Tellerrand

Warum ein Heimspielmarsch

WARUM EIN HEIMSPIELMARSCH ?

Grüßt euch, werte Leserschaft. Wie bereits bekannt sein dürfte, führt die Blue Generation seit einigen Wochen vor jedem heimischen Auftritt unserer Elf einen Treffpunkt mit anschließendem Gang zum Block U durch. Dabei konnten zu Beginn, sicher auch durch den Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, schon bis zu 150 vornehmlich junge Ultras begeistert werden. Während der Alte Markt, genauer unser Rathaus zu Beginn als Startpunkt diente, sammelte sich der Haufen zu den letzten Heimspielen direkt am Elbstrom um vom Petriförder zum HKS zu schlendern. Doch da geht bei Weitem mehr.

Wenn ihr diese Zeilen lest, liegt der heutige Gang (vom Rand der Magdeburger Altstadt, dem historischen Domplatz, über die alten Mauern der stolzen Festung am Schleinufer am Fuße der Elbe und über diese hinweg durch Cracau) zum Stadion schon hinter uns/euch. Sicher war der Anblick unserer nun fast 800jährigen Kathedrale in der Abendsonne gerade für die Auswärtigen unter euch ein Erlebnis, dass sich ins Gedächtnis einprägt. So geht es zumindest eurem Schreiber beinahe jeden Tag aufs Neue. Habt ihr diesen Moment verpasst, obwohl es euch zeitlich möglich gewesen wäre, den Ultras beizuwohnen?! Tja…eigenes Verschulden. Aber das muss ja nicht so bleiben, oder? Gerade für diejenigen Jungs, denen der Stadionbesuch in Magdeburg oder auch bundesweit leider immernoch verwehrt und verboten bleibt, ist die Chance, trotzdem etwas vom Gruppengefühl zu erhaschen (wenn natürlich auch kaum vergleichbar mit der Atmosphäre im Stadion), sicher eine gern Gesehene. Doch auch jedem anderen Ultra oder Hool dürfte es doch sehr gefallen, mehr Zeit in und mit seiner Subkultur zu verbringen, als nur 90 Minuten mit geilen Kunden im selben Block zu stehen. Wer sich noch nicht für bereit, alt oder einfach weit genug hält, Block U auch auswärts zu begleiten, kann so immerhin auch außerhalb der Traversen mal einen kurzen Einblick in das grobe Gruppenleben bekommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt, dem man den vielen neuen Leuten in unseren Reihen näherbringen möchte, ist ganz einfach der Gedanke, dass Block U mehr ist als nur Fanatismus für den Fußballsport, sondern viel intensiver auch die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit der Stadt Magdeburg, die der FCM als Aushängeschild vertritt und deren Außenwirkung auch wir jungen Menschen in der Hand haben. Dafür ist es logischerweise unumgänglich, MD kennenzulernen. Dabei fangen wir natürlich bei den schönsten, bekanntesten und eindrucksvollsten Plätzen an. Doch ihr könnt davon ausgehen, dass sich die Organisatoren immer mal was Neues einfallen lassen werden. Soll ja nicht langweilig werden. Mal sehen, ob es eventuell irgendwann sogar gelingt, gerade den interessierten Auswärtigen auch mal die letzten echten Plattenbauviertel in Olvenstedt und Nord, die Gartenkolonien Otterslebens oder den eigentlichen Kiez abseits des Hasselbachplatzes zu zeigen .

Mich selbst motivieren diese Spaziergänge durch meine Heimat stets ungemein. Und in einer Gruppe Gleichgesinnter dürfte sich genau dieser Effekt noch verstärken, sodass ein junger Ultra in unserem Block danach vielleicht eher weiß, wofür er singt und warum er im alltäglichen Leben mit dem Stempel „Fußballverrückter“ leben muss. Dass Ultra` nicht nur cooles Posen in Windbreaker und Basecap ist, sondern viel mehr Liebe und Hingabe für Stadt, Freunde und den Fußballclub, kann man nicht früh genug begreifen.

Leute, sucht den Kontakt, nehmt Gespräche auf und macht euch Gedanken anstatt das Einstehen für Stadt und Verein nur bei einem Wochenendhobby neben Disko, Suff und Weibern schleifen zu lassen, auch wenn dies etwas Überwindung kostet. Auch mich selbst hat meine erste Einschätzung der älteren Ultras als arroganten Haufen, der sich nicht für die Jungs außerhalb der elitären Gruppen interessiert, lange vom ersten Schritt abgehalten. Doch dies zu Unrecht, da es nichts Schöneres gibt, als wirklicher Teil der Ultras Magdeburg zu sein, ohne dass man sich mit Klamotten, Buttons oder dummen Geschwafel schmücken müsste. Nur vom Shopping am BG-Stand oder dem (leider auch viel zu seltenen) Agieren im Stadion wird es nur schwer Anschluss zu finden. Aber nur durch Teilnahme und ernsthaftes Interesse an der Sache kann unsere „Bewegung“ mit der Zeit auch in Magdeburg den Kinderschuhen entwachsen und zu einem Faktor werden, den es sich niemand wagt, zu ignorieren.

Der Treffpunkt vorm Heimspiel und der Gang zum Spiel sind ein Angebot, eine Chance, die ihr nützen solltet (und das soll keinesfalls arrogant klingen). Auch wenn ihr noch sehr jung, übermäßig schüchtern oder sehr skeptisch im Umgang mit unserer Jugendkultur seid – lasst euch davon nicht abhalten. Bestimmt wird man auch so mit der Zeit auf euch aufmerksam und ehe man sich versieht, ist der Freundeskreis um etliche charismatische junge Menschen vergrößert .

Auch außerhalb der Wochenenden bietet sich so oft die Chance, sich dem leider momentan etwas in seiner Größe stagnierenden harten Kern etwas anzunähern. Über das Planet, die Internetseiten oder durch Mundpropaganda sollte ein jeder von diesen Angeboten mitbekommen, sodenn er denn möchte. Allein durch den neuen Klub65 sind ja nun recht angenehme neue Möglichkeiten gegeben.
Also jetzige und hoffentlich auch spätere Freunde…ich mach hier mal Schluss, bevor es noch emotional ausufert. Magdeburg ist wundervoll und die Ultras sind es sowieso. Nutzt die Gelegenheit, euer Leben mit beidem zu bereichern.

(Aus dem Planet MD, Infoflyer der Blue Generation Magdeburg)

Ultramarines Bordeaux

„In der Gruppe entwickelte sich ein Lebensideal, das den Jugendlichen gestattet, sich auszuleben. Das, was sie in einer Gesellschaft, die nur an Geld statt den Werten des Menschen interessiert ist, nicht schaffen umzusetzen, finden sie in unserer Gruppe. Immer zusammen unterwegs sein und die gleichen Wege bestreiten schafft Kontakte, die zu Freundschaften werden und immer stärker wachsen. Letztendlich ist die Solidarität so groß, dass sie sich nicht mehr nur auf den Spieltag beschränkt.
Die Liebe zu dem Verein, zu der Gruppe, macht uns Ultras stolz, ein Teil von dieser Bewegung zu sein. So sind wir bereit, unsere Bewegung mit viel Ehre zu verteidigen und haben dabei unsere Grenzen gesteckt. „Basta lame, basta la infami“. So verteidigt ein Ultra die Gruppe, wenn es nötig ist, nur mit seinen Fäusten, gefährdet dabei aber nie das Leben Unbeteiligter.
Seit einigen Spielzeiten haben wir uns auch für den Kampf gegen den Rassismus ausgesprochen. Viele Mitglieder unserer Gruppe kämpfen aktiv für den Humanismus. […]
Auch soziales Verhalten und Auftreten ist für uns sehr wichtig. Mit dem Ziel, unsere Werte in die Tat umzusetzen und auf ein größeres Level zu führen. Schon oft halfen wir sozialen Einrichtungen, um unserer Vision von der Gesellschaft einen Schritt näher zu kommen. So organisieren wir jedes Jahr mit den Devils eine große Lotterie für soziale Zwecke, z.B. deckten wir so schon mal die Hälfte eines Etats eine sozialen Restaurants in Bordeaux. Wir Ultras sind keine Vandalen, ganz im Gegenteil geben wir oft Lektionen der Menschlichkeit an die, die es könnten, aber nicht machen.
[…]
Leider müssen wir umso deutlicher betonen, dass unser Platz durch die aktuelle Entwicklung (Fernsehen, den kommerziellen Fußball und die immer härter werdende Justiz) gefährdet ist.
Bei uns Mitglied zu werden, sichert unser Fortbestehen. Und damit sichern die Mitglieder in dieser Welt des Fußballs die Sonnenstrahlen, die die bekannten Fankurven darstellen, und allein fähig sind, die Wolken aus grünen Geldscheinen zu

[Ultramarines Bordeaux in Erlebnis Fußball Nr.23]

Ausgesperrt – Wie Stadionverbot das Leben verändert!

Ein magischer Gedanke

Der eine oder andere erkennt sich in diesem Text vielleicht wieder, dennoch bleibt es ein Einblick in die persönliche Gedankenwelt eines Ausgesperrten, dessen Vereinsfarben keine Rolle spielen sollten. Die einzelnen Schicksale unterscheiden sich voneinander, aber das Gefühl ist sicherlich überall gleich.

Es liegt aber wohl genau darin, dass die summierten individuellen Geschichten diese bemerkenswerte Solidarität ausmachen, die einem die Hand reicht, wenn man zu ertrinken droht.

Ich habe Stadionverbot. Bis zum 30.06.2010 darf ich bundesweit kein einziges Stadion betreten. Wie ich dieses Datum hasse. Mein Verein, meine Hingabe, mein Leben wird mir für Insgesamt drei ein halb Jahre auf einer Weise verwehrt bleiben, die ich über Jahre angefangen habe zu lieben.

Rückblick – Februar 2007: Es klingelt an der Tür. Ich laufe ganz normal, ohne jeglichen Hintergrundgedanken zur Tür. Es ist die Post. In einem gewohnt freundlichen Ton begegnet mir die Postbotin „Hallo, einmal hier bitte unterschreiben.“ und drückt mir einen Umschlag in die Hand. Ein Blick auf den Absender und spätestens jetzt habe ich kapiert, worum es geht. Fassungslos, fast perplex kritzle ich meinen Namen irgendwo hin, ist mir doch jetzt bewusst, was für Zeilen ich gleich lesen werde. Ich mache den Brief auf und traue meinen Augen nicht. Bundesweites Stadionverbot für die nächsten 3 ½ Jahre, das kann nicht sein! Geschockt von dieser Nachricht, von diesen verhassten und unerwarteten Zeilen suche ich Ablenkung, die ich aber nicht fand. Es lag wohl in der Tragik des Tages, den es sollte noch schlimmer kommen…

Als mein Vater abends nach Hause kam wurde ich mit der zweiten Hiobsbotschaft konfrontiert. Er hat mir mitgeteilt, dass sich sein gesundheitlicher Zustand verschlechtert hat… Er hat Krebs.

Wie von einem Blitz getroffen versank ich in das tiefste Loch vollster Depression und Trauer. Ich habe noch nie so einen schmerzvollen Tag zuvor erlebt, mit zwei Nachrichten, die mein Leben verändern und prägen sollten.

Nun ist über ein Jahr vergangen, mein Vater hat den Kampf gewonnen, ich bin dabei meinen nicht zu verlieren. Es lassen sich wenige Parallelen zwischen den Kampf gegen den Krebs und dem ideologischen Kampf eines Ultras ziehen, dennoch vermag ich diesen wenigen eine große Bedeutung zuzusprechen. Durch meinen Vater und seine Art zu kämpfen habe ich gelernt, was es bedeutet, an sich zu glauben und niemals aufzustecken – auch in den vermeintlich hoffnungslosesten Momenten des Lebens.
Meine anfängliche Reaktion der Sprachlosigkeit und Resignation wandelte sich allmählich in eine gemischte Gefühlswelt um, Trauer und Wut auf der einen, Mut und Hoffnung auf der anderen Seite. Trauer über den Verlust des Essenziellen eines Ultras, nämlich im Stadion mit seinen Freunden die Farben seines Vereins ehrwürdig zu repräsentieren.

Singen, hüpfen, klatschen – einfach seine Mannschaft anfeuern und mit seinen Freunden gemeinsam die Kurve zum Leben erwecken, das ist für mich das Magischste und Unersetzbarste. Besonders in kleineren Gruppen sind Verluste kaum zu verkraften und deutlicher zu spüren, bedeuet es nicht nur ein Dezimieren der Anzahl der Gruppenmitglieder im Stadion, sondern eben auch eine Schwächung der mentalen Gruppenstärke als solche.
Umso tragischer, wenn gerade dem Trommler dieses Schicksal widerfährt. Schnell verwandelt sich die Abwesenheit im Stadion zu einer Hilflosigkeit in der Gruppe, muss man jetzt den Posten des Trommlers neu besetzen und das ist bei weitem nicht einfach. Es braucht sehr viel Zeit und Geduld, bis die Gruppe mit dem Taktgeber und andersherum harmoniert und sie sich quasi „blind“ verstehen. Für die Gruppe, für die Kurve zu trommeln bedeutet viel Verantwortung zu übernehmen und diese gezwungenermaßen zu übertragen ist ein langer und harter Prozess.
Aber neben Trauer über die beschissene Gesamtsituation, hat auch Wut einen großen Anteil in meinem Gefühlschaos.
Wut über den gemeinsamen Feind, der uns immer das Leben zur Hölle macht – Repression, Willkür aber auch Vereinspolitik. Ich denke jeder weiß, wovon ich spreche. Wir erleben ständig die pauschale Kriminalisierung, sei es seitens des Staates oder der Medien. Kriminalisierung und Pauschalisierungen in Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen ist leider schon trauriger Alltag.

Als SVler kriegt man die ganze Repressionswucht des Staates zu spüren. Angefangen von Ingewahrsamnahmen bei Auswärtsfahrten bis hin zu Ausreise- und Städteverboten. Die Einschränkungen der Freiheit kennen keine Grenzen, schon gar nicht beim Fußball. Es reicht lediglich diese Erkennungsdienstliche Behandlung, wo einem die Fingerabdrücke genommen, Fotos aus jedem Blickwinkel geschossen und zum Teil intime Fragen nach körperlichen Merkmalen gestellt werden. In Extremfällen kommt es sogar zu DNA-Tests. Nichts bleibt erspart…

ein lächerlicher Vorwurf reicht, dass der Staat das recht hat, dir etwas so Intimes und Persönliches wie beispielsweise der Fingerabdruck zu rauben. „Wenn man nichts zu verbergen hat sollte das einen auch nicht stören.“ – dieses „Argument“ hört man oft von der Gegenseite. Denen ist zu sagen, dass sie gerne freiwillig und reinen Gewissens einfach mal ihre Fingerabdrücke abgegeben können. Ich würde zu gern wissen, wie sie sich danach fühlen und ich wette es wird identisch sein, mit den Gefühlen jedes anderen. Ein verdammt mieses Gefühl, ein Gefühl des Verlusts der menschlichen Anonymität, die paradoxerweise für menschenwürdiges Leben in unserer schier kontrollierten Gesellschaft unverzichtbar und fast unerreichbar scheint. Für ein bisschen Pseudosicherheit wird alles überwacht, jeder kontrolliert und das alles auf Kosten unseres Rechts auf persönliche Entfaltung und individueller Freiheit. Aber auch im Alltag abseits des Fußballs erlebe ich eine ständige Konfrontation mit diesem unangenehmen, beschissenen Thema.

Man spürt nicht nur, dass einem lediglich der Stadionbesuch verwehrt wird, sondern vielmehr, wie weit einen diese Situation ständig verfolgt. Man wird permanent damit konfrontiert und ständig beeinflusst und kann sich nie richtig davon losreißen. Ich habe manchmal echt das Gefühl, das SV verfolgt mich. Rechtfertigung gegenüber Familienangehören, Freunden und Bekannten bis hin zu Arbeitskollegen oder seinem Chef, den Eltern seiner Freundin. Von jedem wird es aufgegriffen. „Was du hast Stadionverbot? Bis 2010?! Was hast du denn gemacht?“ heißt es seitens des Schulfreunds oder Arbeitskollegen und es dauert wirklich nicht lange und man ist der „Fußballasi und Hooligan“.

Wobei man diesen oberflächlich denkenden Menschen keinen Vorwurf machen kann. Schließlich weiß jeder von uns, wie schwierig bzw. unmöglich es ist, seine Mentalität Außenstehenden zu erklären. Lässt man diesen Versuch wiederum aus, wird man auf Dauer auch nichts dazu gewinnen und Vorurteile werden nie aus der Welt geschaffen werden. wie dem auch sei, egal was Leute denken, mir ist es ehrlich gesagt auch ziemlich egal, zumal ich es nicht mehr ertragen kann mich ständig vor irgendwelchen Leuten rechtfertigen zu müssen, warum ich nicht ins Stadion darf, was „Ultras“ denn seien, warum man denen denn überhaupt angehöre und warum Fußball so wichtig sein kann usw. … – sie würden es wahrscheinlich eh nie verstehen.

Sie würden auch nie verstehen, was es für einen Stellenwert hat, wenn Spruchbänder einem gewidmet sind, wenn die Sektionsfahne hängt oder wenn „Freiheit für die Ausgesperrten“ gerufen wird. Die Leute schmoren draußen frustriert vor den Stadien, manchmal hört man aber die teilweise lauten und deutlich zu erkennenden Gesänge der Kurve, man freut sich und singt in Gedanken mit, aber irgendwie ist es eine melancholische Freude, wissen, dass man so nah aber doch so fern von seiner Leidenschaft und Hingabe ist.

Da wirken Sprüche wie „durchhalten!“ oder „niemals aufgeben!“ manchmal wie ausgelutschte 0815-Phrasen mit Aufmunterungs-Touch an andere und an sich selbst. Und trotzdem, sie haben Bestand.
Gerechte Verfahren bergen die minimale Hoffnung auf einen Freispruch, vereinzelte interne Regelungen zwischen Vereinen und Kurven, minimale Änderungen in den Stadionverbotsrichtlinien, wie erst kürzlich beschlossen, sind durchaus erfreuliche Ereignisse und Lichtblicke in schier dunklen Zeiten.

Doch bevor sich aber wirklich etwas für den ein oder anderen ändert, holt einen die erbarmungslose Wirklichkeit ein und man steht oft der Verzweiflung sehr nah.

Und gerade diese harte Zeit wäre ohne die Solidaritätsbekundungen und persönliche Mutzusprechungen der Gruppe unerträglich. Es ist so wertvoll und nicht in Worten auszudrücken, wie dankbar man sich fühlt, wenn man weiß, dass es Menschen gibt, denen man wirklich etwas bedeutet. Sie sind für einen da, sie richten und fangen einen auf, wenn man zu fallen droht. Bevor ich Stadionverbot hatte, wusste ich nicht, was für eine Wirkung ein vermeintlich „schlichtes“ Spruchband wie „Solidarität mit den Ausgesperrten“ oder das Hängen der Sektion SV – Fahne haben kann.
Eine Fahne als Symbol der geistigen Anwesenheit. Für manche unvorstellbar, aber es ist einer der wundervollsten Art und Weisen Mut zugesprochen zu bekommen und Verbundenheit und Brüderlichkeit gezeigt zu bekommen.

Als Ultra ist man ein emotionsvoller Mensch. Fanatismus heißt sich zu freuen, aber auch zu trauern wie kein anderer. Jeder von uns sucht seine individuelle Freiheit im Ausleben seiner Fankultur. Ist diese Möglichkeit nicht gegeben, überkommt einen das Gefühl der Verzweiflung. Ich vermisse einfach dieses Gefühl eine heisere Stimme zu haben, weil man seine Mannschaft bis zum Erbrechen angefeuert hat, ich vermisse dieses Gefühl sich einzuhaken und mit seinen Leuten im Rhythmus zu hüpfen, mit Ihnen zu singen und sich mit ihnen über Sieg zu freuen und nach Niederlagen zu trauern – einfach für sie zu trommeln.
Umso überwältigender und unbeschreiblicher unbeschreiblicher ist das Gefühl, wenn ich draußen vor den Stadiontoren stehe und nach dem Spiel merke, wie groß die gegenseitige Freude über das Wiedersehen ist, obwohl man „nur“ 90 Minuten – gefühlt eine halbe Ewigkeit – voneinander getrennt war.

Ich fühle mich aufgefangen von den Menschen, die mir so viel bedeuten. Sie retten mich vor dem freien Fall und dafür bin ich ihnen endlos dankbar. Sie geben mir Mut die harte Zeit zu überstehen und sie geben mir die Zuversicht, dass es alles irgendwann ein Ende hat.
Vielleicht ist für manche der Text zu emotional, zu ehrlich oder vielleicht auch einfach übertrieben. Für mich ist es schlichtweg der Ausdruck meiner persönlichen Gemütslage und eben keine Dramatisierung oder irgendein Emo-Geschwafel.

Für mich liegt in der Ehrlichkeit die Kunst des Ultra-Lebens und es ist ein Symbol der persönlichen Stärke, eben auch dann seine Gefühle preis zugeben, wenn es vermeintliche Schwäche und Verwundbarkeit bedeuten kann.

Egal wie lange wir Schmerz erleiden müssen, wir kommen wieder. „Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmung, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.“ Ohne wirklich die Wahl gehabt zu haben habe ich den weg der Erfahrung gemacht und die Bitterkeit von Konfuzius´ Worten zu spüren bekommen. Aber genau diese Erfahrung, die ich und viele andere durchmachen, wird uns später die nötige Reife geben, die wir brauchen werden, um für immer zu überleben. Wir sind Ultras, weil wir unseren Verein auf besondere Art lieben, weil wir ihn vergöttern und ihn als etwas Heiliges betrachten, was es immer zu schützen und zu schätzen gilt.

Ich lerne mit der Situation umzugehen und weiß, dass ich mich dem Kampf gegen die Zeit gestellt habe und nie kapitulieren werde. Keiner von uns wird resignieren – dafür ist die Vorstellung wieder in der Kurve zu stehen einfach zu magisch.

[Entnommen aus dem Blickfang Ultrà Nr. 6]