe, den auch dort mittlerweile extremen Repressionen gegen die ansässigen Ultras, im Gegenzug hört er mir wie gebannt zu, wenn ich ihm von meinen Erfahrungen berichte und er versteht jeden Kilometer den ich auf der Strasse verbringe, nur um meinem Verein nahe zu sein und seine Farben weit über das Bundesgebiet hinaus zu vertreten. In letzter Zeit grenzen wir dieses Thema aber immer häufiger aus, wenn wir uns sehen. Ihr werdet euch jetzt fragen, warum dies der Fall ist, gibt es doch nichts schöneres, als über Fussball zu sprechen und fachzusimpeln. Nun, wenn ihr den Hintergrund kennt, versteht ihr wahrscheinlich, weswegen ich ihn damit lieber nicht mehr belasten möchte. Alles hat begonnen, als Tamás merkte, dass immer häufiger rechtsradikale Parolen von Teilen der Gruppe skandiert worden sind, speziell wenn es gegen den grösstenteils aus jüdischen Bürgern bestehenden Club von MTK Budapest ging. Anfänglich dachte er sich nichts dabei und blieb bei solchen Gesängen dann eben einfach still, schliesslich waren es ja „nur“ Lieder und die tun ja niemanden weh und überhaupt gehört ein wenig Hass zum Fussball ja dazu. Auch bei den typischen Gesten, handelt es sich ja nur um Provokationen gegenüber den gegnerischen Fans. – Hätte er lieber diese Einstellung seiner Gruppe zu damaligen Zeitpunkt schon ernsthaft hinterfragt. – Was Ihm damals schon aufgefallen ist, waren die ständigen hitzigen Gespräche, ging es um das Thema Zigeuner in Ungarn. Diese seien ja an der schlechten Lage des ungarischen Staates alleine Schuld, das Geld das die kriegen, bekommen sie fürs nichts tun und schlecht benehmen tun die sich auch alle. Richtig ernsthaft auseinandergesetzt hat sich Tamás mit diesem Thema nicht, schliesslich hatte er ja auch schon die ein oder andere kleinere schlechte Erfahrungen mit diesen Leuten gemacht. Wo es ging, schwieg er bei diesem Thema, da er ja nicht generell gegen diese Mitbürger in Ungarn war, aber sich eben auch nicht den Missmut seiner Freunde zuziehen wollte, schliesslich ging es ihm ja um den Fussball und den Support und um seinen Verein den Ùjpest FC, das war was zählte, sonst nichts.
Vor einigen Monaten lernte Tamás bei einem abendlichen Besuch in Budapest (nebenbei bemerkt eine der schönste Städte die ich je gesehen habe) die hübsche Katalin (Name geändert) kennen. Er hat Sie mir kurz darauf vorgestellt und ich muss sagen, man merkte sofort, dass beide auf einer Wellenlänge schwebten, Katalin ist eine sehr hübsche, sympathische und obendrein intelligente Frau. Am selben Abend lud Sie uns zu sich nach Hause ein und kochte für uns, auch Ihr Eltern waren anwesend und als ich die Wohnung betreten habe, sah ich ein grosses Gemälde an der Wand, welches darauf hindeuten ließ, dass die Familie jüdischen Glaubens ist, was sich später auch als Wahrheit erwies. Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass ich anfänglich sehr verkrampft war, bin ich doch erstens Ausländer und zweitens noch zusätzlich Deutscher. Ich gebe schon zu, dass ich etwas nervös war, die Familie kennenzulernen, wie würden sie auf mich reagieren? Alle Sorge war aber unnötig, denn eine solche Gastfreundschaft wie dort, habe ich noch selten erlebt. Da kann sich unsere Nation eine gehörige Scheibe davon abschneiden, wüsste nicht wie Leute hierzulande reagieren würden in einer umgekehrten Situation, grossen Respekt an diese Familie.
Katalin wollte bald darauf, wie es viele verliebte tun, natürlich die Hobbys und den Tagesablauf von Tamás näher kennenlernen und leider anders als hierzulande, ist es nicht gang und gebe, dass Mädels und Frauen die Kurven in den Stadien bereichern, aber trotzdem nahm Tamás sie mit und war eigentlich ganz stolz auf seine Liebe, als Sie im Block bei Ihm war.
Leider sahen das seine sogenannten Freunde im Block nicht so, denn was nach dem Spiel folgte, lässt mir heute oft noch die Tränen in die Augen steigen. Durch die Wohngegend Katalins und durch Ihren Nachnamen, war auch diesen Leuten schnell klar, welche Abstammung die neue Freundin von Tamás hatte. Sie prügelten Sie und Ihn durch die halbe Stadt und beendeten diesen Albtraum mit den Worten: „Wir wollen dich und deine Schlampe nie mehr bei uns hier sehen, hier ist kein Platz für dieses Gesocks!“
Als ich die Geschichte das erste Mal hörte, konnte ich es nicht glauben, sowas könnte bei uns in München nie passieren! Wirklich nicht? Mittlerweile bin ich mir da ziemlich sicher, dass sowas bei uns nicht passieren würde, aber bitte hinterfragt mal warum das so ist und denkt bitte auch daran, dass vor noch gar nicht so langer Zeit noch Sprüche wie: „SS, SA Bavaria“ durch die Stadien hallten. Als Spass würde ich das nicht mehr bezeichnen, denn ihr seht ja was passieren kann, wenn man das Thema nicht ernst nimmt, oder gar versteckt oder nicht wahr haben will. Nur wenn wir uns ALLE aktiv gegen den Faschismus und Diskriminierung stellen, treiben wir die Nazis aus unserer Südkurvenheimat. Nur wenn wir Ihnen keine Plattform mehr bieten, verschwinden sie und „keimen“ nicht wieder neu. Wir dürfen deshalb nie aufhören, dies aktiv in unserer Kurve zu zelebrieren, was wir momentan tun, den Faschismus den Kampf ansagen! Nur so vertreiben wir dieses Pack Stück für Stück aus Ihren Lebensräumen. Deshalb mein Appell, bitte überhört es nicht, wenn einer neben euch zum Beispiel Sachen brüllt wie: „Du Schwarze Sau“ oder „Dreckiger Jude“, das ist keine Kleinigkeit, ihr seht ja was passieren kann. Zusätzlich bin ich den Leuten, die solche Sachen immer wieder auf die Beine stellen tausendfach dankbar und verspreche, wo es geht hier zukünftig aktiv mitzuhelfen.

„Freedom is very expensive. It is necessary to either, give up and learn to live without it, or take the chance and pay its price!” -José Marti 1880-
PS:
Meinen beiden Freunden geht es mittlerweile wieder den Umständen entsprechend gut, aber die Lust auf Fussball ist Tamás vergangen, deshalb nochmals, lasst euch dieses wertvolle Volksgut „Fussball“ nicht nehmen, kämpft dagegen an, hier und überall! Ruhe und keine Eskalation ist gut, aber wo es notwendig ist (und hier ist es notwendig) müssen wir aufstehen und uns wehren!

„Wer die Freiheit zugunsten temporärer Sicherheit aufgibt, hat weder Freiheit noch Sicherheit verdient!“

Selbstverständnis Ultramarines Bordeaux

Wer bei unserem Spiel diese Saison in Bordeaux dabei war, hat sicher noch den imposanten Auftritt der Heimurve im Gedächtnis. Hier liefern wir Euch einen kleinen Auszug aus einem Interview mit der führenden Gruppe der Virage Sud, den Ultramarines Bordeaux 1987. In diesem kurzen Ausschnitt beschreiben die Ultramarines, wie sie ihr Dasein als Ultras verstehen.

„In der Gruppe entwickelte sich ein Lebensideal, das den Jugendlichen gestattet, sich auszuleben. Das, was sie in einer Gesellschaft, die nur an Geld statt den Werten des Menschen interessiert ist, nicht schaffen umzusetzen, finden sie in unserer Gruppe. Immer zusammen unterwegs sein und die gleichen Wege bestreiten schafft Kontakte, die zu Freundschaften werden und immer stärker wachsen. Letztendlich ist die Solidarität so groß, dass sie sich nicht mehr nur auf den Spieltag beschränkt.
Die Liebe zu dem Verein, zu der Gruppe, macht uns Ultras stolz, ein Teil von dieser Bewegung zu sein. So sind wir bereit, unsere Bewegung mit viel Ehre zu verteidigen und haben dabei unsere Grenzen gesteckt. „Basta lame, basta la infami“. So verteidigt ein Ultra die Gruppe, wenn es nötig ist, nur mit seinen Fäusten, gefährdet dabei aber nie das Leben Unbeteiligter.
Seit einigen Spielzeiten haben wir uns auch für den Kampf gegen den Rassismus ausgesprochen. Viele Mitglieder unserer Gruppe kämpfen aktiv für den Humanismus. […]
Auch soziales Verhalten und Auftreten ist für uns sehr wichtig. Mit dem Ziel, unsere Werte in die Tat umzusetzen und auf ein größeres Level zu führen. Schon oft halfen wir sozialen Einrichtungen, um unserer Vision von der Gesellschaft einen Schritt näher zu kommen. So organisieren wir jedes Jahr mit den Devils eine große Lotterie für soziale Zwecke, z.B. deckten wir so schon mal die Hälfte eines Etats eine sozialen Restaurants in Bordeaux. Wir Ultras sind keine Vandalen, ganz im Gegenteil geben wir oft Lektionen der Menschlichkeit an die, die es könnten, aber nicht machen.
[…]
Leider müssen wir umso deutlicher betonen, dass unser Platz durch die aktuelle Entwicklung (Fernsehen, den kommerziellen Fußball und die immer härter werdende Justiz) gefährdet ist.
Bei uns Mitglied zu werden, sichert unser Fortbestehen. Und damit sichern die Mitglieder in dieser Welt des Fußballs die Sonnenstrahlen, die die bekannten Fankurven darstellen, und allein fähig sind, die Wolken aus grünen Geldscheinen zu durchbrechen.“
(Ultramarines Bordeaux in Erlebnis Fußball Nr.23)

Wenn ihr Euch noch genauer über die Gruppe informieren oder einfach nur ein paar Fotos aus Bordeaux ansehen wollt, ist die Homepage der Ultramarines sicher ein guter Anfang.

Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure

Diese Zeile aus einem Klassiker der Hamburger Band „Slime“ kennen wohl die meisten von uns. Der weitere Text ist beliebig erweiterbar. Wir wollen es nicht nur bei der Justiz bewenden lassen. Wir glauben wohl mittlerweile alle auch eher an die Unschuld der Hure, als an die Gerechtigkeit der deutschen Polizei. Als Teenager hat man dies mitgegrölt, ohne aber wirklich direkt davon betroffen zu sein. Vielleicht hat man die Textzeile sogar etwas belächelt und sich gedacht: „Naja, die ewig besoffenen Assel-Punker vom Kiez, die müssen sich ja nicht wundern, wenn sie immer Ärger haben, so wie die sich benehmen oder wie die aussehen.“ Das Bild von der deutschen Polizei/Justiz war sicherlich für viele von uns lange Jahre in Ordnung. Richterliche und ausführende Gewalt kannte man von der Schule und das war es auch schon in den meisten Fällen.
Dass dies anders geworden ist, wissen wir. Als aktiver Fan ist die Auseinandersetzung mit Polizei und Justiz zum Alltag geworden und der Klassiker von Slime hat mehr Bedeutung denn je. Dadurch hat sich auch der Blick auf die in unserer Gesellschaft geachteten Institutionen geändert. Warum? Weil keine Gerechtigkeit, sondern Willkür herrscht! Diese Willkür wird mit einer einzigartigen Arroganz ausgeübt und von den meisten Teilen der Bevölkerung wird keine Maßnahme der Institutionen Polizei/Justiz kritisch hinterfragt.
Man hat es geschafft durch eine groß angelegte Medienkampagne im Vorfeld der WM2006, die Bevölkerung auf „Kurs“ zu bringen um Grundrechte für eine „Randgruppen“ (nichts anderes sind aktive Fans/Ultras/Hooligans) ungültig machen zu können. Nach den Anschlägen vom 11.September konnte man in vielen Ländern beobachten, wie die Einwohner blind den Politikern folgten, als sie Bürgerrechte außer Kraft setzten und damit Sicherheit versprachen. Die Pläne für diese Maßnahmen lagen schon lange in den Schubladen end endlich lieferte der 11.09.2001 den lang gesuchten Grund sie rauszuholen und umzusetzen. Alles im Namen der Freiheit. Einige Maßnahmen wie z.B. die Durchführung der sog. Rasterfahndung, wurde kürzlich vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig in einigen Bundesländern beurteilt. Da fragt man sich doch unwillkürlich ob die ausführenden Organe die eigene Verfassung nicht kennen. Sicher kennen sie diese, aber es ist zur Normalität geworden Verfassung und Bürgerrechte mit Füßen zu treten. Konsequenzen gibt es keine für die handelnden Personen/Institutionen. Das Wort „Hooligan“ ist sicherlich das mit am meisten gebrauchte im Jahr 2006. Sogar Menschen, die mit Fußball nichts zu tun haben und ihr spießbürgerliches Leben in einer klinisch reinen Vorstadt führen, haben zu diesem Thema mittlerweile eine Meinung und reden mit. Sie wissen zwar nicht von was und von wem, aber sie plappern einfach das nach, was ihnen in den Medien vorgegaukelt wird, lassen dann den Rollladen runter und hoffen, dass kein „Gewalttäter“ durch ihr Gemüsebeet trampelt heute Nacht. Jeder der nicht als „Jubelperser“ mit Trikot und viel Farbe im Gesicht zum Fubbes geht, wird neuerdings als Gewalttäter sprich Hooligan bezeichnet. Inzwischen wird ja auch schon von „Störern“ gesprochen. Nun wird alles noch allgemeiner. Denn was ist denn letztlich ein Störer??? Und wer beurteilt, was „stören“ ist? Nun, dies wird wohl die ausführende Behörde, sprich die Polizei beurteilen. Und was dabei herauskommt, hat man im Ligaalltag schon zur genüge erlebt. Wenn so Aussagen getroffen werden wie: „die Polizei genehmigt das nicht“, dann muss ich mich fragen, woher diese das Recht nimmt als Gesetzgeber aufzutreten? Ein interessanter Aspekt bei der ganzen Sache ist allerdings, dass in Deutschland der Ansatz der „Unschuldsvermutung“ außer Kraft gesetzt wurde. Nun müssen nicht mehr Polizei und Staatsanwalt beweisen, dass jemand zu den „Störern“ gehört, sondern der Angeklagte muss beweisen, dass er nicht dazugehört. Ist dies eigentlich mit unseren Gesetzten vereinbar? Die Polizei ergeht sich oft in allgemeinen Phrasen wie, „es liegen hinreichende Verdachtsmomente vor“, ohne aber eventuelle Fakten auf den Tisch zu legen. Wenn sie einen Verdacht haben, dann sollen sie diesem von mir aus nachgehen, aber solange nichts bewiesen ist, muss der Verdächtige als unschuldig gelten.
Was auch wieder eingeführt wurde ist der Generalverdacht bzw. die Sippenhaft. Man gehört zu einer bestimmten Gruppe von Leuten oder bewegt sich in ihrem Umfeld, als war man dabei oder ist prinzipiell bei allem was passiert im Kreis der Verdächtigen. Ein Richter tätigte Bei einer Verhandlung eines Verkehrsdeliktes eine interessante Aussage. Es ging darum, ob der „angeklagte“ bei rot über die Ampel gefahren ist oder nicht. Er sagte, dass dem nicht so war, der Polizist behauptete das Gegenteil. Aussage gegen Aussage. Urteil: Der „angeklagte“ war 4 Wochen seinen Führerschein los und musste zahlen. Auf den berechtigten Protest des Verurteilten sagte der Richter, dass er seinen Beruf an den Nagel hängen könnte wenn er nicht mal mehr seinen Polizisten glauben kann. („ich stifte den Nagel“, gez. Die Redaktion) Aus Sicht des Richters absolut nachvollziehbar. Leider ist es aber wirklich so, dass man einem guten Teil der Ordnungskräfte keinen Glauben mehr schenken kann. Diese nutzen ihre Stellung in der Gesellschaft brutal was, um ihre Macht zu sichern und zu erweitern. Vor jedem Spiel wird eine Hysterie geschürt, mit der sich alles begründen läst. Die Polizei stuft die Zahl der anreisenden gewaltbereiten Fans auf eine bestimmte Zahl ein. Keiner hinterfragt diese oder wagt es, Kritik zu üben. Denn dann würde das „Totschlagargument“ kommen: „wer übernimmt die Verantwortung wenn etwas passiert?“ Es geht bei der Polizeibehörde aber auch ganz konkret um Stellen und Posten und Vergütungsgruppen. Wenn nun ein örtlicher Einsatzleiter nicht jedes mal aufs neue Zustände wie damals in Heysel prophezeien würde, wäre er seinen Job bald los bzw. würde eventuell seine Einheit verkleinert oder aufgelöst oder mit einer anderen zusammengelegt werden.
Und es geht auch um Geld. Je größer das Horrorszenario, umso leichter lassen sich Beschaffung von Ausrüstung etc. durchsetzen und Mittelzuteilungen für was auch immer erreichen und rechtfertigen. Hier ein Bespiel für die Einschätzung der Polizei und was daraus wurde. SWR3 brachte einen großen Bericht darüber und ließ (oh Wunder), die Geschädigten zu Wort kommen. Dabei übernahmen sie nicht nur den Polizeibericht: Eine größere Gruppe junger Leute grillte an einem Baggersee. Es wurde gesungen, getrunken – was man eben so macht. Auf einmal rückten die Staatsdiener an. Mit Flutlicht erhellten sie den Grillplatz. Die Polizei war maskiert und in voller Montur („Ninja Turtles, Ninja Turtles, hey, hey!“). Jeder der ca. 50 jungen Leute musste einzeln an eine Tischtennisplatte vortreten und wurde dort erkennungsdienstlich behandelt. Kein Wort, warum oder wieso dieser Einsatz stattfand. Einzelne, die sich nicht sofort an jede noch so kleine Anweisung der Polizei hielten (z.B. nicht schnell genug die Hände aus der Tasche hatten) wurden geschlagen und mit Kabelbinder gefesselt auf den Boden gelegt. Nach drei Stunden war alles vorbei und die Polizei rückte gegen 2 Uhr in der Nacht ab. Erst drei Tage später erfuhr man, warum das ganze passierte. Ein Streifenwagen hatte gemeldet, dass hier eine Geburtstagsparty von rechtsradikalen Skinheads statt finden würde. Als der gesamte Tross am Einsatzort war konnte man nur vereinzelt junge Männer erkennen, die mit Jeanshose und Jacke (O-Ton) bekleidet waren. Bei näherem Betrachten fiel anscheinend niemanden auf, dass weder ein Kahlköpfiger darunter war und auch nicht, dass sich ausländische Jugendliche in der Gruppe befanden. Die Partygäste gehörten keiner Szenen an, die irgendwie etwas mit dem Gesetz zu tun hat. Laut Aussage eines Betroffenen hat er zum ersten Mal den ?Rechtsstaat in Aktion erlebt?. Die Polizei hatte einen “Verdacht“ und zog einfach das Vollwaschprogramm durch. Basta! Die Anzeige gegen die Polizei wird wohl auch wieder im Sand verlaufen…
Wie läuft es denn jetzt mit den Gefährdeansprachen und Meldeauflagen im Vorfeld der WM? Die Polizei legt fest wer „gefährlich“ ist und wer nicht und dann wird losgezogen und Hausbesuche gemacht. Dabei wird mehrfach Recht gebrochen. So kann es nicht sein, dass die Polizei Eltern von Volljährigen besucht und diese in den ganzen Sachverhalt einweiht und so in vielen Fällen schon das „Familiengericht“ wartet, wenn derjenige nach der Arbeit nach Hause kommt. Es kann auch nicht sein, dass die Polizei bei Eltern von erwachsenen Fans anruft, obwohl diese schon Jahre nicht mehr bei ihnen wohnen und ausrichten lässt, dass sie sich bei der Kripo melden sollen und auch noch den verdutzten Eltern erklärt, um was es denn geht. Und gefährlich im Sinne von gewaltbereit muss man heutzutage ja gar nicht mehr sein, um Besuch zu bekommen. So wurde einem jungen Herrn von dem Zivi gesagt, dass er beim Fußball eben immer durch Kraftausdrücke und ungebührliches Benehmen auffallen würde. Das alleine reicht also heute schon. Gegen den Fan lag noch nie ein Ermittlungsverfahren vor, es gab keine Verhaftung und schon gar kein Strafverfahren. Prost, Mahlzeit! Was will man aber erwarten, wenn Gerichte schon solche Urteile fällen: „Verwaltungsgericht Saarbrücken erlaubt eine Woche vor WM-Beginn das völlige Entkleiden unverdächtiger Fans durch Polizei. Weibliche und männliche Fußballfans, die „unscheinbar und unverdächtig“ sind? dürfen ohne Angabe von Gründen vor dem Stadionbesuch von der Polizei nackt ausgezogen werden. Dies geht aus dem Urteil hervor, dass vom Verwaltungsgericht Saarbrücken unter Aktenzeichen 6 K 74/05 eine Woche vor der WM veröffentlicht wurde.“ (Auszug aus einem Forum)! Da sitzt man in einer Verhandlung gegen ein Stadionverbot, dass auf puren Verdacht hin ausgesprochen wurde und der Richter beäugt den Kläger gleich ganz anders, weil hier auch ein Polizist anwesend ist und dann an der Sache schon etwas dran sein muss. Das Schicksal der Hamburger Jungs ist uns allen bekannt. Hier nur die Aussage des Anwalts, welche im Hamburger Abendblatt zu finden war und alles sagt: “ Der mit dem Fall betraute Rechtsanwalt Norbert John hat in seinem Beruf viel erlebt, aber Bethges Geschichte erschüttert auch ihn. Es gab keine Beweise, noch nicht einmal Anhaltspunkte, die gegen Nils vorlagen. Die Konstruktion des ganzen Falls war abenteuerlich. Als Haftgrund wurde Verdunklungsgefahr genannt, weil er mal einen Bekannten gefragt hatte, ob der gegen ihn ausgesagt habe. Der Junge hatte einen festen Arbeitsplatz und einen festen Wohnsitz vorzuweisen und keinerlei Eintragungen in seinem Strafregister. Ihn in U-Haft zu nehmen, das war völlig abwegig“, sagt er. Die Polizei/Justiz spricht immer davon, dass es im Stadion keinen rechtsfreien Raum geben darf. Selbst schafft sie diesen tagtäglich. Bei alledem stellt sich nur die Frage, wie man diesen Zustand der Rechtsbeugung ändern kann? Wohl nur, wenn man es schafft einen Großteil der Bevölkerung für das ganze zu sensibilisieren. Aber hier herrscht immer noch die Meinung vor: „Wer sich nichts zu schulden kommen lässt, hat auch nichts zu befürchten?!“ Bis es einen mal beim Grillen am Baggersee erwischt??…!
Anscheinend bekommt jede Gesellschaft die Polizei/Justiz/Politik die sie verdient. Und unsere steht nur dabei und mischt sich nicht ein. Wer hier wegen eines Anliegens auf die Straße geht, wird als Störer, Randalierer etc. auch von „Otto-Normalbürger“ bezeichnet. Und natürlich hat man sich seine Meinung schon längst geBILDet und sicherlich auch schon auf Vox eine der unzähligen Reportagen über Ruhestörer, Quertreiber und Hooligans gesehen. Die Bevölkerung giert nach Ruhe und Sicherheit um sich gemütlich dem Konsum widmen zu können und jeder, der hier nicht zu 100% konform geht und selbst kreativ sein möchte und vieles hinterfragt gilt als potenziell gefährlich. Fortschritt wird in unserem Land mit der Weiterentwicklung der X-Box definiert und Freiheit mit einem großen Polizeiaufgebot. Nicht umsonst singt Jan Delay: „Wo andere ein Herz haben, hat Deutschland (und viele andere Länder auch) `ne Alarmanlage.“

In diesem Sinne – justice for all?!
Mad

Aus PadA, Ultrazine der Phönix Sons, Ausgabe 15, Rückrunde 05/06

Ausgesperrt – Wie Stadionverbot das Leben verändert!

Ein magischer Gedanke
Der eine oder andere erkennt sich in diesem Text vielleicht wieder, dennoch bleibt es ein Einblick in die persönliche Gedankenwelt eines Ausgesperrten, dessen Vereinsfarben keine Rolle spielen sollten. Die einzelnen Schicksale unterscheiden sich voneinander, aber das Gefühl ist sicherlich überall gleich.

Es liegt aber wohl genau darin, dass die summierten individuellen Geschichten diese bemerkenswerte Solidarität ausmachen, die einem die Hand reicht, wenn man zu ertrinken droht.

Ich habe Stadionverbot. Bis zum 30.06.2010 darf ich bundesweit kein einziges Stadion betreten. Wie ich dieses Datum hasse. Mein Verein, meine Hingabe, mein Leben wird mir für Insgesamt drei ein halb Jahre auf einer Weise verwehrt bleiben, die ich über Jahre angefangen habe zu lieben.

Rückblick – Februar 2007: Es klingelt an der Tür. Ich laufe ganz normal, ohne jeglichen Hintergrundgedanken zur Tür. Es ist die Post. In einem gewohnt freundlichen Ton begegnet mir die Postbotin „Hallo, einmal hier bitte unterschreiben.“ und drückt mir einen Umschlag in die Hand. Ein Blick auf den Absender und spätestens jetzt habe ich kapiert, worum es geht. Fassungslos, fast perplex kritzle ich meinen Namen irgendwo hin, ist mir doch jetzt bewusst, was für Zeilen ich gleich lesen werde. Ich mache den Brief auf und traue meinen Augen nicht. Bundesweites Stadionverbot für die nächsten 3 ½ Jahre, das kann nicht sein! Geschockt von dieser Nachricht, von diesen verhassten und unerwarteten Zeilen suche ich Ablenkung, die ich aber nicht fand. Es lag wohl in der Tragik des Tages, den es sollte noch schlimmer kommen…

Als mein Vater abends nach Hause kam wurde ich mit der zweiten Hiobsbotschaft konfrontiert. Er hat mir mitgeteilt, dass sich sein gesundheitlicher Zustand verschlechtert hat… Er hat Krebs.

Wie von einem Blitz getroffen versank ich in das tiefste Loch vollster Depression und Trauer. Ich habe noch nie so einen schmerzvollen Tag zuvor erlebt, mit zwei Nachrichten, die mein Leben verändern und prägen sollten.

Nun ist über ein Jahr vergangen, mein Vater hat den Kampf gewonnen, ich bin dabei meinen nicht zu verlieren. Es lassen sich wenige Parallelen zwischen den Kampf gegen den Krebs und dem ideologischen Kampf eines Ultras ziehen, dennoch vermag ich diesen wenigen eine große Bedeutung zuzusprechen. Durch meinen Vater und seine Art zu kämpfen habe ich gelernt, was es bedeutet, an sich zu glauben und niemals aufzustecken – auch in den vermeintlich hoffnungslosesten Momenten des Lebens.
Meine anfängliche Reaktion der Sprachlosigkeit und Resignation wandelte sich allmählich in eine gemischte Gefühlswelt um, Trauer und Wut auf der einen, Mut und Hoffnung auf der anderen Seite. Trauer über den Verlust des Essenziellen eines Ultras, nämlich im Stadion mit seinen Freunden die Farben seines Vereins ehrwürdig zu repräsentieren.

Singen, hüpfen, klatschen – einfach seine Mannschaft anfeuern und mit seinen Freunden gemeinsam die Kurve zum Leben erwecken, das ist für mich das Magischste und Unersetzbarste. Besonders in kleineren Gruppen sind Verluste kaum zu verkraften und deutlicher zu spüren, bedeuet es nicht nur ein Dezimieren der Anzahl der Gruppenmitglieder im Stadion, sondern eben auch eine Schwächung der mentalen Gruppenstärke als solche.
Umso tragischer, wenn gerade dem Trommler dieses Schicksal widerfährt. Schnell verwandelt sich die Abwesenheit im Stadion zu einer Hilflosigkeit in der Gruppe, muss man jetzt den Posten des Trommlers neu besetzen und das ist bei weitem nicht einfach. Es braucht sehr viel Zeit und Geduld, bis die Gruppe mit dem Taktgeber und andersherum harmoniert und sie sich quasi „blind“ verstehen. Für die Gruppe, für die Kurve zu trommeln bedeutet viel Verantwortung zu übernehmen und diese gezwungenermaßen zu übertragen ist ein langer und harter Prozess.
Aber neben Trauer über die beschissene Gesamtsituation, hat auch Wut einen großen Anteil in meinem Gefühlschaos.
Wut über den gemeinsamen Feind, der uns immer das Leben zur Hölle macht – Repression, Willkür aber auch Vereinspolitik. Ich denke jeder weiß, wovon ich spreche. Wir erleben ständig die pauschale Kriminalisierung, sei es seitens des Staates oder der Medien. Kriminalisierung und Pauschalisierungen in Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen ist leider schon trauriger Alltag.

Als SVler kriegt man die ganze Repressionswucht des Staates zu spüren. Angefangen von Ingewahrsamnahmen bei Auswärtsfahrten bis hin zu Ausreise- und Städteverboten. Die Einschränkungen der Freiheit kennen keine Grenzen, schon gar nicht beim Fußball. Es reicht lediglich diese Erkennungsdienstliche Behandlung, wo einem die Fingerabdrücke genommen, Fotos aus jedem Blickwinkel geschossen und zum Teil intime Fragen nach körperlichen Merkmalen gestellt werden. In Extremfällen kommt es sogar zu DNA-Tests. Nichts bleibt erspart…

ein lächerlicher Vorwurf reicht, dass der Staat das recht hat, dir etwas so Intimes und Persönliches wie beispielsweise der Fingerabdruck zu rauben. „Wenn man nichts zu verbergen hat sollte das einen auch nicht stören.“ – dieses „Argument“ hört man oft von der Gegenseite. Denen ist zu sagen, dass sie gerne freiwillig und reinen Gewissens einfach mal ihre Fingerabdrücke abgegeben können. Ich würde zu gern wissen, wie sie sich danach fühlen und ich wette es wird identisch sein, mit den Gefühlen jedes anderen. Ein verdammt mieses Gefühl, ein Gefühl des Verlusts der menschlichen Anonymität, die paradoxerweise für menschenwürdiges Leben in unserer schier kontrollierten Gesellschaft unverzichtbar und fast unerreichbar scheint. Für ein bisschen Pseudosicherheit wird alles überwacht, jeder kontrolliert und das alles auf Kosten unseres Rechts auf persönliche Entfaltung und individueller Freiheit. Aber auch im Alltag abseits des Fußballs erlebe ich eine ständige Konfrontation mit diesem unangenehmen, beschissenen Thema.

Man spürt nicht nur, dass einem lediglich der Stadionbesuch verwehrt wird, sondern vielmehr, wie weit einen diese Situation ständig verfolgt. Man wird permanent damit konfrontiert und ständig beeinflusst und kann sich nie richtig davon losreißen. Ich habe manchmal echt das Gefühl, das SV verfolgt mich. Rechtfertigung gegenüber Familienangehören, Freunden und Bekannten bis hin zu Arbeitskollegen oder seinem Chef, den Eltern seiner Freundin. Von jedem wird es aufgegriffen. „Was du hast Stadionverbot? Bis 2010?! Was hast du denn gemacht?“ heißt es seitens des Schulfreunds oder Arbeitskollegen und es dauert wirklich nicht lange und man ist der „Fußballasi und Hooligan“.

Wobei man diesen oberflächlich denkenden Menschen keinen Vorwurf machen kann. Schließlich weiß jeder von uns, wie schwierig bzw. unmöglich es ist, seine Mentalität Außenstehenden zu erklären. Lässt man diesen Versuch wiederum aus, wird man auf Dauer auch nichts dazu gewinnen und Vorurteile werden nie aus der Welt geschaffen werden. wie dem auch sei, egal was Leute denken, mir ist es ehrlich gesagt auch ziemlich egal, zumal ich es nicht mehr ertragen kann mich ständig vor irgendwelchen Leuten rechtfertigen zu müssen, warum ich nicht ins Stadion darf, was „Ultras“ denn seien, warum man denen denn überhaupt angehöre und warum Fußball so wichtig sein kann usw. … – sie würden es wahrscheinlich eh nie verstehen.

Sie würden auch nie verstehen, was es für einen Stellenwert hat, wenn Spruchbänder einem gewidmet sind, wenn die Sektionsfahne hängt oder wenn „Freiheit für die Ausgesperrten“ gerufen wird. Die Leute schmoren draußen frustriert vor den Stadien, manchmal hört man aber die teilweise lauten und deutlich zu erkennenden Gesänge der Kurve, man freut sich und singt in Gedanken mit, aber irgendwie ist es eine melancholische Freude, wissen, dass man so nah aber doch so fern von seiner Leidenschaft und Hingabe ist.

Da wirken Sprüche wie „durchhalten!“ oder „niemals aufgeben!“ manchmal wie ausgelutschte 0815-Phrasen mit Aufmunterungs-Touch an andere und an sich selbst. Und trotzdem, sie haben Bestand.
Gerechte Verfahren bergen die minimale Hoffnung auf einen Freispruch, vereinzelte interne Regelungen zwischen Vereinen und Kurven, minimale Änderungen in den Stadionverbotsrichtlinien, wie erst kürzlich beschlossen, sind durchaus erfreuliche Ereignisse und Lichtblicke in schier dunklen Zeiten.

Doch bevor sich aber wirklich etwas für den ein oder anderen ändert, holt einen die erbarmungslose Wirklichkeit ein und man steht oft der Verzweiflung sehr nah.

Und gerade diese harte Zeit wäre ohne die Solidaritätsbekundungen und persönliche Mutzusprechungen der Gruppe unerträglich. Es ist so wertvoll und nicht in Worten auszudrücken, wie dankbar man sich fühlt, wenn man weiß, dass es Menschen gibt, denen man wirklich etwas bedeutet. Sie sind für einen da, sie richten und fangen einen auf, wenn man zu fallen droht. Bevor ich Stadionverbot hatte, wusste ich nicht, was für eine Wirkung ein vermeintlich „schlichtes“ Spruchband wie „Solidarität mit den Ausgesperrten“ oder das Hängen der Sektion SV – Fahne haben kann.
Eine Fahne als Symbol der geistigen Anwesenheit. Für manche unvorstellbar, aber es ist einer der wundervollsten Art und Weisen Mut zugesprochen zu bekommen und Verbundenheit und Brüderlichkeit gezeigt zu bekommen.

Als Ultra ist man ein emotionsvoller Mensch. Fanatismus heißt sich zu freuen, aber auch zu trauern wie kein anderer. Jeder von uns sucht seine individuelle Freiheit im Ausleben seiner Fankultur. Ist diese Möglichkeit nicht gegeben, überkommt einen das Gefühl der Verzweiflung. Ich vermisse einfach dieses Gefühl eine heisere Stimme zu haben, weil man seine Mannschaft bis zum Erbrechen angefeuert hat, ich vermisse dieses Gefühl sich einzuhaken und mit seinen Leuten im Rhythmus zu hüpfen, mit Ihnen zu singen und sich mit ihnen über Sieg zu freuen und nach Niederlagen zu trauern – einfach für sie zu trommeln.
Umso überwältigender und unbeschreiblicher unbeschreiblicher ist das Gefühl, wenn ich draußen vor den Stadiontoren stehe und nach dem Spiel merke, wie groß die gegenseitige Freude über das Wiedersehen ist, obwohl man „nur“ 90 Minuten – gefühlt eine halbe Ewigkeit – voneinander getrennt war.

Ich fühle mich aufgefangen von den Menschen, die mir so viel bedeuten. Sie retten mich vor dem freien Fall und dafür bin ich ihnen endlos dankbar. Sie geben mir Mut die harte Zeit zu überstehen und sie geben mir die Zuversicht, dass es alles irgendwann ein Ende hat.
Vielleicht ist für manche der Text zu emotional, zu ehrlich oder vielleicht auch einfach übertrieben. Für mich ist es schlichtweg der Ausdruck meiner persönlichen Gemütslage und eben keine Dramatisierung oder irgendein Emo-Geschwafel.

Für mich liegt in der Ehrlichkeit die Kunst des Ultra-Lebens und es ist ein Symbol der persönlichen Stärke, eben auch dann seine Gefühle preis zugeben, wenn es vermeintliche Schwäche und Verwundbarkeit bedeuten kann.

Egal wie lange wir Schmerz erleiden müssen, wir kommen wieder. „Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmung, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.“ Ohne wirklich die Wahl gehabt zu haben habe ich den weg der Erfahrung gemacht und die Bitterkeit von Konfuzius´ Worten zu spüren bekommen. Aber genau diese Erfahrung, die ich und viele andere durchmachen, wird uns später die nötige Reife geben, die wir brauchen werden, um für immer zu überleben. Wir sind Ultras, weil wir unseren Verein auf besondere Art lieben, weil wir ihn vergöttern und ihn als etwas Heiliges betrachten, was es immer zu schützen und zu schätzen gilt.

Ich lerne mit der Situation umzugehen und weiß, dass ich mich dem Kampf gegen die Zeit gestellt habe und nie kapitulieren werde. Keiner von uns wird resignieren – dafür ist die Vorstellung wieder in der Kurve zu stehen einfach zu magisch.

entnommen aus dem Blickfang Ultrà Nr. 6

Großer Bruder, ich mag dich nicht (2) – Alltagsleben

Nachdem wir Peters Spuren im Internet verfolgt haben, wollen wir heute einmal betrachten welche Daten Peter mehr oder weniger freiwillig an die deutschen Behörden und Wirtschaftskonzerne übermittelt. Dazu schauen wir ihn während seines Tages ein wenig über die Schulter.

Es ist 7:00 Uhr morgens und Peter steht gerade auf. Natürlich schaltet er zuerst einmal sein Handy ein. Ab diesem Zeitpunkt wissen die Mobilfunkanbieter wo Peter sich befindet und können ihn binnen Minuten orten. Außerdem sind sie nach EU-Richtlinien verpflichtet die Zeit, die Nummer und die Dauer aller Telefonate und Kurzmitteilungen für die nächsten zwei Jahre zu speichern. Natürlich ist auch das Abhören des Handys durch die Polizei seit längerem kein Problem und ein immer häufiger eingesetztes Mittel. Nach Morgenhygiene und Frühstück setzt sich Peter an seinen Computer um die neusten Skripte für sein Studium auszudrucken. Welche Daten er über seinen Computer von sich preisgibt, schauen wir uns in einer der nächsten Ausgaben an, da dies ein Thema für sich ist. Uns interessiert heute erst mal Peters Laserdrucker. Dieser fügt jeder Seite, die er damit druck eine Winzige Markierung bei, auf der das Datum und die einmalige Seriennummer des Drucker angegeben ist. Nachdem dies alles erledigt ist, macht sich Peter auf in die Hochschule. Das er auf seinem Weg von vielen Kameras aufgenommen wird, dürfte ja nichts neues sein. Neu hingegen sind die technischen Fähigkeiten dieser Überwachungsmethode. So können die neuesten Kameras Pauls Gesicht erkennen und es mit einer Datenbank vergleichen. Diese sagt dem Wachmann oder der Behörde, sofern es ihn interessiert, alles über Peter. Angefangen bei seinem Alter, zum Kennzeichen bis hin zum Kennzeichen bis hin zu seinen begangenen Straftaten. Möglich wird dies durch so genannten „biometrische Daten“, die ab diesem Jahr zumindestens bei der Erstellung eines Reisepasses von den deutschen Behörden gemessen und natürlich gespeichert werden. Apropos neue Reisepässe: Da Peter oft zum Hopping in andere Länder fährt, hat er natürlich schon den neuen Reisepass, der mit einem RIFD-Chip ausgestattet ist. Dieser sendet ein schwaches Signal mit Peters Personalien und wird irgendwann einmal den Zollbeamten ersetzen. Klar, das lange Anstehen an Flughafen wird sich dadurch verkürzen aber überlegt einfach mal, was passiert wenn eine nicht staatliche Person diese Daten lesen könnte und speichert. Nach Peters erster Vorlesung hat er eine Freistunde und setzt sich in den Computerraum der FH. Natürlich wird auch dieses Zimmer videoüberwacht, doch nicht nur die Kameras beobachten Peter. Sämtliche Aktivitäten die er am Computer durchführt können eingesehen und nachvollzogen werden und natürlich speichert die FH auch diese Daten. Aber nicht nur Peter geht es so, 50% der Büroangestellten in Deutschland werden auf Schritt und Tritt im Internet von ihren Vorgesetzten überwacht. Da er im Internet nicht fündig wird, geht Peter noch einmal in die Bibliothek. Dreimal könnt ihr raten, was mit seiner Bücherausleihe passiert. Genau, sie wird gespeichert und analysiert. Dasselbe passiert übrigens zum Beispiel auch bei jeder Amazon.com-Bestellung. Selbst Eure Suchanfragen werden gespeichert und ausgewertet um eine möglichst genaues Kundenprofil von Euch und Peter zu erstellen. Nach diesem harten Tag wird Peter noch ein wenig fernsehen. Dank des digitalen Kabelfernsehers, das immer verbreiteter ist, können auch die privaten und öffentlichen Fernsehanstalten ein ganz genaues Profil Eures Fernsehverhaltens erstellen.
Du bist nie allein!

(Aus Azione Kaos- Gesammelte Werke von Red Kaos Zwickau)

Großer Bruder, ich mag dich nicht (I)- Internet

Überwachungsstaat, Staatssicherheit, der gläserne Bürger. Alles Schnee von gestern könnte man meinen, schließlich leben wir ja nicht mehr im Hitlerfaschismus oder in einer sozialistischen Diktatur, sondern in einer sogenannten demokratischen Republik in der Freiheitsrechte und Datenschutz groß geschrieben werden. Doch leider ist auch im 21. Jahrhundert nicht alles Gold was glänzt und der kritische Blick auf die permanente Überwachung leider immer noch erforderlich. Doch im es vorweg zu nehmen: Nicht nur der Staat und seine Behörden überwachen uns. Auch Wirtschaftskonzepte und Marktforschungsinstitute sammeln mehr Daten von uns, als es uns lieb ist. Doch um euch Euch nicht mit trockenen Fakten zu überfluten, wollen wir einen Blick auf das Leben des Peter Pixels werfen, ihn in seinem Alltag begleiten und beobachten was er jeden Tag von sich preisgibt. Da wir Peter noch nicht persönlich kennen und seinen Namen nur vom Cover des Azione Kaos abgelesen haben, wollen wir uns vor unserer ersten Gegegnung mit ihm, erst einmal über seine Person im Internet kundig machen.
Herr Pixel ist schnell gefunden, steht er ja wie 1,5 Millionen anderer Jugendliche im Studentenverzeichnis „StudiVZ“, wodurch wir ohne große Probleme herausbekommen, dass Peter Maschinenbau an der FH Zwickau studiert und im vierten Semester mehr oder minder erfolgreich ist. Früher war er auf dem Peter Bräuer Gymnasium, woher er wohl auch die meisten seiner Freunde kennt, die natürlich auch auf dieser Seite angemeldet sind und alle auf Peters Profilseite verlinkt sind. Trotz der stattlichen Anzahl von 97 Freunden entnehmen wir der Page, dass er zur Zeit Single ist und jemanden zum „Dating“ sucht, was ihm allerdings schwer fällt, da er im Bereich „über mich“ von sich behauptet, Einzelgänger, schüchtern, und etwas seltsam zu sein. Peter hört gerne Rockmusik, manchmal aber auch klassische Musik von Beethoven und Schumann. Bei Hobbys und Interessen gibt er den FSV Zwickau, Malen, und Sport treiben sowie Lesen und Freunde Treffen an. Leider genügen uns diese Informationen zu Peter noch lange nicht, da wir weder wissen, wie er aussieht, noch wie seine Persönlichkeit aufgebaut ist.
Zum Glück hat er in seinem Profil einen Link auf seine Myspace- Seite gesetzt, so dass wir weitere Informationen sammeln können. Schon beim Überfliegen seiner Angaben sehen wir, dass er stattliche 1,97m groß ist, sowohl trinkt als auch raucht, bei Glauben Atheist angibt, kein Bock auf Kinder hat und sich als heterosexuell bezeichnet. Bei Myspace finden wir Peters restliche Freunde, die nicht studieren. Sie sind natürlich in seinem Profil verlinkt und schreiben ihm mehr oder minder gehaltvolle Grüße auf seine Pinwand. Zum Glück stellt unser unbekannter Freund auch Blogs (virtuelle Tagebucheinträge) auf seine Myspace- Seite. Wir überfliegen schnell den Blog mit der Überschrift „Cottbus Amateure“ und bemerken ohne tieferes lesen, dass Peter sich beim Fussball wohl mindestens genauso sehr für die Stimmung interessiert, wie für das „Geholze“ (wie er schreibt) auf dem Platz. Auch braucht man nicht lange um herauszufinden, dass er bei den Ultras ist.
Leider stellt Peter weder im StudiVZ, noch bei Myspace Bilder von seiner Person ins Internet, weswegen wir weitersuchen müssen. Bei Zwigge.de finden wir schnell einen Benutzer mit dem gleichem Pseudonym, dass Peter bei Myspace verwendet. Aus dem Profil entnehmen wir, dass auch der reale Vorname, Körpergröße, der Musikgeschmack und die Interessen identisch sind. Und selbst die Freunde die er bei Zwigge.de hat, kommen uns irgendwie bekannt vor. Keine Frage, dass muss unser Peter sein.
Endlich finden wir Angaben zu seinem Körpergewicht, seiner Augen- und Haarfarbe, sowie zu seiner bevorzugten Küche („Stadionwurst“). Und glücklicherweise hat unser Freund auch 197 Fotos bei Zwigge hochgeladen. Endlich wissen wir auch wie Peter aussieht. Auf allem Fotos trägt er seine Propellermütze; erstaunlich! Scheint wohl sein Markenzeichen zu sein. Durch seine abgegebenen Kommentare, die man ohne weiteres nachlesen kann, merkt man ihm an, dass er auf Nazis und Erzgebirge Aue nicht gut zu sprechen ist, denn er beleidigt schier alle Zwigge- Nutzer, die entsprechende Bilder hochladen. Und auch die von Peter besuchten „Events“ kann man durch einen Mausklick nachlesen. Toll, Peter war am Wochenende in der gleichen Disko wie wir.
Nach nicht einmal eine Stunde Internetrecherche wissen wir von Peter schon genau so viel, wie von unserem Banknachbar in der Schule. Das Internet macht’s eben möglich. Geht’s Dir auch wie Peter? Hurra der Technik.
Der große Bruder beobachtet Dich!

(Aus Azione Kaos – Gesammelte Werke von Red Kaos Zwickau)