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Brief aus dem „Parterre“ der Curva Fiesole

Ein Brief von einem der „Noi Non Tesserati“ aus dem „Parterre“ der Curva Fiesole in Florenz, veröffentlicht im Supertifo Ausgabe Oktober 2010 (nach der „Übernahme“ des Supertifo u.a. durch Domenico Mungo). Ist selbst (von daher sicher einige Fehler drin) und außerdem an einigen Stellen recht frei übersetzt. Aber ein Text mitten aus der Kurve, der trifft, anregt, anspornt. Ein Text, der, wenn auch in gänzlich anderem Kontext, Parallelen zur aktuellen Situation in München aufweist

„Am Tag nach dem Pakt der Einheit der Kurve, in Bezug die Pfiffe der „Normalos“ und die Ehre, die Ultras Viola von jeher zu sein: ungezähmt, frei, stolz. Die letzten in die Fiorentina verliebten Rebellen. Diesen Brief haben wir erhalten und veröffentlichen ihn gerne.

Das ist der richtige Geist. Der vom vergangenen Sonntag gegen Parma. Ich habe sofort die Pfiffe und das Nichteinverständnis des ein oder anderen aus dem oberen Bereich realisiert, als wir die Kurve betraten, so wie es auch gegen Napoli geschehen ist, aber es ist legitim. Desinformation, Spießbürgertum, Oberflächlichkeit, aus der Menge den Mund aufreißen – das ist die Gewohnheit des Herdenvolks, das nicht versteht und nicht sehen will, dass die Gründe derer, die Kämpfe austragen wie denjenigen gegen die Tessera, alle betreffen, auch sie. Dies ist das Problem der sogenannten kritischen Minderheiten: sie werden praktisch nie von der Mehrheit unterstützt, aber ohne ihre Arbeit würde das Einheitsdenken noch mehr dominieren. Das, was wir Sonntag getan haben und v.a. das, was wir in den vorangegangenen Wochen getan hatten, zwischen Versammlungen, Kontakten, Entscheidungen, Versöhnungen, Duldungen, gegenseitigen Klarstellungen, ist etwas außergewöhnliches für die Fiesole. Jetzt wissen wir, wieviele wir sind, wer wir sind, auf wen man sich verlassen kann und wer fahle Scheinheiligkeit und nicht nachvollziehbare Verhaltensweisen bestätigt hat. Jetzt ist das Parterre eine Realität, minoritär, noch zersplittert, aber real, echt, lebendig. Einige unbezähmbare Alte und viele überzeugte Junge. Ich war am Sonntag drinnen und vor allem draußen gerührt, ich hatte Gänsehaut, ich war da um mit anderen wie mir meine alte Fiesole zu koordinieren und die Fiesole pulsierte wie damals. Wir sind immer noch mutig und selbstbewusst, dreiste und naive Träumer. Nur so kann man wieder zu den Ultras der Fiorentina werden, hinter keinem zurückstehend. Wir dürfen nicht an die Pfiffe der Clowns von fiorentina.it denken, wir dürfen nicht an einen lächerlichen Verein denken, der uns nicht verdient, und auch nicht an ein Publikum, das uns eigentlich danken müsste weil wir noch eine halbe Stunde nach Spielende rennen und die Neapolitaner verfolgen, die unsere Jungs in der Dunkelheit abstechen; wir fahren nach Genua ohne Tessera, wir singen im Regen bis wir uns die Kehle ruinieren… aber das weiß der nicht, der vom letzten Rang aus pfeift… aber dennoch ist auch er ein Fan der Viola, seine Unterstützung dient der Fiorentina und er wird von uns trotzdem respektiert, auch wenn er ein bürgerlicher Gutmensch ist, voller politisch korrekter Vorurteile… Wenn Du ins Parterre kommst, bring Deine Freunde mit, beschnuppere Dich mit anderen, suche die, die so sind wie Du, und bildet eine Bande; kommt zu den Versammlungen, ihr die ihr kommen könnt, informiert Euch, nehmt an den Aktionen teil, organisiert Euch für die Auswärtsfahrten, bringt violette Fahnen und Schals mit, macht Doppelhalter, erfindet Gesänge… seid ultras viola!

Avanti Curva Fiesole! Uniti si vince!“

Jonas Gabler: Die Ultras

In dieser Kategorie wollen wir nochmal ein wenig die Werbetrommel für die Bücher rühren, die wir Euch schon kurz vor Weihnachten ans Herz gelegt haben.

Den Anfang machen wir mit Jonas Gablers „Die Ultras – Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland“.

Mit den Ultras hat sich im Fußball eine neue Fankultur etabliert. Auch in den Medien taucht sie vermehrt auf. Meist jedoch mit Negativschlagzeilen über Gewalt oder andere Regelverstöße. Jonas Gabler zeichnet ein anderes Bild dieser Bewegung. Er erläutert ihre typischen Merkmale: Die neue Form, das jeweilige Team zu unterstützen; das intensive Gruppenleben; die besonderen Regeln und Kodizes; das Engagement gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs. Gabler zeigt auch die positive Wirkung der Ultras in Deutschland beim Zurückdrängen rechtsextremistischer und rassistischer Handlungen in den Stadien. In Bezug auf Gewalt ist sein Urteil dagegen nicht so eindeutig. Er belegt das ambivalente Verhältnis der Ultras zu Gewaltanwendung und zeigt, dass sich dieses Problem zunehmend verschärft hat. Doch ist durch die Gegenmaßnahmen der Vereine, der Verbände und der Polizei Besserung zu erwarten? So nimmt er Bezug auf ein weiteres Merkmal der Ultrabewegung: ihr organisierter Protest gegen Repression.

(http://www.papyrossa.de/sites_buchtitel/gabler_ultras.htm)

Jonas Gabler wurde durch die Veröffentlichung des Buches zum gefragten Experten was das Thema Fans angeht. Exemplarisch verweisen hier auf seine Interviews in der taz und im Kölner Stadtanzeiger
taz
ksta

Auch den Machern des überregionalen Fanzines Blickfang Ultra’stand Gabler für ein Gespräch über sein Buch zur Verfügung:


    „Du, ich glaub wir müssen mal reden…“

(Arne Lorenz & Mirko Otto)

Spätestens nach der Demonstration in Berlin war der Wunsch nach Diskussionen um das allseits bekannte Gewalt-Thema in (fast) aller Munde. Ob das jetzt in aller Öffentlichkeit notwendig ist, oder nicht besser jede Gruppe einzeln für sich ausmacht, darüber scheiden sich die Geister. Trotzdem wollten auch wir vom BFU die Diskussion etwas ankurbeln, d.h. einen kleinen Meinungsaustausch mit Vertretern verschiedener deutscher Gruppen ins Leben rufen. Dies ist jedoch aufwändiger als gedacht und bedarf noch ein bisschen Zeit, so dass wir euch vorerst auf die nächsten Ausgaben vertrösten müssen. Trotzdem bleiben wir hinsichtlich der Problematik am Ball und präsentieren heute zwei nicht minder spannende Texte. Den Anfang macht Jonas Gabler, seines Zeichens Politikwissenschaftler und Autor des im September 2010 erschienen Buches:“DIE ULTRAS – Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland.“

Och nö, nicht schon wieder ein Außenstehender der mit seinem theoretischen Weisheiten prahlt und meint selbige mit Löffeln gefressen zu haben. Doch ich kann euch beruhigen. Der Fall hier ist eindeutig anders gelagert. Jonas hat mit seinem Buch durchaus ein Standardwerk geschaffen. Nicht unbedingt für uns, denn der Inhalt des Buches stellt zum größten Teil keine oder nur wenig Neuigkeiten für Ultras bereit, aber trotzdem fundiert und ohne Sensationsgier. Und viel wichtiger noch: Es wird ein Gegenpol zu sonstigen Artikeln, wissenschaftlichen Ausführungen oder gar Büchern, die vor allem durch grobe inhaltliche Fehler auffallen geschaffen, den vielleicht auch mal Teile der normalen Gesellschaft wahrnehmen. Jonas war so freundlich, uns einen Gastartikel für die aktuelle Ausgabe zu verfassen, der sich damit beschäftigt, warum es (aus seiner Sicht) zur Gewalt beim Fußball kommt und auch seine ganz persönliche Sicht der Dinge wiedergibt. Bevor wir euch jedoch auf den Artikel loslassen noch ein kleines Interview mit dem Autoren über sein vielbeachtetes Machwerk.

BFU: Hallo Jonas. Bei jemanden, der ein Buch über Ultras schreibt, stellt sich natürlich gleich die Frage, wie du mit der Ultrabewegung in Berührung gekommen bist.
Jonas: Den ersten Kontakt zur Ultrakultur hatte ich 2004, als ich für 6 Monate nach Mailand zum Studieren ging. Die Leidenschaft aber auch die Orginalität und Kreativität des Supports fiel mir dort stärker auf als in Deutschland. Das erweckte aber zunächst vor allem das Interesse an der im Stadion sichtbaren Fankultur, also dem Support. Neben diesem persönlichen Interesse beschäftigte mich als Politikwissenschaftler und als politisch denkender Mensch aber von Anfang an auch der Umgang der Ultras mit Politik. Gerade die Unterschiede in der Haltung zu Rassismus und Faschismus zwischen der deutschen und der italienischen, aber auch innerhalb der jeweiligen Szenen haben mich interessiert. Schließlich machte ich 2007 ein Praktikum beim „Progetto Ultrà“ in Bologna, das unter anderem die „Mondiali Antirazzisti“ organisiert, das aber vor allem über ein riesiges Archiv zur Ultra-Kultur in Italien und ganz Europa verfügt. Darin habe ich wochenlang täglich gestöbert. Damals entstand auch die Idee meine Diplomarbeit über das Thema Rechtsextremismus und Fankultur zu schreiben. Damals schwirrte auch schon der Gedanke in meinem Kopf herum, ein Buch über Ultras zu schreiben. Zwar gehe ich seit meiner ersten Rückkehr aus Italien, also seit 2005, regelmäßig ins Stadion und verstehe mich als Fan. Das Interesse an den Ultras blieb aber immer das eines Außenstehenden. So hatte ich bis vor kurzem kaum Kontakte zur Ultraszene.

BFU: Wie Lief die Entstehung des Buches dann ab?

Jonas: Die Idee zum Buch „Die Ultras“ wurde dann konkret 2008 wieder aufgegriffen. Die angesprochene Diplomarbeit hatte ich unter anderem dem PapyRossa-Verlag geschickt, der sie als Hochschulschrift veröffentlichen wollte, aber eigentlich die Idee noch faszinierender fand, ein Buch herauszubringen, das Außenstehenden erläutert, wer und was „die Ultras“ sind. Da ich aber nebenher auch Geld verdienen musste, arbeitete ich erst ab Ende 2009 intensiv an dem Buch. euer Magazin spielte bei der Recherchearbeit eine zentrale Rolle. Ich verstehe Fanzines als hervorragende Quellen, wenn man etwas über eine Jugend- oder Subkultur erfahren möchte. Ein möglichst authentisches Bild sollte entstehen, indem ich vor allem auf szeneinterne Publikationen zurückgriff. Ursprünglich hatte ich vor, die Ergebnisse dieser ersten Recherche dann mit Ultras zu diskutieren. Dazu fehlte mir aber am Ende die Zeit. Ich hole das dafür jetzt nach, wenn ich Lesungen oder Veranstaltungen mit Ultras durchführe.

BFU: Woher rührte dann letztlich die Motivation für das Buch?
Jonas: Ich hab die Motivation ja schon kurz vorher angesprochen. Mir ging es darum, in allgemein verständlicher Sprache und ohne zu wissenschaftlich zu klingen, ein möglichst umfassendes und authentisches Bild der Ultras zu zeichnen. Dahinter stand auch die Überzeugung, dass Ultras das mit Abstand interessanteste Phänomen seit dem Bestehen der Fankultur in Deutschland sind. Es ging also auch darum, mit Vorurteilen wie „Ultras = rechts“ oder „Ultras = Hooligans“ aufzuräumen, aber auch Hintergründe zu zeigen, denen sich die Mehrheit der Öffentlichkeit schlichtweg nicht bewusst ist: die komplexe Organisation und Kooperation innerhalb von Ultra-Gruppen, das soziale Engagement, die differenzierte Haltung zur Politik. Meine Hoffnung war, dass am Ende ein Buch steht, von dem die Ultras sagen:“Ja ungefähr so sieht es im Moment in der Szene aus!“ Und die Außenstehenden sollen so einen Einblick erhalten, den sie in den üblichen Medien kaum bekommen. Im Buch nehme ich ja auch immer wieder Bezug auf Italien. Die dortige Entwicklung – wo auf Seiten der Ultras und des Staates viele Fehler gemacht wurden – dient immer wieder als abschreckendes Beispiel.
Also ging es mir auch darum, vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können, dass kreative Fankultur in Deutschland erhalten bleibt. Weil Ultras, Verbände, Vereine, Politik und Polizei hierzulande hoffentlich aus den Fehlern, die in Italien gemacht wurden, lernen können.

BFU: Welche siehst du als deine wichtigste/die drei wichtigsten Aussagen an?

Jonas: Die wichtigste – aber für Leser und Macher dieses Heftes wohl kaum neue – Aussage ist:
1. Ultras sind mehr als „Gewalt, Pyrotechnik und Choreos“, also das, was man in den Massenmedien üblicherweise über sie erfährt und was folglich das Bild der Ultras in der Öffentlichkeit prägt. Ultragruppen sind aber ein komplexes soziales Phänomen – viel komplexer als Kutten-Fanclubs oder Hool-Firms aus vergangenen Jahrzehnten.
2. Das oberflächliche Bilde der Ultras in der Öffentlichkeit hat zur Folge, dass die Mehrheit der Menschen das harte Vorgehen der Polizei und harte Strafen gegen Ultras als gerechtfertigt ansieht. Verstärkt wird dieses Bestreben durch die große (mediale) Aufmerksamkeit, die dem Fußball zu Teil wird: Gewalt und Aggression beim Fußball wird mehr Beachtung geschenkt als bspw. Schlägereien in Diskotheken. Dies spiegelt sich in dem Umgang der Vereine, Verbände und vor allem der Polizei mit den Ultras wider.
3. Durch eine verbesserte Kommunikation über die Hintergründe und die vielfältigen Aktivitäten ihrer jeweiligen Gruppen – insbesondere auf lokaler Ebene, aber auch im Sinne solcher Aktionen wie der Fandemo – könnten die Ultras dazu beitragen, ihr überwiegend negatives Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Ein wesentlicher Beitrag ist dabei in meinen Augen auch die Fortsetzung der Selbstreflexion – aber das habe ich ja in meinem Beitrag zur Diskussion in diesem Heft dargelegt und muss hier nicht wiederholt werden.

BFU: Du hast das Buch als Außenstehender geschrieben. Wie war bislang das Feedback aus der Szene?
Jonas: Das Feedback aus der Ultra-Szene war bisher praktisch ausschließlich positiv. Fast alle meinen, dass ein recht realistisches Bild der Szene gezeichnet wird. Natürlich weisen sie aber auch auf kleine Fehler und Mängel hin, für einen Außenstehenden scheint die Arbeit aber ganz ordentlich zu sein. Wobei natürlich für Leute, die schon länger dabei sind, nur wenig Neues dabei sein dürfte. Das ist jetzt natürlich schlechte Werbung. Deswegen schiebe ich gleich hinterher: Kauft das Buch trotzdem, lest es durch, schickt mir eure Kommentare und verschenkt es dann an Leute, die nie verstanden haben, warum ihr Ultras geworden seid….

BFU: Wie geht es nun weiter?

Jonas: Im Moment gibt es immer wieder mal Lesungen oder viel mehr Diskussionsveranstaltungen bei und mit Ultras. Ab und zu bekomme ich auch Gelegenheit, einen Artikel für eine Zeitung zu schreiben. Ich will mich aufjeden Fall weiter mit dem Thema beschäftigen oder dazu forschen, um es universitär auszudrücken.Wie und in welcher Form, wird sich in den nächsten Monaten klären. Vielleicht sogar mit einer Doktorarbeit. Das hängt aber letztlich auch davon ab, inwiefern sich meine Forschungsobjekte (Ultras) dafür zur Verfügung stellen ;-)

Na dann schauen wir mal, was dabei rauskommt. Auf alle Fälle Danke fürs Gespräch.

erschienen in Blickfang Ultra Nr. 19, S. 86-88.

Wenn Euch die Interviews hoffentlich auf den Geschmack gebracht haben, braucht Ihr gar nicht lange das Internet bemühen, sondern könnt das Buch ganz unkompliziert bei uns am Streetworkbus erwerben.

Weitere Büchertipps gibt’s auf unserer Homepage.

Streetart

Das ewige Derby – Spielbericht

Da wir unser GDS-Blog ja als kleines Archiv für Fanzinetexte verstehen, gibt es heute mal ganz Fanzine-like einen Spielbericht vom Belgrader Derby

06.04. FK Crvena Zvezda – FK Partizan 1:0 (0:0)
Da sich unser FCB ja dieses Jahr leider frühzeitig aus dem internationalen Geschäft verabschieden musste, sind im Geldbeutel ein paar Scheinchen übrig geblieben und auch im Terminkalender war es plötzlich leichter mal noch einen freien Timeslot zu finden. Deshalb nutzte eine Münchner Reisegruppe letzte Woche die Chance sich das ewige Derby zwischen Roter Stern und Partizan in Belgrad anzuschauen. Nachdem wir am Vorabend in Bratislava das Pokalhalbfinale zwischen dem heimischen SK Slovan und Spartak Trnava gesehen hatten, erreichten wir zur Mittagszeit die serbische Hauptstadt Das Auto wurde in einer Seitenstraße in Stadionnähe in einem Viertel mit vielen diplomatischen Vertretungen abgestellt. Von hier ging es einzeln bzw. paarweise zum Marakana, um Eintrittskarten zu erwerben. Man wollte halt nicht gleich allzu sehr auffallen, was allerdings gar nicht so einfach war, wenn gefühlte 80% der männlichen Bevölkerung über 1,85 groß ist und wohl deutlich mehr Zeit als man selbst investiert, um den Körper in Form zuhalten. Nicht die klassischen Anabolika-Opfer, aber doch sehr sportlich gebaut. Am Stadion selbst war jedenfalls schon allerhand los. Auch die Polizei zeigte bereits starke Präsenz, wobei dies gerade bei internationalen Spielen nochmal deutlich mehr sein soll. Durften wir 2007 ja auch erleben, als für uns ab der Stadtgrenze Belgrads quasi jede Straße inklusive Stadtautobahn komplett gesperrt wurde. Erstmal also den Kartenschalter angesteuert, wo der Einkauf gleich mit dem freundlichen Hinweis des Kartenverkäufers doch eine Karte auf der Haupttribüne zu nehmen, da diese „best for tourist“ sei, begann. War ohnehin die Intention, also die fälligen 10.000 Dinar (ca. 10 Euro) rübergeschoben und Karte eingesteckt.

Als Treffpunkt für den Start in den Nachmittag war die Tramstation am Stadion ausgemacht, von wo aus wir in die Stadt spazierten. Die Wege trennten sich allerdings schnell wieder, da ein Teil die Sehenswürdigkeiten der Stadt bereits bei vorherigen Besuchen in der Weißen Stadt abgeklappert hatte, während andere als Belgrad-Novizen ein höheres Interesse an Kultur an den Tag legten.

Da das Spiel bereits für 17 Uhr angesetzt war, fiel der Aufenthalt in der Stadt auf jeden Fall relativ kurz aus und es ging zeitig zurück zum Stadion – natürlich nicht ohne sich mit lokalen Köstlichkeiten gestärkt zu haben. Die Polizei hatte dabei kleinere Kontrollpunkte installiert, um das Alkoholverbot in Stadionnähe durchzusetzen. Sagen wir mal, dass dies ob des sporadischen Charakters der Kontrollen, eher nicht von Erfolg gekrönt war. Von einer Fantrennung war eigentlich nichts zu merken, wobei die überwiegende Mehrheit der Fans ohnehin zivil gekleidet war und man die Vereinszugehörigkeit somit nicht erahnen konnte. Leider hatte deshalb auch kaum jemand seinen Schal dabei. Die Kontrollen am Stadioneingang blieben oberflächlich und so durfte man kurze Zeit später einen Blick in den offiziellen Vereinsshop und den Laden der Delije werfen, bevor man auf Höhe der Mittellinie Platz nahm. In Serbien gilt nämlich noch das Prinzip „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Es herrschte freie Platzwahl, obwohl natürlich auf den Karten feste Plätze zugewiesen waren. Wenn ein solches Verständnis nur auch mal bei allen Leuten im Gästeblock bei europäischen Auftritten unserer Mannschaft da wäre – ab dem Achtelfinale leider geradezu utopisch, außer wir müssen nächste Saison doch im UEFA-Cup ran.

Eine Stunde vor Spielbeginn waren die Kurven zwar noch nicht voll, aber beide Seiten stimmten sich bereits gesanglich auf das Spiel ein. Lautstärkemäßig war das ganze dabei weit über dem was man aus Bundesligastadien gewohnt ist. Besonders laut wurde es als der Keeper von Partizan Vladimir Stojkovic zum warmmachen aufs Spielfeld kam (im übrigen als einziger, da die anderen Akteure sich nicht auf dem Spielfeld aufwärmten. Die Geschichte rund um das Auswärtsspiel der serbischen Nationalelf in Italien dürfte ja jedem bekannt sein, und auch ohne serbisch Kenntnisse war klar, dass die Anhänger von Roter Stern ihm seine Unterschrift (eigentlich ja ein Ausleihgeschäft von Sporting Lissabon) bei Partizan immer noch nicht verziehen haben. Jedenfalls wurde er ordentlich bepöbelt und alles mögliche flog in seine Richtung, wobei es aufgrund der Laufbahn kein Gegenstand in seine Nähe schaffte. Ziemlich uncool allerdings, dass einer der auf ihn gezielten Böller in die „Einlaufkinder“ flog, die schon neben dem Spielertunnel bereitstanden. Passiert ist offensichtlich nichts, aber die Kinder dürfen trotzdem gut geschockt gewesen sein. Auf der Haupttribüne wurde dieser kleine Vorfall recht gleichgültig registriert, andere Länder, andere Sitten, wobei sich für mich die Faszination von Böllern in Fußballstadien nie erschließen wird. Macht halt Krach, hat aber optisch halt null wert.

Bei Spielbeginn dürfte das 55.000 Zuschauer fassende Stadion von Roter Stern dann zu 75% gefüllt gewesen sein ( das Internet sagt, es waren exakt 41682 Zuschauer), wobei sich in der Heimkurve vermutlich ein paar Fans mehr aufhielten als eigentlich zugelassen. Die Delije präsentierten eine nette Choreo mit einer Blockfahne, die einen Typ mit rot weißem Schal im Krankenbett zeigte, dazu ein Spruchband, das in etwa mit „Diese Krankheit ist nicht heilbar“ übersetzt werden könnte. Die Blockfahne war bereits ein paar Minuten oben, als dann auf Kommando mehrere tausend kleine Fähnchen hochgingen und somit ein hübsches Bild ergaben. Dann durften wir für 45 Minuten eine tolle gesangliche Leistung des Heimanhangs verfolgen. Schöne Lieder, teils mit mehr Text, teils mit lalala, dazu Klatscheinlagen bei denen annähernd 10.000 Leute die Hände oben hatten, klasse! Auf der Gegenseite hatten die Grobari zwar ebenfalls starke Zwischeneinlagen, aber es waren auch große Hängerphasen dabei. Das muss man jetzt natürlich im Vergleich zum Heimanhang sehen. Auch wenn sie Roter Stern auf den Rängen deutlich unterlegen waren, hätten die Schwarz-Weißen immer noch jede Bundesligakurve locker in die Tasche gesteckt. Alleine die Koordination des Gästepöbels war beeindruckend. Wie auf Knopfdruck gingen da 7000 Paar Hände nach oben. Beteiligungsquote lag bei fast allem sehr nahe an der 100% Marke. Gleiches galt freilich auch für die Heimseite, wobei hier in Teilen auch die Tribünenseiten bei Hüpf- und Klatscheinlagen mitwirkten. Die Gesänge wurden bei den Delije dabei immer mal wieder von einzelnen Bengalos untermalt. Eine koordinierte Pyroaktion von Roter Stern blieb während des Spiels aber aus.

Fußballerisch bekam man nicht viel geboten. Das junge Team von Roter Stern musste eine 2:0 Niederlage aus dem Hinspiel wettmachen. Sie versuchten dies zwar engagiert, im Abschluss haperte es aber gewaltig und wie es im Fußball so ist, kam dann auch noch Pech dazu. Die Torchancen basierten aber zu einem großen Teil auch auf Unvermögen der Verteidigung, womit das Projekt „Scouting eines neuen Abwehrspielers“ sehr früh auf Eis gelegt wurde. Schade, wäre ganz nett die Fahrt als Spesen beim Verein einreichen zu können.

Bis zur Pause blieb es torlos, aber auch wenn die Akteure auf dem Feld spielerisch keine Bäume ausrissen, war vor allem aufgrund der Heimkurve definitiv Vorfreude auf Halbzeit zwei vorhanden. In der eben dieser schien es derweil Ärger zu geben. Mehr können wir dazu nicht sagen. Anschließend wurde die Fahne der Ultra Boys abgehangen, wobei wir auch hier nicht wissen inwiefern ein Zusammenhang besteht.

Ungeachtet dessen setzte die Heimkurve ihren guten Auftritt in Halbzeit zwei fort. Machte richtig Spaß zuzuhören und zuzusehen. Ihre Spieler auf dem Feld dankten es ihnen weiterhin mit viel Einsatz, wenn auch die Belohnung noch ausblieb. Auf der Gegenseite zündeten die Grobari zur 70. Minute 40-50 rote und grüne Bengalos. Ein Pluspunkt für den Partizan-Anhang, der aber die deutliche gesangliche Niederlage nicht wettmachen konnte. Die Bengalos waren gerade in Richtung der Ordner im Innenraum entsorgt, als sich der Blick von den Rängen wieder auf den grünen Rasen richtete, wo Roter Stern das 1:0 erzielte. Alle Heimfans gut am Ausflippen, hier war also noch was drin. Ab jetzt stand die Haupttribüne immer wieder für längere Phasen auf und beteiligte sich richtig stark am Support der Mannschaft. Traumhafte Zustände, was das angeht, hier sind viele Leute im Stadion wirklich noch mit Herzblut dabei. Ihr Verein bedeutet ihnen was und sie sind stolz auf ihn. Gibt es in Deutschland sicher auch, mit dem Unterschied, dass die Leute hier ihre Leidenschaft eben im Stadion herauslassen und nicht nicht in irgendwelchen Internet-Foren, wo man jedem, der nicht die eigene Meinung vertritt das Fansein abspricht.
Die Grobari ließen sich vom Rückstand nicht beeindrucken und so hüpfte erstmal der komplette Gästebereich mit dem Rücken zum Spielfeld. Ja, in einem knappen Pokalhalbfinale, 15 Minuten vor Schluss. Mein Ding ist das jetzt auch nicht unbedingt, wenn ich aber denke, wieviele E-Mails wir bekommen, wenn wir im Pokalhalbfinale mal den Neuer etwas intensiver aufs Korn nehmen, würde hier viele wohl einfach einen Herzkasper erleiden. Die Partizan-Fans hatten auf jeden Fall guten Grund ihrer Mannschaft blind zu vertrauen, denn sie ließ tatsächlich nichts mehr anbrennen. Die Heimmannschaft wurde trotzdem bejubelt und die Delije fackelten unten am Zaun nach Spielende nochmal zwei, drei Dutzend Bengalos ab. Sah nett aus, aber irgendwie erscheint mit Pyro nach Spielende relativ sinnbefreit, wenn es nicht wirklich was zu feiern gibt, was bei einem Ausscheiden im Pokalhalbfinale ja eigentlich nicht der Fall sein dürfte. Vielleicht war es aber auch die Freude geschuldet nach einigen erfolglosen Jahren immerhin mal wieder ein Derby gewonnen zu haben. Auf jeden Fall ließen die Roter Stern Fans ihren Verein auch zehn Minuten nach Spielende noch hochleben, während die Grobari nach einer kurzen Feier mit der Mannschaft zügig in Gruppen das Stadion verließen.

Für uns ging es zurück zum Auto, wo der Grundtenor durchweg positiv war. Erfahrenere Derbybesucher attestierten dem Spiel zwar später eine vergleichsweise schlechte Qualität, für uns als „Derby-Jungfrauen“ war es aber durchaus mehr als sehenswert und gerade die Heimkurve hinterließ doch bleibenden Eindruck

Schnell das Auto nochmal in die Stadt gesteuert, wo wir in netter Gesellschaft noch zwei Stunden in verbrachten bevor wir die Rückreise nach München antraten, um uns dort dann wieder von den „wahren“ Fans des FC Bayern erklären zu lassen, wieso wir niemals ebensolche sein können.

Fotos zum Spiel findet ihr hier.

Das ewige Derby

Gegen den modernen Fußball? Oder: Was machen wir nur mit Red Bull?

Die Markranstädter Fußballmannschaft des österreichischen Brausefabrikanten Mateschitz machte in den letzten Wochen mehrmals Schlagzeilen. Nicht, weil sich der geplante Durchmarsch ins Fußballoberhaus etwas zu verzögern scheint, sondern da Didi’s Truppe vorerst keine adäquaten Testspielgegner mehr findet. Löblicherweise sagten sowohl Union Berlin als auch Hessen Kassel bereits vereinbarte Testspiele mit den Ochsen ab. Eine vorbildliche Demonstration wie ein Fan den Anliegen seiner Fans Gehör schenken kann. Das Union-Testspiel wurde von deren von Teammanagers Christian Beeck organisiert, der sich nun wie folgt zitiert zur Absage äußert: „Die Entscheidung für dieses Testspiel ist nach rein sportlichen Motiven erfolgt. Es gibt natürlich auch andere Perspektiven dazu und es ist wichtig und richtig, diese ebenfalls zu berücksichtigen. Das nicht getan zu haben, war ein Fehler“.

Um Euch aber auch zu zeigen, dass die Kritik am modernen Fußball nicht unbedingt beim Thema Red Bull aufhören muss, präsentieren wir Euch heute einen Text aus Sankt Pauli:

Dieser Text entstand im Rahmen des Alerta!-Actiondays zum Thema
„Another football is possible – make capitalism history!“ und will sich mit dem Verhältnis von Fußball und Kapitalismus, aktueller Kritik aus verschiedensten Fanszenen und deren Implikationen auseinandersetzen.

Fußball ohne Kapitalismus? WTF?

Gab es denn mal einen schönen „unverdorbenen“ Fußball, so wie wir ihn haben wollten?
War früher alles besser? Ich sage nein, denn Fußball, so wie wir ihn kennen, als öffentliche (Groß-) Veranstaltung, entwickelte sich relativ zeitgleich mit dem Aufkommen des kapitalistischen Systems im 19. Jahrhundert. Seit der industriellen Revolution, die im späten 18. Jahrhundert in England einsetzte war Fußball übrigens nicht mehr ein ausschließlich von Arbeiter_innen bevorzugtes Spiel – dies hatten schlicht und einfach keine Zeit mehr dazu, da sie zur Arbeit in das neu aufkommende Fabriksystem gezwungen waren, sondern wurde in exklusiven, privaten, englischen Public Schools praktiziert und dort auch mit einem Regelkanon versehen. Mit der Einführung von Spielregeln wurde auch eine Trennung zwischen legitimer und illegitimer Gewalt vollzogen und forderte von nun an von den (jetzt meist nur noch männlichen) Spieler_innen ein hohes Maß an Selbstdisziplin.
Werte und Tugenden, die eine_n Spieler_in ausmachen, wie Mut, Uneigennützigkeit, Härte gegen sich selbst und Teamfähigkeit kennen wir heute noch als Beschreibung für gute Spieler_innen.
Sie stammen allesamt aus dieser Zeit, wobei interessant ist, dass erfolgreiche Unternehmer_innen und Geschäftsleute mit den gleichen Fähigkeiten ausgestattet sein müssen.
Dies zeigt die Nähe des Bürgertums zum sich entwickelnden „Breitensport“ Fußball.
Natürlich ist es nicht so, als hätten nie wieder ein_e Arbeiter_in Fußball gespielt, die Formung und „Zivilisierung“ des Fußballs wurde jedoch von bürgerlicher Seite aus vorangetrieben und ohne diese „Zivilisierung“ gäbe es das Spiel in seiner heutigen Form nicht.
Die Geschichte des „modernen Fußballs“ beginnt 1863 in England mit der Trennung von Fußball und Rugby und der Gründung der Football Association. Da Fußball die einfacheren Spielregeln hatte und unterschiedlichere Spieler_innentypen gefragt waren, als beim Rugby, wurde es von den Zuschauer_innen besser aufgenommen und somit begann dann die Erfolgsgeschichte des „modernen Fußball“. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem in der Arbeiter_innenschicht wieder vermehrt Interesse an diesem Sport aufka. – Also nun doch wieder ein Sport der Proletarier_innen?
Immer wieder gibt und gab es, vor allem in der Ultrá-Bewegung, Bezugsnahmen auf einen vermeintlich authentischen und proletarischen Ursprung des Fußballs, der zunehmend kommerzialisiert würde und in den Händen von Konzernen mit Marketingstrategien eben dieser Authentizität „beraubt“ wurde und wird.
Das Problem bei dieser Bezugnahme besteht darin, dass sich der „Anfang“ des professionellen Fußballs weit anders gestaltete als oftmals dargestellt. Leute aus den ärmeren (proletarischen) Bevölkerungsschichten konnten sich weder Vereinsmitgliedschaften noch Ausrüstung leisten, um zu spielen. Ganz nebenbei wurde am Anfang des 20.Jahrhunderts des Fußball auch noch vom Militär entdeckt – Ausdrücke wie Abwehr, Flanke, Deckung, Angriff oder Parade stammen direkt aus dem Militärjargon. Was soll nun dieser kleine Ausflug in die Geschichte des Fußballs?

Damit soll nur verdeutlicht werden, dass die „Ursprünge“ von Fußball nicht so eindeutig und romantisch sind, wie von vielen vielleicht angenommen.
Und was hat das ganze mit Kapitalismus zu tun? Seit 1888 die erste Profiliga in England gegründet wurde, unterliegt das Spiel dem kapitalistischen Normalbetrieb. Dadurch, dass die Spieler_innen Geld für die von ihnen erbrachte Leistung bekommen, müssen die Vereine automatisch auch Geld einnehmen, um die Spieler_innen und sich selber finanzieren zu können. Abgesehen davon, kann ohne Geld kein Verein gegründet werden. Das Prinzip war damals nicht anders als es heute ist.
Dass die Vermarktungstrategien immer „gewiefter“ werden und Spieler_innen, Manager_innen, etc. immer mehr Geld bekommen, ist eine Entwicklung, die wir nicht weg reden können und auch gar nicht wollen. Der Punkt ist, dass das eine ganz normale Entwicklung innerhalb der Logik dieses Systems ist, in dem wir leben – dem Kapitalismus.
Dieses System ist darauf ausgelegt, immer mehr Profit zu erwirtschaften um immer mehr produzieren zu können. Das heißt aber auch noch lange nicht, dass diese Entwicklung irgendwann plötzlich in den letzten Jahren eingesetzt hätte. Seit der „Erfindung“ des „modernen“ Fußballsports bestand immer ein Interesse daran, mit Fußball Geld zu verdienen. So wie mit allem eben – wenn wir in einem System leben, in dem die Arbeitskraft jedes Menschen mit Geld aufgewogen wird, warum sollte das ausgerechnet beim Fußball anders sein?

Red Bull – Die Ausgeburt des Bösen???????

Es ist klar, das vielen Fußballfans angesichts der Veränderung der Gegebenheiten, die es in den letzen Jahren gegeben hat, mulmig wird.
Preiserhöhungen, Sitzplatzstadion, Werbebanner rundherum, bescheuerte Stadionnamen, noch bescheuertere Halbzeitshows, undsoweiterundsofort – alles Sachen die ich auch echt eklig finde und auf die ich liebend gerne verzichten würde – vor allem wenn sie dann auch noch oft latent oder offen rassistisch, sexistisch, homophob oder nationalistisch sind. Die Frage ist doch dabei aber, warum passiert sowas und wie kann das Problem gelöst werden.
Oft werden Stadien als autonome Freiräume begriffen, in denen andere Regeln und Gesetze gelten – das mag zu einem Teil so sein, heißt aber nicht, dass sie nicht auch im herrschenden System drinstecken. Luftleeren Raum gibt es auch im Fußballstadion nicht. Und dadurch ergibt sich auch ganz schnell die Konsequenz: wo Menschen bereit sind, Geld auszugeben, wird versucht durch effektives Marketing die Leute dazu zu bringen noch mehr Geld auszugeben. Das hat sich nicht irgendein „böser“ Firmenchef so ausgedacht und jetzt ausgerechnet beim Fußball gewinnbringend eingesetzt – nein, dieses Prinzip ist überall in unserer Gesellschaft vorherrschend.
Gegen diese Entwicklung hat sich in letzter Zeit immer häufiger Kritik geregt. Super Sache, wenn sich Menschen mit den Sachen, die ihnen wichtig sind auseinandersetzen und anfangen zu hinterfragen. Was allerdings auffällt ist, dass bei vielen Kritiken ein schaler Nachgeschmack bleibt:
Das vermeintliche Prachtbeispiel, dass dafür in der letzten Zeit immer herhalten muss, ist die Firma Red Bull, die sich als Sponsor für den Rasensportverein Leipzig (und Salzburg) hervorgetan hat und diese nun kräftig sanieren will. Dieses Sanieren bedeutet nun allerdings auch, das Tickets teurer werden, mehr Werbung ins Stadion kommt usw. – Alles Maßnahmen, um Geld aus dem Laden herauszuholen. So weit, so unangenehm manche dieser Entwicklungen (zumindest für den geneigten Fußballfan, die_der lieber im Stadion steht statt sitzt und gerne mit voller Kraft neunzig, ach was mehr, Minuten ihren_seinen Verein nach vorne brüllt) auch sind, die Frage ist doch, was wir daraus für Konsequenzen für unsere Kritiken und letztlich unser Handeln ziehen.
Nehmen wir mal an, wir würden Red Bull ab jetzt boykottieren und die würde pleite gehen. Sie hätte kein Geld mehr, um den Rasensportverein Leipzig zu sponsorn und somit wäre auch der Bulle ausm Wappen weg. Stark, da wollten doch alle… Und dann… hat der Verein kein Geld um im Ligabetrieb zu bestehen und sucht sich einen neuen Sponsor. Der heißt dann Klappstuhl XY und das steht dann auf einmal im Vereinswappen. Ist das besser als der Bulle? Eher nicht…
Aber da gibt´s ja dann doch noch ein Argument, dass mensch gelten lassen muss:
Red Bull macht die Tradition des Vereins kaputt! Hmmm, Tradition…
Nach dieser Definition wird Tradition also kaputt gemacht, sobald sich ein Verein einen größeren Sponsor auftut und wohlmöglich Vereins- und Stadionnamen ändert, so dass auf den ersten Blick erkannt werden kann, wem der Laden gehört. Ich wage es ja gar nicht darauf hinzuweisen, dass jeder größere Verein einen Hauptsponsor hat und die Namen diversester Stadien schon mehrmals geändert wurden. Wo ist denn der Unterschied zu Red Bull?
Gut, das ist vielleicht schon fünf, zwanzig, dreißig oder noch mehr Jahren passiert, aber macht es das besser? Und auf welche Tradition wollen sich die Kritiker_innen denn sonst noch so beziehen? Darauf, dass viele Fußballvereine aus männerbündischen Studentenverbindungen entstanden sind?
Über die „proletarischen Ursprünge“ des Fußballs wurde ja weiter oben schon etwas geschrieben.

Klar ist es viel schöner, wenn es wie bei uns läuft: das Millerntor-Stadion bleibt das Millerntor-Stadion und gegen diverseste Versuche unseres Präsidiums, irgendwelche komischen Werbemaßnahmen (Stichwort: Millerntaler) bei uns zu etablieren, hat sich massiv Widerstand geregt. Ds finde ich super! Es gestaltet den Alltag in diesem kapitalistischen Wahnsinn weitaus angenehmer. Aber das sollte und nicht dazu verleiten, zu denken wir wären anders.
Das Image des FC, das durch die politische Fanszene über Jahre hinweg geschaffen wurde, wird genauso gewinnbringend vermarktet. Wir sind dann halt der „Kult-Club“ vom Kiez, bei dem alles ein bisschen anders ist. Und von diesem „Anderssein“ fühlen sich dann auch wieder viele Menschen angezogen und St.Pauli wird zu einer attraktiven Marke. Es wird sich also auch hier, ohne weiteres und auch zwangsweise, in das bestehende System integriert. Eine weitere Eigenschaft des Kapitalismus ist nämlich, dass auch ertragreich Kritik in das bestehende System integriert werden kann und positiv umgedeutet wird.

Was ist aber nun die Konsequenz aus dieser Bestandsaufnahme?
Da alle beschriebenen Phänomene aus einer inneren Logik des Systems Kapitalismus resultieren, bleibt eigentlich nur noch, die Abschaffung desselben zu fordern. Damit es uns ALLEN gutgeht, muss nicht der „böse Konzernchef“ weg, sondern das System, in dem Leute überhaupt erst dazu gezwungen werden Konzernchefs zu sein. Das System Kapitalismus ist als Ganzes zu kritisieren und wir sollten uns nicht dazu verleiten lassen zu glauben, dass kapitalistische Erscheinungsformen wie Neoliberalismus oder Globalisierung, im Fußballkontext z.B. „Professionalisierung“ und „Kommerzialisierung“, die einzigen Dinge sind, die abgeschafft gehören, damit wir endlich ALLE ein schönes Leben haben.
Klar ist es wichtig, diese Erscheinungsformen zu analysieren und zu kritisieren, jedoch ist es wichtig, die Konstruktion von Feindbildern zu vermeiden (z.B. „Die Bösen da oben – wir Guten da unten“). Wenn das passiert, ist es nicht mehr weit zu merkwürdigen Verschwörungstheorien oder der Festigung von Ressentiments. Wir leben nämlich alle in diesem kapitalistischen System und tragen durch unser tägliches (vom System erzwungenes) Verhalten dazu bei, dass es weiter existieren kann.

In diesem Sinne – her mit dem Ponyhof, dem schönen Leben und der ganzen Bäckerei!
Alerta! St.Pauli im Oktober 2010

aus: La Gazetta D‘ Ultra‘ #146

Gastbeitrag: Strategie, Kontinuität, Hoeneß, van Gaal – Presseschau

Gestern erreichte uns folgende interessante Zuschrift, die wir Euch natürlich nicht vorenthalten wollen.

Da ja einiges los ist in diesen Tagen rund um unseren Verein, hab ich mir ein paar Presseartikel angeschaut und mal so meine Gedanken dazu aufgeschrieben. Vielleicht wäre das ja auch etwas für Euer Südkurvenbladdl.

Als Begründung für die Trennung von Louis van Gaal werden ja „unterschiedliche Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Clubs“ genannt. Hab ich was verpasst? Also meiner bescheidenen Meinung nach ist der Satz nur zur Hälfte richtig: Louis van Gaal hat nämlich ne grundsätzliche strategische Ausrichtung (wie immer man die im einzelnen beurteilen mag). Dem FC Bayern dagegen fehlt eine solche gänzlich. Es regiert biedere (schwäbische) Besitzstandswahrung in einer Liga, die unter Konkurrenzaspekten betrachtet zu schlecht ist, als dass man damit im Durschnitt nicht durchkäme. Nicht Kultivierung einer eigenen fußballerischen Identität, die diesem Club auf dem Rasen einen Wiedererkennungswert verschaffen würde, der seiner historischen Größe gerecht würde. Kurz gesagt: man verdient lieber im Stillen vor sich hin, als mit Mut zur Tat die Massen zu begeistern.

Für mich bringen 3 Artikel ganz gut auf den Punkt, was es dazu hauptsächlich zu sagen gibt:

Da wäre zum einen die Trainerbilanz seit 1987 und dem ersten Mal Heynckes. Lustiger Weise auch alle Trainer die ich persönlich bei Bayern miterlebt habe… Doch ein Haufen Holz, wenn man die ganzen Jahre dann nochmal so kompakt vor Augen hat…

Merkur: Schleudersitz FC Bayern

Fällt was auf? Stichwort: Kontinuität… 14 Trainerwechsel in 24 Jahren. Lediglich Heynckes (4,5 Jahre) und später Hitzfeld (6 Jahre) blieben mal länger am Stück. Nah am geliebten Europacup der Landesmeister dran oder sogar erfolgreich waren wir übrigens immer nur dann. Mit Lerby, Ribbeck, Rehhagel, Hitzfeld II und Klinsmann im gleichen Zeitraum übrigens 5 mal voll daneben und teilweise mit Witzfiguren unterwegs.

Es gibt da übrigens einen Mann, der diesen gesamten Zeitraum über in leitender Position verantwortlich war… ich will dem gar nicht vorwerfen, dass er es geschafft hat cleverer zu sein als die andernorts (v.a. in früheren Zeiten) oft waltenden Vereinsmeier mit dem Horizont von Dackelzuchtvereinsfunktionären – die Kohle zusammenzuhalten und Deutschlands wirtschaftlich schlagkräftigster Verein zu werden und zu bleiben ham wir zweifelsfrei geschafft (auch wenn die teils jämmerliche Konkurrenz schon einiges relativiert) – aber welche Club-Identität, welches Image hat unser Verein in der gleichen Zeit entwickelt, auf dem Rasen und außerhalb?

Den FC Bayern gab es schon vor Uli Hoeneß – und es wird ihn auch nach Uli Hoeneß geben. Der FC Bayern war schon ein großer, sportlich erfolgreicher Verein vor den ganz großen Erfolgen der goldenen Siebziger Jahre. Spätestens aber nach diesen. In der Mannschaft der „glorreichen 70er“ war Uli Hoeneß zwar als emsige Arbeitsbiene (und, das sollte nicht unterschlagen werden, mit großem Erfolg) dabei – die großen Protagonisten aber waren andere… Als Uli Hoeneß seine Arbeit als Manager angetreten hat, war der FC Bayern bereits längst ein Weltverein! Die Dinge, die einen heute beim Betrachten der Vereinshistorie ehrfürchtig, stolz und teilweise auch gerührt werden lassen (identitätsstiftende Erfolge, aber u.a. auch Aspekte wie die Ereignisse um Kurt Landauer und die NS-Zeit) waren größtenteils bereits erreicht. Danach wurde hauptsächlich finanziell saniert und das Erreichte dann (wenn auch auf hohem Niveau) verwaltet. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das sicher gelungen, der Verein mußte sich nie wie andere existenzielle Sorgen machen – im Gegenteil. Auch das ein o. andere absolute Highlight, für das man als Anhänger dankbar sein muss, war sicherlich dabei – keine Frage. Das verdient Respekt – aber keine Götzenverehrung. Irgendwann ist aus Beständigkeit Dekadenz geworden – Langweile, Selbstherrlichkeit, Lethargie und Einheitsbrei, Ausverkauf von Werten (oft genug unter Aufgabe von Identität und ohne Respekt gegenüber den Mitgliedern und Anhängern). Das ist – aller Notwendigkeit einer gesunden finanziellen Basis zum Trotz – einem Verein von Welt unwürdig! Wenn man sich das Motto des FC Barcelona „Més que un club“ (‚Mehr als ein Club‘) ansieht und wie die ganze Club-Kultur dieses Flair auch stolz nach außen transportiert, findet man ein schönes Gegenbeispiel und wird sicher auch ein wenig neidisch. Lange Rede kurzer Sinn: Uli Hoeneß hat seinen Teil zum FC Bayern beigetragen – aber Uli Hoeneß ist nicht der FC Bayern! Dieser Verein ist Legende – und 111 Jahre alt…

Die beiden folgenden Artikel treffen diesbezüglich ins Schwarze:

11 Freunde: Liebe, Obsession, nervige Schwiegermütter

Was Louis van Gaal so mit seinem Co-Trainer Andries Jonker bespricht, wenn niemand zuhört, wissen wir nicht. Der eine oder andere Schwiegermutterwitz dürfte dabei sein. Denn was ist Uli Hoeneß anderes als das – seine Schwiegermutter?
Hoeneß mischt sich ein, er weiß alles besser, er guckt jeden Tag nach dem Rechten, dass er nicht selbst die Betten der Nachwuchsspieler im Internat bezieht, ist ein kleines Wunder. Er müsste loslassen, aber er kann es nicht. Er war 30 Jahre lang der Manager des FC Bayern München, nun als Präsident, befreit vom Alltagsgeschäft, hat er sogar noch mehr Zeit, sich Sorgen zu machen.

Schon Ende 2009 wäre Louis van Gaal fast rausgeflogen, doch dann fügte sich alles zum vermeintlich Guten, zum Double, zur Finalteilnahme in der Champions League. Schwiegermutter Hoeneß lächelte säuerlich – hier schmeckte etwas, das sie nicht gekocht hatte. Wie konnte das sein? Ganz klar: Es muss Zufall gewesen sein. So sieht es Hoeneß offenbar – anders ist die kalte Abservierung des Mannes, der vor einem halben Jahr noch als Trainerfürst verehrt wurde, nicht zu erklären. Er will nun den Verein auf seinen ureigenen Kurs zurückbringen.

Aufregend, zukunftsweisend, irgendwie neu wäre all das nicht. Aber der FC Bayern München steht ja auch nicht im Verdacht, zur Avantgarde gehören zu wollen. Dazu müsste er die Veränderung lieben und nicht die Wiederholung des immer Gleichen.

Uli Hoeneß hat es versäumt, seinen Verein zum Karriereziel einer neuen Trainergeneration zu machen. Erbarmungslos vorwerfen kann man ihm das nicht. Dieser Mann liebt. Und merkt nicht, was er mit seiner Liebe erdrückt.

… wobei man (gerade wenn man Hoeneß bisserl näher kennt) wohl eher von reichlich eitler Obsession sprechen muss, als von der „wahren selbstlosen Liebe“…

Oder er behält Louis van Gaal doch. Diesen knorrigsten aller Schwiegersöhne. »Ein Kuss für die Muttis!«, brüllte das Feierbiest im letzten Mai am Marienplatz. Ein großer Muttertag, auch für Uli Hoeneß. Er müsste diese etwas andere Liebe bloß zulassen.
Und in diesem speziellen Fall wäre es tatsächlich Avantgarde, beim Alten zu bleiben.

Die Zeit: Bayern hat Louis van Gaal nicht verdient

Van Gaal hingegen schreckt nicht vor Attacken auf seine Chefs zurück. Auch nicht davor, Rummenigge im Flugzeug in die letzte Sitzreihe zu schicken.

Hoeneß ist für den Aufstieg des FC Bayern zur Weltmarke verantwortlich, er hat seinem Unternehmen zudem das Familiäre bewahrt. Durch eine sportliche Leitidee ist er nie auffällig geworden, Taktik hält er für überschätzt. Zur Erinnerung: Hoeneß hätte van Gaal im November 2009 Jahr fast entlassen, im Mai 2010 wäre der FCB fast Europapokalsieger geworden. So viel zum Thema Weitsicht.

Das Erfolgsmodell Hoeneß ist das von Dagobert Duck: kaufen, kassieren, kaufen. Hauptsache, der FC Bayern hat die besten und teuersten Spieler. Sein ehemaliger Mitspieler Jupp Kapellmann sagte über ihn: „Der ist halt ein Schwabe, der verkauft auch seine Großmutter.“

Van Gaal hat sein eigenes Modell, man könnte auch sagen, er versteht mehr vom Fußball als Hoeneß. Und er zeigt das offen.

Zum ersten Mal seit dieser Zeit gewinnt der Verein, nicht nur der beliebteste im Land, sondern auch der meistgehasste, Sympathien über seine Grenzen hinweg. Der Grund heißt van Gaal, weil er jugendlichen, offensiven Fußball spielen lässt. Weil der Holländer ein Fußballlehrer ist, von dessen Sorte es in Deutschland wenige oder sogar gar keinen gibt.

Ultras gegen Mubarak – Nachspielzeit

Wir hatten ja während der Revolution in Ägypten auf die Rolle der Ultras bei den Potesten hingewiesen. Bei den ersten (Freundschafts-)Spielen nach Mubaraks Rücktritt gedachten die Fans von Al-Ahly und Zamalek nun den Menschen, die bei den Demonstrationen gegen das Regime ihr Leben ließen.

Good old times

Passend zu den beiden Topspielen diese Woche präsentieren wir Euch zwei Videos von früheren Aufeinandertreffen unserer Bayern mit Inter Mailand bzw. Borussia Dortmund:

Das erste Video fasst den Spielverlauf des ersten Pflichtspiels des FCB bei Inter (trainiert von niemand anderem als Giovanni Trappatoni) im UEFA-Cup der Saison 1988/89 zusammen. Nach einer 0:2 Heimniederlage drehten die Rothosen im San Siro den Spieß noch um und zogen durch einen 3:1 Erfolg ins Viertelfinale ein. Aber seht selbst:

Zur Vervollständigung: Im Viertelfinale wurden die Hearts of Midlothian aus Schottland rausgekegelt, im Halbfinale war allerdings der SSC Neapel mit Diego Maradona eine Nummer zu groß für den FCB.

Im zweiten Video seht ihr den Platzsturm der Bayernfans zum Gewin der Meisterschaft 1991. Gegner am letzten Spieltag: Die Borussia aus Dortmund.

Streetart